Glückliche Familie Nr. 40: Ein Klavier, ein Klavier 

 30/04/2012

Der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer hält viel von musikalischer Früherziehung. Diese Begeisterung schlug auch auf einen Freund des Professors über, der seinem Sohn eine Geige kaufte und ihn zu einem Geigenlehrer schickte. Nur der Sohn war nicht begeistert. Das Vorhaben wurde beendet, als der Junge sich eines Tages auf die Geige erbrach.
Nun das sind deutliche Zeichen. Das ist was für Anfänger-Eltern.
Aber wir anderen Eltern haben Kinder, die sich irgendwo im Mittelfeld bewegen zwischen Wunderkind und völlig unbegabt, zwischen Zwei-Finger-„Flohwalzer“ und „Jugend musiziert“.
Wir wissen nie, ob wir zu viel Druck machen oder zu nachgiebig sind.
„Musik sollte doch Freude machen“, seufzen wir und stehen mit hängenden Schultern neben dem Klavier, nachdem wir uns wieder mal mit der Brut über das Üben gestritten haben.

Aber wir kriegen immer feuchte Augen, wenn Künstler umjubelt auf der Bühne stehen und noch vor ihrem Abgang das Mikrofon an die Lippen reißen und ihren Eltern danken, ohne die sie es „nie, nie“ geschafft hätten, dorthin zu kommen.
Warum nimmt niemand das Mikro und fragt diese Eltern, was sie genau gemacht haben, um Klein-Lang-Lang für Musik zu begeistern?
Ich habe vor einiger Zeit ein Aufnahmegerät genommen und die Klavierlehrerin von Prinzessin (11) befragt, wie Eltern sich verhalten sollten, wenn ihr Kind ein Instrument lernt.
Prinzessins Lehrerin heißt Petra Bleser-Arp. Sie ist seit mehr als 30 Jahren begeisterte Musiklehrerin, war Vorstandsmitglied der „European Piano Teachers Association“ (EPTA) und Jurorin bei „Jugend musiziert“.
Heute poste ich euch den ersten Teil des Interviews. Die Weiteren und Tipps folgen im Verlauf der Woche.

„Sonst gehen die Schultern hoch
und die Ohren zu“

Petra Bleser-Arp war Jurorin bei „Jugend musiziert“. Heute gibt die Pianistin Klavierunterricht und warnt Eltern davor, Kinder zu sehr unter Druck zu setzen

Was sollen Eltern machen, damit ihr Kind für den Instrumentalunterricht übt?

Eltern sollen das Kind nur ans Üben erinnern. Das Entscheidende muss im Unterricht passieren. Das können die Eltern nicht abfangen.

Und was ist das Entscheidende im Unterricht?

Das Entscheidende im Unterricht ist, dass ich mit den Schülern darüber spreche, was ich erwarte und was und wie viel sie üben sollen. Die Eltern sollen nur erinnern, weil die Reaktion des Kindes immer negativ ist, wenn Mutter oder Vater dazwischen funken.

Was sind das für Bedingungen, die Sie mit Ihren Schülern aushandeln?

Ich bespreche mit den Kindern, wie oft sie geübt haben müssen und dass die Verbindung der Hände zum Kopf trainiert werden muss. Das ist wie beim Sport. Es reicht nicht, einmal pro Woche Liegestützen zu machen.

Und was empfehlen Sie, wie oft die Kinder üben sollen?

Von sieben Tagen fünf Mal. Und das gilt für den Fünfjährigen genauso wie für den Zwölfjährigen. Im Alter von 14 oder 15 Jahren muss das von selber laufen. Wenn sie dann nicht geübt haben, muss man mit ihnen anders sprechen. Sie können nicht immer die Schule vorschieben. Dann muss man fragen: Ist es das Stück? Möchtest du zu einer anderen Zeit Unterricht haben? Möchtest du, dass wir eine ganze Stunde mal nur ins Klavier gucken oder Musik hören? Jugendliche muss ich bei ihrer Eigenverantwortung packen.

In welchem Alter fangen Kinder bei Ihnen an?

Manche fangen mit vier oder fünf Jahren an. In dem Alter muss man sie nicht zum Üben auffordern. Sie fühlen sich groß, weil sie eine Aufgabe haben. Denen male ich für jede Übungseinheit Kreise hin, die sie ausmalen, wenn die Aufgabe getan ist. So sehen sie: ich bin ernst genommen worden. Sie bekommen auch Sticker, wenn sie etwas erreicht haben. Das mache ich, bis sie ungefähr zehn Jahre alt sind. Ich habe Hefte mit einem kleinen und einem großen „Bravo“. Ich spreche genau mit den Kindern ab, wofür es welchen Sticker gibt. Einige Motive gibt es nur einmal. Die können reserviert werden. Dafür müssen wir bestimmte Aufgaben vereinbaren. Dann schreibe ich rein: „Reserviert für …“ Manchmal kommen sie auch zur Tür rein und sagen: „Du, Petra, heute habe ich keinen Sticker verdient.“

Manche Eltern (die Bloggerin :-)) neigen dazu, Listen ans Klavier zu hängen, in die das Kind eintragen kann, wie oft es welches Stück gespielt hat. Ist das zuviel des Guten?

Ja. Manchmal erinnern die Eltern auch zu hart. „Was machst du denn da? Hat das deine Lehrerin so gesagt?“ Das ist gemein und schränkt ihre Kreativität ein. Manche wollen deshalb zu Hause nicht gehört werden. Denen sage ich: „Stecke eine Decke ins Klavier, dann hörst nur du dich.“

Kinder klimpern gerne nach dem Zwei-Finger-Such-System Passagen aus bekannten Stücken. Sollen Eltern da eingreifen und den richtigen Fingersatz zeigen?

Nein. Ich unterrichte jetzt schon 30 Jahre und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass das Ohr der Weg ist. Das ist unglaublich, wie viel das Ohr dem Körper diktiert. Ich übe auf verschiedenen Ebenen: auf die Noten gucken oder nicht, Augen zu, nur Finger fühlen, stumm spielen. Diese Vielseitigkeit, dieser sensitive Umgang mit sich selber ist mir wichtig.

Wenn zum Beispiel der Klang eines Trillers toll ist, die Haltung aber nicht schulbuchmäßig, dann finden Sie das in Ordnung?

Ja, erst einmal. Wir wollen ja einen tollen Triller. Das Ohr sortiert den Körper dahin. Aber natürlich muss auch der Körper trainiert sein, um das umzusetzen. Jetzt gehe ich einen Schritt weiter, und da braucht man bei Kindern viel Phantasie. Wenn ich aus dem Garten Vögel höre, mache ich manchmal Improvisationsstücke, setze zwei Schüler zusammen und sie sollen die Augen zu machen und nur hören. Bald fangen sie an, über die Vögel etwas zu spielen. So entsteht Musik und sie merken: Nicht nur Mozart hat was gehört und umgesetzt, ich kann das auch. So lernen sie, sich nach Innen zu wenden.

Klare Anforderungen stellen und auf die Interessen jedes Schülers eingehen: Geht das zusammen?

Ja, ein Schüler von mir musste neulich warten, bis sein Unterricht anfing. Er saß in Meditationshaltung da und erzählte, dass er das in einem Film gesehen habe. Ich sagte: okay, meditieren, das machen wir im Unterricht jetzt auch. Also Augen zu. Es war ein Samstag und da fahren bei uns die Motorräder vorbei zum Plöner See und gleichzeitig sang ein Vogel. Aus diesem Kontrast haben wir eine schöne Improvisation hingekriegt. Der eine hat dem anderen zugehört, hat selbst etwas beigetragen, wieder zugehört und so weiter, bis er schließlich sagte: „Was du da unten auf den Tasten gemacht hast, das interessiert mich sehr. Können wir nicht gemeinsam ein Stück entwickeln? “ Da ist die Grundlage gelegt: Mensch, ich kann Musik machen. Das klingt. Dadurch entwickelt sich eine Technik sehr gut, weil der Körper entspannt ist. Wenn ich etwas korrigieren muss, dann mache ich das sanft, so dass sie es kaum merken. Das Handgelenk soll sich bewegen wie auf Wasser. Ich halte meinen Fokus aber nicht zu sehr darauf, sonst gehen die Schultern hoch und die Ohren zu.

Immer schön fröhlich Musik machen
Uta
 

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Uta


Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

Deine, Uta

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