Glückliche Familie Nr. 47: Gemüse mit Vernunftsoße 

 25/05/2012

Gestern stand ich vor dem Spargel an unserem Marktstand. „Ich bin ja die einzige bei uns, die Spargel mag.“ Ich seufzte in den Berg mit den sahneweißen Stangen.
„Meine Tochter isst auch keinen Spargel“, sagte die Marktfrau. „Wirklich schade.“
Sie nahm ein paar Stangen in die Hand und knirschte damit herum.
„Und Spargel soll ja den Körper entgiften, habe ich in einer Talk-Show gehört.“
„Ja, das kann nur Spargel.“

Ich fasste einen Entschluss. Sollen andere ihre Familie vergiften, ich werde sie entgiften.

„Wenn Sie die Stangen schälen und schräg in dünne Scheiben schneiden“, sagte die Marktfrau, „und mit einer Hand voll Petersilie in Olivenöl in der Pfanne dünsten, Sahne darüber kippen und über Farfalle-Nudeln gießen, mag das jeder.“
„Wirklich?“
„Ja, hinter den Schleifchennudeln sieht keiner den Spargel.“
„Aber der Geschmack.“
„Gecovert von der Petersilie.“
„Sie meinen, damit kriege ich sie.“ –
„Damit kriegen Sie sie.“

Marktfrau, give me five!

Jetzt war ich so eine Frau aus der Live-Style-Zeitschrift. Spargelköpfe lugten aus meinem Weidenkorb am Fahrrad, mein Rock und die glatte Petersilie flatterten im Wind.
„Seht her, ihr Tütensuppen-Mamis, in dieser Familie wird frisch gekocht, mit Ökostrom geheizt, Regenwasser gesammelt und mit Spargel entgiftet. In dieser Familie zerreiben die Kinder Küchenkräuter zwischen ihren kleinen Fingern und saugen das Aroma ein von Kerbel, Liebstöckel, Minze, Petersilie…. Diese Familie hat zwar kein Segelboot, aber wenn sie tagelang mit dem Tretboot auf der Alster unterwegs ist, bekommt keiner, wirklich keiner aus der Besatzung Skorbut.“

(Meine Kinder haben von klein auf Angst vor Skorbut, weil ich ihnen eingetrichtert habe, dass einem dabei auf einen Schlag das ganze Gebiss aus dem Mund fällt und dass das die einzige Form von Zahnverlust ist, auf den die Zahnfee nicht reagiert – weil selbst verschuldet durch Vitamin-Boykott.)

Zu Hause gab ich meiner Teflonpfanne das Gefühl, sie sei aus Kupfer und tue ihren Dienst in einer weitläufigen Landhausküche. Ich goss den Ökotest-Sieger Olivenöl hinein, schubste die Spargelscheibchen in das spritzende Öl, schüttelte das Wasser aus der Petersilie. Dass ich nur noch H-Sahne hatte, sorgte für einen kleinen Einbruch meines Lifestyle-Feelings. Lässig warf ich provencialisches Meersalz in die Pfanne. Bin ich Sarah Wiener oder bin ich Sarah Wiener?

Kurz bevor ich das Schleifchen-Nudel-Wasser abgoss, fasste ich einen Vorsatz: Ich werde die Kinder beim Essen zu nichts überreden. Kein Referat über den Vitamin-C-Gehalt von Petersilie, kein „Probier doch wenigstens mal“, keine Erpressung mit „Eis zum Nachtisch“, kein Wort vom Entgiften.

Prinzessin (11) war in den vergangenen Sommerferien auf einem Ponyhof. Dort galt die Regel, jedes Kind müsse jedes Essen zumindest probieren. Was für eine blöde Regel! Da verkümmern einem doch die Geschmacksknospen. Ich möchte nur von einem Fall hören, in dem ein Kind nach dem Probelöffel gerufen hat. „Mmmmmmmh, du hast Recht, Mama, Papa, Oma, Ponyhofköchin …, es schmeckt ja doch ganz gut. Da habe ich alter Trotzkopf mich aber gründlich getäuscht. “ Nennt mir einen Fall, nur einen einzigen und ich esse Zitronat (brrrr, würg …).
Eines Mittags gab es auf dem Ponyhof Sauerkraut. Prinzessin (11) hat sich den Probierlöffel reingestopft und es damit gerade noch bis zur Toilette geschafft.

Ich verteilte die Teller, stellte ein Schüsselchen mit Parmesan, eine Flasche Ketchup und Butter auf den Tisch. Für den höchst unwahrscheinlichen Fall, dass jemand nur Nudeln und keine Spargel-Petersilien-Sahne-Pfanne möchte, war ich gerüstet. Zu meinem Lifestyle-Gefühl gesellte sich eine Stimmung der Toleranz und Menschenfreundlichkeit. Die petersiliengesprenkelte Sahne in der Pfanne schäumte mit meiner Lebensfreude um die Wette. Das musste die Kinder doch mitreißen.

Ich mache es kurz.
Prinzessin lehnte meine Kreation ab, nahm Ketchup.
Kronprinz (14) kostete Spargelpfanne in homöopathischer Dosis und verlangte einen neuen Teller.
Ich aß die ganze Spargelpfanne allein. Mensch, bin ich entgiftet.

Trotzdem bereue ich nichts. Mein Weg wird weiterhin sein:

  • Mit Freude gut kochen.
  • Die Kinder nie dazu überreden, etwas zu essen, was sie nicht möchten. 
Ein Satz von Stephan und Maria Craemer viel mir noch ein: „Kinder würden mehr Gemüse essen, wenn es nicht mit moralischer Vernunftsoße serviert würde.“ 

Bei dem Rezept „Garnelen-Curry mit Chili“ (hier, statt Garnelen geht auch Hühnchenfleisch) hat es wunderbar geklappt. Da wollten meine Kinder Nachschlag beim Hauptgang. Das war das erste Mal seit Jahren.
Immer fröhlich kochen und ohne Vernunftsoße genießen.
Uta
  • … hab ganz gespannt zu Ende gelesen … puh, da bin ich aber beruhigt – von wegen „hinter den Nudeln verstecken“! Auf Deine Kinder ist Verlass! Auf meine auch. Meine Jungs spüren jedes winziges Zwiebelstückchen auf – die muss ich pürieren, wenn ich nicht drauf verzichten will. Außer witzigerweise bei den schwäbischen Linsen mit Spätzle …

    Ist auch egal. Ich koche auch täglich diesen Spagat zwischen fünf verschiedenen Geschmäckern. Und manchmal klappt
    es dann doch und alle mögen es …

    Euch allen ein schönes Pfingstwochenende!
    Isa

  • großartige geschichte – da weht einem allein beim lesen schon die leichte, marktduftgetränkte sommerbrise um die beine 😉

    aber: den probierlöffel haben wir. weil geschmack sich entwickelt. und weil – tatsächlich!!! – nach dem 112 mal probieren ein „hm, schmeckt ja doch gar nicht so schlecht. ich nehm dann mal mehr!“ dem kindermunde entwischen kann. selbst erlebt! zitronat bitte! 😉
    allerdings: bekannte abneigungen & echte würgereize – wie pilze bei meiner zweiten – die muss niemand niemals nicht ein zweites mal probieren. is‘ doch ehrensache.

    sommerbrisige grüße,
    saskia

  • Da bin ich jetzt wirklich beruhigt! Ich bin zwar kilometerweit von Sarah Wiener entfernt, brauche aber trotzdem mein frisches Gemüse – meine Tochter allerdings nicht. Mittlerweile isst sie Möhren (aber nur gekocht)…
    Liebe Grüße! Sonja

  • Ich liebe deinen Blog und dich natürlich auch ( auf Facebook lese ich das den ganzen Tag unter den Mädels, eigentlich nett jemanden so etwas zu sagen, habe ich mir gedacht.)
    Christiane

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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