Glückliche Familie Nr. 53: Die Gähn-Attacke 

 13/06/2012

Man soll ja mit seinen Kindern etwas unternehmen, mit ihnen spielen, basteln, bauen, vorlesen, backen.
Es gibt aber Spiele, die sind für Erwachsene einfach furchtbar. Für mich zum Beispiel diese Spiele mit einem „Pädagogisch wertvoll“-Siegel. Ihr wisst schon: alles in dem Karton ist recycelbar, die Holzfiguren sind bienenwachsgeölt. Jede Ecke, jede Kante ist waldorfpädagogisch abgerundet. Und die Spielanleitung wurde geprüft von Erziehungswissenschaftlern und ihrem Stab beflissener, noch kinderloser Studentinnen. Das Spielbrett ist von einer warmen Buntheit, das Design inspiriert von evangelischen Kirchenbazaren, die Regeln sind schlicht und gewaltfrei.
Noch vor drei oder vier Jahren wollte Prinzessin (11) solche Spiele spielen. Aber ich hatte schon die erste Gähn-Attacke, wenn sie die ersten Vögelein neben die Bäumelein auf die Äckerlein stellte. „Los, Mama, du bist dran.“ – „Echt?“ Ich riss meinen Blick los von der Zeitung, die ich verstohlen auf dem Stuhl neben mir las. „Entschuldige, Schatz.“
Furchtbar sind auch viele Erstlese-Bücher, die unter den Altersangaben 6 – 8 oder 8 – 10 in den Regalen der Buchhandlungen stehen. Fast immer war ich enttäuscht von diesen Büchern. Da freut man sich, dass es mit dem Lesen endlich losgeht und dann langweilen einen einfältige kleine Schuldetektive, die den bösen Hausmeister beim Vergiften von Goldfischen belauern. Der Wortschatz ist höchstens ein Schätzchen. Das Spannendste ist noch, eine rote Folie auf ein verschlüsseltes Wort am Buchende zu lesen und dann gemeinsam zu buchstabieren: „Hausmeister.“ Potzblitz.
Aus einem Vortrag des Hirnforschers Manfred Spitzer kenne ich folgendes Beispiel für einen inspirierenden Umgang schon mit ganz kleinen Kindern:
Ein junger Mann, wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Philosophie-Lehrstuhl, ist Vater geworden. Der Säugling liegt bäuchlings auf seinem Arm, in der anderen Hand hält Vater eines der Werke Immanuel Kants und liest dem Kleinen begeistert daraus vor.
„Was für ein Schwachsinn“, könnte man denken. Was soll ein so kleiner Wurm verstehen vom Kategorischen Imperativ? Manfred Spitzer aber versichert, der junge Vater tue genau das Richtige.
Heute kann man mit Elektroden an der Kopfhaut die Gehirnaktivität messen. In der Situation Säugling mit Vater und Immanuel Kant lässt sich – so Spitzer – im Gehirn des Kleinen geradezu ein Feuerwerk an Aktivität nachweisen.
Und wovon genau wird dieses Feuerwerk entzündet? Von Immanuel Kant? Von dem sprachlich hohen Anspruch seines Werkes? Nein.

B + B = Bindung + Begeisterung
 

Der junge Vater macht zwei Dinge goldrichtig.
Erstens schenkt er seinem Kind Nähe, engen Körperkontakt.
Zweitens ist er begeistert von dem, was er tut.
Natürlich versteht der Säugling die Sätze noch nicht. Aber sein Gehirn, das von der ersten Minute seines Lebens darauf ausgerichtet ist, Strukturen aufzuspüren, wird schon mal gewöhnt an eine sehr anspruchsvolle Satzmelodie.
Und schon die ganz Kleinen spüren Emotionen. „Ah, Papa ist schwer begeistert, das könnte auch was für mich sein.“

Prinzessin vor 10 Jahren aufgewachsen mit Papas Begeisterung für  „Tim-und-Struppi“. Heute haben beide eine Schwäche für die Fälle von Martin Walkers „Chef de police“ .

Bindung und Begeisterung, eine unschlagbare Kombination im Umgang mit Kindern.
Und was machen wir? Wie oft quälen wir uns mit Dingen, die uns so gar nicht inspirieren und zwingen uns, sie zu machen, weil sie so lehrreich sein sollen für unsere Kinder? „Wie hobbylos ist das denn!“, würde Kronprinz dazu sagen.
Wir stecken unsere Kleinen in Kitas, die mit Frühenglisch werben oder einem Labor für erstes Experimentieren. Wenn aber der Betreuungsschlüssel nicht stimmt und die Kinder nur noch in Schach gehalten werden von überlasteten Erzieherinnen, die sich nach der nächsten Rauchpause sehnen, dann macht das Frühenglisch einen guten Eindruck im Flyer, aber sonst gar nichts.
Bindung und Begeisterung, welch schöner Auftrag für unser Leben mit den Kindern.
Weg mit all dem Krampf. Tut, was euch begeistert, und bezieht eure Kinder damit ein.
Utas Lust-Liste:

  • Badminton spielen
  • Wildwasserbahn fahren
  • „Ligretto“ spielen, endlich mal ein Kartenspiel mit Action, kein blödes Warten auf den, der geschlafen hat, weil alle gleichzeitig dran sind
  • aus Andreas Steinhöfels Buch „Dirk und ich“ oder aus den Jeremy-James-Büchern von David Henry Wilson im großen Bett zusammen lesen (für uns nicht mehr aktuell, aber toll im Grundschulalter)
  • Beauty-Abend mit Prinzessin (11), Schwimmkerzen in der Wanne, Pflegekur für die Haare, sich gegenseitig die Nägel lackieren
  • zusammen selber Pizza backen
  • Schlittschuhlaufen auf der Freiluft-Eisbahn oder einem Elbeseitenkanal
  • aufregendes Wandern mit Kletterpassagen
  • Karaoke-Singen
  • auf langen Autofahrten ???-Fragezeichen-CDs hören und Peter Shaw imitieren
Habt ihr Lust, auch so eine Liste anzulegen und mir zu schicken?
Immer schön fröhlich bleiben
Uta
  • – bei Abwesenheit des Papas mit den Kindern im Ehebett nächtigen und vorm Einschlafen noch schön albern und quatschen,
    – sich vom großen Kind die Witze aus „Dein Spiegel“ vorlesen lassen,
    – bei you tube das „Wie flechte ich einen Fischgrätenzopf Video“ anschauen und parallel den Zopf beim kleinen Kind ausprobieren,
    – Schwimmbäder in allen Variationen,
    – mit Kindern und Hund über die Elbwiesen toben,
    – gemeinsam kochen oder backen,
    – wildes Kreischen, böse Kommentare, pure Freude, Fähnchen schwenken vorm Fernseher bei größeren Fußballereignisssen
    uvvm

  • Uta…..you made my day!

    wieder mal ein toller Beitrag! Danke….hast du mal überlegt ein Buch zu schreiben?
    Also ich würde es sehr gerne lesen…..du schreibst so erfrischend anders über „Kindererziehung & Co“. Damit kann man als Eltern was anfangen….bitte weiter so!

    liebe Grüße
    Uli W.

  • Ich hätte Deine Tipps vor 50 Jahren haben müssen,
    hoffentlich haben unsere Erziehungsmethoden Euch
    nicht zu sehr geschadet!
    Mom

  • Weil du so schön schreibst und mich alles etwas leichter nehmen lässt, bekommt du von mir auch eine Lustliste:
    – am Abend den Kamin einfeuern und davor Picknicken, statt zu kochen
    – der Grossen die Stadt bei Nacht zeigen und ins Nachtleben einführen
    – mit einem der Kinder allein eine Reise unternehmen
    – Karten spielen, überhaupt Spiele spielen
    – zusammen im Bett liegen und lesen
    – ins Kunsthaus gehen
    – ziellos durch die Stadt flanieren und sich treiben lassen
    – auf den Weihnachts- oder Flohmarkt gehen

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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