Mini-Boateng und Saftschinken 

 25/07/2018

Von der sehr erträglichen Leichtigkeit des Seins im Leben mit Prinzessin.

In der vergangenen Woche war ich zum Einkaufen mit Prinzessin (17). Wir kauften Schafjoghurt, Ziegenmilch und glutenfreies Brot, weil sie auf Anraten einer Heilpraktikerin auf bestimmte Stoffe in Lebensmitteln verzichten soll. Die Wursttheke wollte ich links liegen lassen, aber Prinzessin, seit Kanada konsequente Vegetarierin, machte eine Vollbremsung mit dem Einkaufswagen.  „Mama, lass uns mal wieder Kochschinken nehmen. Der sieht einfach zu lecker aus.“ – „Ich denke, du bist jetzt Vegetarierin?“ Meine rechte Augenbraue, die eine schlimme Moralistin ist, wanderte nach oben. (Gedanken: Wollte das Kind einknicken? Wo bleibt das Durchhaltevermögen?! Steht es nicht zu seinen Werten? Sollte ich hier neben Frühstücksfleisch und Pfälzer Leberwurst eine Einlassung machen zu persönlicher Integrität?)
„Vier Scheiben von dem Schinken bitte!“ Ich warf die Tüte in den Einkaufswagen und fragte noch mal nach bei unserer Tochter. Im Internat – erklärte sie – hätte das Küchen-Team für die große Anzahl an Schülern und Lehrern große Mengen billiges Fleisch kaufen müssen. Billiges Fleisch bedeute schlechte Tierhaltung und das habe sie nicht unterstützen wollen. Aber in Hamburg könne sie ja sicher sein, dass wir gute Sachen kauften. Na ja, dachte ich, dass der Saftschinken an der Supermarkttheke von einem glücklichen Schwein stammte, ist nahezu ausgeschlossen, sagte aber nichts dazu.
An der Kasse bekamen wir vier kleine Tütchen geschenkt, in die kleine Gummi-Köpfe deutscher Fußballnationalspieler eingeschweißt waren. Leute, ehrlich, da nimmt man Taschen und gebrauchte Papiertüten mit, um Plastik zu sparen, und dann müllen sie einen mit so einem Schrott zu! Ich wollte ablehnen, aber Prinzessin hatte schon das erste Tütchen aufplatzen lassen. Thomas Müller. „Haben Sie auch Boateng?“ Die Kassiererin fing an, mit zusammen gekniffenen Augen Tütchen gegen das Neonlicht zu halten, lachte, tastete die Päckchen ab, als könnte sie zentimetergroße Nationalspieler an ihrer Nase erkennen. Die gute Laune war ansteckend. Wir begannen, Päckchen, die nicht versprachen, Boateng zu enthalten, an kleine Jungen hinter uns in der Schlange weiterzureichen. Ich bezahlte, wir zogen zum Auto, als Prinzessin aus dem letzten Tütchen den gewünschten Spieler zog, nochmal zur Kassiererin lief, um sich mit ihr an der Beute zu freuen. Dann zückte sie ihr Portemonnaie, kaufte bei dem Obdachlosen an der Tür ein Straßenmagazin und wir fuhren nach Hause.
Schön, dass sie wieder da ist!
Mit ihr ist es so leicht. Sie denkt selten in Kategorien von „richtig“ oder „falsch“, von „gut“ oder „böse“. Sie isst drei Monate kein Fleisch, erhebt das aber nicht zur Religion, sie hat ihre Überzeugungen, wird aber nicht sauertöpfisch darüber.
Unmittelbar nach meiner Coaching-Ausbildung war ich in Beratungsgesprächen sehr verkrampft. Wende ich das Modell jetzt richtig an? War diese Frage erlaubt oder enthielt sie zu viel Wertung? Greift hier die Theorie x oder die Unterscheidung y?
Ich war mehr bei mir und dem verzweifelten Versuch, „alles richtig“ zu machen, als bei der Mama, die gerade ihr Herz ausschüttete, oder bei dem Papa, der sich nach Frieden mit seinem Sohn sehnte.
Nun ist seither einiges Wasser durch die Elbe geflossen, die Theorien sind in meinem Kopf, haben sich aber etwas zur Ruhe gesetzt und lassen sich intuitiv einbringen. Manches wurde ergänzt durch andere Denkschulen oder meine Erfahrung. Das fühlt sich gut an.
Die „reine Lehre“? Gibt es so etwas? Meistens ist das ein gefährlicher Gedanke. In der Ausbildung hatte ich gelernt, darauf zu achten, die Moral zu meiden. „Oh, das war falsch“, dachte ich dann, „jetzt war ich wieder moralisch“ und merkte erst spät, dass ich dabei war, eine Moral über das Nicht-moralisch-Sein zu entwickeln.
Ehe das hier zu wirr wird, erzähle ich eine kleine Geschichte aus dem Buch „Big Magic. Nimm dein Leben in die Hand und es wird dir gelingen“ von Elizabeth Gilbert (Ja, die Autorin von „Eat,Pray, Love“):
Auf Bali sind die heiligen Tänze berühmt, seit Jahrhunderten werden sie feierlich aufgeführt unter Obhut der Priester. In den 60er Jahren kamen Touristen erst vereinzelt in die Tempel, um zuzuschauen, schließlich drängten sich immer mehr hinein. In den Tempeln wurde es eng und stickig, so dass die Tänzer beschlossen, lieber in die Hotelanlagen zu kommen und am Pool oder neben der Bar zu tanzen. Nun gab es einige nachdenkliche Menschen unter den Urlaubern. Sie meinten, die heiligen Tänze würden entweiht, wenn Leute in Bikini und Bermuda-Shorts ihnen zuschauten. „Die balinesischen Priester“, so Elizabeth Gilbert, „verstanden nicht so ganz, warum die hochgesinnten Westler die Hotelanlagen überhaupt als weltlich ansahen. Wohnte das Göttliche nicht auch dort, so wie überall auf der Erden?“ Aber da ihnen das Wohl der Gäste am Herzen lag, tanzten sie wieder im Tempel und überlegten sich zusätzlich neue Schritte und Figuren für weniger heilige Darbietungen vor den Liegestühlen. Nun tanzten sie aber auch dort mit so viel Anmut und Hingabe, mit so viel Freude an der Bewegung und am Leben, dass schließlich keiner mehr zu sagen wußte, welche Tänze nun die heiligeren sein sollten. Die neuen Choreografien hielten sogar Einzug in die Tempel und alle waren glücklich. Bis auf die Westler, die nun komplett verwirrt waren. „Die Grenzen zwischen dem Hohen und dem Niederen, dem Leichten und dem Schweren, dem Richtigen und dem Falschen, zwischen ihnen und uns, Gott und der Erde waren verschwommen … Und ich kann nicht umhin zu glauben, dass die Trickser-Priester die gesamte Zeit über nichts anderes im Sinn hatten.“ (Elizabeth Gilbert, „Big Magic“, Seite 310)

Keine heilige Tanzformation, sondern Prinzessin und ihr Papa kurz vor dem Wal-Beobachtungs-Trip in Kanada.

Immer fröhlich bleiben und leicht,intuitiv und hingebungsvoll und wie Prinzessin seine Überzeugungen leben, ohne sauertöpfisch zu werden,
eure Uta
PS: Unser Workshop „Familien-Glück“ ist jetzt ausgebucht. Wer noch Interesse hat, kann sich aber auf die Warteliste setzen lassen und nachrücken, falls jemand abspringt.

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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