Serie: „Die Faber-Mazlish-Methode“, Folge 3 

 20/02/2021

Dem Kind helfen, Wiedergutmachung zu leisten

In Joanna Fabers und Julie Kings Buch "Wie Sie sprechen sollten, damit Ihr Kind Sie versteht" geht es an einer Stelle um einen Jungen - nennen wir ihn Tom - , der seine kleine Schwester wegschubst, weil sie seinen Bauklotz-Türmen gefährlich nahe kommt. Nun könnte man ihn zur Seite zu nehmen, ihm erzählen, dass seine Schwester noch klein und Architektur-unverständig sei und ihn auf einen Auszeit-Stuhl setzen. In der Hoffnung, Tom würde - so aus dem Verkehr gezogen - zur Einsicht kommen. 

Ich erinnere mich nebulös und schambesetzt, vor Jahren einer Leserin Ähnliches empfohlen zu haben. 

Faber und King schreiben: „Wir möchten, dass er denkt: ‚Ja, diese Stuhlzeit hilft mir zu erkennen, dass ich meiner lieben Schwester viel mehr Liebe und Zärtlichkeit entgegenbringen sollte. Schließlich haben wir das gleiche genetische Material.‘“ (Seite 122)

In Wahrheit wird er denken, wie lästig das Kleinkind ist, und vor allem, wie ungerecht es ist, dass sie wie Godzilla durch sein Neubauviertel stapfen darf und alle finden sie trotzdem süß.

Joanna Faber

„Die Hauptschwäche der Auszeit besteht darin, dass das Problem nicht gelöst wird.“ Seite 122

Aber was könnte das Problem lösen? Hier sind Vorschläge:

  • Mama tröstet die kleine Schwester und 
  • bringt ihre eigenen Gefühle zum Ausdruck: „Ich mag es nicht, wenn jemand umgeschubst wird und sich wehtut.“
  • Und vor allem spiegelt sie die Gefühle des großen Bruders: „Ich verstehe, dass du sauer bist. Du hast so eine schöne Siedlung gebaut. Schubsen geht trotzdem nicht. Da müssen wir andere Lösungen finden.“ 
  • Außerdem hilft Mama Tom, Wiedergutmachung zu leisten. „Ella weint. Wie können wir ihr helfen? Kannst du ihr eins von deinen Spielzeugen geben? Oder glaubst du, sie mag eine Brezel?“ (Seite 123)

Der große Bruder bringt die Sache wieder in Ordnung.

Die letztgenannte Idee gefällt mir besonders gut: helfen, Wiedergutmachung zu leisten.

Damit steht der Junge nicht isoliert und als Sündenbock da, sondern ihm wird zugetraut, den Schaden wieder auszugleichen. 

Darin stecken mehrere Elemente, die mir gefallen:

  • Vertrauen: Die Mama zeigt mit dieser Reaktion die Überzeugung, dass tief in dem Jungen ein liebender Bruder steckt.
  • Team-Geist, das Element der vorherigen Blog-Folge: Die Mama fragt: “Wie können wir helfen?“ , nicht: „Das musst du wieder in Ordnung bringen!“ Auf diese Weise wird Tom eingeladen, seine Schwester zu trösten. Er wird nicht dazu genötigt. Das erhöht die Kooperationsbereitschaft und läßt den Trost ehrlicher ausfallen, als wenn der Junge gar keine andere Wahl hätte.
  • Handlungs-Möglichkeiten: Tom bekommt die Chance, etwas auszugleichen. Er kann mitwirken, die Schwester zu trösten und wieder für gute Stimmung zu sorgen. Diese Selbstwirksamkeit tut einfach wohl und er lernt Strategien, um Konflikte zu lösen. 

Im Buch heißt es: „Jeder diese Lösungen hilft ihm, sich selbst als verantwortungsvollen älteren Bruder zu erleben, der friedlich mit einer kleinen Schwester zusammenleben kann.“ (Seite 123)

Kindern beizubringen, Verantwortung zu übernehmen, ohne ihnen Scham- und Schuldgefühle einzupflanzen, gehört zu den ganz großen Erziehungskünsten. Scham und Schuld machen uns klein. Sie haben energetisch ein ganz niedriges Level, nur wenig höher als die Depression. Wer sich schuldig fühlt, wird entweder aggressiv oder ganz klein mit Hut. Das wollen wir Eltern vermeiden. Wir wünschen uns starke Kinder, die Verantwortung übernehmen. Dafür ist helfen, Wiedergutmachung zu leisten, eine hilfreiche Idee.

Immer fröhlich den Kindern anbieten, an der Lösung mitzuwirken,

Eure Uta

PS: Als Corona-Hilfe für Familien im Stress werde ich von Zeit zu Zeit hier ein Gratis-Coaching verlosen (1 Stunde mit mir am Telefon, Zoom oder Facetime). Heute startet die Aktion. Bitte schreibe mir in einem Kommentar bis kommenden Dienstag, 23. Februar, 23:59 Uhr, warum dir und deiner Familie ein Coaching wohltuen würde. 

Photo by Nathan Dumlao on Unsplash

  • Liebe Uta,

    Meine Jungs sind mit 19 und 23 zwar schon aus dem gröbsten raus, wie man so schön sagt. Trotzdem sitzen sie noch ganz gerne daheim im gemachten Nest, was ich eigentlich sehr begrüße. Sie helfen zwar ein wenig mit, aber die Hauptlast des Haushalts liegt auf mir, obwohl auch ich zu 100% berufstätig bin.
    Gerade jetzt in der Coronazeit sind sie sogar teilweise in Kurzarbeit, während ich voll arbeite…
    Ich habe das Gefühl, mir wächst das alles hier langsam aber sicher über den Kopf. Alle Versuche, dies zu ändern, brachten bisher nur kurzfristig etwas Besserung.
    Ich wäre wirklich sehr dankbar für Tipps von deiner Seite denn ich weiß nicht, wie lange ich das noch schaffe, bevor ich unter der Belastung körperlich oder psychisch zusammen breche.

    Viele Grüße,
    Andrea

    • Liebe Andrea, danke für deinen Bericht, mit dem du natürlich an der Verlosung teilnimmst.
      Vorab schon mal eine Empfehlung von mir: Ich würde mich mit den Jungs in Ruhe zusammen setzen und ihnen mitteilen, wie es dir geht und dass du bald nicht mehr kannst. Bitte sie, Vorschläge zu machen, wie sie dich entlasten können.
      Herzliche Grüße, Uta

  • Liebe Uta!
    Mit der Wiedergutmachung finde ich eine klasse Idee. Bei uns streicheln die 1,5 Jährigen das Köpfchen, wenn einer weint, weil der andere ihm etwas weggenommen hat. Mit dem Essen anbieten finde ich in sofern ungünstig, weil auf diese Weise das „Trostessen“ entstehen kann und ein negatives Gefühl dann immer mit etwas zu Essen verknüpft wird. Diese Verknüpfung ist dann als Erwachsener mit Gewichtsproblem schwer wieder zu durchbrechen. Liebe Grüße von Anke ?

    • Liebe Anke, herzlichen Dank für den wertvollen Hinweis zum Thema „Trostessen“! Damit hast du völlig Recht. Joanna Faber hat noch eine andere Idee, die wesentlich besser ist, als Essen zum Trost anzubieten: der große Bruder könnte einen Turm bauen, den die kleine Schwester nach Herzenslust umstoßen darf. LG Uta

  • Liebe Uta,
    vielen Dank für das tolle Angebot! Wir würden uns sehr über ein Coaching freuen. Bei uns brennt es an allen Ecken. Ich habe oft das Gefühl, daß ich auf Grund deiner grandiosen Posts eigentlich wüsste, was zu tun ist, wenn es bei uns kracht. Es kracht aber täglich mehrmals und meistens bin ich schon so gestreßt und überfordert, daß ich immer erst im Nachhinein schlauer bin und meist sehr impulsiv reagiere. Mein Großer Sohn (8Jahre) hat ADHS und eine sehr geringe Impulskontrolle, reagiert oft aggressiv (weil er sich eigentlich schämt) und ich bin ähnlich impulsiv bzw. explosiv! 🙁 Es fällt mir oft schwer, diesen eigentlich so unglaublich großartigen Kerl anzunehmen, wie er ist, weil ich auch oft Angst habe, daß er mit seinem Verhalten nur wieder überall aneckt. Ich werde von Lehrern und Kindern attackiert und meinem Sohn fehlen Freunde, die sich auch hinter ihn stellen, wenn er wieder etwas angestellt hat. Wie schaffe ich es, ihn in solchen Situationen besser in Schutz zu nehmen? Mit dem kleinen Bruder (5 Jahre) krachts natürlich auch ständig, Schule und HA sind eine Katastrophe und der Gatte fühlt sich schwer vernachlässigt und leidet regelmäßig stark, was ich gut verstehen kann, aber mir den letzten Nerv raubt. Hilfe – wo und wie Anfangen?
    Ganz liebe Grüße
    J.

  • Bisher bin ich stille Leserin und habe mich durch den gesamten Blog vom ersten Eintrag an „durchgearbeitet“. Einfach, weil mir deine Sichtweise auf die Dinge so gefällt und es mir gut tut, deine Beiträge zu lesen – alleine das darüber nachdenken hilft mir für unsere eigene Familie so sehr.

    Ein Coaching könnte ich in der aktuellen Corona Situation sehr gut gebrauchen, weil ich mit unserer kleinen Tochter (1,5) gerade viel alleine zu Hause bin. Mangels sinnvoller Aktivität und fehlender Termine entwickelt es sich gerade nach meinem Geschmack ein bisschen zu sehr in die Richtung, dass ich als Alleinunterhalterin der Kleinen fungiere und sie durch ihren starken Willen oft die „Bestimmerin“ ist. Da wäre ein bisschen Input sehr hilfreich.
    Vielen Dank auf alle Fälle für den bisherigen Input! Liebe Grüße, Rini

  • Liebe Uta,

    schon lange lese ich mit Freude und Gewinn deinen Blog. Ich liebe deinen Humor und die Fragen zur Perspektiven-Umdrehung und habe schon viel für mich mitgenommen.

    Dieser Post machte mich nachdenklich aus folgendem Grund: Ich finde, es ist eine wertvolle Anregung, dass eine Auszeit hier wenig hilfreich ist, aber ich finde dennoch, dass die Vorschläge noch am eigentlichen Kern der Situation vorbeigehen. Natürlich kommt es sehr auf Toms Alter an, aber ich gehe hier davon aus, dass er bei einem Geschwisterchen im Krabbelalter selbst eher noch unter 6 Jahre alt ist. Für mich liegt der Fokus viel zu sehr auf Toms Fehlverhalten, statt auf seinen ebenfalls berechtigten Bedürfnissen und Anliegen. Tom wird fast ausschließlich in einer Täter-Rolle gesehen, er soll etwas einsehen, etwas unterlassen, sogar etwas wieder gutmachen. Zwar werden seine Gefühle gespiegelt, aber es folgt kein Lösungsangebot (oder auch eine gemeinsame Lösungs-Suche), wie er zukünftig aus einer solchen Situation herauskommen kann UND seine Bedürfnisse wahren darf. Im Beispiel zerstört die kleine Schwester den Turm nicht, aber es wird viele Situationen geben, wo das doch passiert. Wenn man sich nun in Toms Lage versetzt, dann hat er vielleicht lange und mit Hingabe an einem Bauwerk getüftelt, eine heikle Konstruktion immer wieder aufgebaut, bis sie endlich funktionierte, oder stundenlang eine Playmobil-Landschaft arrangiert. So ein langdauernder, konzentrierter Einsatz ist eine Leistung, auf die Tom zu Recht stolz sein darf, und das jüngere Kind im Krabbelalter ist motorisch nicht in der Lage, angemessen vorsichtig hier mitzutun. Ein jüngeres Geschwister, dem man das nicht erklären kann, kann Tom ohne die Hilfe von Erwachsenen nur durch physischen Einsatz davon abhalten, so ein Werk in Sekunden zunichte zu machen. Tom war hier aus seiner Sicht in einer fast ausweglosen Situation. Wenn ich etwas mit Tom besprechen würde, dann, wann und wie er ungestört Bauwerke zu Ende bringen kann, und bei welchen anderen Gelegenheiten seine kleine Schwester mitspielen könnte. Unsere Lösung war hier immer, dass ich dem Älteren Zeiten garantiert habe, in denen er ungestört und ungefährdet bauen konnte – zum Beispiel indem wir Barrieren aufgebaut haben, oder auch indem er einfach die Tür zu seinem Zimmer schließen durfte und den Jüngeren nicht mitspielen lassen musste. Oft habe ich das jüngere Kind einfach weggetragen. Selbstverständlich habe ich auch erklärt, dass schubsen und schlagen nicht in Ordnung ist, das Jüngere getröstet und ihm Alternativangebote gemacht. Aber die Aufforderungen an Tom zur Wiedergutmachung finde ich sehr zwiespältig, denn auch sie vermitteln ihm ein Gefühl von Schuld.

    Tom zu vermitteln, dass sein Verhalten hier auf ganzer Linie ein Fehlverhalten ist, wird meiner Meinung nach entweder in wiederholter Aggression oder in Resignation enden. So wie die Situation geschildert wird, erlebt er nicht, dass sein Bedürfnis, das mühevoll errichtete Bauwerk zu erhalten, geachtet wird, ebenso wenig seine Not, dieses Bedürfnis zu schützen ohne Gewalt anzuwenden. Schiebt man ihm allein die Verantwortung für sein Verhalten zu, lässt man ihn also gleich mehrfach im Stich. Dabei spielt es dann keine so große Rolle mehr, ob er auf den Auszeit-Stuhl muss oder „nur“ ein Stück Brezel abgeben. Wenn man ihm aber zeigt, dass auch er vor den (natürlich unbeabsichtigten) „Übergriffen“ der/des Jüngeren geschützt wird, kann er beim Trösten „helfen“, ohne dadurch beschämt zu werden, und weiß auch für die Zukunft, wie er solche Situationen vermeiden kann.
    (Ich habe selber drei Jungs, inzwischen 20, 18 und 15. Diese Art Konflikte haben sie schon lange nicht mehr, aber am Altersunterschied kannst du sehen, dass das natürlich schon ein Thema war.)

    Vielen Dank für Deine Geduld, falls Du bis hierhin gekommen bist – und für Deine wunderbare Arbeit mit diesem Blog!
    Birgit

    • Liebe Birgit, herzlichen Dank für diesen Beitrag und deine Reflexionen dazu! Ich finde deine Einwände sehr berechtigt. Die Idee, einem Kind zu helfen, Wiedergutmachung zu leisten, ist grundsätzlich eine gute Idee. In diesem Beispiel wird tatsächlich das Schubsen sehr viel stärker gewichtet als die mögliche Zerstörung eines mit Hingabe errichteten Bauwerks. Und auch ihn dahin zu lenken, Wiedergutmachung zu leisten, könnte bewirken, was wir vermeiden wollen: das Entstehen von Schuldgefühlen.
      Danke für deine Alternativ-Vorschläge: Lösungen aufzeigen, wie das eigene Werk geschützt werden kann, helfen Barrieren zu bauen, kleinere Geschwister wegtragen, erlauben, dass der Große seine Zimmertür schließen darf …
      Über die Anerkennung für meinen Blog habe ich mich sehr gefreut. Danke fürs Schreiben!
      Herzliche Grüße, Uta

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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