Wenn das Kind kratzt und beißt 

 09/01/2020

Aufmerksamkeit ist nicht gleich Liebe - ein Beispiel aus der Therapeuten-Praxis

Heute habe ich ein weiteres Beispiel von Rita Messmer für euch. Ich veröffentliche es hier, weil es so schön deutlich macht, welch große Rolle die Körpersprache und die innere Haltung der Eltern, mein Herzens-Thema, spielt.

Rita schreibt:

„Am vergangenen Freitag hatte ich ein Ehepaar bei mir in der Praxis, dessen Kind (20 Monate alt) beißt und kratzt andere Kinder in der Kita ohne ersichtlichen Grund. Auf dem Spielplatz zum Beispiel geht es auf sie zu und schlägt sie ins Gesicht. Die Eltern sind total ratlos und verzweifelt, da sie absolut keine Aggression gegen ihr Kind richten…

Hier war klar, die Eltern versuchen, alle "Frustrationen" vom Kind fernzuhalten. Ich konnte dem Vater zeigen, dass er sich auch in meiner Praxis so verhält, nur damit seine Tochter ruhig ist und nicht anfängt zu quengeln. Nur deshalb hat er mit ihr gespielt und sich vereinnahmen lassen. Ich habe ihm gezeigt, dass er dies in diesem Moment eigentlich nicht möchte, dass er jetzt mir seine Aufmerksamkeit schenken möchte - aber aus Angst, sein Tochter könnte vielleicht Terror machen, lässt er sich auf ihr Spiel ein. Ich konnte ihm deutlich machen, dass das falsch ist, dass seine Tochter sich sehr gut selber beschäftigen könne. Sie hätte genug Sachen, die sie interessieren müssten, und dass es nicht nur sein Recht sei, sich jetzt jemand anderem zuzuwenden, sondern für die gesunde Entwicklung seines Kindes sogar wichtig sei, jetzt keine spezielle Aufmerksamkeit zu bekommen. Falls sie damit nicht einverstanden sei und jetzt schreien und quengeln würde, dürfe er darauf nicht eingehen. Er solle das einfach aushalten und nicht beachten.

Als der Vater dann eine klare Position einnahm, sich mir zuwandte, das Kind wie beiläufig auf den Schoss nahm, wenn es seine Nähe suchte, aber weder zu ihr sprach, noch sonst Aufmerksamkeit schenkte, war er sichtlich erstaunt, dass das Kind von sich aus wieder runter ging, spielte usw. und dies alles über dreieinhalb Stunden. Er nahm eine andere Körpersprache ein und zeigte klar seine Absicht.
Er hat schnell eingesehen, dass er mit der Tochter nicht aus freien Stücken spielte, sondern nur um sie bei Laune zu halten. Insofern hat die 20 Monate alte Tochter Macht über ihren Vater (biologisch ein Unding) und das macht das Kind renitent. Es ist eine Irritation auf den genetischen Entwicklungsplan und diese Irritationen machen das Kind renitent. 
Ich habe das schon in meinem ersten Buch 
„Ihr Baby kann’s!“ beschrieben, dass die sogenannte Trotzphase kein wichtiger Entwicklungsschritt ist, wie von der Psychologie behauptet, sondern ein Korrektiv des Kindes auf eine falsche Begleitung von Seiten der Eltern. Denn ich habe bei diesen indigenen und traditionellen Kulturen (die Rita auf ihren Reisen besucht hat, meine Anmerkung) keine Trotzphase beobachtet - und biologisch macht es auch keinen Sinn, dass sich kleine Kinder gegen ihre eigenen Eltern richten, wo sie doch absolut von ihnen abhängig sind. 

Es ist ein wichtiger Unterschied, ob ich mich mit dem Kind beschäftige, damit es bloß kein Theater macht, oder ob wir wirklich Spaß miteinander haben. Das Miteinander hat eine ganz andere Qualität.

Soweit Rita mit einem kürzlich erlebten Beispiel aus ihrer Praxis.
Was nehme ich daraus mit:

Kurz & knackig

  • Das Kind wird nicht allein gelasse n oder mit negativen Gefühlen der Eltern bestraft. Es darf sich selbst Nähe holen und auf den Schoß kommen. Aber die Aufmerksamkeit wird umgelenkt, weg vom Kind auf jemand anderen.
  • Die biologischen Bedürfnisse des Kind „Nähe“ und „Welterkundung" sind in der Situation erfüllt.
  • Es gibt darüber hinaus kein biologisches Bedürfnis danach, dass die Eltern mit dem Kind spielen oder es permanent im Mittelpunkt steht.
  • Wenn ich etwas nur tue, damit das Kind kein „Theater" macht, wird das „Theater“ mehr werden.
  • Der Vater besinnt sich - unter Anleitung - auf das, was er eigentlich wollte.
  • Plötzlich ist er integer. Das ist spürbar für das Kind und sofort wirksam.
  • Das Kind ist entlastet. Es ist nicht mehr verantwortlich für die Stimmung im Raum. Das haben die Eltern und Rita übernommen.
  • So kann es sich befreit der fremden Umgebung widmen, in ein Spiel finden und ab und zu Nähe tanken.
  • Viele Eltern haben die Gleichung „Aufmerksamkeit = Liebe“ im Kopf, aber diese Gleichung stimmt nicht.
  • Kinder brauchen den Wechsel von Aufmerksamkeit und Für-sich-sein-dürfen, von Bedürfnisbefriedigung und Frustration, von Sich-Einordnen und Mal-im-Mittelpunkt-stehen.
  • Wenn Rita von „genetischer Irritation“ schreibt, verstehe ich sie so, dass im Plan des kleinen Menschen die Erwartung angelegt ist, dass er Sicherheit und Führung bei den Großen findet.
  • Findet er das nicht, ist er insgesamt irritiert und sehr gestresst. Deshalb wahrscheinlich die Aggression gegenüber den anderen Kindern.
  • Und deshalb vermutlich auch der hohe Muskeltonus, den Rita bei diesen Kindern feststellt. Sie sind total angespannt.

Danke Rita für dieses neue Beispiel aus deiner Praxis!

Immer fröhlich sich als Eltern fragen: Will ich wirklich mit meinem Kind spielen oder mache ich das bloß, damit Ruhe ist?

Eure Uta 

Zum Weiterlesen:

* In diesem Beitrag aus den Anfängen meines Blogs geht es darum, wie sehr der Funke überspringt, wenn Eltern selbst begeistert bei der Sache sind, statt faule Kompromisse zu schließen, damit das Kind bei Laune bleibt.

* Und weil ich in letzter Zeit viel für Eltern von Kleinkindern geschrieben habe, kommt hier noch ein Post für Eltern von Schulkindern: "Herr H. und die jungen Herrschaften", warum es so entlastend sein kann, einen guten Nachhilfe-Lehrer zu haben.

Werbe-Beitrag wegen Buchverlinkung.

  • …“aber aus Angst, sein Tochter könnte vielleicht Terror machen,…“ Solche Bezeichnungen ala Winterhoff hier bei Dir unkritisiert stehen zu sehen hätte ich eigentlich nicht für möglich gehalten…schade! Deine eigenen Überlegungen fand ich immer sehr viel bereichernder und wertschätzend gegenüber Kind und Eltern, diesen Jargon hier einziehen zu lassen hast Du doch gar nicht nötig…

    • Ich verstehe, was Du meinst, und bin auch etwas gestolpert („Terror“, „renitent“). Ich denke aber, das ist einfach Rita Messmers sehr direkte Sprache (wie auch in den Büchern – vielleicht auch ein stückweit „schweizerisch“?), die überhaupt nicht abwertend gemeint ist. Ihr Ansatz steht irgendwie völlig außerhalb der üblichen Bedürfnisse-/Tyrannen-Diskussion.

      • Liebe Friederike, du schreibst: „Ihr Ansatz steht irgendwie völlig außerhalb der üblichen Bedürfnisse-/Tyrannen-Diskussion.“ Das trifft es genau. Danke! Uta

    • Liebe Kristina, danke, dass du eine kleine Debatte angestoßen hast!
      Mir ist wichtig zu erwähnen, dass Rita Messmer nie dem Kind die Schuld an der Situation geben oder Kinder von sich aus des Terrors verdächtigen würde. Es geht hier lediglich darum, eine mögliche Erwartung des Vaters aus dem Beispiel zu beschreiben.
      LG Uta

      • Dann sollte sie dringend auf solches Vokabular verzichten, das doch genau in solche Tyrannen-Hörner und noch schlimmere autoritäre stößt…und schreckliche Bilder von Kindern in uns erzeugen.

  • Ich glaube mit der inneren Haltung Kindern ggü. ist es wie allen Menschen ggü. Bin ich in etwas klar und sicher, dann strahle ich das aus und dann ist es auch leichter für andere das akzeptieren zu können. Kinder mit ihren feinen Antennen spüren das sicherlich noch mal tausendmal besser.
    Insofern bin ich, auch wie bei der Aussage, dass es nicht Aufgabe der Eltern ist, Kinder permanent zu bespaßen (inzwischen) ganz bei Dir, Uta, und auch bei Rita. Das war zugegebenermaßen kein einfacher Weg, aber das tief empfundene Recht auch mal „Nein“ sagen zu dürfen, wenn das Kind Spielbedarf anmeldet, hat für uns als Familie vieles entspannt.
    Was ich dennoch weiterhin schwierig finde, ist, wenn Rita die Autonomiephase so in Abrede stellt (und es ist eben eine Autonomie- und keine Trotzphase). Erstens gibt es dazu viele Untersuchungen, ganze entwicklungspsychologische Theorien, auch Therapien beruhen darauf und sind gut untersucht (im übrigen auch, was psychisch passiert, wenn Menschen dauerhafte Frustration in dieser Phase erleben). Zweitens, aus „Einzelfallbeobachtungen“ bei indigenen Völkern zu schließen, dass es demzufolge diese Phase nicht gibt, finde ich – gelinde gesagt – gewagt 😉 Natürlich sind solche Beobachtungen wichtig und können viele Ideen und Anregungen freisetzen (wie ja auch bei Frau Liedloff), aber es sind eben Beobachtungen von Einzelpersonen und keine kontrollierten Studien.
    Vielleicht kann man ja beides nebeneinander stehen lassen: Kinder haben in der Autonomiephase berechtigte und nachvollziehbare Wut, weil vieles nicht so geht wie sie sich das wünschen, sie zeigen diese relativ stark, weil das Zusammenspiel zwischen Amygdala und Frontalhirn hirnpyhsiologisch noch nicht so gut funktioniert, sie benötigen eine liebevolle Begleitung dabei und gleichzeitig dürfen Eltern eine klare, auch mal nicht-kindzentrierte Haltung haben, „Nein“ sagen und an sich denken.
    Das löst vielleicht dieses dichotome Denken auf.
    LG

    • Liebe Bianca, ganz herzlichen Dank für deinen Beitrag!
      Gestern habe ich Prof. Fabienne Becker-Stoll in München interviewt (siehe mein neuester Beitrag) und sie auch gefragt nach „Trotz- bzw. Autonomie-Phase bei indigenen Völkern“. Sie erzählte mir darauf hin, dass sie für die Bindungsforscher Klaus und Karin Grossmann deren Forschungs-Videos von einem Volk auf Papua Neuguinea ausgewertet hat. Und dort die gleiche Beobachtung wie schon von Liedloff und auch von Rita Messmer: keine solchen Ausbrüche von Kleinkindern wie bei uns. Becker-Stoll vermutet, dass die Kleinen dort so sehr in der Gemeinschaft aufgehoben sind, so viel Nähe und gleichzeitig Autonomie erfahren (z.B. schaben schon Kleinkinder mit scharfen Hackbeilen Bananenblätter ab), dass sie kaum Anlass haben gegen irgendetwas zu protestieren. Das war natürlich nur eine Hypothese. Aber ich finde es schon interessant, dem augenscheinlichen Unglücklichsein mancher Kleinkinder hierzulande mit evolutionsbiologischen Gründen auf die Schliche zu kommen und allen zu mehr Freude im Zusammensein zu verhelfen. Herzliche Grüße und danke fürs Schreiben, Uta

      • Bei Brigitte Hannig habe ich zu diesem Thema gelesen, dass die Menschen in den indigenen Völkern ständig „im flow“ sind, also im normalen Alltag ihr Nervensystem im Parasympathikus verweilt. Dies ist die biologische Voraussetzung für die Bindungbereitschaft. In unserer heutigen Gesellschaft sind wir Erwachsenen so oft gestresst und angespannt, also im Sympathikus verortet, dass unsere Kinder im chronischen Bindungsmangel leben und deshalb so „ausflippen“, um auf das nicht erfüllte Bedürfnis nach Bindung aufmerksam zu machen.
        So als weitere Facette, warum wir heutzutage so gestresste Kinder haben (vom Eingebundensein und von klarer Führung /Hierarchie mal abgesehen… )

  • {"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}

    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

    >