Warum wir im Garten nicht weiterkamen
Bei der Hunderunde heute früh sah ich verblühte Krokusse. Schlaff hing das eine oder andere lilafarbene Blatt an ihnen herunter. Zu kraftlos, um einen Kelch zu bilden, zu schlapp für ihren großen Auftritt in der Sonne. Nur noch eine struppige Truppe in verwaschenem Violett am Straßenrand.
Ihr Anblick traf mich wie ein Schlag. Sie erinnerten mich an ein großes Versäumnis. Ich hatte vergessen, den Krokus-Teppich in unserer Wildnis zu fotografieren, diesen weiß-lilafarbenen Flor zu Füßen der Haselnusssträucher. Es sind - wohl muss ich sagen - waren die ersten Blüten, die sich in unserer Wildnis zeigten. Und nun traten sie, wie ihre Verwandten am Straßenrand, schon wieder den Rückzug in die Erde an. Am liebsten hätte ich mich an den nächsten Zaun gelehnt, hätte den Rücken an ihm runterrutschen lassen, wäre breitbeinig auf den Po gesunken und hätte mir von Polly die müden Hände lecken lassen.
Acht Stunden auf der Autobahn
„Sei milde mit dir“, versuchte ich mir einzuflüstern. Gestern waren der Kettensägenmann und ich in Summe acht Stunden auf der Autobahn, um unsere Tochter mit dem operierten Bein wieder an den Studienort zu bringen. Einer von uns hat den Wohnraum der WG gesaugt und den Müll runtergebracht, um der Versehrten einen Kredit auf dem Putzkonto der Gemeinschaft zu verschaffen. Der andere erlöste in der Zwischenzeit den Hund von seinem Platz zwischen den Taschen im Kofferraum und begab sich mit ihm auf die Suche nach unversiegelten Flächen in der Stadt.

Groningen - pittoresk, aber nicht unbedingt geeignet zum Gassi-Gehen
Wir haben uns viel gekümmert in letzter Zeit. Zwar nicht um pflanzliche Sprösslinge, nicht um die Rose „James Galway“, die dringend zurückgeschnitten werden muss, nicht um den Kompost, den es zu sieben gilt, geschweige denn um das Dickicht in unserer neu erworbenen Wildnis. Aber wir haben Krücken ans Bett gereicht, Kissen aufgeschüttelt, ballaststoffreich gekocht, ermunternd gesprochen und tapfer blutige Riesenpflaster aus unser aller Blickfeld verschwinden lassen.
Tausend Kleinigkeiten
Seit Jahren ist der Begriff „Mental Load“ populär. Er bezeichnet die psychische Belastung, die entsteht, wenn vor allem Frauen sich um Schutzbefohlene kümmern, Beziehungen pflegen und unbezahlt die tausend Kleinigkeiten des Alltags meistern. Mir missfällt, dass der Begriff gerne als großer Vorwurf gegen die Männer gebraucht wird. Ja, sicher, sie schreiben weniger Geburtstagskarten an Schwiegermütter, basteln weniger Osternester und nehmen für die Kinderparty den gekauften Kuchen. Aber sie haben - Weltfrauentag hin oder her - ihre ganz eigenen Herausforderungen.
Mentale Erschöpfung, will ich sagen, gibt es sowohl für Frauen wie für Männer. Vielleicht auch für Hunde. Denn heute früh waren wir alle erschöpft: Polly, der Kettensägenmann, die Krokusse und ich.
Vielleicht ist es das, was uns das Gartenprojekt lehrt: Sich nicht stressen zu lassen, nicht Ergebnissen hinterher zu jagen, sich nicht zu entwerten für das, was wir nicht nach Plan geschafft haben, und zu erkennen, dass alles wachsen, blühen und vergehen darf, wie es das einfach immer tut.

Zumindest habe ich den Krokus-Teppich jetzt abgesteckt und markiert, damit der kleine Bagger sie nicht umpflügt, wenn er demnächst wieder im Einsatz ist.
Und unten seht ihr, wo die Krokusse stehen.

Die gestrichelte Linie zeigt die neue Grenze zu den neuen Nachbarn. Hier steht noch kein Zaun, weshalb Polly bisher nicht ohne Leine in die Wildnis darf. Von der gestrichelten Linie bis zum Postboten unten an der Straße sind es für sie keine fünf Sekunden. Wir haben vor, den Maschendrahtzaun, der unseren bisherigen Garten noch von der Wildnis trennt (violette Linie), um 45 Grad zu versetzen. Dann öffnet sich für uns das Grundstück endlich in seiner ganzen Größe und gleichzeitig ist es für den Hund nach allen Seiten begrenzt. Bisher kommen wir nur durch ein provisorisches Tor auf das neue Grundstück.
Immer fröhlich alles so akzeptieren, wie es nun einmal gerade ist,
Eure Uta



Liebe Uta, ich liebe deine feinsinnige Art, zu schreiben. Auch danke ich dir für die Zeichnungen, so bin ich ganz genau im Bild😊.
Du hast mich zum Lachen gebracht, herrlich .
Ich freue mich sehr über deine Rückmeldung! Vielen Dank, Marietta!