Am Montag wird Kronprinz (bald 19) zu seiner Work-and-Travel-Reise nach Kanada aufbrechen. Ein anderer Kontinent, ein paar tausend Kilometer entfernt von uns, von Prinzessins sonnigem Wesen, von Mamas Kartoffelsalat, Papas genialer Fuß- und-Rückenkratz-Hand, von seiner Freundin, von seinen Kumpels, von Elbe und Schiffe-Tuten und von seiner dicken Katze, die nur bei ihm „Männchen“ macht.
Insgesamt wird er ungefähr ein Dreiviertel Jahr in Kanada sein, kommt aber – welch ein Glück – an Weihnachten für ein paar Tage nach Hause. So können wir uns in Häppchen ans Loslassen gewöhnen.

Kronprinz vor sieben Jahren, gemalt von einem Bekannten.
Kronprinz vor Jahren, gemalt von einem Bekannten.

Wie es mir mit dem Aufbruch meines ersten Kindes geht? Das werde ich in diesen Tagen häufiger gefragt. Und ich kann nur sagen, dass mir das noch sehr irreal vorkommt. Nach 19 Jahren, in denen wir – abgesehen von ein paar Klassenreisen – jeden Tag mit ihm zusammen waren, bricht jetzt eine neue Zeit an. Mein Mann und ich haben uns fest vorgenommen, uns deshalb nicht in irgendeine Form von Traurigkeit hineinzusteigern. Dafür gibt es mehrere sehr gute Gründe:

  • Wir haben die Zeit mit ihm wirklich genossen. Klar war es auch mal schwierig. Als kleiner Junge war er sehr lebhaft, fordernd, brachte uns häufig an den Rand unserer Kräfte. Aber wie sehr wurden wir entlohnt für die Zeit und Geduld, die wir investiert haben!
  • Statt traurig zu sein, freuen wir uns über seinen Mut, ins Ausland zu gehen, sich dort allein durchzuschlagen. Welch eine großartige Möglichkeit, neue Menschen kennen zu lernen und – mit Abstand von Schulzeit und Elternhaus – Klarheit darüber zu gewinnen, wie es danach weiter gehen soll. Wir werden ihn nicht mit einem Mangeldenken („Wir vermissen dich!“) belasten, wenn er einen so großen Schritt in Richtung Weiterentwicklung macht.
  • Mir gefällt das Bild von der Quelle und dem Fluss: Wir Eltern sind die Quelle, die Kinder sind das Wasser. Das Wasser muss sich von der Quelle entfernen. Das ist der Sinn einer Quelle. So ist es auch mit uns Eltern. Wenn unser Kind in die Welt zieht, ist das ein Grund zur Freude. Dann haben wir als Eltern unseren Job gemacht. Und wie Quelle und Wasser werden wir aber immer miteinander verbunden sein.

Schnief!
Nein, keine Tränen, eher ein inniger Appell, euch eine schöne Zeit mit euren Kindern zu machen, so lange sie noch da sind. Vor allem in den ersten Jahren mit Kind, lohnt es sich, berufliche Ambitionen auf Eis zu legen und möglichst viel Zeit miteinander zu verbringen. Ich weiß, das ist eine unpopuläre Forderung. Aber ich habe selbst erlebt und führe es auf das Auskosten dieser Phase zurück, dass wir es in der Teenagerzeit umso leichter und schöner hatten und haben. Für unsere Gesellschaft wäre es ein großer Fortschritt, wenn Eltern dabei unterstützt würden, in der Phase der frühen Kindheit beruflich kürzer zu treten und dafür später wieder mehr Gas zu geben.
Und was man zusätzlich noch dafür braucht, ist Gelassenheit und Vertrauen.
„Ja“, werdet ihr sagen, „was für eine Floskel!“, aber das ist es nicht.
In den vergangenen Tagen habe ich

  • … eine Mutter erlebt, die hier anrief, um zu fragen, ob ihre Tochter wirklich bei uns übernachtet, oder ob das eine Ausrede war, sich ganz woanders herumzutreiben,
  • … einen Teenager, der die Klassenliste versteckt hat, weil er nicht mehr möchte, dass seine Eltern Kontrollanrufe bei anderen Eltern tätigen,
  • … Eltern, die auch in der Studienstufe (Klasse 11 und 12) noch über die Klausur-Termine ihrer Kinder informiert werden möchten,
  • … eine Mutter, die ihre Tochter nach einem langen Schultag zur Begrüßung mit Vorwürfen bombardierte …

 
Vor einiger Zeit sagte der Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort in einem „Spiegel“-Interview (20.2.2016):

„Zahlreiche Mütter und Väter haben tatsächlich das Vertrauen verloren, dass ihr Kind schon irgendwie gut durchs Leben kommen wird. Also versuchen sie mit maximalem Einsatz, diesen Mangel an Zuversicht auszugleichen …“

Dieser „maximale Einsatz“ findet seinen Ausdruck leider allzu häufig in Leistungsdruck, Kontrolle und Misstrauen.
Warum machen es sich so viele so schwer?
Immer fröhlich Zeit und Vertrauen in eine gute Beziehung investieren.
Eure Uta

  • „Warum machen es sich so viele so schwer?“
    Na warum wohl? Aus eigener Unsicherheit natürlich.
    Schon in der Schwangerschaft beginnt sie:
    – mit IGEL Leistungen zur Untersuchung, ob das Baby wirklich wirklich wirklich gesund ist
    – mit Ratgebern zu Ernährung, Schwangerenyoga und weiß der Teufel was noch.
    – mit gefühlt 100 Leuten die dir sagen was du alles falsch machen könntest (Atmen zb, ganz schlimm).
    – mit Sprüchen die keiner brauchen kann…
    (wie, kein Kinderwagen? Du machst dir den Rücken kaputt!! bzw wie, ein Kinderwagen? Kinder müssen getragen werden!!)
    oder
    (wie ein Geburtshaus? wie verantwortungslos von euch, was ist wenn was schief geht? – und zack, denkt man an alles was schief gehen kann)
    Wenn das Baby dann kommt fallen einem noch mal schnell alle Geburts-horror-stories ein die so gern und ausführlich erzählt wurden. Und wenn es dann da ist, geht es weiter mit der Unsicherheit:
    – mein Kind kann schon xy, was denn, deins etwa nicht? Geht doch mal zum Arzt, das ist nicht normal.
    – mein Kind kommt in den KiGa / die Schule / die Uni, man hört so viel schlimmes…
    Und so geht es immer weiter. Weit über 19 Jahre hinaus. Endlos. Wer diese Unsicherheit nicht irgendwann los wird, trägt sie immer und jeden Tag mit sich.
    Schön, das du das Problem anscheinend nicht hast. Vielleicht magst du mal erzählen wie du das gemeistert hast?

    • Liebe Yvonne,
      „Leben darf leicht sein“ – dieser Satz ist mir vor Jahren sehr, sehr wichtig geworden. Und kaum jemand profitiert so sehr davon wie Kinder. Denen geht es sehr viel besser bei Eltern, die glücklich sind, als bei denen, die alles richtig machen oder immer im Recht sein wollen.
      Wir haben seit Jahren ein sehr schönes Familienleben. Mit Auf und Abs, die einfach dazu gehören. Aber unter dem Strich sehr erfüllend.
      In Liebe, Fülle und Vertrauen zu leben, ist eine Entscheidung, die ich jeden Tag neu treffe. Dazu gehört auch, dass ich Bücher lese, Filme gucke und mich mit Menschen umgebe, die mich darin bestärken. Und klar, gibt es auch Tage, die nicht so super laufen. Das gehört auch dazu. Aber dann kann ich wieder umso entschiedener „meinen“ Kurs einschlagen. Und es ist so faszinierend, wie diese Haltung die eigenen Kinder auch non-verbal erreicht und der Funke auf sie überspringt.
      Liebe Grüße
      Uta

  • Liebe Uta, du sprichst mir so aus dem Herzen!
    Einerseits mit dem Loslassen, aber andererseits auch mit deiner „unpopulären“ Forderung, viel Zeit mit seinen kleinen Kindern zu verbringen. Ich bin sicher, dass sich dieser Einsatz auszahlt, mit einer unkomplizierten Schulzeit und einer wenig stressigen Pubertät belohnt wird. Ich würde mich sehr freuen, wenn dieser Gedanke Eingang in die öffentlichen Diskussionen finden würde und Müttern/Vätern, die diese Zeit in ihre Kinder investiert haben, keine beruflichen Nachteile erwachsen würden – im Gegenteil, ich finde, dass gelungene Kindererziehung und Personalführung eine Menge Parallelen aufweisen 🙂
    Ich lese jetzt schon einige Zeit deinen Block und mag deine fröhliche, zuversichtliche, unkomplizierte und alltagstaugliche Art, über Erziehung zu schreiben. Wenn ich damals, als ich meine Kinder großgezogen habe, schon einige Sichtweisen gekannt hätte, wäre ich mit Sicherheit gelassener gewesen.
    Ich freue mich über jeden Text – deine bisher stille Leserin Elisabeth

  • Liebe Uta,
    ich versuche mich nun auch schon eine ganze Weile in Gelassenheit, auch wenn der Familienalltag mit drei Mädchen durchaus den Gelassenheitsturm in mir das ein oder andere Mal zum Schwanken bringt..Da meine Älteste (immerhin schon stolze 9 Jahre) mir gestern eröffnet hat, dass sie nun eigentlich alleine leben kann, da sie die grundlegenden Dinge des Lebens ja nun beherrscht, bekomme ich nun auch die Demut, jeden Tag, den ich hier mit meinen Lieben verbringen darf, auf seine ganz eigene Art zu genießen…um sie dann irgendwann loszulassen. Und nie vergessen: Kinder, die sich zuhause hauptsächlich verstanden und wohlgefühlt haben, kehren auch regelmäßig zurück!
    Liebe Grüße von Friederike

  • Ach, liebe Uta, ich bin so eine Heulsuse … musste mich sehr zusammenreißen, beim Lesen nicht zu heulen. Ich weiß nicht, ob es an dem Gedanken liegt, dass ich die Lütte ja auch mal ziehen lassen muss … oder daran, dass ich mich so etwas früher nie getraut habe und heute aber gern auf diese Erfahrung zurückblicken würde …
    Jedenfalls bin ich zur Zeit sehr mit Arbeit und Lütte „weg-organisieren“ beschäftigt. Aber sehr gute Arbeit 😉 Wenn ich dann abends noch bzw. wieder an den Schreibtisch möchte, die Lütte aber unbedingt möchte, dass Mama noch einen Moment bei ihr im Bett bleibt … dann bin ich innerlich kurz genervt, sage mir dann aber: Freu dich doch, dass sie noch zwei Minuten kuscheln mag … irgendwann (und ja leider immer so fix) hat sich das ausgekuschelt …
    Gleich beim ins-Bett-bringen denke ich auf jeden Fall an deinen Text 🙂 Danke!
    Liebe Grüße,
    Dorthe

  • Liebe Uta!
    Danke für deine Stellungnahme.
    Meistens lese ich still bei dir… heute möchte ich dir mal widersprechen.
    Meine Söhne sind 25 (seit gestern ;o) und 20 Jahre alt. Der Jüngere ist in Ausbildung und lebt während dessen noch zuhause.
    Natürlich hast du völlig Recht damit, den Kindern den Abschied und Schritt in Richtung Zukunft nicht schwer machen zu wollen.
    Trotzdem denke ich, ein kleines bisschen „Mangelgedanke“ darf schon sein. Sich „vermisst“ fühlen, wenn man geht, bedeutet doch auch ein Stück Wertschätzung.
    Wir werden dich vermissen heißt ja nicht gleich „heuuul, bleib hier“, ohne dich können wir nicht leben.
    Vielmehr sagt es dem (großen) Kind: „ich hab dich lieb, du bist mir wichtig, gehörst zu uns, hast hier einen Platz – der nun erstmal leer bleibt, bist nicht austauschbar“. (Vielleicht ist das für – coole – Söhne sogar noch etwas wichtiger, als für Töchter?)
    Selbst möchte ich mich nirgendwo „schon mit Türschluss“ vergessen fühlen. Erst Recht nicht bei meiner Familie.
    Ich denke, es ist – wie immer im Leben – alles eine Frage der Art und Dosierung in der Kommunikation und bestimmt weiß dein Sohn, wo sein Platz ist. Trotzdem, denkst du nicht, es könnte ihm gut tun, dass auch nochmal (einmal!) so unmissverständlich von dir zu hören?!
    Claudiagruß

  • *lach* großartig! ich überlegte gerade, ob ich das mal abspeichere und mit der entsprechenden quelle versehen an die eltern meiner zukünftigen lernenden verteilen soll. super! man möchte ja auch gar nicht wissen, mit welchen abendlichen telefonanrufen man sich als lehrende oft noch rumschlagen muss…
    liebe grüße,
    jule*

  • Liebe Uta,
    vielen Dank für deine vielen wunderbaren Texte, auf die ich seit Deinem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Familie&Leben vom 24. September 2017 gestoßen bin.
    Ich freue mich über Deine weise Art zu schreiben und zu lesen und sich verstanden zu fühlen als glückliche Mama eines fast 8jährigen Sohnes.
    Ich erlebe seit der Geburt meines Sohnes immer wieder Phasen, in denen ich spüre, dass sich mein Sohn mehr und mehr von mir löst. Dieses Lösen bzw. Loslassen tut mir „häppchenweise“ immer ein bisschen weh und ich merke, wie er in seiner Autonomie reift und er losgelassen werden will! Das tut mir dann ein bisschen weh und manchmal weine ich sogar ein paar Tränchen und natürlich hat das nichts mit Depressivität zu tun, oder dergleichen.
    Ich finde nur, es gehört dazu, immer mal wieder sich dessen bewusst zu werden, traurig sein zu dürfen über das Loslassen seiner Kinder und darüber, dass sich Kinder weiterentwickeln, bis wir sie – Quelle und Wasser – dann so richtig in ihr selbstständiges und selbstbestimmtes Leben entlassen (dürfen).
    Das darf dann auch einfach mal traurig machen, glaube ich, wenn so eine empty-nest-Situation eintritt, natürlich auch nur ein Häppchen lang…..;-)
    Herzliche Grüße
    Veronika

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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