Allzu große Anhänglichkeit 

 20/02/2020

Kurzes Online-Coaching mit der Mama einer Dreijährigen

Ich hatte einen Briefwechsel mit einer Mama, deren Tochter in der Spielgruppe sich kaum von ihr lösen mag. Sie hat mir erlaubt, unseren Austausch mit veränderten Namen hier zu veröffentlichen. 

Hallo Uta,
es gibt ein Thema, bei dem ich dich wieder um Rat bitten möchte.
Mittlerweile beschäftigt sich Lynn (3) relativ gut selber, wenn ich etwas anderes machen möchte (kochen, putzen usw.). Aber wenn wir uns mit einer anderen Mutter mit Kind treffen, möchte ich mich sooo gerne ungestört mit der anderen Mutter unterhalten. Lynn bringt mir aber ständig irgendwas, will, dass ich mitmache, möchte mir irgendetwas geben oder zeigen, … Irgendwann habe ich gefühlt 100 Puppen auf meinem Schoß sitzen, Stofftiere, Tassen oder sonstiges zu halten.

Ich merke, dass sie sich mit anderen Kindern noch nicht wohl fühlt und umso mehr meinen Rückhalt sucht: ständigen Körperkontakt (was ich in der Situation schwer aushalten kann) und mein Mitmachen bei ihren Tätigkeiten.
Ich sage dann, dass ich nicht so viel halten kann und möchte und bin innerlich genervt, weil ich will, dass sie mich in Ruhe lässt oder alleine oder mit dem anderen Kind spielt.

Eine Zeit lang versuche ich noch, nebenbei Lynn zu beachten und mitzumachen und sogar ein bisschen mit beiden Kindern zu spielen – aber es gefällt mir eigentlich nicht, und ich möchte mich wirklich gerne mit der anderen Mama unterhalten.
Irgendwann halte ich es nicht mehr aus. Heute war es zum Beispiel so, dass ich in scharfem Ton zu ihr gesagt habe, dass ich mich mit Petra, der anderen Mama, unterhalten will, und dass sie mich bitte in Ruhe lassen soll. Lynn hat dann sehr geweint, sich irgendwann wieder beruhigt und hat tatsächlich mit dem anderen Mädchen gespielt. Sie kam dann zwar seltener, aber trotzdem noch immer wieder zu mir.
Nach eineinhalb Stunden ist die Situation eskaliert. Beide Mädchen haben geheult, weil sie den gleichen Luftballon wollten, und ich bin supermega-genervt mit Lynn nach Hause gegangen.
Ich weiß nicht, ob ich zu viel von ihr verlange. Aber ich habe den Eindruck, dass es andere Kinder schaffen, alleine oder mit anderen Kindern zu spielen, so dass sich die Mamas unterhalten können.
Wie kann ich mit dieser Situation besser umgehen?
Ich freue mich schon sehr auf deine Antwort!
Beste Grüße,
Julia

Liebe Julia,
wenn Lynn bei Kinder-Mütter-Treffen mit Puppen, Tassen etc. zu dir kommt, ist das ein Beziehungsangebot. Sie braucht einfach deine Nähe. Dagegen anzukämpfen, wird es nur schlimmer machen. Das hast du ja auch geschildert.
Ich habe in einem Blog-Beitrag geschrieben, dass das Bedürfnis nach Nähe und das Bedürfnis nach Welteroberung wie auf einer Wippe sich mal der einen und mal der anderen Seite zuneigt. Lynn braucht es offenbar, bei dir ab und zu Nähe zu tanken. Dein Widerstand dagegen lässt sie um so verzweifelter dagegen ankämpfen. Sie zwangsweise wegzuschicken, wird ihr nicht helfen, auf andere Kinder zuzugehen oder sich selbst zu beschäftigen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus.: Nähe tanken und dann in die Welt ziehen.
Nimm den Kampf aus dieser ganzen Situation!
Ich kann verstehen, dass du dringend mal ein ungestörtes Gespräch führen möchtest und es schwer aushalten kannst, dass Lynn wie eine Klette an dir hängt. Fühle dich deshalb nicht schlecht. Das ist absolut verständlich.
Nur: Die Devise „Lynn muss jetzt mit anderen Kindern spielen!" wird nicht funktionieren.
Ich würde dir vorschlagen, vor dem Treffen in Ruhe mit Lynn zu sprechen und ihr zu sagen, was für dich wichtig ist und was du von ihr erwartest.
Zum Beispiel: „Mama freut sich, heute mit der anderen Mama zu sprechen. Du darfst gerne dabei auf meinem Schoß sitzen oder immer wieder zu mir kommen, wenn du einen Moment kuscheln möchtest. Ich werde aber nicht mit dir spielen, weil ich mich sonst nicht unterhalten kann. Auf den Schoß kommen aber ist okay. Das darfst du gerne.“ So etwas in der Art.

Dazu gehört auch die Gelassenheit, sich damit abzufinden, dass es nicht jedes Mal gleich gut klappen wird. Vielleicht wird der erste Nachmittag nach dem Gespräch noch anstrengend und beim zweiten hast du plötzlich alle Zeit der Welt für nette Gespräche oder umgekehrt.

Könnte dir das helfen, liebe Julia?

Herzliche Grüße,
Uta 

Liebe Uta,

das mit dem ruhigen Gespräch vor dem Treffen werde ich nochmal ausprobieren. Ich habe zwar Lynn erklärt, wie ich mir den Nachmittag vorstelle, aber wahrscheinlich habe ich mich nicht verständlich ausgedrückt.

Wenn Lynn nur ab und zu bei mir Nähe tanken würde, hätte ich kein Problem damit! Nur wenn sie - entschuldige den Ausdruck - non-stop auf mir klebt, dann wird mir das zu viel.

Mir ist klar, dass die beschriebene Situation mich nicht aus der Bahn wirft, wenn ich in mir ruhe. Ich versuche, diesen Zustand möglichst oft zu erreichen,: ich meditiere, bin dabei den Online-Kurs von Laura Malina Seiler zu machen und vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich eine Ausbildung zur Mentaltrainerin absolviere - also ich würde sagen, ich arbeite an mir. X-))

Insgeheim habe ich mir wohl einen "Zaubertrick" von dir erhofft, der die Situation wie von selber löst, aber es ist klar, dass es sowas nicht gibt.

Ich denke, das Wissen, dass meine Anforderungen an Lynn zu hoch waren, wird mir helfen, sie in der Situation besser anzunehmen.

Danke für den Austausch!

Herzliche Grüße,

Julia

Liebe Julia,
nach deinen Beschreibungen weiß ich - ehrlich gesagt - nicht, ob es wirklich so eine gute Idee von mir war, vorher mit Lynn zu besprechen, wie das Mutter-Kind-Treffen laufen soll. Du hast es ja schon getan und kannst dich klar ausdrücken. Außerdem ist die Situation in der Gruppe ihr vertraut. Das Tool ‚Mit dem Kind den Plan besprechen‘ gilt eigentlich eher für neue, fremde Situationen. Ich könnte mir vorstellen, dass sich dadurch eher Druck aufbaut und Lynn noch mehr in Widerstand gegen deine Absicht „Das Kind soll unabhängiger von mir werden“ geht.
Wie du selbst schreibst, würde ich mich in Gelassenheit üben. Manche Kinder sind auf der "Wippe" der Bindungssicherheit viel und lange auf der Seite „Nähe tanken“. Ich war auch so ein Kind. Da ich nie im Kindergarten war, erschien mir die Einschulung wohl sehr bedrohlich und ich habe mir mit 6 Jahren eine heftige Lungenentzündung geholt, um den Schock, auf so viele Kinder zu treffen, zu vermeiden. Hat aber zum Glück langfristig nicht funktioniert.
Es gibt das Paradoxon, dass das Gewünschte erst eintritt, wenn wir den Kampf darum aufgegeben haben. Ich könnte mir vorstellen, dass auch bei euch Entspannung eintritt, wenn du weniger darum kämpfst, dass Lynn nicht so an dir klebt.
Und schließlich noch eine Idee: Von meinem Blog kennst du ja die 4-Fragen-Methode von Byron Katie. Wenn wir den Gedanken „Lynn sollte sich mehr von mir lösen“ untersuchen, im Geiste die vier Fragen überspringen und gleich zur Umkehrung kommen, gelangten wir z.B. zu dem Satz „Ich sollte tief in meinem Inneren Lynn mehr loslassen“. Könnte das auch wahr sein?
Herzliche Grüße,
Uta 

Liebe Uta,
ich werde auf jeden Fall die 4-Fragen-Methode von Byron Katie ausprobieren, und der Satz „Ich sollte tief in meinem Inneren Lynn mehr loslassen“ bringt in mir definitiv etwas zum "Klingen". Vielleicht mache ich daraus eine positive Affirmation für mich: was mir spontan in den Sinn kommt ist:  "Ich lasse Lynn, tief in meinem Inneren, los und schenke ihr all die Liebe und Sicherheit, die sie braucht.   ...oder so etwas in der Art, ich bin schon gespannt, was sich dadurch für neue Möglichkeiten ergeben. 🙂
Ich denke, ich habe in Punkto "Lynn loslassen" sicherlich auch noch Luft nach oben.
Vielen Dank nochmal an dich!!! Der Austausch hat mir wirklich weitergeholfen!
Liebe Grüße,
Julia

Kurz & knackig

  • Wenn du merkst, dass du ein Verhalten erzwingen willst, locker lassen und akzeptieren.
  • Was man bekämpft, wird stärker.
  • Es ist normal, dass die Wippe mit 'Nähe tanken' auf der einen Seite und 'Welt erobern' auf der anderen Seite phasenweise einen stärkeres Gewicht auf einer der beiden Seiten hat oder schnell hin und her wippt. 
  • Schau mal, ob die Haltung, die du dir für dein Kind wünscht, etwas ist, was du selbst vermissen lässt.
  • Wenn du etwas ändern willst, ist es am nachhaltigsten, wenn du den Anfang bei dir machst. 

Puh, zum letzten Punkt fällt mir ein, dass ich heute im Coaching zu etwas geraten habe, was ich selbst stärker praktizieren sollte. (Sich erlauben, auch mal ein paar Stunden nichts zu arbeiten.)

Immer fröhlich sich an die eigene Nase fassen .... und ein herzliches Dankeschön an Julia, dass ich unseren Austausch veröffentlichen darf.

Eure Uta

Photo by Raychan on Unsplash 

  • Ich habe auch so ein Klebe-Kind (bzw. 2, aber die Grosse ist inzwischen schon ziemlich selbständig). Was bei uns gut funktioniert: erstens klar ankündigen, dass ich zwar da bin, aber nicht mitspielen werde. Und das jedes Mal wiederholen. Zweitens habe ich eine Handvoll Sachen dabei, mit denen sich das Kind beschäftigen kann, auch wenn es auf meinem Schoss oder neben mir sitzt, die keine Interaktion mit mir benötigen (Puzzles, Legespiele etc.). So kann ich mich meistens einigermassen ungestört unterhalten und mein Klebe-Kind ist trotzdem ganz nah bei mir.
    Ach ja, anderthalb Stunden lang funktioniert das aber auch nicht, dass da die Ausdauer des Kindes erschöpft ist, finde ich logisch, das ist für so Kleine einfach lang.
    LG, Julia

  • Mir sind noch drei Gedanken dazu gekommen:
    1) vielleicht hilft auch hier mehr innere Klarheit – ganz bei der Sache sein, die gerade ist. Möglicherweise durch einen Kompromiss: zehn Minuten mit den Kindern spielen (mit Freude, ohne Genervtheit – die Kinder werden „warm“ miteinander und finden ins Spiel), dann in Ruhe und „ganz“ das Gespräch führen (ohne schlechtes Gewissen! Das Kind zwar auf den Schoß lassen, aber nicht halbherzig auf Spielangebote eingehen).
    Alles unter der Voraussetzung, dass sich die beiden Kinder mögen (mit jemanden der einem nicht sympathisch ist teilt man ja auch nicht gern Zeit und Dinge).
    2) ausprobieren wo es besser klappt. Bei uns läuft es oft besser wenn wir zu Besuch sind als wenn wir Gastgeber sind.
    3) geduldig sein… Sich zu Not abends treffen zum unterhalten. Mein Klebekind war auch sehr klebrig, es hat gedauert aber schließlich ging es immer besser.
    Ungefähr nach 5 Jahren hatte ich dann irgendwie auch verstanden, dass es meist besser ist bei einem Treffen zuerst die Kinder zu „versorgen“ und den Kaffee ein bisschen später, dann aber heiß zu trinken ?.
    LG JuSt

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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