Angst frisst Schlaf auf 

 06/07/2016

Sorgen sind leider nachtaktiv.

Es ist Nacht. Mal wieder Starkregen und Gewitter. Der Vorhang im Schlafzimmer bauscht sich vor dem gekippten Fenster. Romantisch könnte das sein, ich könnte mich tiefer einkuscheln und weiter schlafen. Aber der Kronprinz (18) ist noch nicht zurück, ist mit dem alten Hollandrad gefahren und trifft seine Freunde in der Sommernacht am Elbstrand. Ein Blitz nach dem anderen zuckt über das Bett, kurz gefolgt von Donnerschlägen. So kurz, dass das Unwetter ganz nah sein muss. Ich angele nach dem Handy auf dem Nachttisch und tippe seinen Namen in das Whatsapp-Feld. „Alles gut???“
„Sie werden sich unterstellen“, murmelt mein Mann. Unterstellen? Was steht denn da an der Elbe? Wie war das mit Buchen, die man suchen, Eiben oder Eichen, die man meiden … Keine Ahnung, ist wahrscheinlich längst widerlegt. Ich wälze mich auf die Seite, der nächste Donner kracht in meinen Rücken. Ich halte das Handy in der Hand wie meine Vorfahren den Rosenkranz.
Über Leichtigkeit schreibe ich immer und dass man immer fröhlich bleiben soll und jetzt liege ich da und denke, ich könnte keine Zeile mehr schreiben, wenn dem Kronprinzen was zustoßen sollte. Ich stelle mir vor, wie tragisch das wäre, wo er doch gerade Abitur hat und wie sehr ihn das aus dem prallen Leben reißen würde. Aber das würde ich auch denken, wenn ich 100 wäre und er 68. Das hört wohl nie auf.
„Nachts sind alle Katzen grau“, sagt man. Nein, nachts sind alle Gedanken grau. Hamster und Sorgen sind nachtaktiv.
Ich verbiete sie mir und starre auf das einsame Häkchen hinter der Nachricht, die ich dem Prinzen gesandt habe.

Postkarte aus dem Rabenmütter-Verlag. (www.rabenmuetter-verlag.de)
Postkarte aus dem Rabenmütter-Verlag. (www.rabenmuetter-verlag.de)

 
Im Kopf formuliere ich die Hilfreich-Punkte für diesen Post:

  • In 99 Prozent der Fälle (eigene Statistik) macht man sich Sorgen um Dinge, die nie eintreffen.
  • Ich denke an den Hamburger Naturforscher, über den ich mal gelesen habe. Er unternahm Anfang des 20. Jahrhunderts die waghalsigsten Reisen durch die Wildnis Afrikas und Asiens, überlebte Überfälle und schwere Infektionskrankheiten und wurde nach seiner Rückkehr am Jungfernstieg von einem Auto überfahren.
  • Ich gucke keine schwedischen Krimis mehr, nur noch Filme, die von Frei Öl gesponsert werden.
  • Jugendliche lieben ihre Eltern, aber sie können ihre Überbesorgtheit nicht ausstehen. Ich weiß noch, wie erleichtert ich war,  als ich in mein Studentenzimmer zog und nachts nicht immer angstvoll zurückerwartet wurde.
  • Neale Donald Walsch schreibt:

„Ihr habt Angst zu sterben und Angst zu leben. Was für eine Art, sein Dasein zu führen!“ (Zuhause in Gott. Über das Leben nach dem Tode. München 2009, Seite 55)

 
„Pling!“ Eine Nachricht vom Prinzen: „Hey, Mama, ja alles gut. Wir sind noch unterwegs und können wegen des Unwetters gerade nicht weiter (Kuss-Smiley).“
Eine halbe Stunde später ist er da. Klatschnass und in einem Stück.
Immer fröhlich weiter schlafen!
Eure Uta
 
PS: Hier die Empfehlungen des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe:
„Suchen Sie bei Gewitter Schutz in einem Gebäude oder gehen Sie mit eng zusammen stehenden Füßen, möglichst in einer Mulde, auf den Fußballen in die Hocke.
Meiden Sie offenes Gelände, Berggipfel, Bäume, Türme, Masten, Antennen und lehnen Sie sich nicht an Zäune.
Halten Sie zu Überlandleitungen einen Mindestabstand von 50 Metern ein.
Vermeiden Sie alle Gegenstände mit Metallteilen wie Regenschirme und Fahrräder.“
Vom Bundesamt gibt es neuerdings auch die App NINA, die man sich auf sein Smartphone herunterladen kann. Dann bekommt man Gefahrenwarnungen für seinen aktuellen Standort und Notfalltipps. Besser handfeste Infos als irrationale Sorgen, oder?

  • Früher habe ich immer nur die Augen verdreht, wenn meine Mutti erst ins Bett ist, als ich zu Hause war, obwohl ich nur bei uns im Dorf unterwegs war – mit 16…
    Heute als Mutter (Sohn, 8) versteh ich sie nur zu gut! Ich krieg schon Schweißausbrüche, wenn Sohnemann nach der Schule beim Weg von der Bushaltstelle nach Hause (300 m) mal trödelt und später als sonst kommt – da renn ich am Fenster hin und her, wie ne Irre 😉

  • Ah, Uta,
    treffend beschrieben.
    und schön, wenn man hinterher drüber lachen kann…
    Unser „Kleiner“ macht grad Führerschein – und ich schwanke auch zwischen diversen Gefühlen…
    Liebe Grüße!

  • Liebe Uta,
    ich liebe Gewitter. Von drinnen natürlich mehr …
    Es gibt den Spruch: Die Angst vor dem Tod hält dich nicht vom Sterben ab, sondern vom Leben.
    Das hat uns hier schon geholfen. Aber gut, dein Post ging ja eher um sich sorgen.
    Sie sind nachtaktiv, oh ja, leider so sehr.
    Die Lütte fährt mit Papa drei Tage (zwei Nächte) zu Oma. Und ich fühle mich schrecklich. Doofe Sorgen…
    Liebe windige Grüße,
    Dorthe

  • Sehr laut loslachen musste ich grade über den Satz „Ich halte das Handy in der Hand wie meine Vorfahren den Rosenkranz.“
    Ja, genau so ist es. Vom verdammt ersten Mal an, als der Sohn zu einem Kindergartenfreund ging, bis zu meinem letzten Atemzug wird das so bleiben. Wenn es morgens auf dem Schulweg noch dunkel ist, würde ich ihn am liebsten von oben bis unten mit Reflektierband bekleben und wenn er bei jemand anderem mitfahren muss (der schon ausgesucht ist, denn manchmal gibt es auch kein O.K.), dann laufe ich Rinnen in die Dielen zwischen Küche und Schlafzimmer, bis er wohlerhalten zuhause ist und tue dann ganz gechillt. Bei Schullandheimaufenthalten würde ich sofort für einen 1:1 Betreuungsschlüssel stimmen und lächle doch tapfer und mache auf cool beim Nachwinken. Aber ungeschlagener Panikmacher sind tatsächlich nichtgelesene SMSe und Whatasapp-Nachrichten bei Verspätung oder Martinshorn in der Ferne… da kratze ich meinen Sohn gedanklich schon vom Asphalt. Gluckenpanik.
    LG, Katja

  • Ich musste so über „Hamster und Sorgen sind nachtaktiv“ lachen – unser Kleiner ist erst fünf, da gibt es noch nicht viele Nachtsorgen, aber ich verstehe trotzdem gut, was Du meinst. Und wenn die Biester – ob Hamster oder Sorgen – erst mal beschlossen haben, ins Laufrad zu springen, dann ist eben nix mehr mit Schlaf.
    Ich nehme inzwischen Sorgen einfach stoisch hin, statt mit ihnen zu ringen, sage „hallo“ zu ihnen und „setz dich doch zu den anderen“ und „möchtest du vielleicht einen Tee“, und meistens sind sie davon so überrascht, dass sie sich viel weniger aufspielen, als wenn ich versuche, sie rauszuwerfen. Bin aber ausgesprochen sicher, dass das nicht klappt, wenn unser Kind mal nachts im Gewitter mit Freunden unterwegs ist. Dann macht man sich eben Sorgen und bleibt wach, davon geht die Welt ja auch nicht unter – besonders, wenn man dann so großartige Artikel darüber schreibt wie Du, dann war es ja nicht mal umsonst. 😉
    Liebe Grüße
    Maike

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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