Mamas Wort hat Gewicht 

 28/06/2016

Warum es überhaupt nicht funktioniert, Kindern ständig in den Ohren zu liegen.

Es gibt ein paar Sachen, die müssen Kronprinz (18) und Prinzessin (15) dringend auf die Reihe bekommen. Die Bücher aus der Bücherhalle zurückbringen, zum Beispiel. Oder sich um eine Monatsfahrkarte kümmern. Oder den Gutschein, den man dem Freund vor Wochen geschenkt hat, einlösen. Endlich. Bitte! „Geht doch ganz schnell!“
Mit jeder Ermahnung wird mein Ton genervter und fast bin ich dazu geneigt, mich moralisch auszulassen. Etwa so: „Das Leben funktioniert so viel besser, wenn man zuverlässig ist.“ – „Man hält seine Zusagen ein.“ – „Freundschaft braucht Verlässlichkeit.“ ….
Funktionieren tut das alles nicht, überhaupt nicht, weder die Wiederholungen noch die schlechte Stimmung noch die moralische Keule. Das Schlimme ist ja, dass man meint, jedes Mal noch mehr drauf packen zu müssen: an Schärfe in der Stimme, an Kälte im Blick, an Lautstärke, an Moraltriefigkeit (neues Wort, gerade erfunden). Und wups, verstrickt man sich immer mehr in ein Familienleben, in dem alle ständig von einander genervt sind.
Die Lösung ist einfach. Sie geht zurück auf Jesper Juul*. Sie ist geeignet für Kinder ab 12 Jahren**. Sie ist genial. Trotzdem macht das kaum jemand, vielleicht weil man großes Vertrauen und Mut dazu braucht.
Hier die Anleitung:

  • Wenn es ein grundsätzliches Verhalten gibt, das einen nervt oder Sorgen macht beim hauseigenen Teenager, nimmt man ihn in einem guten Moment zur Seite.
  • Man drückt seine Wertschätzung aus für dieses Kind oder sein Verständnis für seine Situation.
  • Man sagt klar, was man sich von ihm wünscht. Z.B.: „Mich stört, dass du deine Zusagen nicht einhältst. Ich möchte, dass du dich zuverlässig um deine Verpflichtungen kümmerst.“ Ausrufungszeichen. Ende.
  • Nachdem man es einmal gesagt hat, wiederholt man es nie wieder. Sohn oder Tochter hat mich gehört und es hat einen Eindruck hinterlassen. Fertig.
  • Jetzt lässt man weiter Wasser durch die Elbe fließen, lehnt sich zurück und genießt, dass man als Eltern getan hat, was Eltern tun sollten: in guter Beziehung bleiben und seinen Standpunkt deutlich gemacht zu haben. Mehr kann man nicht tun – außer die Brut genießen und sehen, wie sie so ihre Erfahrungen machen.

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Mir hat der Hinweis Juuls, sich nicht zu wiederholen, sehr geholfen. Bei den Kindern immer die gleichen Ansagen herunterzuleiern, ist im Grunde ein Zeichen von Schwäche. Es heißt doch: Ich gebe selbst nicht viel auf mein Reden. Wenn ich mich beschränke auf eine Audienz und eine klare Ansage, stärkt mich das selbst. Mein Wort hat Gewicht.
Wenn ich mein Reden für wirkungslos halte, weil die Kinder dem nicht folgen, entlarve ich meine eigentliche Absicht: Kontrolle.
Ich kann und sollte Teenager aber nicht kontrollieren. Sie wollen meinen Standpunkt wissen und dann die Freiheit haben, sich selbst dazu zu verhalten. Vielleicht tun sie genau das Gegenteil von dem, was ich mir wünsche. Aber dann haben sie die Möglichkeit, ihre eigenen Erfahrungen zu machen und erwachsen zu werden. Und weil ich aufgehört habe mit der Zeter-Schallplatte, werde ich damit belohnt, dass sie ihre Niederlagen mit mir teilen und wissen wollen, was ich davon halte.
Wenn Eltern ihre Kinder massiv bearbeiten, damit sie ihnen Gehör schenken, gehen sie einem weit verbreiteten Irrglauben auf den Leim. Sie glauben, ihren Kindern sei nicht wichtig, was sie denken. Das Gegenteil ist der Fall: Jugendliche wollen wissen, wie ihre Eltern zu ihnen und ihren Entscheidungen stehen. Sie brauchen aber die Freiheit, diese Haltung nicht  übernehmen zu müssen.
Immer fröhlich bleiben und mal ausprobieren, die Dinge nur einmal zu sagen.
Eure Uta
PS: Heute bin ich mit meinem kleinen Bericht von unserem Jütland-Urlaub zu Gast auf dem Blog Amalie loves Denmark. Vielen Dank für diesen schönen Auftritt…. auch für deine Reise-Tipps vorher! Die Walnuss-Torte im Badehotel ist ein Traum.
* Siehe Jesper Juul und seinen Rat an Eltern einen 16jährigen Jungen im familylab-Newsletter 8/2016 ganz unten.
**Auch auf jüngere Kinder wird oft viel zu sehr eingeredet. Sie werden dann Mama- oder Papa-taub.
 

  • Schwierig.
    Ähm ja…hüstel…
    Ertappt!
    Da nerve ich doch tatsächlich den Sohn mit so einer Erledigungssache, obwohl ich das auch gar nicht will. Aber es rutscht mir immer wieder raus, dieses Ding mit der Suche nach einer Schülerpraktikumsstelle.
    Schlimmer noch, ich frage, wenn ich das ganze Auto voller Oberstufler kutschiere, so in die Runde, wie es denn bei den anderen damit aussieht…
    Nun…wir sind überein gekommen, dass ich jedes Wochenende einmal danach fragen darf. Und auch eine Antwort bekomme.
    Spannend.
    Aber natürlich hast du mit deinen Tipps bezüglich „nur einmal fragen“ Recht.
    Alle Achtung, wenn du das so schaffst, Uta!

  • Sehr guter Post mal wieder von dir. Eine ganz neue Herangehensweise an das Thema. Sie gefällt mir, weil sie so kinder- und familienfreundlich ist. Und auch bei einem 4-Jährigen klappt es (manchmal) schon. Meiner hatte am Wochenende Geburtstag, es gab viele Gäste und Geschenke. Und er hat tatsächlich auf mich gehört, als ich ihm einmal, klar und bestimmt sagte, dass ich nicht möchte, dass er jedem Gast sofort das Geschenk aus der Hand reißt. Danach hat er tatsächlich jedes Mal auf die Übergabe gewartet, ich war baff 🙂 Danke Uta, Ich lerne jede Woche bei dir dazu. Liebe Grüße, Christina

  • und was machst du wenn es dich selbst betrifft, wenn er sich entscheidet anders zu handeln als du willst? Mein Sohn – 17 FSJ – schuldet mir Geld, das ich ihm letztes Jahr für einen neuen PC vorgestreckt habe. Er ist zu verpeilt, faul zur Bank zu gehn und es mir zu geben. Er hat es, darum gehts nicht. Was sagt er zu mir, als ich ihm sage ich will das Geld bis Weihnachten haben – er sagt, Du verhungerst ja jetzt nicht ohne (wobei er recht hat) – aber verdammt, es ist mein Geld und er hat es zurückzuzahlen. Soll ich es jetzt jede Woche 1x die Woche sagen und ansonsten noch 1 Jahr warten? das kans ja jetzt nicht sein. Fragend die Augenbrauen hochzieh – Gruß von Eva

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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