Bestimmen Erwachsene, was Kindern gefallen muss? 

 16/11/2021

Welchen Vorwürfen Autorinnen ausgesetzt sind und wie die „Magie der Ansage“ wirkt

In der aktuellen ZEIT habe ich ein Porträt von Liane Schneider gelesen. Kennt ihr sie? Sie hat vor fast 30 Jahren eine der erfolgreichsten deutschen Kinderbuch-Heldinnen erfunden. In mehr als 25 Sprachen wurden ihre kleinen Bücher übersetzt, Kassetten und CDs wurden daraus produziert und sogar ein Kino-Film. Gerade habe ich entdeckt, dass es einen Adventskalender gibt mit dem blonden Mädchen im Ringel-Shirt hinter allen Türchen. 

Liane Schneider hat - zunächst für sich selbst und ihre Familie - ein kleines Büchlein geschrieben, in dem sie erzählt, wie ihre Tochter Cornelia in den Kindergarten kam. Mit selbstgemalten Aquarellen hat sie das kleine Heft illustriert. Und weil auch ihrer Schwester das Werk so gut gefiel, beschlossen beide Frauen, es dem Carlsen-Verlag anzubieten. Die Leute dort waren angetan von der klaren Art, Alltagsabläufe für Kinder zu beschreiben, nahmen den Text und beauftragten für die Bilder die Illustratorin Eva Wenzel-Bürger. Die Conni-Bestseller waren geboren: „Conni macht das Seepferdchen“, „Conni spielt Fußball“, „Conni bekommt eine Katze“ … Ihr kennt die Reihe. 

Rollenklischees und heile Welt

Im Untertitel der ZEIT-Geschichte steht: „Kinder lieben Conni. Eltern hassen sie“. Die Erwachsenen würden sich - so heißt es im Artikel - an der einfachen Sprache reiben, an den Rollenklischees, der Schablonenhaftigkeit der Figuren und der heilen Welt. Der Verlag sah sich sogar veranlasst, das Heft „Conni kommt in die Schule“ zu überarbeiten, weil die Mama in der Geschichte Conni zur Einschulung einen Turnbeutel näht. Darauf schrieben erboste Mütter, ihre Kinder würden sie nach der Lektüre unter Druck setzen, ebenfalls Beutel zu nähen, und sie könnten nicht nähen und hätten auch anderes zu tun. In der neuen Ausgabe der Einschulung-Geschichte lässt Connis Mutter Anna nun das Handarbeiten. Ich habe das Büchlein nicht vorliegen. Deshalb weiß ich nicht, ob nach der Zensur der Vater Beutel nähen muss, man das Turnen und den daraus folgenden Ausstattungsbedarf unter den Tisch fallen ließ oder schnell ein Beutel im Internet bestellt wurde. Sicher gab es dann Zuschriften anderer Leser. Wie ein Verlag voraussetzen könne, dass jeder Geld für industriell gefertigte Turnbeutel hätte, warum Familie Klawitter nicht das lokale Sportgeschäft unterstützt hätte…

Im Gespräch mit ZEIT-Autorin Lisa Frieda Cossham versichert Conni-Erfinderin Liane Schneider, dass sie einfach beschrieben habe, wie sie selbst die Zeit mit ihrer Tochter erlebt habe. Turnbeutel-Nähen gehörte offenbar dazu. Dazu gehörte aber auch, dass sie neben der Betreuung ihrer Tochter jahrelang ihre kranke Mutter pflegte. Und wenn diese bei der Dialyse war, schrieb Schneider zur Ablenkung nette Geschichten.

Muss man wegen der heilen Welt mit den schablonenhaften Figuren Conni hassen? Oder ihre Bilderbuch-Mama, die - obwohl als Kinderärztin tätig - auf dem Spielplatz ein vorbildliches Picknick dabei hat, die nicht herumschreit, nicht geschieden ist? Herumschreien tut die Autorin wohl selbst nicht, weil sie eher der leise und beherrschte Typ ist, eine Scheidung dagegen ist Teil ihrer eigenen Realität. 

Verdienst der Autorin

Ich möchte für die Conni-Bücher eine Lanze brechen und ein Argument nennen, das in dem Artikel über Liane Schneider nicht erwähnt wird und was ich für ein großes Verdienst der Autorin halte: Ihre kleinen Geschichten bereiten Kinder auf Ereignisse vor und nehmen ihnen die Angst, weil sie sich vorher ausmalen können, was sie erwartet beim Schulanfang, beim Friseur, beim Kinderarzt, beim bevorstehenden Umzug, im Camping-Urlaub, in der ersten Ballettstunde … 

"Ich habe oft gehört, dass meine Bücher Kinder zum Erzählen anregen und ihnen Mut machen: Wenn Conni das schafft, dann schaffe ich das auch!"

- Liane Schneider, 64, zitiert in "die ZEIT" vom 11.11.21

Kinder lieben es, sich auf etwas einstellen zu können. Wir Erwachsenen waren ja schon zigmal beim Arzt, deshalb haben wir wenig Fragen zum nächsten Termin. Wir googeln, was es braucht, um eine Katze zu versorgen, oder wissen, was eine Ballettlehrerin vom Kind erwarten könnte. Wer deshalb die Conni-Bücher verdammt, betrachtet sie ausschließlich aus einer Erwachsenen-Perspektive. Dass ich einen gewissen Einfluss auf das Angebot an Büchern und Filmen für mein Kind nehme, ist klar. Aber es stellt sich die Frage aus dem Titel dieses Beitrag: Darf ich als Mama oder Papa eins zu eins bestimmen, was meinem Kind gefallen sollte und was nicht?

Beispiel aus dem Coaching

Eine Mama aus meinem Coaching hatte meistens Stress, wenn sie abends mit ihren beiden Kindern (fünf und zwei Jahre) vom nachmittäglichen Musikkreis nach Hause fuhr. Der ganze Abend war im Eimer, weil die eine über Bauchschmerzen klagte, während der andere auf der Stelle sein Abendbrot wollte. Seit Marlene** aber den Kindern im Auto genau beschrieb, wie der Abend idealerweise laufen würde und sie sich erst noch einen Kaffee gönnen würde, ehe sie sich wieder um die Kinder kümmern würde, lief es bestens. „Mein Sohn murmelte die ganze Zeit auf der Rückbank ‚Mama trinkt Kaffee, kein Theater machen, Abendbrot mit Kerze …‘, berichtet Marlene, „das war die Magie der Ansage.“ 

Diese Magie der Ansage wirkt auch bei den Conni-Büchern. Deshalb - so könnte ich mir denken - lieben die Kinder sie so sehr. Denn sie fühlen sich mit ihnen gut vorbereitet auf ihren hoffentlich gelingenden Kinderalltag. Und um zu verarbeiten, wenn etwas schief geht, haben sie hoffentlich andere Bücher im Schrank.

Immer fröhlich bleiben und Kinderbuch-Heldinnen Turnbeutel nähen lassen, wenn sie es denn mögen.

Eure Uta 

* Das Foto von den Covern der Pixi-Bücher und das Foto der Autorin habe ich mit Genehmigung von Carlsen von der Verlagsseite herunter geladen.

**Name der Mama geändert

***Dieser Beitrag gilt als Werbung. Ich habe dafür aber weder Geld noch Bücher bekommen.

  • Ganz ehrlich? Genau das habe ich auch immer an den Büchern geschätzt. Als meine Tochter mit Verdacht auf Armbruch im KH geröntgt werden musste konnte ich sagen: „Jetzt macht der Arzt ein Bild von deinen Knochen wie bei Conny.“ Und wir konnten den ganzen Vorgang miteinander besprechen weil meine Tochter eben im Bilde war.

  • Wir haben viele Conni-Büchlein gehabt (gerade habe ich sie alle den kleinen Cousinen unserer Kinder geschenkt). Ich fand die einzelnen Geschichten gar nicht so schlimm. Aber in der Masse waren sie wirklich nervig. Das ist aber tatsächlich zuerst meiner damals etwa 5 jährigen Tochter aufgefallen. Die meinte (paraphrasiert): Conni kann alles, erlebt viel mehr als normale Kinder, darf alles ausprobieren und hat dabei Erfolg. Und ihre Mama ist immer da.
    Danach hatte ich keine Freude mehr an diesen Pixis. Aber Bobo Siebenschläfer ist schlimmer. Ich könnte aber aus dem Stegreif auch ein halbes Dutzend bessere Reihen nennen.
    Viele Grüße SteffiFee

  • In meinem früheren Leben war ich Buchhändlerin.
    Conni gab es da auch schon. Conni in allen Lebenslagen, Conni kann alles! Wir haben damals mit Kollegen/innen immer die Reihe weitergesponnen: „Conni in der Pubertät“ (die Bücher mit dem Thema gibt es inzwischen tatsächlich!),
    „Conni´s Hochzeit“, „Conni und ihr erstes Baby“, „Conni trennt sich“ und dann wurde es immer wilder:
    „Conni kommt in die Wechseljahre“, „Conni bekommt eine Lesebrille“, „Conni und ihr Rollator“, „Conni kommt ins Pflegeheim“….
    Trotz aller Kritik und Witzen über die Serie, meine Tochter hat die Geschichten geliebt und lange stand in ihrem Zimmer eine fast lebensgroße Holz-Conni, die mein Mann gesägt und ich bemalt haben. Sie wird sich wohl ihr Leben lang an Conni erinnern, so wie ich selber an „Jan und Julia“ von Magret Rettich aus den 80ern.

    • Die Jan und Julia Bücher hab ich allen drei Töchtern vorgelesen, auch unserer Jüngsten die jetzt 7 ist. Und alle fanden sie toll, unser Favorit ist das Urlaubsbuch 🙂

  • Ich verstehe, dass Conni den Eltern irgendwann auf die Nerven geht. Aber seit Conni mir die jährliche Untersuchung bei der Kinderärztin gerettet hat, lese ich meinen Kindern so oft Conni vor, wie sie wollen. Die Grosse hat damals die ganze Praxis zusammengebrüllt, nix ging, schon beim Wiegen und Vermessen blockte sie total, die Ärztin durfte sie nicht einmal anfassen. Also haben wir „Conni geht zum Kinderarzt“ ausgeliehen und täglich zusammen angeschaut. Und drei Wochen später hat meine Tochter alles völlig problemlos mitgemacht, wie Conni eben auch. Seither weiss ich, dass diese Bücher Gold wert sein können, auch wenn sie für uns Eltern manchmal nervig sind!

  • Ja Conni und ihr Leben scheint perfekt zu sein, aber wer ist denn auch Zielgruppe dieser Lektüre? Meinen Kindern hat es gut gefallen was Conni erlebt, manchmal die Angst genommen oder aber auch inspiriert. Ich finde sie recht „normal“ und denke auch nicht, dass sie außergewöhnliche Dinge erlebt. Eine recht heile Welt tut den jüngeren Lesern doch auch gut. Ehrlich gesagt bin ich entsetzt darüber, dass der Verlag wirklich den Schulband geändert hat und es Menschen gibt die sich über einen genähten Turnbeutel bei einem Verlag beschweren. Vielleicht sollten diese ihre Zeit dazu nutzen Nähen zu lernen oder aber ihren Kindern erklären, dass nicht jeder alles können muss und das auch gut so ist. Und auch Jan und Julia oder Bobo Siebenschläfer wurden gern gelesen..auch keine literarischen Meisterwerke und trotzdem geliebt ☺️

    • Ich würde normal gerade nicht in Anführungszeichen setzen, denn das repräsentiert es ja. Eine Familie mit einem männlichen und einem weiblichen Elternteil und zwei Kindern ist in Deutschland der Durchschnitt. Aber wenn das als „heile Welt“ bezeichnet wird, was ist dann mit allen anderen Welten, sind die kaputt?
      Vielleicht sind solche Überlegungen ein Hinweis daruf, was an Conni ggf. problematisch sein könnte.

      • Das stimmt! Deshalb die „heile Welt“ in Anführungszeichen. In einer heilen Welt wäre es gar kein Thema, weil selbstverständlich alle Formen des Zusammenlebens präsent sind und niemand zu kurz kommt

  • Ich finde man muss nicht die existierenden Conni Bücher kritisieren. Wenn Connis Mutter Zeit und Lust hat einen Turnbeutel zu nähen, dann ist das toll. Ich habe dazu weder Zeit noch Lust, kann und mache für uns mit meinem Kind aber andere Dinge, die Connis Mutter nicht tut. Das ist ok. Jede hat ihre Stärken. Das würde ich auch genau so mit meinem Sohn thematisieren. (Und ihn vielleicht zum Handarbeitskurs anmelden, wenn ihn das interessiert. Dann kann er sich selbst einen Turnbeutel nähen).

    Man kann vielleicht eher die nicht existierenden Conni Bücher kritisieren. Warum gibt es kein Buch über die Trennung von Connis Eltern, warum werden nicht andere „negative“ Erfahrungen thematisiert? Das wäre doch sehr hilfreich, gerade wenn die Kinder so für Conni schwärmen.

    Wir haben (noch) keine Conni, aber sehr unterschiedliche Bücher. Manche mag ich mehr, andere weniger, manche mein Sohn mehr, andere weniger. Manchmal sind wir einer Meinung, manchmal nicht. In einigen Büchern ändere ich beim Vorlesen den Text (wenn zB eine Frau im Kittel mit Tieren abgebildet ist, die als Tierarzt bezeichnet ist, dann lese ich Tierärztin).
    Es gibt aber durchaus Bücher, die hier nicht einziehen dürfen. Solche, in denen Menschen diskriminiert, als zweitklassig dargestellt oder marginalisiert werden. Mich gegen solche Bücher zu entscheiden, ist – in meinen Augen – ein wichtiger Teil von Erziehung.

  • Wir haben recht viele Conni Bücher und sie werden gern vorgelesen. Gerade die sogenannte „heile Welt“ mag ich eigentlich an der Serie. Es darf doch auch ein bisschen heile Welt gerade in unserer verrückten Welt geben. Alles um einen herum „gender-“ und sonstwie-korrekt zu machen und in jedem Atemzug alles nicht-heile-Welt-mäßig zu thematisieren ist doch auch anstrengend. Wenn ganz selbstverständlich parallel zu Conni alle möglichen anderen Bücher im Regal stehen, bildet sich doch auch wieder ein bisschen die reale Welt ab, in der maches klischeehaft läuft und manches eben nicht.

    Viele Grüße,
    Rini

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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