Der 3. Weg bei kleinen Kindern 

 21/06/2015

Was tun, wenn Junior (4) sich nicht die Zähne putzen lässt.

Ich werde mal gedanklich durchspielen, wie der  „3. Stil“ in der Erziehung bei kleinen Kindern aussehen könnte. Ich schreibe das hier nicht, weil bei mir immer alles perfekt lief. Im Gegenteil. Meine Reaktionen waren wie eine Wippe auf dem Kinderspielplatz. Immer wieder versuchte ich es ohne Führung, was aber so aus dem Ruder lief, dass ich in einen autoritären Stil kippte. Wie bei einer Wippe. Einer steigt plötzlich ab, der andere knallt aus dem Himmel auf den halben Autoreifen, der unten im Sand steckt. Aua!
Ich wollte die Persönlichkeit meiner Kinder achten und dass sie sich möglichst frei entwickeln konnten. Aber im Alltag ging ich damit baden. Da wollte ich heraus. Deshalb begann ich, viel zu lesen und diesen Blog zu schreiben. Wenn mir ein Dilemma begegnete, habe ich es mit Hilfe anderer Autoren bearbeitet, um mich daran weiter zu entwickeln und Lösungen zu finden.
Thema der letzten beiden Posts war der 2002 verstorbene amerikanische Psychologe Thomas Gordon und sein Buch „Die neue Familienkonferenz“. Jetzt möchte ich Jesper Juul  ins Boot holen. Gordon glaubte, dass Macht in Beziehung zu Kindern grundsätzlich destruktiv sei. Das ist verständlich, weil Gordon Teil einer großen Gegenbewegung gegen autoritäre Erziehung war. Aus meiner Sicht aber entwickelte Jesper Juul die Theorien der Humanistischen Psychologen weiter, indem er den Begriff der „Führung“ ins Spiel brachte.

„Es besteht (soviel ich weiß) kein fachlicher Zweifel daran, dass Kinder die Führung Erwachsener brauchen, wenn sie sich gesund entwickeln und selbstdestruktives Verhalten vermeiden sollen. Das Prinzip der Gleichwürdigkeit stellt dies nicht in Frage, fordert jedoch eine bestimmte Qualität dieser Führung.“ (Jesper Juul: Die kompetente Familie. Neue Wege in der Erziehung. München 2009. 5. Auflage, Seite 75)

„Eine bestimmte Qualität dieser Führung“ – darum geht es. Mit Gordon und Juul im Kopf werde ich ein Beispiel bearbeiten:
 
Junior, 4 Jahre alt, lässt sich nicht die Zähne putzen.

  • Sich zunächst fragen, was dahinter stecken könnte (Bedürfnis, das hinter der Störung liegt). Ist es der in dem Alter typische Drang nach Selbstständigkeit? Könnte es helfen, ihm anzubieten, es alleine zu machen, und dann putzt Mama oder Papa noch ein bisschen nach?
  • Sollte es nicht besser werden, sagen: „Ich mache mir Sorgen um deine Zähne. Wenn du sie nicht putzt und ich sie nicht putzen darf, werden sie kaputt gehen. “ (Ich-Botschaft) Jetzt werden findige Rhetoriker sagen: „Das ist doch bloß eine Formulierungsfrage. Ich kann jede Kritik in eine Ich-Botschaft umformulieren. ‚Mich stört, dass du so blöd bist‘.“ Einen Satz auf diese Weise umzubauen, hilft natürlich gar nichts. Auch hier geht es um die innere Haltung. Ich muss als Eltern klar und unerbittlich dabei bleiben: „Ich will, dass du die Zähne putzt.“
  • Wer das eine Weile einübt mit den Ich-Botschaften, gewinnt nicht nur mehr Klarheit über die eigenen Bedürfnisse, sondern ist auch seinem Kind ein Modell dafür, wie man seine persönlichen Grenzen absteckt. Wenn diese Grenzen gegenseitig respektiert werden, stärkt das bei allen Beteiligten das Selbstbewusstsein.
  • Als ich neu war in meiner Rolle als Mama, hatte ich gar nicht das Vertrauen in mich selber, dass es kraft Persönlichkeit reichen würde, wenn ich sagen würde: „ich will das  so“ oder „ich will das nicht“. Deshalb war ich ganz schnell mit Drohungen bei der Hand, um meinen „Ansägchen“ mehr Kraft zu geben. Und dann kommt man in diesen Strudel, dann muss man die Drohungen wahr machen und sich im eigenen Familien-Universum wie ein Gott-Vater aus dem Alten Testament benehmen. Das wird furchtbar für alle.
  • Zurück zu Junior und dem Streik beim Zähneputzen: Wenn die Verweigerung anhält, werde ich keine Süßigkeiten mehr kaufen. Aus echter Sorge ergibt sich das ganz natürlich. Und wenn er nach „Naschis“ fragt, werde ich wahrscheinlich antworten: „Ich kaufe im Moment keine mehr, weil es mich umtreibt, dass deine Zähne gerade nicht geputzt werden.“ Aus, fertig, keine weiteren Ausführungen, keine Predigt zusammen mit Karius und Baktus* von der elterlichen Kanzel. Das ist natürlich eine Konsequenz. Aber eine Natürliche. Eine, die nicht zur Strafe „aufgetunet“ wird.
  • Der „3. Weg“ hält keine Tricks bereit, die gleich am ersten Abend Wunder bewirken, es ist keine Methode, mit der man Kinder zum reibungslosen Funktionieren bringt. Aber ein Weg, der allen Beteiligten ermöglicht, ihre Integrität zu wahren. Wenn ich mir den Aufsässigen zwischen die Beine klemme und ihm gewaltsam die Zähne putze, wird er auch mich respektlos behandeln, sobald er die Kraft dazu hat.
  • Den „3. Weg“ nennt Gordon eine „niederlagenlose Methode“. Es gibt keine Sieger und keine Verlierer. Jeder kann sein Gesicht wahren. Dazu muss ich Geduld haben und in Beziehung bleiben.

Ich hoffe, das war nicht zu theoretisch, und ihr bleibt mir weiter fröhlich gut gesonnen.
Eure Uta
* Dass man mal zusammen ein Buch angeguckt hat, in dem erklärt wird, was Karies ist, davon gehe ich aus.
PS: Ich habe meine Bücherliste um eine Kurz-Besprechung von Juuls „Die kompetente Familie“ ergänzt. Vielleicht mögt ihr mal hier vorbei schauen.
 

  • Hallo Uta!
    Hier noch eine andere Variante, anzuwenden in ganz schwierigen
    Situationen.
    Hinzuweisen auf Omas und Opas Kauverhalten.
    Erfolg ist garantiert.
    Oma

  • Liebe Uta,
    immer wieder erinnern mich die Ansätze zum Umgang mit Kindern, insbesondere Kleinklindern, an Inhalte aus Führungskräftseminaren. Besonders die Ich-Botschaften und das Zusammenfassen der besprochenen Inhalte, das aktive Zuhören.
    Auch bei Erwachsenen bewirken Ich-Botschaften Wunder. 🙂
    Ich mag deine aktuelle „Themenreihe“,
    liebe Grüße,
    Frieda

  • Danke, Uta! Mit der einsichtigen Vierjährigen klappt das ja ganz gut (bei uns zumindest und zur Zeit), aber was machen wir mit dem grade Zweijährigen, der wirklich schwierige, kariesanfällige Zähne hat? Bis jetzt gehen wir da leider den respektlosen Weg ihm gegenüber, ganz wie du es beschreibst – wenn auch immer wieder erklärend und natürlich allerseits unglücklich mit die Situation. Hast Du eine Idee? Danke und einen wunderschönen Abend! 🙂

  • Liebe Uta,
    Dein Beispiel klingt erstmal einleuchtend. Aber was, wenn die Konsequenz keine Wirkung zeigt? Ich beispielsweise war nie ein Naschkind, zumindest nicht bei den klassischen Süssigkeiten, und dem Kind alle kariesverursachenden Nahrungsmittel vorenthalten (nächste logische Konsequenz) geht ja auch nicht, dann müsste es hungern…
    Hm, alles nicht so einfach, ich merke gerade, dass ich mich mit solchen Themen verstärkt beschäftigen sollte. Hier mitlesen hilft schonmal, aber bisher war das meist ein netter Blick in die ferne Zukunft. Bisher habe ich mich intuitiv an Babys Bedürfnissen orientiert, was dann rasch zu Stillen nach Bedarf, Familienbett und Tragetuch geführt hat (trotz teils gegenteiliger früherer Vorstellungen). Aber mit der kindlichen Entwicklung werden die Themenfelder immer komplexer und seit einigen Monaten entwickelt Mini ihren eigenen Willen, (und wenn sie nach ihren Eltern schlägt, wird sie sich einen ordentlichen Dickkopf zulegen), da schadet etwas Theorie wohl nicht. Hast du mir da fürs Kleinkindalter eine grundlegende Buchempfehlung?
    LG, Julia

    • Liebe Julia, auf dein Gefühl scheint ganz gut Verlass zu sein. Gerne gebe ich dir trotzdem Buchtipps: Herbert Renz-Polster: Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt. (Sehr spannend, auch wenn man manchmal etwas verwirrt ist. So nach dem Motto: Was heißt das denn jetzt für die Praxis?)
      Jesper Juul: Dein kompetentes Kind. (Hier geht es zwar nicht speziell um kleine Kinder, aber hier kann man sich von einer Haltung zum Kind inspirieren lassen, die allen Beteiligten viele Konflikte erspart, grundlegend für die ganze Zeit mit Kindern!)
      Was die Kleinkind-Phase angeht, haben Hebammen tolle Buchtipps. Da sollte ich mich auch mal wieder auf den aktuellen Stand bringen. Vielleicht kann die eine oder andere Leserin hier noch einen Hinweis geben.
      Und schließlich mein eigenes Buch :-))))), das im September bei Ellert&Richter in Hamburg erscheinen wird. In wenigen Wochen kann ich dir gerne ein Rezensionsexemplar schicken.
      Viele Grüße von Uta

  • Gerade das Thema Zähneputzen war damals sehr interessant. Für mich, nicht die Kinder, die fanden es super uninteressant. Nur ich habe die Nase von diesem ewigen Theater die Nase voll gehabt. So entstand das Zahnorchester. Die Kinder waren die Instrumente und die Mama der Dirigent. Ich habe also ein Lied gesungen und dabei dirigiert. Rechte Hand hoch und wie wild rumgewedelt, wie ein Dirigent eben! Die Zahnbürste flutschte nach oben und schrubbte die hintere Zahnleiste. Und so wurde Seite für Seite geputzt, die Kids fanden es ganz toll und zum Schluss wurde sich mit Verbeugung und Applaus verabschiedet. Hat eine Zeit ganz gut gewirkt…! Aber dein Ansatz ist natürlich über längeren Zeitraum gesehen, effektiver. Außerdem taten mir danach immer die Arme weh … 😉
    LG
    Claudia

  • Danke für die Buchtipps, da werde ich mal reinschauen. Und natürlich würde ich mich über ein Rezensionsexemplar freuen, wenn dein Buch erschienen ist!

  • Liebe Uta,
    die richtige Formulierung zu finden, also die Ich-Botschaft, ist leider nicht so einfach, wenn man soo wütend ist … dann kann man (bzw ich) nicht darüber nachdenken, was grad die richtige Formulierung ist.
    Aber ich habe grad vorhin gemerkt, als die Wut noch nicht so groß war, dass es ein bisschen klappt 🙂
    Auf dein Buch freue ich mich übrigens auch schon 🙂
    Liebe Grüße,
    Dorthe

  • Hallo Uta!
    Das finde ich alles klasse und logisch, was du schreibst. Was aber, wenn große Geschwister logische Konsequenzen (Zustecken von Süßigkeiten) und der Vater eine gleichwürdige Erziehung torpedieren („Ich mach das auf meine Art“)?
    fragt sich ratlos die Mutter eines morgen 4jährigen Juniors mit gesunden Impulsen und wenig Lust auf Zähneputzen

  • Hallo Uta,
    ich finde Ich-Botschaften wirklich klasse. Auf der Arbeit mit jungen Erwachsenen hat es mir bei Konflikten schon viel geholfen. Manchmal hilft nämlich ein „ich nehme es so wahr“ statt ein „Es ist so gewesen“ schon, damit die Klienten bereit sind zuzuhören statt einfach dicht zu machen.
    Aber es bedarf halt etwas der Übung bis einem das flüssig gelingt und ich kannte es bis vor Kurzen noch gar nicht als Möglichkeit mit Kleinkindern so umzugehen (dann habe ich ein Buch von Jesper Juul gelesen).
    Liebe Grüße
    Nanne

  • Liebe Uta,
    was hab ich da gelesen, dein Buch erscheint bald? Ich möchte es auf jeden Fall vorbestellen. Im Moment hab ich „Born to be wild“ hier liegen. Das bestärkt mich in einigen Punkten. Was das Zähneputzen betrifft hat es bei den beiden großen (10 u fast 12) geholfen Ihnen von den kleinen Tierchen zu erzählen die ihre Geschäfte auf den Zähnen verrichten 😉 wie es mal mit der kleinen Motte (9 Monate ) wird, wird sich zeigen.
    Viele liebe Grüße tanja

    • Liebe Tanja, ja, mein Buch erscheint Anfang August. Ich werde es bald hier präsentieren und schreiben, wann und wo man es bekommt. Über deine „Vorbestellung“ freue ich mich sehr. Viele Grüße, Uta

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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