Warum Zwiegespräche so wichtig für die Familie sind.

Es gibt Ideen, die sind so einfach und so wirksam, dass ich mit dem Schreiben darüber kaum an mich halten kann. Eine solche Idee ist das Zwiegespräch. 

Sie stammt von dem 2002 verstorbenen Psychoanalytiker Michael Lukas Moeller. Vielleicht kennen manche von euch seinen Klassiker „Die Wahrheit beginnt zu zweit“. Im Wesentlichen geht es darum, sich in der Partnerschaft regelmäßig Zeit für Gespräche zu nehmen, bei denen jeder 10 oder 15 Minuten ungestört über seine aktuelle Befindlichkeit spricht. Der andere darf ihn oder sie dabei nicht unterbrechen. Nach Ablauf der Zeit wird gewechselt. 

Mein Mann und ich hatten eine Krise. Da besann ich mich auf diese Methode und wir beide sind begeistert, wie sehr sie uns geholfen hat. Zwar haben wir uns nicht - wie empfohlen - einander gegenüber gesetzt, sondern sind sehr lange spazieren gegangen, in der Hosentasche das Smartphone, dessen Timer brummte, wenn die jeweilige Redezeit abgelaufen war. 

Wir sind in Hamburg gelaufen und in München und uns ist klar geworden, dass wir in Monaten nicht so viel voneinander erfahren haben, wie in diesen klar geregelten Redezeiten. 

 Michael Lukas Moeller, Psychoanalytiker, in seinem Buch "Die Wahrheit beginnt zu zweit"

„Wir sprechen über Dinge, die wir zu erledigen haben, Erziehungsfragen, Urlaubspläne, Berufsprobleme, Geldausgaben - darüber zu sprechen, gilt heute schon als höchst persönlich und ist doch nur eine Form der Alltagsverwaltung.“ 

Alltagsverwaltung - ja, das trifft es. Wie schnell gibt man sich zufrieden mit der Bewältigung der täglichen Anforderungen, wie leicht passiert es, dass man zu wissen meint, wie es dem anderen geht, oder man - besonders mit kleinen Kindern - schlicht zu erschöpft ist, um sich dafür zu interessieren. 

Wichtig ist, den Partner in keiner Weise zu unterbrechen und auch nicht auf das zu reagieren, was er oder sie sagt. Ich ertappte mich dabei, dass ich kurz vor Schloss Nymphenburg den Daumen hoch hielt, weil ich ihm freudig zustimmen wollte. Ein anderes Mal hätte ich gerne heftig den Kopf geschüttelt oder ihn mit einem Stock geschlagen, der am Wegesrand lag. Wesentlich für das Zwiegespräch ist aber, dass aus einer Person ungehindert und unbewertet heraus strömen darf, was sich an Gefühlen und Gedanken in ihr angesammelt hat. Dazu kann auch gehören, dass man minutenlang schweigt. Denn manchmal braucht das Sprachzentrum Zeit, um das Innerste in Sätze zu gießen.

Wenn man nicht gerade in einer schwierigen Zeit steckt, findet man es vielleicht albern, mit dem Liebsten im Takt der Eieruhr zu sprechen. Auch ich kenne die Methode seit Jahren und weiß, dass sie nicht nur in Konfliktsituationen, sondern auch vorbeugend hilft. Trotzdem habe ich es schludern lassen. Man denkt: Ach, sprechen können wir auch so. Die Wirkung ist aber unvergleichlich. Ein guter Freund von mir ist in vierter Ehe verheiratet. Er schwört auf das Zwiegespräch und sagt, die Methode helfe ihm, es diesmal nicht zu vermasseln. 

Selbst wenn man sich intensiv auseinandersetzt, neigt man dazu, dem anderen gar nicht richtig zuzuhören, sondern im Kopf schon zum Gegenangriff zu blasen, schlagkräftige Argumente zu suchen, das Gesagte zu zerlegen, wie ein Tier, das man erbeutet hat, als ginge es um Sieg und Niederlage und nicht um Liebe und Verständnis. 

Wenn ich coache und beide Elternteile kommen zum Gespräch, erlebe ich das immer wieder: Es fällt den meisten Paaren unglaublich schwer, einander ausreden zu lassen. Er und sie hören nicht richtig zu, jeder legt sich im Kopf schon zurecht, was er als nächstes sagen, ergänzen, widerlegen möchte, während der jeweils andere noch redet. Normale Gespräche können Rechthaberei und Streit noch befeuern, während Zwiegespräche Frieden und Verständnis schaffen. 

Nachdem sich bei uns am Wochenende in München so viel Wahrhaftiges ans Licht gekämpft hatte, haben wir auch mit einem unserer Kinder ein Zwiegespräch, äh, „Triegespräch“ geführt. Jeder fünf Minuten. Immer der Reihe nach.

Endlich wagte jeder, sein Blatt vom Mund zu nehmen, wurde ehrlich gesagt, was gerade stört im familiären Miteinander. Eigene Ängste, Sorgen, Zweifel kamen auf den Tisch, Missverständnisse klärten sich, alte Vorwürfe lösten sich auf, Tränen flossen. So nah waren wir uns lange nicht mehr. 

Es macht mich sehr glücklich zu sehen, dass wenn wir uns als Paar weiter entwickeln, es auch Veränderungen bei den Kindern anstößt. Es ist wie die sich fortpflanzende Bewegung bei einer Reihe von Dominosteinen. Deshalb werde ich auch nicht müde, darüber zu schreiben, wie wichtig das Glück von Mama und Papa für die Kinder ist. 

Wie geht ein Zwiegespräch?

  • Regelmäßigkeit: wenigstens einmal pro Woche eineinhalb Stunden ungestörte Zeit
  • Fester Termin: Das Gespräch vor Wochenstart fest mit dem Partner vereinbaren und in den Wochenplan eintragen, sonst geht der Vorsatz unter im Alltäglichen.
  • Gleicher Ablauf: Dafür sorgen, dass die Kinder schlafen oder betreut sind,  Smartphones in den Flugmodus, Kaugummis raus, sich gegenüber sitzen, Timer stellen und jedem die gleiche Redezeit gewähren. Bei uns funktioniert auch Spazierengehen mit Timer in der Hosentasche.
  • Feste Regeln: Einer redet, der andere hört zu. Und dann wechseln. Nur zuhören, keine Kommentare, kein Kopfschütteln, keine Grimassen oder Fingerzeichen, ganz Ohr sein. Nachdem jeder seine Redezeit hatte, gemeinsamer Austausch über das Gesagte. Ohne Limit.
  • Bei sich bleiben: „Jeder spricht über das, was ihn bewegt: wie er sich, den anderen, die Beziehung und sein Leben sieht.“ (Moeller, ebenda, Seite 121)
  •  Keine Vorwürfe: Statt „Du lässt mich im Stich …!“ lieber „Ich fühle mich in letzter Zeit häufig allein gelassen …“
  • Nicht aufgeben: Kommt man sich anfangs auch komisch vor wegen der Regeln, wird dieses Gefühl bald nachlassen und man wird die wunderbare Wirkung des Zwiegesprächs spüren und es nicht mehr missen wollen.

Mein Buch-Tipp: 

Wie immer freue ich mich, wenn ihr hier einen Kommentar hinterlasst. Habt ihr so etwas wie einen "Jour fixe" mit eurem Partner?

Immer fröhlich sich trauen, Zwiegespräche zu führen. Das macht einen so großen Unterschied in Partnerschaft und Familie,

Eure Uta 

PS: Ich habe das Buch selbst bezahlt, trotzdem gilt dieser Beitrag nach den Bestimmungen als Werbung.

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  • Liebe Uta, toller Artikel! Gerade heute morgen habe ich mich wieder mit meinem Mann für Ende nächster Woche verabredet. Ja, der Termin ist ‚reingedrückt‘, weil eigentlich jeder Abend schon belegt ist – wie immer, mit Leben, Arbeit, Verabredungen oder Verpflichtungen, und ich/wir eigentlich auch mal einen Abend ‚Nichts‘ gebrauchen könnte, aber mir war es wichtig, das wir auch mal wieder uns Zeit nehmen – er fand die Idee super – einfach für uns, ohne ein Muss – und es ist schön, wie du schreibst, mehr vom anderen mitzubekommen, die Beziehung ist ein Fundament, von dem wir aus agieren, ein Schatz, der gepflegt werden muss… und damit auch mal erste Prio bekommen muss… Redezeiten sind eine tolle Idee, gerade, wenn einer mehr redet 😉 Dein Vorschlag ist super… 😉 Danke!

  • Liebe Uta,
    das ist wirklich ein guter Anstoß. Ich fand auch sehr hilfreich das Buch : „Die 7 Geheimnisse einer glücklichen Ehe“
    Zum Glück hat mein Mann nicht komplett abgeblockt und wir konnten ein paar der Übungen umsetzen, was interessant war und uns auch näher gebracht hat.
    Das Zwiegespräch werde ich glaub auch mal anregen. Danke!
    Viele Grüße,
    Marie

  • Liebe Uta,
    danke für diese schöne, so ehrliche und persönliche Erfahrung und deine Vorstellung dieser Methode. Unter diesem Namen kannte ich sie noch nicht, aber mir ist der Austausch mit den geregelten Redezeiten, in denen nicht unterbrochen wird, schon aus anderen Kontexten bekannt. Irgendwie scheint sich diese Methode in leicht unterschiedlichen Mäntelchen an vielen Stellen zu bewähren… 🙂
    Ich hatte sie auch mal mit meinem Partner ausprobiert, zwar nur 5 Minuten lang, aber ich fand schon diese, an sich ja enorm kurze Zeit, unglaublich wohltuend. Es ist so viel Druck abgefallen, ich konnte während des Redens ganz bei mir bleiben. Mir hat es sehr gut getan. Schade fand ich, dass es ihm nicht so ging. Mein Angebot, dass er doch jetzt dran wäre, wollte er nicht nützen, er sah für sich bzw. für uns keinen Mehrwert darin. Das ist schade, wenn die Bereitschaft beim anderen fehlt… jemanden zu dieser Art der Offenheit zu zwingen, ist ja auch nicht Sinn der Sache. Vielleicht hast du da eine Idee, wie man in so einem Fall vorgehen könnte?
    Ich finde es toll und mutig, dass ihr diese Methode auch auf eure Kinder ausgeweitet habt. Wenn das in der Paarbeziehung so eine große Wirkung hat, warum dann nicht davon auch in anderen Beziehungen profitieren? Kinder, Freunde, Arbeitskollegen… die Welt könnte wohl wirklich ein bisschen friedlicher und verständnisvoller werden… (und es gut gebrauchen! ;))
    Liebe Grüße, Theresa

    • Liebe Theresa, danke, dass du von deinen Erfahrungen geschrieben hast! Und, ja, mir ging es auch so, dass ich überrascht war, wie viel man schon in fünf Minuten von dem los werden kann, was einem schon lange auf der Seele brennt.
      Puh, wenn der Partner abblockt, was macht man da? Ich würde im Gespräch (vielleicht erst einmal ohne Regeln und Methode) klären, warum er es ablehnt, fünf Minuten über sich zu sprechen. Was befürchtet er? Was stört ihn daran? Und was braucht er, um in der Beziehung glücklich zu sein? Ich würde – glaube ich – sagen: „Eine wichtige Bedingung für erfüllte Partnerschaft ist für mich, offen reden zu können. Was ist es für dich? Was brauchst du für mehr Nähe?“
      Viele Grüße, Uta

  • Oh ich freue mich so so sehr über diesen Artikel, denn genau diese Methode hat – da sind wir uns beide einig – unsere Ehe gerettet nach einer fiesen Krise. Die Methode ist so denkbar einfach. Ein Paarberater, zu dem wir hoffnungslos gingen, hatte sie uns als Hausaufgabe gegeben, und wir nahmen sie zu Beginn nicht ernst, taten es aber. Uns wurde gesagt, dass wenn wir diese Methode 3 Wochen, 1x täglich 5min durchziehen, würde alles gut werden. Haha, dachten wir. Aber…unfassbar, es ging noch schneller. Heute, ein weiteres Kind und 4 glückliche Jahre später, lassen wir es sträflich schludern. Danke für die Erinnerung, von Herzen.
    Viele Grüße
    Marie

  • Oh, Marie! Wie wertvoll, dass du die Wirkung bestätigen kannst! Und wie schön du eure Weiterentwicklung beschrieben hast. So ein netter kleiner Text. „Ein Paarberater, zu dem wir hoffnungslos gingen, …“
    Viele weitere glückliche Jahre wünscht euch Uta.

  • Ein sehr toller Anstoß.
    Mein Partner und ich sehen uns in der Regel nur von Freitag Abend bis Montag früh. Dazwischen telefonieren wir abends immer kurz.
    Mittlerweile habe ich öfter Freitag Abends ein ungutes Gefühl. Man freut sich sich wieder zu sehen. jeder stöhnt über seine Woche aber ein echtes Gefühl dafür zu bekommen wie es dem anderen geht, gibt es nicht.
    Ich werde meinem Partner mal diese Methode vorstellen und mal gucken wie er reagiert und ob er sich darauf einlassen kann. Und auch mal schauen wie weit ich mich darauf einlassen kann.
    Bei unseren Telefonaten merke ich nämlich immer mal wieder wie viel Raum ich seinen Themen und Gedanken gebe und meine dann nicht erwähne.
    Danke für den Artikel.

  • Listen with the intent to understand, not to answer! – Dieser Satz war für mich nach einem Seminar ein Schlüssel für viele Gespräche im beruflichen und privaten Allltag. Ja, wie häufig hatte ich schon eine Antwort parat und wartete nur auf den richtigen Moment, sie dem Gegenüber zu servieren. Und schon hörte ich nicht mehr zu, was mein Gegenüber eigentlich wirklich zu sagen hatte. Der Vorsatz klappt nicht immer, aber meist ist im Moment der Antwort der obige Satz in meinem Kopf und so ließen und lassen sich einige Gespräche doch noch in die richtige Richtung lenken. Lieben Dank für den Text, der Erinnerungs- und Reflexionsanschubser zugleich für mich ist. Auch die beschriebene Methode mag ich sehr und überlege, ob sie auch bei uns das ein oder andere Mal von Nutzen sein könnte – hängen wir mit zwei kleinen Kindern, Beruf und weiterem Engagement doch oft genug auch im Logistik- und Orgameeting am Abend. Deine beschriebene Methode klingt nach durchatmen und Besinnung auf das wirklich wichtige im Leben!

    • Liebe Silke, der Satz „Listen with the intent to understand, not to answer!“ kommt sofort in meinen Zitate-Schatz. Vielen Dank dafür! Schon wenn man mit dieser Absicht in Gespräche geht, wird sich viel verändern. Vielen Dank für deinen Kommentar und herzliche Grüße, Uta

  • Danke für diesen sehr guten und nutzwertigen Artikel.
    Beim Lesen musste ich kurz schmunzeln. Und zwar als du schreibst, du wolltest deinen Mann in einer Gesprächssituation am liebsten mit einem Stock vom Wegesrand verkloppen.
    Nun, das kann ich mir bei dir nun wirklich nicht vorstellen liebe Uta, zumindest nicht in der Umsetzung.
    Das Gefühl verstehe ich aber gut, denn unsere Partner sind ja unsere besten „Knöpfe-Drücker“ und „Trigger-Punkte-Auslöser“, genau so wie unsere Kinder. Von daher sind regelmäßige persönliche und fruchtbare Gespräche um so wichtiger.
    Merci für diesen persönlichen Text und alles Liebe,
    Christina

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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