Von einer Entdeckung auf dem Friedhof und dem Umzug einer Rose
Es gibt eine Spezies in unserem Garten, die bisher zu wenig Beachtung gefunden hat: die Rosen. Zwar haben wir die Rambler-Rose „Super Excelsa“ gepflanzt. Sie soll eine ausgelichtete Zypresse hinaufklettern und von da über das Teehaus ranken, das es noch zu bauen gilt. Nach dem Einpflanzen gab es nur zwei klägliche Bambusstöckchen, die ihr den Weg zur Baumkrone weisen sollen. Deshalb schlingert sie noch orientierungslos an ihrem Platz herum.
Dann ist da die Rose „Königin von Dänemark“. Ich habe sie vor vielen Jahren von meiner Schwägerin geschenkt bekommen und fand den Namen schön. Nichtsdestotrotz stopfte ich sie in das schattige Beet unter den Kugel-Ahorn, weil ich nicht wusste, wo ich mit ihr hin sollte.

„Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast“, sagt der Fuchs in dem berühmten Buch zum kleinen Prinzen, „sie macht deine Rose so wichtig.“ Zeit für sie verloren? Darüber können sich meine Rosen nicht beklagen.
Es brauchte ein paar Fingerzeige von außen, um mich den Rosen zuzuwenden. In unserer Nähe gibt es einen bekannten Friedhof, den Nienstedtener Friedhof. Der Tierpark-Gründer Wilhelm Hagenbeck liegt hier begraben, die Schauspielerin Heidi Kabel, die Theologin Dorothee Sölle, der Journalist Hanns Joachim Friedrichs und seit kurzem auch Silke, die Schwester unserer Nachbarin.
Einem Fuchs begegnet
Wegen Silke war ich jetzt ein paar Mal dort. Mit unserer Tochter, gelegentlich mit Polly und immer mit Bewunderung für den schönen Ort, an dem Silke begraben liegt. Als wir am Anfang der Woche eine Weile auf einer Bank unter einem alten Baum saßen, haben wir sogar einen Fuchs den Hauptweg kreuzen sehen.
Über den Friedhof besitzen wir ein Buch, das sich in einem Kapitel auch mit seiner Pflanzenwelt befasst. „Von den vielen Rosen soll nur eine beschrieben werden“, heißt es dort, „und zwar die prominenteste. Sie blüht im Hochsommer an der Grabstätte der Familie Booth und trägt den Namen „Königin von Dänemark“.
Hier die Grabstätte der Familie Booth, rechts davon die Rose, leider gerade ohne Blüten.

Wie bitte? Unsere Rose ist eine Berühmtheit? Und ich habe ihr so wenig Beachtung geschenkt?
Ihre Hoheit schlägt sich bei uns tapfer zwischen verblühter Katzenminze und vertrockneten Primeln. Drei Blüten schafft sie jedes Jahr an dieser Aschenputtel-Stelle in unserem Garten. Wir hängen dann mit unseren Nasen darüber, weil sie betörend duftet. Sonst ist nicht viel mit Verneigen.
Im Buch heißt es weiter: „Sie ist eine der schönsten alten Rosen überhaupt, …“ James Booth, ein aus Schottland stammender Landschaftsgärtner soll sie Anfang des 19. Jahrhunderts in Flottbeck gezüchtet haben. Und weil die Hamburger Elbvororte damals noch dänisch waren, benannte er die Rose nach seiner Königin.
Hofstaat aus Lavendel
Was machen wir jetzt bloß mit diesem edlen Gewächs? Da sie zum Glück rosa blüht, könnten wir sie im Herbst in das Beet „Think pink“ setzen und sie mit einem Hofstaat aus Lavendel und Salbei umgeben. Nur dort kann sie eine Sonnen-Königin sein. Das gemeine Volk der anderen Blumen muss sich wegen der vielen Bäume in der Wildnis mit Halbschatten oder tiefer Dunkelheit begnügen.
Es begab sich, dass am vergangenen Sonntag im Botanischen Garten, dem Loki-Schmidt-Garten, eine Rosen-Führung angeboten wurde. Als Gesandte der „Königin von Dänemark“ schloss ich mich der Besuchergruppe an. Eine Gärtnerin führte über den Hügel, wo fast alle Sorten wachsen, die in der Rosen-Welt Rang und Namen haben. Wir erfuhren, dass kaum eine Pflanze so viele Widersprüche in sich vereint wie die Rose: sie ist robust und gleichzeitig höchst empfindlich, sie kann die schlimmsten Dornen tragen und die zartesten Blütenblätter, sie braucht anfangs Wasser, verträgt aber später gut Trockenheit, weil sie so tief wurzelt. Am Ende der Führung nahm ich die Gärtnerin beiseite, um zu fragen, wann ich eine Rose am besten versetzen kann. „Im November“, meinte sie, „dann ist es nicht mehr zu warm, aber es gibt auch noch keinen Frost. Was für Rosen haben Sie denn in Ihrem Garten?“ Ich fühlte mich wie ein Herold, streckte mich stolz und sprach: „Die Königin von Dänemark.“
Das hatte eine Wirkung. Die Gärtnerin winkte der Gruppe, als sollte sie schnell abtreten, und eilte mit mir zu der Stelle, wo im botanischen Garten die „Königin von Dänemark“ wächst. „Da ist sie“, rief sie, als wir vor einem kapitalen Busch hielten. Als historische Sorte blüht sie nur einmal im Jahr und stand nun in schlichtem Grün vor uns. Übertriebenen Prunk kann man ihr nicht vorwerfen, aber ihre Größe hat mich erschreckt.
Sie ging nicht ganz auf das Foto, deshalb hier nur das Schild:

Wenn ich unsere Königin versetze und sie sich im Beet „Think pink“ wohl fühlt, werde ich nicht viel Platz für anderes haben. Sollte ich sie nicht einfach unter dem Ahorn lassen und durch Schatten weiter klein halten? Sie muss ja in unserem Garten nicht die Königin von Deutschland werden.
„Wenn Sie im November bereit sind, die Rose zu versetzen“, sagte die Gärtnerin und schaute mich prüfend an, „sprechen Sie mich gerne vorher an. Ich kann Ihnen noch Tipps geben.“ Diese Inbrunst kam mir bekannt vor. Steckte sie mit dem kleinen Prinzen unter einer Decke?
Ich werde mich also dem Adel verpflichten und unsere Königin versetzen, sobald die Witterung den Ansprüchen leidenschaftlicher „Rosisten“ Genüge tut.
Immer fröhlich bleiben und die Rosen pflegen,
Eure Uta


