Über eine zweite Chance für den Olivenbaum und die Öffnung unseres Gartens
Ich wollte, ganz Kettensägen-Frau, unseren Olivenbaum abschaffen. Er steht in einem Kübel auf unserer Terrasse und zeigt seine Unzufriedenheit mit meiner Pflege durch abfallende Blätter. Mein Liebling ist er nicht. Das muss ich zugeben. Ich finde ihn anspruchsvoll. Er braucht aufwändigen Frostschutz im Winter und Besitzer, die bereit sind, neben dem Sack mit der allgemeinen Erde, dem Beutel mit Hortensienerde, dem Karton mit Rasendünger, dem Substrat für die Sukkulenten auch noch einen Sack mediterrane Erde in den Schuppen zu stellen. Die mediterrane Erde gehört zu den „seltenen Erden“, aber nur insofern, als sie selten gebraucht wird. Und so reiht sich über die Jahre ein Sack neben den anderen. Im Sack kann es klumpen und schimmeln, außen verpuppen sich die merkwürdigsten Insekten in seinen Falten. Holt man einen Sack hervor, hat man plötzlich Spinnenfäden von einem Ohr zum anderen.
Lückenlos versorgt
Wegen der Spezialpflege, die der Olivenbaum beansprucht, wollte ich ihn erst zum Verschenken an die Straße stellen. Aber ich fürchtete, er käme nicht in gute Hände. Also lieber für 25 € bei Kleinanzeigen feil bieten. Einen Plastikkübel für die Übergabe fand ich an einer Baustelle in der Nähe. Jetzt musste ich nur noch inserieren. Vielleicht könnte er irgendwo ein Einzelbäumchen auf einem Balkon sein, mit Drainage liebevoll in frostsicherer Terracotta getopft und lückenlos von den Nachbarn versorgt, wenn die Besitzer mal auf „Hurtigruten“ unterwegs sind.

Es kam anders. Ihr wisst ja, dass ich an dem alten Mirabellenbaum festhalten möchte. Nun ist es der Kettensägenmann, der an dem Olivenbaum festhalten möchte. Sonst folgt er meinen Vorschlägen für den Garten, aber gegen den Abschied vom Olivenbaum legte er sein Veto ein.
Wir behalten also das Bäumchen. Statt einen Sack anzuschleppen und die Erde auszutauschen, werde ich Olivenbaum-Dünger kaufen und dem Klein-Griechenland im Kübel ein paar Nähstoffe zuführen. Ich sehe uns schon in ein paar Jahren alte Betttücher auf der Terrasse ausbreiten, um all die Oliven aufzusammeln, die wir aus dem gestärkten Bäumchen schütteln werden. Und vielleicht bringt mich die Fürsorge für das Bäumchen in eine bessere Verhandlungsposition für den Mirabellenbaum, über den im Herbst entschieden wird.
Elternbesuch
Unterdessen habe ich meine Eltern im Ruhrgebiet besucht. Ihr Rasen, alle Rasenflächen in der Nachbarschaft und in mindestens ganz Süd-West-Deutschland sind gelb und trocken. Der Rasen ist so rau wie diese hochstrapazierfähigen Teppichfliesen, die in Schulfluren liegen. Regen ist nicht in Sicht. Und damit sie nicht vergessen, wie sich das Geräusch von plätscherndem Wasser anhört, habe ich ihnen einen Solarbrunnen mitgebracht, den gleichen, den mein Zahnarzt und ich betreiben.

Nur zeigen sich die Widersprüchlichkeiten des Lebens in aller Schärfe auf der Terrasse meiner Eltern. Meine Schwestern und ich sind froh, dass die beiden über 90jährigen nach der Lieferung eines Sonnenschirms - samt fahrbarem Untersatz für seinen Fuß - in diesen heißen Tagen rundum beschattet sind. Rechts eine Mauer, oben drüber eine Markise und links der neue Sonnenschirm. Und dann komme ich mit einem Solarbrunnen, der für seine höchste Fontäne pralle Sonne braucht. Beim Kaffeetrinken habe ich zwischen dem letzten Bissen vom Nusskranz und dem ersten Bissen vom Butterkuchenstück den Topf mit Wasser und Brunnen auf einen Lichtfleck gerückt. Beim Aufspießen des letzten Butterkuchen-Mandelplättchens vom Teller war der Sonnenfleck schon wieder gewandert und wir starrten nur noch auf ein feuchtes Räuspern.
Essen auf Rädern brauchen meine Eltern nicht. Meine Mutter kocht mit über 90 Jahren noch selbst. Aber nach Sonnenschirm auf Rädern, wäre jetzt ein Brunnen auf Rädern denkbar. Dann könnten die beiden die Wasserschale von einem Lichtblick zum nächsten schieben.
Kein Friedhof mehr
Wieder zu Hause zeigte mir mein Mann, welche Teile der Buchshecke er inzwischen weggenommen hat. In einem Blog-Beitrag im März schrieb ich noch: „Wenn wir vom Esszimmertisch in den Garten schauen, wird der Blick nach wenigen Metern vom dem Wall aus Buchs und Zypressen ausgebremst. Man könnte meinen, wir wohnten an einem Friedhof.“ Diese Zeiten sind vorbei. Der alte Garten öffnet sich immer mehr zum neuen Grundstück hin.
Da ist jetzt eine neue Weite und Großzügigkeit. Ich kann es noch gar nicht fassen, dass das, was ich mir jahrelang im Kopf ausgemalt hatte, keine Bildtapete mehr ist. Abends schreiten wir gerne unsere neuen Grenzen ab, wie Cowboys, die die neu gesetzten Zäune prüfen. Noch schaffen wir das ohne Pferd.

Links im Bild seht ihr den Teil der Buchsbaumhecke, der stehen bleiben wird, weil sie einen so schönen Hintergrund für die Annabelle-Hortensien bildet. Die Hecke reichte im Frühjahr noch fast bis zu den Mammutbäumen ganz rechts im Bild und markierte das Ende unseres bisherigen Gartens. Ich mag diese grüne Rest-Wand. Sie schenkt dem Garten eine räumliche Tiefe, lässt ihn wirken wie eine Freilicht-Bühne, aus deren Kulissen neue Schauspieler treten. Hauptdarstellerin in unserem Schauspiel ist Polly. „Hund, Auftritt von links!“, scheint jemand zu rufen und schon taucht sie neben der Hecke auf, meist mit einem der runter gefallenen Äpfel im Maul, legt sich unter die Baumriesen und knabbert an ihrer Ernte.

Immer fröhlich bleiben und Olivenbäumen eine Chance und Dünger geben,
Eure Uta


