Von Baumfäll-Arbeiten im Herbst und Espresso-Trinken unter der Mirabellen-Platane
Gestern standen wir in aller Frühe morgens im Garten: die Gärtnerin mit Papier und Bleistift, mein Mann in seinem Büro-Anzug, startklar für den Arbeitstag, und ich mit einer ausgedruckten Liste „Garten-to-do im Herbst“. Wir wollten besprechen, wann der kleine Bagger wieder zum Einsatz kommen würde, um restliche Stümpfe aus dem Boden zu graben und weitere Bäume und Sträucher auszubuddeln.
Ich mag den Mini-Bagger. Stunden könnte ich damit verbringen, dem Einarmigen zuzuschauen, wie er mit seinen Kettenlaufrädern über Erdhaufen rumpelt, die Schaufel in den Boden rammt und bei der riesigen Anstrengung selbst gefährlich ins Schwanken gerät. Das hat etwas Rührendes. Und wenn er nach mehreren Anläufen mit hoch surrendem Motor endlich die Wurzel in den Himmel hebt, hängen an seinem Arm überall Zweige und abgerissene Schlingen wie Zeugen einer erbitterten Schlacht.

Das war im Frühjahr vor dem Rasen-Säen. Im Herbst nehmen wir das linke Areal in Angriff, wo noch einige Bäume und Büsche dicht gedrängt durcheinander wachsen
Neulich spielte ich mit dem Gedanken, eine Kinder-Gruppe aus der nahegelegenen Kita einzuladen, dem Tanz des Mini-Baggers in unserem Garten beizuwohnen. Vor Staunen erstarrte Dreijährige sah ich vor meinem inneren Auge und um die aufgeworfenen Erdhaufen stehen. Dazu Erzieherinnen, die mir am Ende beidhändig die Hand schüttelten, voller Dankbarkeit, den Morgen so sinnvoll in der Natur herumgebracht zu haben.
Aber nix mit Bagger, Erdhaufen und staunenden Dreijährigen. Es wird vorerst keinen weiteren Mini-Bagger-Einsatz geben. Denn die verbliebenen großen Baumstümpfe müssen wir stehen lassen. Sie auszubaggern, meinte die Gärtnerin, würde dem alten Mirabellenbaum daneben den Todesstoß versetzen. Und wie ihr wisst, gebe ich der alten Mirabelle den Vorzug vor jedem noch so rührenden Mini-Bagger.
Leuchtende Augen
Die Gärtnerin schlug vor, die Stümpfe erdnah abzusägen, eine Idee, die die Augen des Kettensägenmannes zum Leuchten brachte. Auch wenn er in seinem Büro-Anzug gar nicht so aussieht, liebäugelt er schon lange damit, Bäume nicht nur abzusägen, sondern auch alte Stümpfe durch ein schwelendes Kohlenfeuer zum Rückzug in die Unterwelt zu bewegen.
Auf Stümpfen, die hüfthoch abgesägt werden und vor Schwelbränden verschont bleiben, könnte man natürlich auch eine Tischplatte montieren. Kommt mir jetzt aber nicht mit alten Wagenrädern und Glasplatte darauf. Das ist nicht so mein Geschmack.
Schon länger halte ich Ausschau nach einem kleinen runden Bistro-Tischchen. Etwas Rost an den geschwungenen Beinen, vielleicht ein verwittertes Mosaik auf der Platte, ein Tischchen, das uns das Gefühl gibt, unter einer südfranzösischen Platane zu sitzen und einen Espresso zu genießen. Der alte Mirabellen-Baum dürfte in diesem Fall als Platane durchgehen und einer der Stümpfe das Körbchen mit den Croissants tragen, wenn vor lauter Baguette und Profiterols kein Platz mehr auf dem Tischchen sein sollte.

Das Tischchen hat zwar kein Mosaik, kommt meiner Vorstellung aber schon recht nahe.
Neulich wartete ich, das Auto mit Säcken voller Grünabfälle, in der Einfahrt des Recyclinghofs hinter einem Lieferwagen. Auf die Frage des Pförtners, was er entsorgen wollte, hörte ich den Fahrer sagen „Matratzen, einen kaputter Schrank, ein altes Gartentischchen“. Ihr könnt euch vorstellen, wie schnell ich selbst an dem Pförtner vorbei war. Ich musste den Mann vor mir erwischen, ehe er das Gartentischchen in den Container warf. Hatte er nicht ein wenig französisch ausgesehen?
Unsere Gartenlaterne habe ich zum Beispiel auf diese Weise gerettet. Ein Frau hatte schon rechts vom Körper ausgeholt, um sie mit Schwung in den Sperrmüll zu werfen.

Ein zweites Leben auf unserer Terrasse - die Laterne vom Recyclinghof
Der Franzose - so nenne ich ihn jetzt mal - kämpfte aber noch mit einer schlaksigen Matratze, als ich neben ihm parkte. Es war noch nicht zu spät. „Sie erwähnten eben ein Gartentischchen“, sprach ich den Mann an, „könnte ich das mal in Augenschein nehmen? Ich hätte eventuell Interesse.“ Was er aber aus der Tiefe des Lieferwagens holte, war so wenig französisch wie der Mann selbst. Die Tischplatte ging noch. Rund, aus Teakholz, aber mit fehlenden Leisten. Der Fuß jedoch aus kaltem Edelstahl. Ich konnte mir keine Patina vorstellen, die sich hier je absetzen wollte. Dankend lehnte ich ab.
Nun bleibt abzuwarten, wie es rund um den alten Mirabellenbaum in den nächsten Wochen immer lichter wird und welche Stelle mit mir zusammen nach einem französischen Bistro-Tischchen schreit. In Hamburg gibt es ein Recycling-Kaufhaus mit dem schönen Namen „Stilbruch“. Vielleicht werde ich dort fündig.
Immer fröhlich bleiben und alte Schätze heben,
Eure Uta


