Wie wir um unsere Mammutbäume kämpfen und Frieden finden am Topfregal
Trockenheit sollte mein Blog-Thema in dieser Woche sein. Ich schrieb vorgestern über schlappe Hortensien, leere Wasserfässer und Kompost-Staub im heißen Wind, als es heftig zu regnen anfing. Der Text wurde zur Trockenübung und landete im Papierkorb.
Es regnete auch, als wir mit dem Baumgutachter im Beet „Think Pink“ standen, Kopf und Schirme in den Rücken legten und mit Blick in die Kronen unserer Mammutbäume zu begreifen versuchten, was der Nachbar - ebenfalls beschirmt auf der anderen Seite des Zauns - daran beschnitten haben wollte. Der Nachbar hatte sein Tablet mitgebracht. Er rief ein Foto auf und reichte es über den Zaun, damit wir nicht regennass und in schweren Stiefeln in sein Schlafzimmer steigen mussten, um seine Bedrängnis zu verstehen.
Giganten
Wir haben mit dem neuen Garten zwei Küstenmammut-Bäume erworben. Die beiden Giganten sind etwa 60 Jahre alt, mindestens 25 Meter hoch und stehen dicht beinander. Wie zwei Brüder, ein großer und ein kleiner. Dabei hat der Nachbar noch Glück. Es ist nicht der große, sondern der kleine Bruder, der seine grünen Arme in Richtung Nachbarhaus streckt, nicht wissend, dass Menschen schnurgerade Grenzen ziehen und von Bäumen Respekt davor erwarten.

Hier links im Bild die rötlichen Stämme der beiden Mammutbäume. Sie waren schon im Mai begutachtet und für "verkehrssicher" befunden worden.
Bei Sturm, so der erneute Vorwurf, würden die Brüder sich neigen und in Schwingung geraten. Vor unserem inneren Augen sahen wir den Nachbarn in seinem Schlafzimmer liegen, bang das Federbett umklammernd, und unsere Bäume als potenzielle Gefährder dunkel vor dem Fenster. Da aber hob der Sachverständige verteidigend die Hand. Man könne Bäumen das Schwingen nicht verbieten. Es sei für sie und alle Beteiligten sogar gesünder, während eine viel größere Gefährdung von etwas ausginge, was als Starrsinn im Stamm bezeichnet werden kann.
Mit Starrsinn kennt sich der Sachverständige genauso gut aus wie mit Bäumen. Auch wir werden langsam Experten.
Umstürzlerische Absichten, Beschattung, Grenzverletzung und Nadelabwurf direkt in die Dachrinne - was man Bäumen zur Last legen kann, bildet eine lange Liste. Dabei dachten wir, dass Bäume in Zeiten des Klimawandels ziemlich beste Freunde sind. Falsch gedacht. Als wir in der Nachbarschaft erzählten, dass wir das Stück Garten dazu kaufen würden, war die erste Frage bei den meisten: „Und? Nehmt ihr die großen Bäume weg?“
Genauso gut hätte man uns fragen können: „Und? Wollt ihr die ganze Fläche asphaltieren und als Parkplatz vermieten?“
Bürgerliches Gesetzbuch
Der Nachbar stand weiter am Zaun und zitierte das Bürgerliche Gesetzbuch. Der Sachverständige stand weiter auf der anderen Seite und nahm die beiden Angeklagten in Schutz. Kein Schwanken, viele Nadeln - zugegeben -, aber auch jede Menge Sauerstoff für das nachbarschaftliche Schlafzimmer. Wir hielten Schirme über den Sachverständigen und ein paar Meter weiter über seinen Rucksack. Aber der wurde schon von den Mammuts beschützt, als ahnten sie, wie viel weiterer Sachverstand sich darin befand.
Als der Regen aufhörte, hatten wir uns geeinigt, dass ich bei der Naturschutzbehörde in Hamburg-Altona einen Antrag auf Beschneidung des „Sequoiadendron giganteum östlich“ stelle. Der Antrag ist für den Frieden und besseren Schlaf des Nachbarn. Jetzt heißt es abwarten, ob die Behörde das erlauben würde. Wir hoffen nicht.

Sehen fast wie ein Baum aus: das Bruderpaar vom alten Garten aus fotografiert.
Was mich kolossal beruhigt, wenn mir die Steuererklärung oder ein behördlicher Antrag bevorsteht, ist das Sortieren von Töpfen. Also nicht Koch-Töpfe, sondern Pflanz-Töpfe. Alle nehmen nach Größe Aufstellung, als ginge es wie beim Schulsport darum, Mannschaften zu bilden. Ich habe hier die große Mannschaft der Terracotta-Töpfe, daneben die Übertöpfe aus Zink und die besonders geliebten aus Korbgeflecht. Die Untersetzer bilden kunstvolle Pyramiden, glasiert rechts, unglasiert bitte nach links. In Reih und Glied formieren sich auch die Tonfüße in Löwengestalt, auf die ich gerne Kübel stelle.

Der Kettensägenmann hat mir ein Metallregal (IKEA, 10 €) eigens für die Töpfe zusammengeschraubt. Es steht jetzt außen an der Seitenwand des Gartenhauses. Dadurch haben wir im Gartenhaus deutlich mehr Platz für seine Sägen und draußen im Regal unter dem Dachüberstand für meine Töpfe. Kein Gedränge mehr um die besten Plätze, kein Sich-Verkanten in allzu hohen Türmen, kein vergessener Meisenknödel mehr in der Zinkschale.
Bevor das Regal auf seinen Platz kam, habe ich die Außenwand des Gartenhauses mit Farbe ausgebesssert. Ich habe gepinselt, als könnte ich damit auch die Welt ausbessern. Hier ein Klecks über Niedrigwasser in Flüssen, dort einer für die Wahlprognosen in Sachsen-Anhalt und am Ende noch ein großer Schwung Farbe über alle gegossen, die Bäumen an die Äste wollen.

Jetzt geht es mir besser. Ich bin bereit, den Antrag bei der Naturschutzbehörde zu stellen und auf das Beste zu hoffen.
Immer fröhlich bleiben,
Eure Uta


