Glückliche Familie Nr. 179: Mobbing beenden 

 01/11/2013

Ein Telefonat, das ich gestern mit meiner ältesten Schwester führte, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Meine Schwester ist Lehrerin an einem Gymnasium, sehr engagiert, kreativ, voller Ideen und auch Manns genug, eine Meute von 30 Kindern souverän durch ein Schuljahr zu führen.

Zu dieser Stunde sitzt sie in einer Konferenz mit dem Schulleiter und mehreren Kollegen, die einberufen wurde, weil ein Schüler einer siebten Klasse ein brisantes Foto ins Internet gestellt hat. Er hat es aufgenommen von einem Mitschüler, als dieser sich gerade im Klassenzimmer übergeben musste. Mittels digitaler Bildbearbeitung fügte der Schüler dem Foto eine braune Sprechblase mit dem Wort „Kacki“ hinzu.

Der „Täter“ und seine Eltern sind auch zu der Konferenz bestellt. Und meine Schwester berichtete, dass der Schulleiter erwägt, den Jungen eine Woche vom Unterricht auszuschließen. Dem anderen Jungen ginge es schlecht. Dessen Eltern hätten es schwer, ihn zu bewegen, überhaupt noch zur Schule zu gehen.

Meine Schwester klang erschöpft und ratlos. Auch der Schulleiter und die Kollegen wüssten nicht so recht, was zu tun sei.

Ich übrigens auch nicht. „Bin ich der master oder was?“ würde Prinzessin (12) in einer solchen Situation sagen.

Und ich habe größten Respekt vor Menschen, die 30 Zwölf- bis Vierzehnjährige so durch eine Schulstunde führen können, dass sie selber keinen Tinnitus, „Burn out“ oder „Rad ab“ erleiden und die Kinder auch noch was lernen.

Heisst: Ich habe größten Respekt vor Lehrern, auch wenn nicht jeder, der meinen Kindern bisher begegnet ist, „my very best friend“ ist, um wieder mit Prinzessin zu sprechen.

Da ich nicht zerschlissen bin vom Schulbetrieb, befinde ich mich in der glücklichen Lage, in aller Muße (heute morgen während der professionellen Zahnreinigung beim Zahnarzt) nachdenken zu können.

auch nachdenklich … Amy

Was kann eine Schule in solch einem Mobbing-Fall tun?

„Master“ hat blitzblanke Zähne und einen Vorschlag:

  • der Klassenlehrer fährt am gleichen Tag mit dem Übeltäter zum „Opfer“ nach Hause 
  • dort entschuldigt sich der Schüler in aller Form und in Anwesenheit der Eltern des „Opfers“ 
  • und er fragt, in welcher Weise er das Geschehen wieder gutmachen könne
  • Wiedergutmachung vereinbaren
  • danach keine Konferenzen, kein Unterrichtsausschluss oder dergleichen
  • sollte Ähnliches noch einmal vorfallen, wieder sofort so handeln

Die Tat gehört in den Mittelpunkt, nicht der „Täter“. 

Es ist ein wichtiger Unterschied, ob wir sagen „Wir dulden so etwas nicht an unserer Schule“ oder „wir dulden dich nicht an unserer Schule“.
Wir sollten Kinder nicht aufteilen in „Opfer“ und „Täter“, sie nicht festlegen auf Rollen, die beide zweifelhafte Aufmerksamkeit mit sich bringen.

Es braucht klare Regeln und schnelles Handeln, keine langen Konferenzen, kein Diskutieren, Dramatisieren, Moralisieren.

Die Konsequenz sollte sozialer Stress sein, nämlich der, dem gedemütigten Jungen und seinen Eltern in ihrem vertrauten Umfeld gegenüber stehen zu müssen. (Das bringt auf jeden Fall keine „Out-law“-Anerkennung bei den Kumpels in der Schule wie andere Maßnahmen).

Und solch ein privater Wiedergutmachungs-Besuch zeigt bestimmt mehr Wirkung als eine Woche vom Unterricht ausgeschlossen zu werden und in Ruhe „Playstation“ spielen zu können.

So, und jetzt seid ihr dran. Ich brauche einen Praxis-Check. Was meinst du, Schwesterherz? Könnte das ein brauchbares Verfahren sein? Was denken die anderen Lehrer unter euch? Habt ihr noch andere Ideen, die hier weiterhelfen könnten?
Wie schlimm alles ist, möchte ich nicht lesen. Aber für Ideen bin ich immer zu haben.
Immer die Tat sofort mit Sanktionen belegen und dann (hoffentlich) wieder fröhlich Unterricht machen, 
eure Uta 
  • Unterrichtsausschluss fände ich auch sehr schlecht… eben aus genannten Gründen…

    wie haben die Eltern des „Täters“ reagiert? kommt auch immer darauf an…

    und ja, ich würde zwar die Tat in den Vordergrund stellen, aber auch dem Täter eine Konsequenz mit auf den Weg geben… und nicht nur eine Verwarnung… evtl. kann er den Hausmeister der Schule bei Säuberungsarbeiten unterstützen… ich finde es muss auch eine Signalwirkung nach außen geben, dass so etwas nicht in Ordnung ist…

    An der Schule meines Kindes wurde ein Schüler vom Unterricht suspendiert, weil er den Unterricht mit dem HY aufgenommen hatte und die Absicht äußerte (er hat es nicht getan) es ins Internet zu stellen…

    Ich fand die Konsequenz mit dem Schulausschluss überhaupt nicht gut…

    außerdem sollte das Thema im Unterricht auch behandelt werden… und die Schüler in einer Runde öffentlich diskutieren, wie sie das Thema finden… Mobbing hört eher auf, wenn mehrere Schüler sich auf die Seite des Opers stellen… es sollte also nicht nur eine Abhandlung zwischen Schulleitung – Eltern – Täter – Opfer sein…

    Immer denke ich da an Amanda aus Kanada oder den Jungen aus den Niederlanden…

    wehret den Anfängen…

    LG

    Andrea

    P.S. hier ein guter Link für Lehrer

    http://www.mobbingleaks.de/media/blogs/a/Mobbingirrtuemer.pdf

  • Der Sohn meiner Freundin wurde auch 3 Tage suspendiert, da der Schulleiter sich gar nicht erst anhören wollte, warum er einen Mitschüler so geschubst hat, dass dieser die Treppe runterfiel. Tatsächlich hatte dieser ihn vor Zeugen mehrmals heftigst provoziert und von hinten getreten, so dass dieses Schubsen eigentlich als Notwehr zu sehen war. Hat der Schulleiter nach einem Gespräch mit der Klassenlehrerin und der Mutter schließlich auch eingesehen, dass er da vorschnell gehandelt hat. Aber meine Freundin hat auch gesagt: Das war ja keine Strafe, ausschlafen, ein langes Wochenende, an dem wir Euch endlich mal besuchen konnten, Playstation spielen und vor den anderen Jungs als ganz cooler Kerl dastehen…
    liebe Grüße, Petra

  • Was ich mich beim Lesen gerade gefragt habe ist, warum die Lehrerin mit dem Schüler zum Gemobbten und dessen Eltern nach Hause gehen muss? Zumindest unsere Lehrer würden hier schon in die Verweigerung gehen, denn es betrifft ihre Freizeit. Warum müssen nicht die Eltern des Mobbers mit diesem zum Gemobbten mit nach Hause? Die Maßnahme an sich fidne ich gut, denn sie hat auch mich damals von einem Mobber befreit, der mir den Schulweg jedenTag zur Hölle machte. Meine Mutter ging mit mir zu ihm nach Hause und stellte ihn vor seinen Eltern zur Rede. Er schämte sich in Grund und Boden und das Mobbing hörte auf. Ich denke auch, dass Scham das größte Heilmittel ist, aber ist es Auftrag der Schule, die Konsequenzen durchzuziehen?
    Schulausschluß oder Verweis halte ich für lächerlich, darüber lacht sich ein Teenager doch ins Fäustchen.

    Herzlich, Katja

    • Schamgefühl ist auf jeden Fall ein wirksamer Heilmittel, doch nicht jeder schämt sich. Es gibt Mobber, die einfach ihre Argumente und Gründe zugeben und mobben ja mit Sicherheit, dass was sie machen das richtige ist. Es gibt auch -zum Glück selten- Eltern, die gar nichts dagegen tun und bestraffen seinen Sohn nicht, wenn sie erst mal erfahren, dass er ein anderes Kind gemobbt hat. Mein Sohn wurde vor ein paar Jahren von einem Schüler seines Klasses gemobbt, dessen Fall sowie die gerade beschriebene Situation war. Wenn die Eltern des Mobbers nicht mal dabei sind, der Fall ist echt schwierig zu behandeln. Der Mobber hat endlich nach 2 Jahren die Schule gewechselt und wir haben uns nur gefreut, dass alles sich allein erledigt hatte. Mein Sohn war aber eine lange weile psychisch kaputt. Er musste an eine anonyme psychologische Beratung anrufen, weil er sich nicht getraut hat, mit mir darüber zu reden. Ich hoffe, dass die Zeit wieder alles in Ordnung bringt. Liebe Grüße, Mariella

  • Ich bin zwar weder Mutter noch Lehrerin, würde aber trotzdem gerne meine Meinung äußern.
    Ich stehe generationentechnisch mit meinen ca 30 Jahren wahrscheinlich irgendwo zwischen Dir, liebe Uta, und Deinen Kindern…

    Zu meiner Schulzeit (einschließlich der Mittelstufe) gab es schlichtweg noch keine Sozialen Netzwerke geschweigedenn mobile Geräte mit denen wir jederzeit Fotos oder Videos aufnehmen konnten, und somit keine Plattform um andere bloßzustellen oder bloßgestellt zu werden.
    Als diese aufkamen, waren wir (ich und meine Altersgenossen) schon alt genug, zu begreifen, wie wir damit umzugehen haben (1. Es ist nicht alles wahr, was im Internet steht. 2. Viele/evtl sogar ALLE Menschen können sehen, was ich dort verbreite. 3. Es ist ganz schwierig wenn nicht sogar unmöglich, bestimmte Inhalte komplett wieder zu entfernen.).

    Diese Ernsthaftigkeit mit dem Medium Internet umzugehen, haben wir sofort mit gelernt, als wir das Medium selbst kennen gelernt haben.

    Meiner Meinung nach fehlt die aber den heutigen Kindern und Jugendlichen, die sich „des Cyber-Mobbings bedienen“. Für die ist das nur Spaß.. „Voll lustig, guck mal!“

    Und an dieser Stelle finde ich Deinen Lösungsansatz etwas „zu kurz geraten“.

    Diese „Täter“ müssen begreifen, was sie damit unter Umständen anzetteln… dass so ein Bild oder Video möglicherweise Jahrzentelang durchs Netz geistert, von einem „Spaßvogel“ zum nächsten gereicht.
    Und dafür muss es meiner Meinung nach auch eine harte Strafe geben.
    Eine Entschuldigung / Wiedergutmachung beim „Opfer“ finde ich gut, sogar sehr gut.
    Aber darüber hinaus sollte es eine richtige Bestrafung geben. Ähnlich wie bei einem richtigen Gerichtsverfahren… jemand hat einem anderen Schaden zugefügt und muss möglicherweise eine Strafe (Sozialstunden) ableisten und Schmerzensgeld zahlen. Da werden auch beide Seiten („Öffentliches Recht“ gegen das verstoßen wurde und die Person, der ein Schaden zugefügt wurde) bedacht.
    Ob die öffentlich stattfinden muss kann ich nicht beurteilen, dass könnte dann von den Kumpels evtl. wieder als „cool“ angesehen werden.
    Schulausschluss ist sicher die lächerlichste Strafe für ein Schulkind…

    Ansonsten finde ich Deinen Vorschlag aber ausgezeichnet! 🙂
    Und den von Katja… dass die Eltern, statt dem Lehrer mit dem „Täter“ gehen, auch. 🙂

    Viele liebe Grüße
    Nadine

  • Hallo Uta. Tja nur mal vorab. Es ist einfacher einen Satz Klassenarbeiten zu korrigieren als jedem (nennen wir sie der Einfachheit halber Opfer und Täter, auch wenn das nicht immer so einfach ist) in einem Fall von Mobbing gerecht zu werden. Unabhängig vom konkreten Fall gibt es im Schulrecht bestimmte Vorgehensweisen die alle einhalten müssen. Die Versammlung die du beschreibst nennt sich Klassenkonferenz oder auch Disziplinarkonferenz. Dort sind neben Schulleiter und Täter samt Eltern auch der Klassenlehrer und weitete gewählte Vertreter anwesend. Also das ist schon ne große Nummer. Die Schulordnung sieht vor, dass am Ende eine pädagogische und eine disziplinarische Konsequenz stehen müssen so denn die Schuld des Täters feststeht. Bei den zweiteren gibt es eine bestimmte Reihenfolge, die im Normalfall eingehalten werden muss. Zunächst kommt ein Eintrag in die Akte, dann die Suspendierung, danach die Versetzung in die Parallelklasse, die Androhung der Entlassung und dann zum Schluss die Entlassung. In besonderen Fällen darf auch ein Schritt übersprungen werden. Hier handelt es sich also erst um Schritt 2. Der Schüler muss morgens seine Aufgaben abholen und mittags wieder abgeben. Also normalerweise nicht so viel Zeit zum Playstation spielen. Ich gebe dir und auch den anderen Recht, dass das nicht alles gewesen sein darf. Da kommt die pädagogische Maßnahme ins Spiel. Deine Idee finde ich gut. Allerdings wäre es für mich als Lehrerin schwierig außerhalb der Unterrichtszeit einen Schüler irgendwo hin zu bestellen. (Auch wieder Schulrecht nicht Faulheit) Es wäre gut wenn im Beisein beider Eltern ein moderiertes Gespräch stattfindet und am Ende eine Wied ergutmachung vereinbart wird. Diese sollte zeitnah und überprüfbar sein. Leider setzt dies die Kooperation der Eltern voraus die leider nicht selbstverständlich ist. Man erlebt leider eher das in Schutz nehmen des „Engelchens“ und wenig Einsehen in die Notwendigkeit des eigenen Engagements. Da aber Schule diese pädagogische Konsequenz durchsetzen muss bleibt es meist bei „Sozialstunden“ beim Hausmeister oder ähnlichem. Dem Klassenlehrer bleibt dann nur noch die Möglichkeit einen weiteren eigenen Täter Opfern Ausgleich zu organisieren. Auch wieder im Rahmen der Unterrichtszeit. So kommen inklusive offizieller Einladungen Sitzung Protokoll dem Erstellen der Extraaufgaben und weiteren Klassen und Elterngesprächen gut und gerne sechs oder mehr „Überstunden“ an. Das klingt nicht nach Faulheit oder? Und das frustrierenste ist sicher, dass diese Dinge immer und immer wieder passieren. Oft mit denselben Tätern und oder Opfern. Solange sie im schulischen Rahmen passieren oder schulische Belange berühren wie hier ist Schule zuständig. Alles was zu Hause über Facebook etc passiert dürfen wir nur dokumentieren und zur Not den Rat geben zur Polizei zu gehen.
    Leider ist den Tätern oft nicht bewusst was sie da anrichten und den Opfern nicht wie sie richtig reagieren. Da hilft nur eine Enge Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule mit dem Ziel, dass sich alle verantwortungsbewusst verhalten. Wirklich alle! Der Fall den du da schilderst ist aber nicht ohne. Es gehört schon was dazu IM UNTERRIC H T sein Handy zu zücken und seinen Mitschüler zu fotografieren. Bei uns sind auf dem Schulgelände keine Handys erlaubt. Sie sollen weder zu sehen noch zu hören sein. Das ist überprüfbar und eindeutig. Solche Regeln sind wichtig wenn alle an einem Strang ziehen wollen.
    Ich bin gespannt wie die Geschichte ausgehen wird. Berichte doch mal. Vielleicht ist mein Text etwas unzusammenhängend da mit dem Handy getippt (ich hab Ferien ich darf also). Neulich habe ich einen guten Link auf Pinterest gesehen. Den füge ich noch ein wenn ich ihn finde.
    Ich geh dann mal wieder korrigieren und freue mich nächste Woche auf meine 7er…
    Liebe Grüße
    Tine

  • Liebe Uta,
    mir ist schleierhaft, wie das überhaupt passieren konnte.
    In der Schule meine Sohnes steht in der Schulordnung, dass Handys
    im Schulgebäude ausgeschaltet sein müssen.
    (Sonst werden sie sofort vom Lehrer eingezogen und nur ein Elternteil kann das Handy wieder abholen. Und das wissen alle.)
    Ich frage mich echt, wie das passieren konnte.

    Und der „Täter“ sollte auf gar keinen Fall vom Unterricht ausgeschlossen werden!

    Gespräche mit allen sind ja gut und schön,
    aber…hm…ich
    versteh echt nicht,
    wie der „Täter“
    auf die Idee kam.
    (Ich gehe mal davon aus,
    dass an mehreren Schulen Handyverbot besteht.)

  • Nur kurz, da ich gerade ein in den Schlaf gestilltes Baby auf dem Schoß habe.
    Ich durfte mal eine sehr interessante Fortbildung von Haim Omer besuchen zum Thema „Stärke statt Macht – Neue Autorität“.

    Das war eine dreitägige Fortbildung im rahmen der Ausbildung zum systemischen Elterncoach. Schmiede das Eisen, wenn es kalt ist. Das ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Die Grundhaltungen beinhalten den gewaltlosen Widerstand, sowie die professionelle Präsenz. (Da liegst du mit deiner Idee, als Lehrer mit dem betreffenden schüler das Opfer zu Hause zu besuchen schon sehr gut.)

    Ich kann jetzt leider nicht ausführlicher schreiben, aber im Internet findet man sehr viel zu den oben genannten stichworten.

    Liebe Grüße aus Köln
    Missy

  • Liebe Uta,
    Herr K. und ich, jahrzehntelang in diesem Metier tätig ( Herr K. als Oberstufenleiter häufig mit solchen Maßnahmen betraut ), finden deine Vorschläge gut. Einzige Frage: Was passiert in puncto Öffentlichkeit, die ja durch die Zurschaustellung des Fotos entstanden ist? Unter den Eltern das ausmachen zu lassen, finden wir, ist zu wenig ( es gibt auch genug Eltern, die eine solche Tat lächerlich finden und nicht mitmachen).
    Berichte bitte, wie es weitergegangen ist!
    Liebe Grüße
    auch an die Kollegin Schwester!
    Astrid

  • Liebe Uta,
    beeindruckend ist deine Art und Weise die Betroffenheit in Bezug auf Mobbing in Worte zu fassen. Sicherlich sprichst du damit vielen Leser_innen aus der Seele. Auch dein Aufruf zu einer differenzierten Betrachtung der Tat und nicht des Täters gefällt mir sehr. Damit ist es notwendig, dass keine Rollenzuschreibung mehr stattfindet und vielmehr von Betroffenen o.ä. gesprochen wird. Im Rahmen dieser Diskussion würde ich mir wünschen, dass an dieser Stelle weniger die Frage nach dem „Warum“ diskutiert wird. So ist die Handyverbot an Schulen doch vielseitig zu betrachten und nicht eindeutig zu bewerten. Meine Erfahrungen aus der Arbeit mit Schulklassen zeigen, dass die Kinder und Jugendlichen häufig, unabhängig von diesen Regelungen, ihre Handys gebrauchen.

    Weiterhin stellen sich mir einige zahlreiche Fragen, die mir bislang noch zu kurz gekommen sind:
    1. Was ist, wenn es nicht DEN EINEN TÄTER / DIE EINE TÄTERIN und DAS OPFER gibt? Was ist, wenn mehrere Kinder und / oder Jugendliche in der Situation betroffen sind? Sollen die alle Zuhause besucht werden? Wie kann ich sicher sein, dass ALLE Beteiligten involviert sind und niemand ausgelassen wurde?
    2. Wie ergeht es den / dem Betroffenen (in diesem Fall der Junge, der fotografiert worden ist) mit dieser Lösung? Erfahrungen zeigen, dass die Kinder und Jugendlichen in diesen Situationen, häufig Gefühle von Scham und Schuld erleben. Wird dieser Junge durch die Entschuldigung vor den Eltern nicht noch mehr bloßgestellt? Gleichzeitig ist nicht auszuschließen, dass fernab von Schule und Eltern der Druck auf den Betroffenen steigt. Der soziale Druck ist in diesem Kontext absolut nicht zu verachten. Ich befürchte, dass der soziale Stress in die falsche Richtung geht. Wir reden hier ja nicht mehr von einer Prügelei auf dem Schulhof in der Grundschule, sondern von Cybermobbing in einer älteren Klasse.
    3. Unter der Voraussetzung, dass mir als Pädagogin alle Betroffenen in der Situation bekannt sind: In meiner Arbeit mit Schulklassen und damit besonders in diesem Themenbereich plädiere ich immer für eine pädagogische Reaktion, die über die ursprüngliche Sanktion hinausgeht. Gleichzeitig gehört für mich, insbesondere zum Schutz des / der Betroffenen, ein deutliches Zeichen der Institution Schule dazu. Nur dann ist die Wirksamkeit der pädagogischen Reaktionen zu gewährleisten. Weiterhin vertrete ich die Ansicht, dass Kinder und Jugendliche mehr unter einer Suspendierung leiden, als wir aus erwachsener Sicht annehmen. Auch hier ist der soziale Druck nicht zu unterschätzen. Wenn aber Eltern in diesem Fall dann die Playstation, das Ausschlafen und weitere „Ferienprogramm“ ermöglichen / gestatten / erlauben, halte ich das für höchst fragwürdig. Meines Erachtens ist es die Aufgabe von Eltern auch Zuhause angemessen auf solche Mobbingprozesse zu reagieren, insbesondere dann, wenn mein Kind die Tat iniitiert hat. Wichtig ist sicherlich, dass es nicht allein bei der Suspendierung bleibt!
    4. Muss nicht im Umgang mit Mobbing zwischen den Altergruppen differenziert werden?
    5. Mobbing ist zumeist ein Prozess, der langsam entsteht und über einen längeren Zeitraum geht. Charakteristisch dafür ist weiterhin die Unterschwelligkeit. Wie kann unter diesen Umständen im Unterricht eine direkte Reaktion auf die Tat erfolgen?
    6. Wie kann die Balance zwischen pädagogischer Reaktion und Verharmlosung gehalten / gewährleistet werden?

    Je mehr ich mich mit dem Thema Mobbing sowohl theoretisch als auch praktisch auseinandersetze – desto mehr Fragen entstehen in meinem Kopf. Bei alldem habe ich die Erfahrung gemacht, dass eine klare Positionierung eines Vorbildes (Lehrer_in, Eltern, Vertrauenspersonen, Pädagog_inn_en, etc.) eine zentrale, unverzichtbare Rolle spielt.

    Herzliche Grüße
    Theresa

  • Hallo Uta,
    ich bin mit ´Master´ einer Meinung! Auch ich versuche als Schulelternsprecher in der Grundschule bei uns das den Lehrern zu vermitteln, aber die Kids MÜSSEN die Regeln der Klasse abschreiben (sogar die Erstklässer!).
    Mein Junior (11) musste auf der weiterführenden Schule wegen Quatsch machen die Hausordnung abschreiben. Ich habe mit ihm geredet, welche Vor- und Nachteile das Verhalten hatte…es waren mehr Nachteile logischerweise. Das war meines Erachtens viel sinnvoller.
    In der 9. Klasse meiner Tochter wurde ein Junge für zwei Wochen vom Unterricht ausgeschlossen, weil er sich auf dem Schulhof verteidigt hatte, er hatte nicht mal angefangen…der andere Junge wurde genauso bestraft und einer der dazwischen ging, um schlimmeres zu verhindern …genauso. Was ist daran logisch?? Ich weiss es auch nicht!

    Also wie gesagt, ich würde (und versuche es hier im privaten) genauso handeln, wie der `Master`.

    Liebe Grüsse Marina

  • Mir scheint, die Kinder haben heute wenig Achtung und Mitgefühl voreinander. Als Vertreter der alten Generation halte ich weniger von spychologischen Reden und Maßnahmen, als von eindeutigen Entscheidungen. ,.
    Man sollte dem „Täter“ noch eine Chance bieten, wenn !!! er einsichtig ist und Besserung verspricht
    Ihm und !!! den Eltern sollte eine „Abmahnung“ mit der Androhung erteilt werden, den Schüler der Schule zu verweisen im Wiederaholungsfall.
    Für die Zukunft sollte die Schule eindeutige Regeln (Verbot der Handy-Nutzung im Schulbereich) erlassen und !!! konsequent durchsetzen.
    Lehrpersonen als Psychologen sollte man nicht überfordern.
    Ein älteres Semester!

  • Guten Morgen Ute!
    Daumen-Hoch für Deine Master-Idee und Erläuterung dazu. Genauso sollte es – meiner Meinung nach – sein.

    Mir fiel dabei einen Beitrag aus einer Frauenzeitschrift, wo über ein Buch berichtet wurde, wo Mobbing das Thema war (ca. 6 Jahre her?!). Aus den Auszügen war zu entnehmen, dass die „Täter“ zu „Helfer“ des Opfers gemacht werden, wo – im Besten Falle -am Ende Freundschaften entstehen. Deiner Theorie auf jeden Fall sehr nah. Laut Bericht könnten sogar ganze Schulklassen zu „Helfer“ gemacht werden. Sollte ich im Internet den Bericht noch finden, dann linke ich Dir den hierhin.

    Euch ein schönes Restwochenende. Deine Mitleserin Georgie

    P.S. Rechtschreibung und Grammatikfehler ignorieren soweit der Inhalt verständlich 😉

  • Wenn schon zeitweiliger Ausschluss vom Schulunterricht, dann anstatt der Möglichkeit sich mit der Playstation zu beschäftigen , ihn mit dem Virus von Brech-Durchfall zu infizieren. Garantiert
    ist der Übeltäter kuriert, meint spaßeshalber M.

  • Hallo Uta,

    so jetzt habe ich mich durch alles gelesen. Ich würde alle Vorschläge/Anregungen zusammenfassen. Meineinziger Vorschlag wäre noch: ein Urteil vom Schülergericht, weiss nicht ob die Schule deiner Schwester benutzt. Ich weiss nur von unserer Nachbarsschule das das Schülergericht mitturteilt und manchmal ist es schockierend bzw hilfreich wie die anderen Schüler denken. Nicht alle Schüler insbesonder um so höher die Klassen haben ganz interessande Ansichten. Bei meiner Tochter an der Realschule gibt es jedes Jahr für alle Klassen insbesonder für die neuen Schüler, sogenande „Mobbingunterricht“, das heist Pädagogen die sich mit Internet und alles drum herum auskennen und befasssen, kommen mit der Polizei (ausgebildete für Opfer/Täter) an die Schule.
    Ich weis nicht ob es nur an der Realschulen/Gymnasium sowas gibt, aber bei uns an der Hauptschule bzw Mittelschule schon.
    Ich hoffe, für alle, die passende Lösung.
    Auf deinen Bericht bin ich gespannt.

    Lg Sabrina

  • Hallo Uta,

    ich möchte an dieser Stelle noch einmal Theresa’s sehr ausführlichen, sehr treffenden und differenzierten Kommentar auf deinen Post hervorheben ! !

    Denn alleine die Länge des Kommentars, auch Tines, zeigen, dass ein genaues Hinsehen Zeit, Geduld und das Hinterfragen der wahrgenommenen Mechanismen erfordert.
    Die spannende Fragen: Was ist Mobbing? Wo beginnt Mobbing? Und inwieweit ist Mobbing durch Kontrast mit weiteren Konfliktmöglichkeiten abgrenzbar? – sie sind nicht in drei – zehn Zeilen zu beantworten.

    Durch meine Erfahrung mit Schüler_Innen im pädagogischen Bereich, habe ich feststellen müssen, dass mein Erleben und das Erleben von Schüler_Innen nicht übereinstimmen müssen. Darauf basierend stellt sich mir die Frage, ähnlich wie Theresa auch: Wie kann sichergestellt sein, dass alle Beteiligten gefunden sind?
    (Ich möchte an dieser Stelle von jeglicher Täter-Opfer-Benennung absehen, auch auf die Gefahr hin dabei unpräzise zu wirken, weil die Perspektive, die Täter und die Opfer eindeutig zuweisen kann, meiner Meinung nach allein selbstbestimmt die Wahrnehmung einschränkt. Oder kurz: Zu Schwarz-Weiß-Diagnosen führen kann, die ebenso zu kurz greifen. Kann ein Mensch nicht auch mehr als ein identitätsbestimmendes Merkmal haben,in diesem Fall beispielsweise Täter und Opfer gleichzeitig sein?)
    Weiterführend die Frage: Wie wollen die Betroffenen, dass mit der Situation umgegangen wird? Kann ein Mediationsgespräch – in dem Fall, dass alle Betroffenen darum wissen – vielleicht zielführend sein?

    Ich kann mich auch an dieser Stelle Theresa nur wieder einmal anschließen: Ich glaube nicht, dass es so einfach ist, „eine Lösung“ aus dem Ärmel zu zaubern, wie ein verstecktes Ass; Konflikte innerhalb sozialer Gruppen verlaufen dynamisch und immer wieder anders, was aber es aber in jedem Fall bedarf, ist die engagierten Kooperation von Lehrer_Innen, Pädagog_Inn_en, Schüler_Innen, Eltern. Vor allem nicht erst, wenn es einen Konfliktherd gibt, sondern bestenfalls schon zuvor.

    Beste Grüße,
    Sophia

  • Hallo liebe Uta,

    ich habe aus Zeitnot die anderen Kommentare nicht gelesen (ich habe noch einen Stapel Klassenarbeiten hier liegen), wollte aber dennoch ein paar Gedanken in den Raum werfen:

    Man kann den Fall nicht beurteilen, weil wir nicht wissen, das der Täter und dessen Eltern dazu gesagt haben.
    Aber warum soll sich der Täter nach dem Besuch im Heim der anderen Familie nicht vor seinen Kumpels groß tun können? Doch gerade erst Recht! Er bekommt einen gratis Einblick in die Privatsphäre des Opfers und kann hinter her schön erzählen über (ich erfinde mal frei aber angelehnt an Schulhofsgesprächsfetzen): Die dummen Gesichter des Opfers und dessen Eltern; uncoole Wohnart (Mehrfamilienblock statt Villa), nicht so teure Möbel, vielleicht die zu dicke Hauskatze, vielleicht ist die Mutter nicht so gestylt wie ein Fotomodell und spricht vielleicht gebrochen Deutsch usw. Danach würde ich als Opfereltern direkt mein Kind in einer anderen Schule anmelden gehen.

    Warum Schulausschluss? Es ist die härteste Strafe die das Schulgesetz vorsieht. Und (bitte festhalten) sie wirkt dort, wo das Problem meist sitzt: bei den Eltern.

    Wir sind es den Tätern schuldig, sie mit solchen Maßnahmen auf den rechten Weg zurück zu bringen, weil sie sonst die Verhaltensmodifikation nicht schaffen. Das wirkt sich stark auf ihre Sozialisation, das Verhältnis zu Lehrern und Mitschüler und nicht zuletzt auf ihren Schulerfolg aus.

    Ich kenne beide Vorgehensweisen. In den Klassen meiner Kinder kam Mobbing vor und die mit Schulverweis bestraften Täter werden als nun ganz normale Schüler nächstes Jahr ihren Schulabschluss machen. An die „Jugendsünden“ erinnern sich die anderen Kinder kaum noch. Und so wie ich die nun Jugendlichen erlebe, fühlen sie sich jetzt wesentlich wohler in der Schule als vorher.

    Die Verfahren ohne Schulverweis, zogen sich immer über Jahre des Rückfalls und endeten nie in einer völligen Umkehr.

    Viele Grüße
    C.

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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