Oma rief an und sagte, sie hätte schwere Beklemmungen gespürt, als sie las, wir wollten Prinzessin ins Ausland schicken. „Nicht jetzt wird sie gehen“, beschwichtigte ich sie, „vielleicht im Sommer 2016.“
„Gerade Prinzessin“, meinte Oma weiter, „die ist doch so anlehnungsbedürftig.“ Und ihr sei eingefallen, dass Prinzessin das mit dem Ausland vielleicht nur gesagt hätte, weil Prinzessin wohlmöglich Angst vor dem Zeugnis habe.
Anlehnungsbedürftig? Angst vor dem Zeugnis? Jetzt spürte ich auch Beklemmungen. Ich schrieb hier ein paar Zeilen. Das half aber nicht und ich löschte alles wieder.
Mittags ging mir auf, dass ich – angesteckt von Omas aufrichtiger Sorge – begonnen hatte, mein Kind als schwach anzusehen.
Fühlte sie sich vielleicht weniger begabt, weil der große Bruder schulisch gerade so eine Erfolgssträhne hat?
Ich begann, mich zu sorgen, hatte Mitleid bei der Vorstellung, sie könne sich weniger wertvoll fühlen.
Beim Hack-Anbraten für das Zeugnis-Essen stand ich unterm Dunst-Abzug und es war, als hätte der nicht nur die fettige Dämpfe abgesaugt, sondern auch meine blöden Gedanken.
Weg damit! Mitleid für Prinzessin? Das passt überhaupt nicht. Wir sprechen hier über die Person, die richtig wütend wurde, als meine Schwester ihr beim Tischtennis-Rundlauf im Sommer leichte Bälle zuspielte, damit sie ihren Rückstand aufholen konnte. „Das hat mich tierisch aufgeregt“, sagte sie mir später, „ich will keine Punkte geschenkt haben, ich will das selber schaffen.“ Sie fauchte und gewann die nächste Runde.
Wir sprechen von der Person, die sich Schleife-Binden und Radfahren selber beigebracht hat.

*

Wenn Mütter mehrere Kinder haben, kann es passieren, dass sie eines als schwächer ansehen als das andere oder die anderen. Häufig bleiben sie diesem Kind gegenüber bis weit ins Erwachsenenalter hinein nachgiebiger als den Geschwistern, was dem vermeintlich schwachen Kind nicht gut tut, weil diese Art von Unterstützung aus Mitleid es mehr und mehr in eine Opferrolle bringt.
Helfen kann hilfsbedürftig machen.
Häufig steckt dahinter ein oft unbewusstes Bedürfnis der Mutter oder auch des Vaters, sich unentbehrlich zu machen – manchmal sogar ein Leben lang.
Tief beeindruckt hat mich die Geschichte des körperbehinderten Christian Lohr, die ich in dem Buch „Die Kraft der Ermutigung“ von Jürg Frick gelesen habe. Lohr war 1962 ohne Arme und mit missgebildeten Beinen auf die Welt gekommen, weil seiner Mutter in der Schwangerschaft ein Medikament aus der Contergan-Gruppe verschrieben worden war. Trotz seiner Einschränkungen machte er Abitur, studierte Volkswirtschaft, wurde Redakteur bei einer Tageszeitung, engagiert sich politisch und pflegt seine Hobbys Schwimmen, Reisen und Lesen.

„Christian Lohr spürte, dass die Eltern ihn sehr ernst nahmen und die gleichen Anforderungen an ihn stellten wie an den Bruder – er sich aber auch nicht mehr Freiheiten herausnehmen durfte als der Bruder. Zudem waren seine Eltern nicht ängstlich darauf bedacht, ihm möglichst alle Gefahren aus dem Weg zu räumen.“ (Jürg Frick: Die Kraft der Ermutigung. Grundlagen und Beispiele zur Hilfe und Selbsthilfe. Bern 2007, Seite 153)

Das Beispiel des körperbehinderten Journalisten, bei dem die Eltern offenbar die Kraft hatten, sich nicht in Mitleid und Ängsten zu verlieren, bildet einen starken Kontrast zu immer mehr Eltern, die sich bei ihren völlig gesunden Kindern in größte Sorgen wegen ihrer Schulleistungen, ihrer Selbstbehauptung und beruflichen Chancen hinein steigern.
Vielleicht kommt ein Kind mit dem „System Schule“ nicht so zurecht, glänzt aber in anderen Lebensbereichen.
Immer fröhlich vermeiden, eines seiner Kinder in die Schublade „schwach“ zu stecken.
Eure Uta
PS1: Liebe Oma, ich weiß, dass du Prinzessin in keiner Weise als „schwach“ siehst. Die Vorstellung, das jüngste Enkelkind allein im Ausland zu sehen, ist wohl einfach ungewohnt. Ich kann es mir ja auch noch nicht so richtig vorstellen.
PS2: Das Pixi-Buch „Thomas Schneeanzug“ geht ins Allgäu. Herzliche Glückwünsche, Martina! Bitte maile mir deine Adresse, dann kann ich es losschicken.
Ich hatte übrigens eine falsche Erinnerung an die Geschichte. Am Ende steckt nicht die Mutter, sondern die Lehrerin in Thomas Schneeanzug.

Illustration von Michael Martchenko für das Pixi-Buch „Thomas Schneeanzug“ von Robert Munsch (Text).

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  • Liebe Uta,
    ganz genau und grad mal wieder ganz akut unser Thema. Wir Drücken der Lütten wieder meinen „Schwäche-Stempel“ auf. Dass du direkt jetzt diesen Beitrag schreibst, ist für mich ein Wink …
    Ach so, obwohl ich Prinzessin nur vom Lesen „kenne“, würde ich denke, die schafft das 🙂
    Liebe Grüße,
    Dorthe

  • Liebe Uta,

    eure Prinzessin weiß sicher schon, was sie sich zutrauen und schaffen kann. Ich finde es großartig, dass sie sich trotz ihres Wunsches nach Nähe und Sicherheit (vermute ich) dieser Herausforderung stellen will. Das wird sie weiter stärken.
    Ich überlege nun, ob ich meine Herzbuben unterschiedlich behandle. Da muss ich noch mal in mich gehen. Das ist angesichts der speziellen Art des großen Buben für mich schwer einzuschätzen. Ich weiß aber, dass ich den großen Herzbuben immer wieder unterschätze und beim kleinen, empathischen Herzbuben immer mehr Verständnis als vom großen erwarte.
    Liebe Grüße von Frieda, deren kleiner Herzbube heute in das Abenteuer „Schlaffest in der Kita“ gestartet ist

  • Ui, das trifft mich grad. Genau so war (und ist) es bei meiner Ma und mir. Als meine Schwester starb, war ich 8 Jahre alt und seit dem hatte meine Mutter wohl meist Mitleid mit mir. Klar, die Welt war ja auch völlig aus den Fugen geraten… Ihre, meine, unser aller Welt zusammengebrochen.
    Sie hat versucht, meinen Schmerz wieder gut zumachen, aber -ganz abgesehen davon, dass das unmöglich ist- dann den Absprung nicht mehr geschafft, denke ich. Ich war und bin irgendwie immer noch „das arme Hascherl“ in ihren Augen.

    Ich habe eine unglaublich tolle Frau kennengelernt, als ich so ca. 19-20 war. Ich habe ein Jahr bei ihr gewohnt während meiner Ausbildung, und in dieser Zeit ist viel mit mir passiert… Sie hat mich völlig selbstverständlich genau so genommen, wie ich war. Sie ging völlig selbstverständlich davon aus, dass ich alles kann was ich will. Sie hat mir vertraut, mir so unfassbar viel gegeben. Ich habe mich damals zum ersten mal vollwertig gefühlt. Einfach nur, weil sie an mich glaubte. Ohne den leisesten Zweifel an mich glaubte.

    Ich hoffe sehr, dass ich meinen Kindern ein solches ungebremstes Vertrauen in sie entgegenbringen kann, damit sie stark bleiben können und ihren Weg selbstbewusst gehen können… Gar nicht so einfach, wenn man es selbst in der Kindheit anders erlebt hat. Unglaublich, wie sehr sich in der Kindheit Verhaltensweisen verankern…

    Sorry, Roman *hust* Ein Thema das mich sehr berührt!

    LG, M.

    P.S.: Ich lese hier schon seit fast von beginn an mit und finde immer was, was ich mir rausziehen kann 🙂 Toller Blog!!

  • Hach ja, wenn die Kleinen groß werden. Ich bin Mutter von 3 Kindern, davon ein Nesthäkchen von knapp 16 und auch schon Oma von einer 10jährigen Enkelin. Und irgendwie macht man sich als Oma immer mehr Gedanken, keine Ahnung warum, mir geht es so. Meine große Tochter verrollt sicher öfter die Augen;-)
    Ich find es super, was Ihrer Eurer Tochter ermöglicht!
    LG Antje

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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