Glückliche Familie Nr. 68: Ausflugsmuffel 

 06/08/2012

Ich weiß, wie pädagogisch wertvoll Ausflüge sind. Aber die „glückliche Familie“ ist eine Familie von Ausflugsmuffeln.

Ich habe einen Ordner voller Ausschnitte mit Ausflugstipps: Fahrt mit dem Dampf-Eisbrecher, Ozeanum in Stralsund, Sonnenuntergang auf Neuwerk, Speicherstadtmuseum in Hamburg, Barfußpark in Egestorf , Nachtwächterführung, Impressionistenausstellung, Minigolf im Dunkeln, Minigolf im Hellen… Tolle Sachen!

Unser Ausflugs-Ordner ist der links mit dem Kapitän.

Der Ordner ist voller Tipps. Und die Tatsache, dass ich die Zeitungsausschnitte alle gesammelt und abgeheftet habe, gibt mir ein gutes Gefühl.
Eines Tages könnten wir eine Familie sein, die Ausflüge macht, sich voller Eifer über Vitrinen mit alten Scherben beugt, die Kinder in die Arme schließt, wenn sie mit selbst gemeißelten Steinzeit-Werkzeugen aus der museumspädagogischen Werkstatt kommen, eine Familie mit Kindern, die am Montag ihrer Lehrerin das selbst geschöpfte Papier aus dem Freilichtmuseum zeigen und Geweihreste aus dem Wildpark höher schätzen als I-Tunes-Gutscheine.

Eine solche Familie sind wir nicht. Und diese Entwicklung nahm ihren Anfang, als ich etwa zehn Jahre alt war und mit dem Kinderchor ins Phantasia-Land bei Köln fuhr.
Ich will dem Phantasia-Land nicht unrecht tun. Und Prinzessin (11) würde dort lieber hinfahren als in jedes Museum. Aber für mich als Kind war die Sache schon gelaufen, wenn ich in einen Reisebus einsteigen musste. Ich mochte die ganze Szenerie nicht: Ein zu seinen Fahrgästen zwanghaft jovialer Busfahrer, andere Kinder mit braun werdenden Apfelachteln in Tupperdosen, klebrigen Bonbons und Hohes-C-Saftpacks, die – kaum waren sie eingestiegen – in die Tasche des Vordersitzes gestopft wurden. Mit dieser Süßigkeiten-Schaukel wurde ich in eine Welt gefahren, die ich schon als Kind als völlig künstlich empfand.  Gut, Wildwasserbahnfahren, das mochte ich. Da wurde man nass, das hatte was Echtes, das war erfrischend. Und das Element Wasser verhindert, dass man zu schnell um Achsen gedreht wird, die man an sich noch nicht kannte. Aber die übrigen Fahrgeschäfte ertrug ich nur, um vor dem Sohn des Chorleiters mein Gesicht nicht zu verlieren.
Ich verlor es nicht, aber es war grün. Und das wurde auch nicht besser, als ich wieder auf die Kopfstützen-Schoner aus beigefarbenen Polyesterpique im Reisebus starrte. Ich wollte nur zwei Dinge: zu Hause ein Kotelett mit Gurkensalat essen und in unserem Garten unter der Clematis bewachsenen Pergula schaukeln.

Jetzt wisst ihr, warum wir uns mit Ausflügen schwer tun.

Gestern aber hatte ich beschlossen, es sei Zeit, mal wieder etwas zu unternehmen. Wir einigten uns darauf, ein 300 Jahre altes Fischerhaus zu besichtigen, das von uns aus sogar mit dem Fahrrad zu erreichen ist. Und ich habe noch nicht gehört, dass jemand auf einem Fahrrad schlecht wurde.

Die Begeisterung hielt sich trotzdem in Grenzen. Prinzessin fragte, wie lange das Unternehmen dauern werde. Das macht sie immer. Sie hält Ausflüge besser aus, wenn sie weiß, wann sie danach ihr eigentliches Leben wieder aufnehmen kann.
Mein Mann pumpte die Fahrräder auf, Kronprinz (14) suchte seinen Haarwachs der Marke „Strandmatte“, Prinzessin ihre Schuhe. Ich war schon aus dem Haus, als mir einfiel, ich sollte besser  einen Pullover mitnehmen. Ich saß schon auf dem Fahrrad, als ich noch einmal rein musste, um das Fenster im Bad zu schließen, und dabei Kronprinz anrempelte, der seiner „Strandmatte“ noch die richtige Ausrichtung gab.
Ich weiß nicht, wie es große Familien schaffen, zügig das Haus zu verlassen. Meine älteste Schwester hat fünf Kinder und ist ausflugsfreudig. Wenn ich mit einer solchen Kinderschar etwas unternehmen wollte, müsste das erste Kind schon wieder auf die Toilette, wenn das Letzte gerade fertig ist.

Im Fischerhaus-Museum war es schön.

Als ich nach unserer Rückkehr (nach einer Stunde und 57 Minuten, liebe Prinzessin) mit meinem Mann bei Kaffee und Butterkuchen saß, sagte ich, dass wir ganz in Ruhe größere Ausflüge machen könnten, wenn die Kinder aus dem Haus seien. „Ach“, meinte er und schaute versonnen in unseren Garten, „eigentlich sind Ausflüge ja nicht so mein Ding.“

Immer schön fröhlich bleiben

Uta

  • Ich mache gerne Ausflüge, aber mir fehlen oft die guten Ideen. Trotz gesammelter Tipps. Leider wehrt sich auch noch der Rest der Familie ziemlich gegen Ausflüge. Allerdings genießen sie sie dann doch, wenn wir unterwegs sind. Diese Anfangsenergie aufzubringen, das fällt mir meistens so schwer, dass ich es dann doch ganz lasse. Leider.

    Viele Grüße, Kat

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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