Konflikte mit den Großen

Unser Fliesenleger ist überhaupt nicht zufrieden damit, wie sein Sohn das Studium angeht. „Teilchenphysik?“, schnaubt er, als ich mich nach seinen Kindern erkundige, „er könnte doch erst einmal kleinere Brötchen backen. Das ist typisch für Lasse: Große Klappe, nichts dahinter. Aber meine Frau und ich haben ihn jetzt mal auf den Topf gesetzt. Wir wollen, dass er zuerst seine Scheine in den Grundlagenfächern macht.“
Auch mein Zahnarzt weiß wenig Gutes von seinem Sohn zu berichten. Der Junge, 16 Jahre alt, würde den halben Tag auf dem Bett liegen, am Rechner spielen oder chatten. „Wenn ich vorschlage, er könnte Sport treiben oder sich im wirklichen Leben mit seinen Freunden treffen, brummt er nur: „Kein Bock!“
Auch ich habe immer wieder Ideen, was unsere Kinder in ihrem Leben anders machen könnten. Ich weiß es besser. Ist ja klar!
Prinzessin auf ihrem Internat in Kanada könnte doch mal genauer erzählen, wie der Unterricht da so ist, sie könnte sich in ihrer Freizeit darum bemühen, an dem deutschen Standard in Mathe dranzubleiben, und sie könnte sich auch mal aus eigener Initiative bei den Großeltern melden.
Dem Kronprinzen, der fünf Zugstunden von uns entfernt ein Studentenleben führt, sende ich Artikel über effektiveres Lernen, am Telefon falle ich ins Dozieren darüber, wie wichtig genug Schlaf, Sport und Vitamin B6 ist, dass im Leben nicht nur der Erfolg zählt, sondern die Balance, und fast hätte ich noch erzählt, welchen Frieden ich aus dem Buch „Zen üben, Atem holen, Kraft schöpfen“ gezogen habe. Zum Glück konnte ich mir das im letzten Moment verkneifen (obwohl das wirklich ein gutes Buch ist).
Wir lieben unsere Kinder und weil das so ist, haben wir schnell ein Konzept zur Hand, wie sie leben sollen. Sogar, wenn wir selbst nicht zum Bersten glücklich sein sollten, führen wir uns auf, als hätten wir einen Lehrauftrag zum Thema „Beste Lebensführung für Anfänger“.
Dazu fällt mir der Song „Father and Son“ von Cat Stevens ein. In einer Strophe singt der Sohn:
„From the moment I could talk I was ordered to listen.“
Darauf der Vater: „You’re still young, that’s your fault“
„Du bist jung, das ist dein Fehler.“ Ein Fehler, wenn man jung ist und andere Pläne hat als der Vater???
Bei meiner Coaching-Fortbildung am vergangenen Wochenende ist mir wieder aufgefallen, wie sehr wir glauben, unsere Ziele müssten auch die Ziele unserer Kinder sein. Wir haben gar keine Frage dazu. Und wenn unser Nachwuchs nicht nach unseren Vorstellungen funktioniert, jammern wir, wie schlimm die Pubertät ist oder wie undankbar, verpeilt oder desorientiert unsere großen Kinder sind.
Deshalb habe ich mir vorgenommen, bei den nächsten Gesprächen mit ihnen interessiert nachzufragen, was sie gerade bewegt, was sie für Vorstellungen und Ziele haben, anstatt irgendwelche Ratschläge zu erteilen.
Das bedeutet nicht zu allem Ja und Amen zu sagen, was sie tun. So hilft es ungemein, sich als Mama oder Papa klar zu machen, welche Bedürfnisse ich selbst habe, welche Bedingungen ich stellen möchte für unser Zusammenleben im Haus während der Semesterferien, für die Gartenparty mit 30 Freunden oder für das Studium, das wir finanzieren.
Du möchtest am Wochenende fünf Freunde mitbringen? Sehr gerne. Uns ist wichtig, dass alle einen Schlafsack mitbringen und dass ab 24 Uhr Nachtruhe ist.
Du möchtest eine Party machen? Einverstanden, wenn ihr vorher den neuen Teppich in den Keller räumt und niemand harten Alkohol mitbringt.
Du möchtest studieren? Das klingt spannend. Das ist das Budget, das wir dir zur Verfügung stellen können.
Es ist wichtig, darüber zu sprechen, wo die Interessen unserer großen Kinder und unsere Interessen in Konflikt geraten könnten. Und dann lasse ich sie ziehen, bin bei ihnen mit meiner Liebe, frage interessiert nach und unterstütze sie, ihre Ziele zu erreichen.
Aber sich einmischen in ihre ureigensten Belange, darin, was sie studieren und wann sie welche Scheine machen, wie viel sie schlafen, was sie essen, welche Partner sie wählen und wie sie mit ihm oder ihr leben, das wird nicht funktionieren für eine erfüllende Beziehung zu ihnen.

Immer fröhlich und interessiert nachfragen, was die Kinder wirklich wollen, gut zuhören und sie dabei unterstützen.
Eure Uta
PS: Sonja vom „Wertvoll“-Blog hat mich gefragt, wo Eltern ansetzen sollten, wenn es Schwierigkeiten mit ihrem Kind gibt. Meine Antwort und das ganze Interview findet ihr hier. Viel Freude beim Lesen und ein großes Dankeschön an Sonja!

  • Liebe Uta,
    ich lese schon lange leise bei dir mit und freue mich über deine Sicht auf die Dinge und dein Talent, auszusprechen was ich auch oft fühle.
    Hier fühle ich mich ertappt und ermutigt, dass zu tun, was manchmal nötig und nicht so einfach ist, nämlich „einfach mal die Klappe halten“!
    Herzlichen Dank und ebensolche Grüße!
    Anne

  • Uff – bei der Vorstellung, dass die Eltern einem ins Studium reinreden und vorschreiben wollen, welche Scheine man machen soll, dampf ich vor Zorn glatt aus den Ohren. Üblicherweise ist so ein Student ja bereits volljährig, und ist er es nicht, dann ist er eh eine Ausnahmeerscheinung und dürfte durchaus in der Lage sein, sich intellektuell selbst den Hintern abzuwischen. Graaaa! Ich bin froh und dankbar, dass meine Eltern zu so etwas nie eine Neigung gezeigt haben – allerdings hätte meine Schwester sich wiederum mehr Strenge gewünscht. Es gedeiht wohl einfach nicht jede Menschenpflanze in jedem Klima gleich gut.
    Ich denke aber, bei einem Studenten ist der Erziehungszug abgefahren. Da kann man zuhören, seine Meinung äußern, fragen, sich eben miteinander unterhalten, aber man muss akzeptieren, dass man einen Erwachsenen vor sich hat. Einen jungen Erwachsenen, klar, aber einen Erwachsenen. Und der hat ein Recht auf seinen eigenen Weg und auch auf seine eigenen Fehler, aus denen er dann seine eigenen Schlüsse zieht. Wie soll man sonst herausfinden, wer man eigentlich ist und wie sich das Leben als großer Mensch so anfühlt, wenn man sich immer nach der elterlichen Gebrauchsanweisung richtet? Zumal wenn man wahrscheinlich gar nicht werden will wie die eigenen Eltern, jedenfalls in vielen Punkten nicht. Aber wenn sie DAS hören, dann sind gerade solche Eltern wie der Herr Fliesenleger und seine Frau meist tödlich beleidigt. Undankbares Kind, unverschämt, so hamwa den nich erzogen. Eltern dürfen dem eigenen Kind jederzeit sagen, dass es alles falsch macht, aber andersrum ist das dann respektlos.
    Grunz. Ich weiß gar nicht, wieso mich das so wütend macht, ich wurde nie so behandelt. Allerdings genügend Freunde von mir, und fürs Selbstwertgefühl ist das einfach totaler Rotz, so was, und für die Beziehung zu den Eltern auch. Bin mal gespannt, wie das bei uns laufen wird, das Kind ist erst sechs, noch ist ja alles leicht und vergnüglich. 😉

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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