Mein Kind ist unzufrieden mit sich und der Welt 

 17/05/2021

Meine Gedanken zu einem Coaching-Gespräch.

Im Coaching habe ich eine Mama, die sich schon lange wünscht, ihr Sohn Linus (9) wäre ausgeglichener, zufriedener und selbstbewusster. Meine Fragen und Ideen nach unserem Gespräch waren ein wichtiger Anstoß für sie. Deshalb möchte ich sie hier mit euch teilen.

Liebe Inga,

meine Idee war, ob Linus durch sein Verhalten („eckt an“, zu wenig Selbstbewusstsein, unterfordert, überfordert, mit Schule unzufrieden, mit Eltern manchmal überkreuz…) beabsichtigt, dass ihr euch mit ihm beschäftigt. 

Du führtest als Gegenbeweis an, dass er es in der Regel gar nicht feiert, wenn du oder ihr euch ihm zuwendet oder etwas mit ihm unternehmt. 

Im Telefonat schien mir das Argument schlagend. Wenn ich weiter darüber nachsinne, aber nicht mehr. 

Foto von Maël BALLAND von Pexels

Wir Menschen tun alles mit einer für uns positiven Absicht. Auch wenn es nach außen gar nicht danach aussieht. Auch wenn offensichtlich scheint, dass die Person sich damit schadet. Irgendeinen Vorteil ziehen wir immer aus dem, was wir tun.

Zum Beispiel die Frau, die ihr Übergewicht nicht los wird. Auf der Oberfläche ist offensichtlich, dass sie die Pfunde ja nicht will. Aber auf einer tieferen Ebene nutzt sie sie als Schutz (vielleicht als Schutz davor, sich auf eine neue Arbeit bewerben zu müssen) oder als Strafe (vielleicht für ihre Mutter, die ihr immer mit ihrem Schlankheitswahn in den Ohren lag). Und deshalb wird sie das Übergewicht nicht los, ehe sie nicht ihre tiefsten inneren Überzeugungen wandelt.

Das war ein kleiner Exkurs. Es geht aber darum zu sehen, dass ein Leiden jemandem durchaus nutzen kann. Und er oder sie den Ausstieg findet, wenn wir verstehen, welcher Nutzen das ist. 

Meine These: Linus erreicht auf jeden Fall, dass du dich innerlich stark mit ihm beschäftigst. Er ist der Grund, warum du mein Coaching gebucht hast, nicht seine Geschwister. Zwischen euch Eltern scheint er häufig Thema zu sein, irgendwie hat er die Rolle des Schwierigen, … 

Und wenn er die Angebote, die du ihm für sein Glück unterbreitest, ablehnt oder mit Unzufriedenheit oder Widerwillen darauf reagiert, schafft er es, dass du „noch eine Schüppe“ drauflegen musst. Das ist ein Fass ohne Boden. Und auch wenn er weiterhin unzufrieden und allein auf seinem Zimmer ist und auch wenn seine Eltern irgendwann genervt sind von diesem Sog, schafft er es immer wieder, dass ihr gedanklich um ihn kreist. 

Könnte das zutreffen?

Im Gespräch sagst du ganz häufig „er tut mir so leid“.

Muss er dir wirklich leid tun?

Linus ist mit überdurchschnittlichen Geistesgaben ausgestattet. Hohe Intelligenz und Sensibilität. 

Er wurde in eine liebevolle Familie mit gebildeten Eltern hineingeboren, die es für ihn an nichts Wesentlichem fehlen lassen. 

Er hat Geschwister, mit der kleinen Schwester kann er nach Herzenslust herumalbern. Sinnvolle Wünsche werden ihm erfüllt: Bücher, Sport, Musik, Kunst … Was er ausprobieren möchte, wird ihm ermöglicht. Sogar Großeltern sind im Hintergrund, die Zeit mit ihm verbringen.

Ja, gut die Pandemie. Aber das geht ja allen Kindern gerade so. Und der Wechsel zwischen Präsenz und Homeschooling könnte auch als erfrischend wahrgenommen werden. 

Wozu diese Unzufriedenheit erschaffen?

Welchen (unbewussten) Sinn macht das für ihn?

Mir kommt es so vor, als sei Linus überzeugt, es gebe eine Bringschuld für ihn. Als müsse die Schule, das Computer-Spiel, die Freunde, das Fußballtraining, die Eltern … sich nach seinen Vorstellungen richten, ohne dass er diese genau definieren könnte.

Wie ist das entstanden? (Und das ist nicht schlimm. Er ist ja ein toller und begabter Kerl, aber vielleicht könnten familiäre Veränderungen der Einstellung und damit des Verhaltens ihn bewegen, seine „Strategie" zu verlassen.)

Warum hast du das Gefühl, für Linus etwas ausgleichen zu müssen?

Du sorgst als Mama für ihn. Aber bist du für sein Glück verantwortlich?

Und wann und wie ist das Gefühl entstanden, du müsstest ihn bei Stimmung halten? 

Wollen wir darüber nochmal sprechen?

 Herzliche Grüße,

 Uta 

und ich sage nicht, dass ihr euch nicht um Linus kümmern sollt. Es geht um die innere Haltung und tiefste Überzeugungen, die Context-Ebene, wie wir im Coaching sagen, und die uns in der Welt die greifbaren Ergebnisse bringen.
Im Sinne von: Du liebst ihn, du vertraust ihm und leistest den Beitrag zu seiner Kindheit, den du leisten möchtest, und was er damit macht, liegt in seiner Verantwortung.

Soweit meine Mail an Inga nach unserem Coaching-Gespräch.

Kannst du damit etwas anfangen, dass ich mit meinen Coachies untersuche, welchen Nutzen die Beteiligten aus einem Problem ziehen, um auf einer tieferen Ebene den Auslöser zu finden? 

Ich freue mich über eure Kommentare und Fragen!

Immer fröhlich die Probleme bei der Wurzel anpacken,

Eure Uta 

Coaching-Termine gibt es hier in meinem Kalender.


  • Liebe Uta,

    deinen Ansatz finde ich ungemein wichtig, ebenso wie den Hinweis, dass die Eltern dem Kind vertrauen und ihm die Verantwortung für seine eigenes Glück (zurück-)geben können.

    Auch wir Eltern können uns ruhig immer mal wieder fragen, welche positive Absicht für uns wir damit verfolgen, wenn wir auf eine bestimmte Weise auf das Verhalten unserer Kinder reagieren.

    Ganz oft fällt es uns viel schwerer, weniger oder gar nichts zu tun und auszuhalten, dass das Kind so ist, wie es ist. Wie schnell verfallen wir in „Wir müssen doch aber unbedingt…“?
    Ich versuche immer öfter, erstmal innezuhalten und zu bemerken, was überhaupt ist und ob das überhaupt Handlung erfordert. Und wenn ja, von wem?

    Deine Frage nach der positiven Absicht für alle Beteiligten hilft mir dabei in Zukunft.
    Danke dafür!

    Liebe Grüße,
    Inra

    • Liebe Inra, ganz herzlichen Dank für diese schöne Rückmeldung! Ja, wenn man versteht, warum jemand etwas tut, was ihm oder ihr eigentlich schadet, ist unglaublich viel gewonnen. Liebe Grüße, Uta

  • Liebe Uta, ich denke, dass ist ein Ansatz, der wirklich zielführend ist. Werden nur Ratschläge von außen gegeben (wie vielleicht von vielen erhofft), geht man nicht an den Kern des Problems. Wenn man selbst aber versteht, welche Prozesse sich hinter Verhaltensweisen verstecken, kann man sich selbst auch reflektieren. Und das ist meiner Meinung der Schlüssel zur Auflösung der Situation. Aber es liegt natürlich immer auch an den Coachies, ob sie offen sind für Selbstreflektion on oder gar Selbstkritik. Ich finde, es ist wunderbar, wenn Menschen mit sich selbst zufrieden sind und sich auch selbst glücklich machen können. Wenn wir das vorleben und unseren Kindern somit weitergeben können, ist das toll!
    P.S.: ich hatte mal einen ähnlichen Fall im Freundeskreis und dort rührte die Unzufriedenheit des Kindes offenbar daher, dass ein Elternteil oft mit sich und auch mit vielen Menschen und Dingen in seiner Umwelt unzufrieden war. Vielleicht auch ein Ansatz.

    • Liebe Anke, dein Punkt „offen für Selbstreflektion oder gar Selbstkritik“ ist entscheidend. Dabei geht es nicht um „ich bin wieder an allem schuld“, sondern darum zu entdecken, welche Rolle ich in unserem familiären Zusammenspiel einnehme und damit auch welche Möglichkeiten ich habe, selbst etwas daran zu verändern, anstatt mein Kind als sonderbar zu betrachten. Die Eltern, die sich bei mir zum Coaching melden, zeigen schon dadurch ihre Bereitschaft, bei sich selbst anzusetzen. Das ist großartig!
      Lieben Dank für deinen Beitrag! Herzliche Grüße, Uta

  • Liebe Uta,

    ein interessanter Ansatz..ich merke selbst immer wieder wie ich Mitleid mit meinen Kindern hab und mich für ihr Glück total verantwortlich fühle und mich es eigentlich stresst. Danke für den Denkanstoß

    • Liebe Tanja, wir Eltern haben leicht eine Neigung dazu. Ich ertappe mich auch immer wieder dabei. Am meisten beeindruckt hat mich, was ich einmal über die Mutter des Tenors Thomas Quasthoff gelesen habe, der schwerst contergan-geschädigt auf die Welt gekommen ist. In dem Buch hieß es, sie habe ihn genauso behandelt wie seine „gesunden“ Brüder. Also kein Mitleidsbonus, keine Befreiung von Haushaltspflichten … Stark, oder? Danke fürs Schreiben und liebe Grüße, Uta

  • Auch wenn die Beschreibung des Kindes hier sehr knapp ist, erinnert sie mich auf Anhieb an meinen Sohn.
    Und je nachdem welche Persönlichkeitsmerkmale noch auftreten, könnten die Eltern darüber nachdenken ihn auf Begabung und Autismus testen zu lassen. Es muss sich nicht auffällig äußern und kann auch subtil sein.
    Bevor jetzt der Riesenaufschrei kommt: Nein, ich will niemanden labeln. Ja, man sollte sein Kind nehmen wie es ist, unabhängig von einer Diagnose. Aber es gelingt eben nicht immer und u. U. macht es so eine Diagnose leichter, das Kind zu verstehen; zu sehen, dass es gerade eben nicht anders kann oder es die Welt einfach völlig anders sieht. Uns hat dieses Wissen geholfen.

    • Liebe Arabella, danke für diese Anregung! Als bei uns der Schulstart vom Kronprinzen so schwierig war, hat mir auch ein Test und die Nachricht, dass bei ihm alles mehr als in Ordnung und er ein besonders aufgewecktes Kind sei, total entlastet. Im Fall des Jungen in meinem Coaching können wir Autismus ausschließen, eine Hochbegabung ist wahrscheinlich. … und trotzdem geht es nicht nur um ihn und seine Talente, sondern auch um das Zusammenspiel in der Familie und darum, das auszuräumen, womit er sich selbst im Weg steht. Herzliche Grüße, Uta

  • Der Brief hätte auch an mich geschrieben sein können…
    Mein Sohn ist 5 Jahre alt, er hat keine Geschwister, er wirkt aber auch oft „unglücklich“ und ich habe das Gefühl, nichts daran ändern zu können.

    Die Idee, dass er die Rolle des Schwierigen einnimmt, um Teil der Welt von seinem Vater und mir zu sein, hat mich erschrocken. Es ist irgendwie wahr… und gleichzeitig erschreckend, sich selber so zu reflektieren…

    • Liebe Rita, ich bin mir sicher, er ist ein wichtiger Teil in eurem Leben und bräuchte die Unzufriedenheit nicht wirklich. Man könnte auch mal schauen, ob man selbst Unzufriedenheit als Antrieb nutzt und ob er es sich vielleicht abschaut. Aber das ist natürlich sehr im Nebel gestochert. Vielleicht magst du es in einem Coaching klären. Herzliche Grüße und danke für deinen Kommentar, Uta

  • Eine Sichtweise wäre vielleicht auch, dass das Kind seine Unzufriedenheit „mitgebracht“ hat, weil es sie als Motor braucht – um Veränderungen zu bewirken, Visionen zu entwickeln…
    Meine Tochter (gleich alt, ähnlich zu charakterisieren) fängt an, vom Wunsch nach politischer Teilhabe zu sprechen oder davon, ein Medikament gegen Krebs zu entwickeln.
    Die Unzufriedenheit ist sehr schwer auszuhalten… Aber wer weiß, wozu sie es noch braucht… Wenn ich mir das so vorstelle, fällt es mir leichter es anzunehmen.
    LG Juli

    • Liebe Juli, danke für den Satz mit der Unzufriedenheit als Motor! Die Frage wäre, ob sich auf lange Sicht der Unzufriedenheits-Motor nicht durch einen Begeisterungs-Motor austauschen ließe, zumal bei solch ambitionierten Zielen eines Kindes. Wozu unglücklich sein über das, was noch nicht erreicht ist, statt sich auf das zu freuen, was sich im Leben noch erschaffen lässt? Deine Tochter scheint ein sehr aufgewecktes Kind zu sein, vielleicht kannst du mal über mögliche „Motoren“ mit ihr sprechen. Danke für deinen Beitrag und herzliche Grüße, Uta

  • Vielen Dank für diesen Artikel. Mein älterer Sohn (7) ist gerade auch sehr unzufrieden mit sich und der Welt. Und ich frage mich die ganze Zeit, was ich dagegen unternehmen könnte, wie ich ihn noch mehr unterstützen könnte usw. Nach deinem Artikel denke ich, dass auch er alles „Wesentliche“ schon von uns bekommt. Vielleicht ist es gar nicht „mehr“, das ich noch geben muss. Vielleicht ist es doch ok, mich mal zurück zu lehnen und mich ohne schlechtes Gewissen um mich zu kümmern, ohne sein „finsteres Gesicht“ im Kopf zu haben.

    Deine Gedanken werden mich auf jeden Fall noch eine Weile beschäftigen, da bin ich sicher…

    Liebe Grüße, Eva

    • Liebe Eva, herzlichen Dank für deine Rückmeldung! Ich wünsche dir sehr, dass du dich mal ohne schlechtes Gewissen zurücklehnen kannst und dein Sohn auch sich heraus lernt, Zufriedenheit und Glück zu entwickeln. Viele Grüße, Uta

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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