Kreidefressen funktioniert nicht 

 05/06/2018

Wie Eltern mit ihrer Wut umgehen können.

Wir saßen am Wochenende mit Freunden zusammen und sprachen darüber, wie es ist, wenn man sich über die Kinder ärgert und der Pegel immer weiter steigt, bis man explodiert und Sachen sagt und tut, die man – geschworen bei Stein und Bein – nie sagen oder tun wollte gegenüber den Menschen, die man über alles liebt, den eigenen Kindern.
Mein Mann erinnerte sich an die Zeit, als der Kronprinz fünf oder sechs Jahre alt war. Wenn unser Sohn nicht bekam, was er wollte, schrie er. Laut, schrill, hochfrequent. Wir waren am Ende. Wir waren immer kurz davor, ihm zu geben, was er wollte, wenn nur dieses Schreien aufhörte. Bitte! Wie Labor-Ratten fühlten wir uns, alles vermeidend, was den nächsten Stromstoß, den nächsten Schreianfall auslösen könnte. Wir maßen die jeweils längste Zeit ohne Schreien, stellten Belohnungen in Aussicht für einen, wenigsten einen Tag ohne unerträgliche Dezibel-Werte. Nichts half. In dieser Zeit passierte eine Ohrfeige und plötzlich ist alles wieder gegenwärtig.
Auch unsere Freunde, Lars und Kristin, konnten etwas Unrühmliches zu dem Thema beitragen. Wer Kristin kennt, wird kaum für möglich halten, dass Wut im Repertoire ihrer Gefühle auch nur einen Stehplatz hat. Aber es gab diesen Tag, an dem ihr Pegel in den roten Bereich stieg. „Ich weiß kaum, wie mir geschah. Ich habe Mats auch nicht geschlagen, aber plötzlich sah ich sein Lieblingsauto vor mir auf dem Boden liegen und ich habe es mit voller Wucht zertreten.“
Unsere Blicke am Samstag in der Freundesrunde tauchten in den Restschaum in unseren Kaffee-Gläsern. Die alten Schuldgefühle kamen wieder hoch. Da tat es wohl zu lesen, dass selbst meine neuen pädagogischen Idole, Adele Faber und Elaine Mazlish, ihre Ausraster hatten. In ihrem ersten Buch „Entspannte Eltern – entspannte Kinder“ schreibt Adele, wie sie eines Nachmittags hörte, dass sich ihre beiden Jungs im Schlafzimmer stritten. Und zwar schon längere Zeit. „Ich sprang auf, um los zu sprinten, entschied dann aber, dass ich mich nicht einmischen würde. Sie sollten das untereinander lösen. Dann hörte ich Andy wieder schreien, nur klang es diesmal, als würde er gewürgt. Und dazu lachte … David auch noch schadenfroh. Ich verlor die Kontrolle. Ich rannte in das Zimmer und packte ihn am Hemdkragen. ‚Weißt du, was du bist?‘, rief ich, ‚du bist eine Ratte. Du bist die mieseste aller Ratten!'“ (Seite 184)
Wie tröstlich, dass es selbst dieser Frau so ging, die Woche für Woche in einen Kurs ging, um bei dem bekannten Kinderpsychologen Haim Ginott neue Formen der Kommunikation zwischen Eltern und Kindern zu studieren!
Das mit dem Schreien in unserer Familie hatte ich völlig verdrängt. Ich saß im Café und war ganz verdattert. Stimmt. Da war diese Phase. Sie war lange, bevor wir als Familie besser zu einander fanden. Und sie hielt an bis etwa Ende der dritten Klasse unseres Sohnes. Auch wenn mir manches leid tut, was ich in den Jahren gemacht habe, so tat ich doch mein Bestes und es hat mich dahin geführt, wo ich heute stehe: mit Büchern im Schrank, denen ich viel verdanke, mit einem großen Schatz an Wissen im Kopf, mit meinem eigenen Buch, meiner Coaching-Ausbildung … und schließlich mit einer im Laufe der Jahre wachsenden innigen Verbundenheit mit unseren Kindern.
Das verdanke ich dem Kronprinzen, der uns als Eltern einfach nicht hat durchkommen lassen mit unserem Verhalten. Es war, als hätte er uns seinem Geschrei und seinen Ausrastern sagen wollen: „Hey, ihr lauft noch nicht rund als Paar und als Eltern. Ich probe so lange den Aufstand, bis ihr auf eine andere Spur kommt.“

Der Boxsack bei uns im Keller: immer mal wieder von einem von uns genutzt, um Dampf abzulassen.

Was aber hilft uns, auf diese Spur zu kommen? Wie können wir so manche tickende Zeitbombe in uns entschärfen oder dort zünden, wo sie niemandem weh tut?

  1. Das Gefühl in sich erkennen, sich eingestehen und erlauben. Wenn man zum Beispiel zornig ist auf sein Kind, bringt es wenig, das zu unterdrücken. Unterdrückte Gefühle sind wie ein Wasserball, den man unter die Wasseroberfläche drückt. Je weiter man ihn nach unten presst, desto höher springt er an einer anderen Stelle wieder aus dem Wasser.
  2. Sich eingestehen, dass kein Mensch immer sanft und geduldig sein kann. Dann ist man wie ein Wolf, der Kreide gefressen hat. Kein Kind will solche Kreide fressenden Eltern. Für ein Kind ist eine Mama, die all meine Bedürfnisse sehen und befriedigen kann und selbst keine zu haben scheint, kaum zum Aushalten. Es merkt, dass wir uns nicht ganz zeigen als der Mensch, der wir wirklich sind.
  3. Die eigene Wut äußern, ohne das Kind zu beleidigen oder zu entwerten. Zum Beispiel wenn die Kinder den eigenen Wellensittich nicht versorgen, wäre eine Aussage wie diese hilfreich: „Wenn ich sehe, wie ein hilfloses Tier leidet, weil niemand sich darum kümmert, fühle ich mich außer mir! Ich habe das Gefühl, ich müsste jeden von euch anbrüllen und den Vogel jemanden geben, der sich anständig um ihn kümmert. Jetzt kommt mir besser für lange Zeit nicht in den Weg, denn ich kann nicht garantieren, was ich sonst sagen werde!“ („Entspannte Eltern – entspannte Kinder“, Seite 195) Auf diese Weise kann man ein wenig „Luft aus dem Wasserball“ lassen, ohne auf die Kinder loszugehen.
  4. Für Ausgleich und Entspannung sorgen: z.B. einen Spaziergang allein machen und tief durchatmen, sich mit dem Lieblingsbuch oder einer Zeitschrift auf dem Klo einschließen, den Boxsack im Keller traktieren, Stepptanzen lernen (das Aufstampfen hat mir sehr geholfen, Flamenco hat sicher eine ähnlich wohltuende Wirkung), für meinen Mann ist Holzspalten oder Kochen (Jubel!) die größte Entspannung.
  5. Wenn sich unser „Wasserball“ in wiederkehrenden Situationen mit Luft füllt, zum Beispiel immer beim Zähneputzen, immer beim Abendbrot, immer bei den Hausaufgaben, immer wenn Oma zu Besuch ist … dann mal untersuchen, warum wir in diesen Situationen so eine kurze Lunte haben. Was stört uns? Welche Erwartungen werden nicht erfüllt? Worüber machen wir uns Sorgen? Welche alten, eigenen Kindheitsängste werden aktiviert? Sind diese Ängste begründet oder lassen sie sich vielleicht durch eine nüchterne Untersuchung (mit Papier und Stift wie hier) schnell entkräften? Haben diese Ängste mit meinen Kindern zu tun oder vielleicht viel mehr mit mir selbst?

Immer fröhlich Luft aus dem Wasserball lassen!
Eure Uta

Titelbild von Kenia Makagonova von Unsplash. Vielen Dank!

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Uta


Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

Deine, Uta

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