Liebe ist Fülle, kein Diskurs 

 12/09/2016

Empathie kann man nicht lehren

Ich habe gelesen, dass man einem Kind erklären soll, welche Folgen seine Untat für ein anderes Kind hat. Und dass man es erinnern soll, wie es sich gefühlt hat, als es auch mal in so einer Situation war. Und dass man Kindern so Empathie anerzieht und sie lehrt, ein besserer Mensch zu werden.
Puh, schon das Ganze aufzuschreiben, ist anstrengend.
Aber weiter: Die Idee ist, vom anderen her zu argumentieren. Nicht: „Du hast Fernsehverbot, weil du so gemein zu deiner Schwester warst“, sondern „Überlege mal, wie weh es dir getan hat, als Nico neulich so gemein zu dir war. Kannst du dir vorstellen, wie deine Schwester sich jetzt fühlt?“
Die Idee ist, die Aufmerksamkeit auf den Mitmenschen zu lenken und zu verhindern, dass ein Kind etwas „Böses“ nur unterlässt, weil es negative Folgen für es selbst hätte (Fernsehverbot), statt dass ihm klar würde, wie sein Verhalten sich auf andere auswirke.
Das Ganze hat einen Namen: „induktiver Erziehungsstil“.
Ja, das kann man machen. Ich finde es aber so krampfig. Schon wenn ich die Anleitung für den induktiven Erziehungsstil lese, verheddern sich bei mir die Synapsen. Der Verstand arbeitet sich einen ab, aber in den Schläfen- oder sonstigen Hirnlappen für echte Empathie oder nennen wir es Liebe, ist absolut tote Hose.
Mit dem „Lehren“ ist das so eine Sache. Niemand wird gerne belehrt. Wenn man sich Algebra aneignen muss oder die Verkehrsregeln für den Führerschein – in Ordnung. Aber bei so mitmenschlichen Sachen wird es gerne moralisch, geraten wir schnell in Kategorien von Gut und Böse. Und da kann ich mit noch so sanfter Stimme mit meinem Kind sprechen und noch so hehre Absichten haben … Wenn ich meinem Kind – wie oben – sage: „Überlege mal, wie weh es dir getan hat, als Nico neulich so gemein zu dir war. Kannst du dir vorstellen, wie deine Schwester sich jetzt fühlt?“, dann erzeuge ich Schuld- und Schamgefühle. Dann sage ich zwar nicht „Du bist böse!“, aber die Botschaft ist klar. Und wenn jemand sich schuldig fühlt, sich schämt und ganz zerknirscht ist, macht ihn das zu einem besseren Menschen?
Hey, Leute, ganz ehrlich: dann lieber ein knackiges Fernsehverbot als so ein Gefühls-Gequetsche.
Zwei Sätze sind mir im Laufe der Jahre mit meinen Kindern ganz, ganz wichtig geworden. Hier sind sie:

Wer die Liebe predigt, lehrt das Predigen, aber nicht die Liebe.*

Empathisch werden Menschen, wenn sie von klein auf Empathie am eigenen Leib erfahren haben.**

Also nicht durch Belehren, Auf-sie-einreden, Argumentieren, An-ihre-Einsicht-appellieren, Zusammenhänge aufzeigen, Folgen darstellen usw. erreicht man bei Kindern prosoziales Verhalten, sondern durch Vorleben. Über Politik, die Kernspaltung oder Massentierhaltung kann man ja ausgiebig in der Familie diskutieren. Aber die Essenz des Miteinanders vermittelt sich höchstens zu einem sehr, sehr kleinen Teil über Argumente.
Im Kern geht es um etwas ganz anderes.
Was ich mir für meine Kinder wünsche, sollte ich leben: Voller Liebe sein, mich begeistern für das Leben mit allen seinen Auf und Abs, spontan etwas schenken, einfach so jemanden einladen, tanzen, mit Freude und Hingabe arbeiten, großzügig sein, die Natur genießen, was Neues wagen…
Ich kann doch nicht sagen: Ich habe es ja nicht so prall erwischt im Leben, aber mein Kind, das soll es mal ganz anders haben. Ganz ehrlich. Das wird nicht funktionieren, weil Kinder uns folgen in dem, was wir vorleben.
Dieser „induktive Erziehungsstil“ setzt voraus, dass Erwachsene Kindern moralisch überlegen sind. Und das ist etwas, auf das ich  höchst allergisch reagiere. Guckt euch die Welt doch an: Woher nehmen Erwachsene ihre moralische Überlegenheit? Woher nimmt die Frau, die ihren Mann ständig zur Schnecke macht, das Recht, sich über ihr dominantes, rechthaberisches Kind zu erheben? Wie können Eltern, die sich ständig streiten, ihrem Kind sagen, es solle sich mit Lilly und Mara wieder vertragen? Wie kommt der Vater, der unzuverlässig ist, dazu, seinem Sohn Gardinenpredigten über Schulpflichten zu halten?
Schon Säuglinge können nicht nur selbst Gefühle und Absichten ausdrücken, sondern diese auch ansatzweise bei ihrer Mutter erkennen. (Karin Grossmann/Klaus E. Grossmann: Bindungen – das Gefüge psychischer Sicherheit., Stuttgart 2012, Seite 104) Kinder kommen als soziale Wesen auf die Welt. Ich muss sie nicht sozial „machen“.
Statt sie in induktiver oder sonst irgendeiner Weise zu belehren, sollten wir aufpassen, sie nicht zu verderben mit unseren „Kopfgeburten“.
Sich immer fröhlich um das eigene Glück kümmern und die Kinder mitreißen.
Eure Uta

* Ich habe schon mehrfach nach der Quelle dieser Redewendung gesucht, leider vergeblich. Wenn jemand einen Hinweis hat, würde ich mich freuen.
** Das ist das Ergebnis einer an der Universität Augsburg durchgeführten Studie mit Müttern von zwei-, drei- und fünfjährigen Töchtern. In „Psychologie Heute“ von September 2003 heißt es über das Ergebnis der Studie: „Je feinfühliger die Mütter mit ihren zweijährigen Kindern umgegangen waren, umso mehr Mitgefühl und prosoziales Verhalten zeigten diese im Alter von fünf Jahren.“

  • Hallo liebe Uta,
    ich habe gerade dein Buch bestellt und bin total begeistert, ich bin selber Mutter von 3 kleinen Kindern und habe jetzt auch einen Blog über Kids-Art-Travel begonnen, da ich als Expat-Mutter auf den Philippinen die letzten 1,5 Jahre gar nicht gross die Chance hatte was anderes zu machen. Aber zu deinem Eintrag – großartig. Dies ist genau meine Art zu erziehen – da bist Du mir wirklich ein Vorbild. Ich habe in meinem Blog auf http://www.thetreasurette.com zwar auch über Gina Ford geschrieben, die ich super gut finde – nur für den Rhythmus im ersten Jahr. Aber alles andere muss ich sagen, geht nur über das Thema Empathie und Verständnis. Auch wenn ich oft wieder in lautere Töne und Geneigtheit und Anschuldigungen verfalle, muss ich mich immer wieder an einige Themen aus deinem Buch erinnern und mir sagen: STOP – ich bin ein Vorbild für meine kleinen Würmer und nur durch gutes Vorleben können sie begreifen, was ich von ihnen möchte. Ich freue mich, dass Frau Marita E-R mich auf Sie aufmerksam gemacht hat 🙂 Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich das Buch als kurzen Post in meinem blog erwähnen, mit einem Link auf ihren Blog. Bin echt begeistert! Falls Ihnen auch mein Blog gefällt würde ich mich sehr freuen 🙂

  • Ach, liebe Uta. Du hast wie immer Recht…. Ich bin dir so dankbar für deine Gedanken und Blog-Artikel, die ich mir sehr zu Herzen nehme. Kinder lernen einzig und allein durch eigene Erfahrung, ihre Begeisterung und gute Vorbilder – so einfach ist das. Alles Liebe von Laura

  • Das Kinder in erster Linie durch vorleben lernen, da bin ich absolut bei dir. Aber wenn ein Zweijähriger einen jüngeren schubst, kann man doch nicht kommentarlos daneben stehen.
    Bei gleichaltrigen, die sich körperlich in nichts nachstehen, kann ich davon ausgehen, dass die beiden das schon unter sich ausmachen. Doch bei jüngeren muss man einfach eingreifen, um Schlimmeres zu verhindern. Ein Zweijähriger hat eben genug Kraft und wenig genug Empathie, um einen Einjährigen ernsthaft zu verletzen. Auch wenn er das nicht will. Auch wenn ich ihm dies nie vorgelebt habe. Es ist einfach so. Da helfen doch alle guten Gedanken nicht.
    Bist du in so einer Situation dann tatsächlich in der Lage, die Sache unkommentiert zu lassen? Einfach nichts zu sagen, weil du nicht moralisch kommen willst? Wie tust du das? Lenkst du ab? Spielst du vor, du hättest es nicht gesehen, obwohl du doch gerade interveniert hast? Oder wirst du doch ärgerlich und beginnst dein Kind zu erziehen, indem du meckerst?
    Ich glaube auch nicht, dass diese Belehrungen notwendig sind, um den Kindern Empathie beizubringen. Aber ich halte es für notwendig, meine Taten zu kommentieren, meinem Kind die Welt zu erklären, zu zeigen, dass Tun und Wollen auch bei uns Erwachsenen nicht immer in Einklang miteinander stehen. Das geht nun mal am Besten mit Worten. Und wir Menschen sind nicht nur soziale sondern auch intellektuelle Wesen, von Geburt an.

    • So wie ich Uta verstanden habe, geht es nicht darum, solch ein Verhalten ( schubsen) unkommentiert zu lassen. Sondern darum nicht zu belehren, also zu kompliziert, ausschweifend und zu lang fürs Kind zu reden.
      Ich selbst würde einfach meinem Kind sagen, dass ich nicht möchte, dass er xyz schubst, weil es wehtut.

  • Liebe Uta,
    ich hatte bei solchen Erziehungsversuchen -bei mir oder bei anderen Müttern- auch immer ein ungutes Gefühl, konnte es aber nie so auf den Punkt bringen, was mich stört. Vielen Dank dafür!
    Liebe Grüße Ute

  • Liebe Uta,
    ich denke ja ganz oft: das paßt schon so, wie ich meine Kinder beim Aufwachsen begleite.
    Dann lese ich hier und zhucke zusammen und denke: ups, doch blöd. Und freue mich dann im gleichen Moment über den Denkanstoß.
    Danke dafür!

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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