Mit Klarheit ins neue Jahr 

 03/01/2019

Wie kostbar Leben ist und wie ich mich wieder mehr auf meine Vision ausrichte.

Eine der liebsten Freundinnen von Prinzessin (17) in Kanada war ihre Mitschülerin Ameera aus Vancouver. Als mein Mann und ich im vergangenen Juni auf Vancouver Island waren und Prinzessin am Ende ihres Schuljahres abgeholt haben, saßen wir bei der Abschlussfeier mit Ameeras Eltern an einem Tisch. Was für eine Begegnung! Nachdem meine erste Scheu, Englisch zu sprechen, überwunden war, hatte ich während der zwei Tage dauernden Abschlussfeierlichkeiten wunderbare Gespräche vor allem mit Ameeras Mama. Sie interessierte sich für meine Arbeit als Coach. Und als ich ihr die Vier-Fragen-Methode von Byron Katie erklärte, zog sie ihre Tochter und ihren Mann am Ärmel an den Tisch, damit auch sie hörten, wie nützlich diese Technik im Leben sein kann. Ihr Interesse hat mich sehr gefreut. Schnell entstand eine Verbundenheit zwischen unseren Familien, zumal sie einen Sohn und eine Tochter im Alter unserer Kinder haben. Mit großer Wärme sprachen sie von Ameeras älterem Bruder Khalil. Zwar mache er ihnen Sorge, weil er wahrscheinlich sein gerade begonnenes Studium abbrechen werde und vor allem groß darin sei, Partys zu feiern, aber was für ein Kerl: Sein Vater erzählte, wie Khalil ein paar gemeinsame Minuten in einem Fahrstuhl genügten, um neue Freunde zu gewinnen. Und wie er mit seinen Kumpels in ihrem Haus ein großes Fest gab und an der Haustür eine Spenden-Box stand für ein Sozialprojekt.
Kurz vor unserem Rückflug nach Deutschland lud uns die Familie zu einem Mittagessen in ihrem Haus ein. Hier hatte Prinzessin Ferientage verbracht, wenn das Internat geschlossen war. Hier lernten wir Ameeras Oma kennen, wurden wunderbar bekocht und konnten uns keinen besseren Abschluss unserer Reise durch Kanada vorstellen, als zusammen mit unseren neuen Freunden um einen großen Tisch zu sitzen. Mit dem gegenseitigen Versprechen, uns auf Vancouver Island oder in Europa wiederzusehen, brachen wir zum Flughafen auf.
Wieder in Hamburg blieben Ameera und unsere Tochter über Facetime in Kontakt. Ab und zu traten wir Mamas ins Bild und winkten uns zu. Bis Prinzessin drei Wochen nach unserer Rückkehr aus Kanada weinend auf der Treppe saß. Ihrem Schluchzen konnte ich irgendwann das Unfassbare entnehmen: Ameeras Bruder Khalil war an diesem Tag auf der Straße zusammengebrochen und wenig später im Krankenwagen gestorben: Herzinfarkt mit 21.
Seither denke ich fast jeden Morgen beim Aufwachen an die Familie in Vancouver. Wie gelingt es Khalils Mama, aus dem Bett zu kommen? Hat sie überhaupt geschlafen? Schafft sein Papa es, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, oder taucht er vielleicht gar nicht mehr daraus auf? Warum wird es hell jeden Morgen? Was soll das Vogelgezwitscher? Wie kann das Haus, der große Baum an der Terrasse, der Postbote, die Müllabfuhr … wie können alle so tun, als würde das Leben einfach weitergehen?
Heute Nacht habe ich von Khalil geträumt. Zwar habe ich ihn nicht persönlich kennen gelernt, weil er nicht zu Hause war, als wir die Familie besuchten, zwar habe ich nur Fotos von ihm gesehen und ein Lied gehört, das er selbst geschrieben und gesungen hat. Aber heute morgen bin ich mit seinem Bild im Kopf aufgewacht und ich hörte ihn sagen: „Du bist doch noch am Leben, Uta!“ – „Khalil“, dachte ich, „du hast Recht. Wozu diese ganzen Gedankenschleifen? Was hat seine Mama davon, dass ich jeden Morgen in Mitgefühl versinke? Wir schreiben uns regelmäßig und wahrscheinlich treffen wir uns im kommenden Sommer. Aber meine kleinen morgendlichen Melancholie-Anfälle nützen niemanden. Ich bin noch da. Das will ich sowas von nutzen! Das würde dir, Khalil, sicher gefallen, du charmanter Typ mit den Fahrstuhlfreundschaften und den Spendenpartys.
„Ich bin noch da. Das will ich nutzen.“ – Was bedeutet das für mich?
Zum Jahreswechsel habe ich angefangen, „Schön, dass es dich gibt“, das neue Buch von Laura Malina Seiler, zu lesen. Ich bin noch im ersten Drittel, weil ich mir jedes Kapitel aufspare wie geistiges Konfekt. Da geht es viel darum, eine Vision für sein Leben zu finden und zu formulieren. Weil ich aber ein paar Jahre älter bin als die junge Frau in Berlin, habe ich meine Vision längst gefunden: Familienglück. Ich bin hier, um es selbst zu erleben. Ich wollte Mann und Kinder und am liebsten noch einen Hund (es wurden Katzen). Und ich wollte, dass das Leben, das wir zusammen führen, uns alle erfüllt, dass wir eine große Nähe zueinander erleben bei größtmöglicher individueller Freiheit, dass wir uns unterstützen, das Zusammensein genießen und – wer hätte es geahnt – immer fröhlich bleiben ;-). Diese Vision hat sich verwirklicht. Klar, es gibt auch mal Knatsch bei uns und es werden von Zeit zu Zeit größere Klärungsgespräche notwendig wie vergangene Woche, als wir alle um den großen Tisch saßen. Aber niemand von uns vieren möchte es missen, das Leben rund ums Katzenklo.
Zweiter Teil meiner Vision ist, dieses Glück weiter zu reichen an andere Familien, durch meinen Blog, meine Bücher, meine Coachings. Wie gelingt es den Mamas und Papas, sich liebevoll abzunabeln von ihren jeweiligen Herkunftsfamilien und mit ihren Kindern wirklich etwas Neues zu erschaffen? Wie können wir nutzen, was uns als Kinder geprägt hat? Für welche Erfahrung und Weiterentwicklung sind wir auf dieser Welt? Was möchten wir weitergeben an unsere Kinder?
In dem Interview, das ich mit der bekannten Paar-Therapeutin Eva-Maria Zurhorst geführt habe, wurde deutlich, wie wichtig es für alle Menschen ist zu heilen, was in unserer Kindheit war, hinzuschauen, was nicht ideal war, und zu vergeben. Niemand erlebt eine perfekte Kindheit. Und so soll es auch wohl sein. Denn woran könnten wir wachsen, wenn wir nicht auch mal schwierige Zeiten durchleben würden.
Für unsere Kinder ist es ein riesiges Geschenk, wenn wir Eltern mit unserer Vergangenheit im Reinen sind, wenn wir den Zustand erreicht haben, dankbar zu sein für all die Liebe, die wir empfangen haben (auch wenn manche Eltern auf ungewöhnliche Art und Weise ihre Liebe zeigten oder dafür gar keine Ausdrucksform hatten) und vollständig sind mit dem, was wir als Kind erlebt haben. Erst dann können wir die Schleife verlassen, in der häufig von Generation zu Generation weitergegeben wird, was niemanden nährt: Rechthaberei, Missverständnisse, emotionaler Missbrauch, Schweigen, Nicht-wirklich-Zuhören, mangelnder Respekt, Geschrei, Strafen, Entwertung …
Meine Vision habe ich vor Augen. Zum Jahreswechsel wurde mir aber bewusst, dass ich noch klarer für sie eintreten möchte. Laura Malina Seiler schreibt, dass sie vor wenigen Jahren „wie unter dem Radar“ gelebt habe, dass sie sich häufig nicht traute, für ihre Überzeugungen einzustehen, sich lieber angepasst hat, als ihre Wahrheit zu sagen und sich hundertprozentig zu zeigen. Das Bild von einem Objekt „unter dem Radar“ hat sich mir eingeprägt. Und mir wurde klar: ich möchte jederzeit genau zu orten sein.
Deshalb

  • startet in diesem Januar mein Podcast
  • schaue ich jeden Tag nach innen (z.B. durch Meditation, Waldspaziergang oder Tagebuchschreiben)
  • überlege ich genau, mit wem ich wie meine Zeit verbringe
  • verbanne ich Zeitfresser (z.B. Smal-Talk) aus meinem Alltag
  • traue ich mich, Bücher, die mich nicht überzeugen, sofort wieder in Umlauf zu bringen
  • miste ich jeden Tag etwas in unserem Haus aus und berichte unter PS in den nächsten fünf Blog-Beiträgen von jeweils einer Klärungs-Aktion; geplant ist: alte Tagebücher in den Aktenvernichter zu stecken, das Gästezimmer einer Grundreinigung zu unterziehen, zwei Matratzen zu erneuern, ungeliebte Kleider auszusortieren und den Wohnzimmerschrank aufzuräumen (es so öffentlich mitzuteilen, verstärkt die Verpflichtung!)

Das sind meine alten Tagebücher. Ich kann mich darin festlesen, wenn ich einmal anfange. Doch ich habe kein Interesse an so viel Vergangenheit. Zudem sind sie durchzogen von einer Opferhaltung, die ich längst überwunden habe. Bis ich mich wieder hier melde, sind sie im Aktenvernichter gelandet und ich reise weiter durch mein Leben mit leichterem Gepäck.

 
In diesen Tagen ist mir klar geworden, wie schnell ich mich verzettele und wie schnell wieder ein Jahr verstrichen ist. In keiner Weise nutzlos, aber der Khalil in meinem Traum meinte, da geht noch mehr.
Was ist deine Vision? Magst du es mir schreiben? Dazu kann ich dich nur ermutigen, denn dann wird die Selbstverpflichtung noch stärker.
Immer fröhlich daran denken, wie kostbar Leben ist,
eure Uta
PS: Mit euren vielen, lieben Kommentaren zu meinem letzten Post 2018 und zu meinem Blog habt ihr mich zum Jahresausklang sehr beschenkt. Ganz lieben Dank an alle, die geschrieben haben!
Eben fand unter euren Einsendungen die Verlosung statt: Die beiden Arbeitsbücher von Adele Faber und Elaine Mazlish gehen an:
Eleonore Dietrich und an Veronika
Herzlichen Glückwunsch! Bitte mailt mir eure Postanschrift!
(Werbung, unbezahlt, wegen Buchverlinkung)

  • Oh, wie bewegend. Das tut mir sehr Leid für die Familie. Was für ein Schmerz! Möge die Zeit ihnen helfen, die Gefühle zu sortieren und mögen sie Kraft finden, weiterzuleben – mit nach vorne gewandtem Blick!
    Ich hatte mich erst kürzlich mit einer Freundin über das Thema „Herkunftsfamilie“ ausgetauscht – über die Frage: Was will ich anders machen?
    Für mich ist es wichtig zu wissen, dass es keine perfekte Familie gibt, und dass auch wir Fehler machen und machen dürfen. Das zu wissen, schärft hoffentlich die Sinne dafür, diese zu bemerken, und dann ins Gespräch zu kommen, zu sagen, dass es mir Leid tut, Vergebung zu erleben.

  • Liebe Uta,
    ich kann Deine Grübelschleifen so nachvollziehen. Mir geht das leider oft so, dass ich, wann immer ich Nachrichten sehe, ich mich frage, wie es sein kann, dass unser Leben so „normal“ weiterläuft, während Kinder sterben, verhungern, missbraucht werden … und dann grübele ich und werde depressiv … und ändere damit leider gar nichts.
    Mir hilft oft die Haltung einer Freundin, die mir dann immer sagt, dass ich nur für mich herausfinden kann, wo und wie ich etwas ändern möchte, dass dann auch zu tun und ansonsten dankbar dafür zu sein, dass ich an einem „guten Fleck Erde“ geboren bin.
    Das fällt mir schwer, aber der Ansatz ist da ;).
    Das mit der Vision fällt mir auch oft schwer; mich setzt das oft eher unter Druck dieses „Wo soll es denn langgehen?“, „Was willst Du denn von Deinem Leben?“. Dann habe ich das Gefühl etwas GANZ GROSSES tun oder wollen zu müssen.
    Ich habe für mich entschieden, dass ich 2019 erstmal nutze, um mir klar darüber zu werden, was meine Vision ist. Und mir dafür auch Zeit zu lassen. Nichts übers Knie zu brechen. Und vor allem achtsam zu sein. Immer wieder im Moment. Das fällt mir schwer.
    Liebe Grüße,
    Bianca

  • Liebe Uta, das freut mich sehr zu lesen, dass du einen Podcast planst! Dieser wird bestimmt auch zu meinen Lieblingen, wie auch die Podcasts von Laura Seiler und Eva- Maria Zurhorst schon sind. Mein Mann und ich sind auch seit ein paar Jahren (besonders, seit wir Kinder haben) daran, alte Prägungen aus unseren Herkunftsfamilien aufzulösen. 2018 war diesbezüglich ein intensives Jahr und hat uns einen Schritt weitergebracht. Meine Vision ist grob wahrscheinlich heilen – mich selbst zuerst, und dann die Heilung an meine Kinder und in der Arbeit als Ärztin weiterzugeben. Liebe Grüsse, Tina

  • Liebe Uta,
    Das ist wirklich ein schwerer Verlust und so traurig. Der Familie wünsche ich viel Kraft und Durchhaltevermögen.
    Gerade erst vor ein paar Wochen im November hatte eine liebe Freundin von mir einen Unfall infolgedessen ihre jüngste Tochter (2) an den schweren Kopfverletzungen gestorben ist. Sie selbst lag lange im Koma. Es ist furchtbar gewesen. Es hat mir das Herz zerrissen. Wir alle haben gehofft, gewartet und gebetet, dass zumindest die Mutter den anderen zwei Kindern erhalten bleibt. Kurz vor Weihnachten ist sie dann plötzlich aufgewacht und innerhalb von Tagen war sie geistig und körperlich wieder soweit hergestellt, dass sie Weihnachten zu Hause verbringen konnte. Ein Wunder! Was mich unheimlich berührt hat, ist die Art und Weise wie die Familie mit der Trauer umgeht. Es ist eine tief gläubige Familie. In einem Artikel werden sie so zitiert: „Sie ist jetzt in den Armen unseres guten Hirten Jesus Christus sicher geborgen und wir werden sie einmal wiedersehen. ….Gerade in der Erfahrung von tragischem Leid und Tod kommt es darauf an, dass der Glaube tragfähig ist und nicht nur eine Illusion ist, mit der man sich ein bisschen besser fühlt.“ Dadurch sei die Trauer nicht weggewischt, aber sie stürze die Familie nicht in bodenlose Verzweiflung, sagt er. „Wir können unseren schweren Weg trotzdem mit Hoffnung gehen. Wir erfahren, dass unsere Gebete nicht ins Leere gehen.“
    Ich weiß gerade nicht, ob es angebracht ist, das hier zu bringen. Ich traue mich jetzt einfach mal. Ich persönlich habe für mich daraus genau das gelernt, nicht grübeln, sondern mit Zuversicht in die Zukunft sehen. Schmerz wird nicht relativiert und Trauer braucht Zeit. Aber Glaube, Hoffnung und Liebe sind Grundlagen, die tragen und Kraft geben.
    Ich freue mich übrigens sehr auf den Podcast!
    Gruß
    Nelli

    • Ob das angebracht ist? Liebe Nelli, ich bin sehr dankbar, dass du das mit uns teilst. Und von Menschen zu hören, die tief gläubig sind, kommt ja heute nicht mehr allzu häufig vor. Demut und Dankbarkeit für mein Leben – das fühlte ich sofort, als ich von deiner Freundin und ihrem kleinen Mädchen las.
      Zugang zu finden zu einer Dimension, die jenseits unseres Verstandes liegt, das ist echt eine Lebensaufgabe. Wie tröstlich von Gebeten zu hören, die nicht ins Leere gehen.
      Viele, liebe Grüße, Uta

  • Was für ein bewegender Artikel. Vielen Dank, liebe Uta. Sehnlichst habe ich mir einen Podcast von dir gewünscht und jetzt wurde es wahr – Ich freue mich so sehr!!! Und meine Vision…diese Frage überfordert mich immer etwas. Wohl auch, weil man dafür gut hinschauen muss;-) ich nehme deinen Artikel zum Anlass und denke mal mutiger darüber nach. Ganz ganz spannend finde ich deine Haltung zu den Tagebüchern… Eine für mich neue und befreiende Sicht! Ich glaube ich werde dies direkt nachmachen. Offenbar brauchte ich eine Art „Erlaubnis“;-). Du hast also keine Sorge, dass du dies später bereuen wirst? Herzliche Grüße und eurer befreundeten Familie alles,alles Gute und Kraft.

  • Und noch ein kurzer Nachtrag bzgl Podcasts – ich finde noch den Podcast von Anna Craemer „Denkwandel“ ganz wunderbar! Laura M. Seiler und Maria Zurhorst stehen hier ja schon und höre ich auch sehr gern.

  • Liebe Uta,
    oh, da freue ich mich aber, dass ich gewonnen habe!!
    Kann ich dir die Anschrift irgendwie anders übermitteln?
    Liebe Grüße,
    Eleonore

  • Liebe Uta,
    danke für diesen Text, der mich sehr bewegt hat.
    Es kann nichts Schlimmeres für Eltern geben, als ihr Kind zu verlieren. Gut, dass ihr noch in Kontakt seid.
    Auf deinen Podcast freue ich mich sehr, den werde ich direkt abonnieren.
    Durch dich bin ich im vergangenen Jahr auf Laura Malina Seiler aufmerksam geworden – wirklich eine Bereicherung.
    So wie eigentlich jeder Text von dir in deinem Blog.
    Alles Gute für dein Jahr 2019 und für deine Vision von dir – über dem Radar.
    Herzliche Grüße,
    Christina

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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