Ne, ganz ehrlich 

 19/01/2016

Wie man seine Lieben unter Druck setzen kann.

Wegen Unterrichtsausfall waren gestern beide Thronfolger zum Mittagessen zu Hause. Ich hatte noch Eintopf von Sonntag, der für uns alle reichen würde. Eine schnelle Sache. Um das Essen aufzuwerten und weil das Leben zu kurz ist, um nicht gelegentlich Crêpes zu genießen, rührte ich schnell einen feinen Teig an, hob ein Ei darunter und ließ zum Schluss noch etwas geschmolzene Butter einfließen. (Ja, ich werde besser in der Küche!) Ich suchte eine schöne Musik aus, faltete die goldbraunen Crêpes und stellte sie im Backofen warm. Sie würden sich freuen, dachte ich, als ich Zimt und Zucker mischte und in eine schöne Schale füllte.
Kaum hatten die Thronfolger den letzten Löffel Eintopf genommen, klimperte ich erwartungsfroh mit den Augen. „Und jetzt gibt es noch …“ ich improvisierte einen Trommelwirbel auf der Tischkante, „einen wunderbaren Nachtisch.“
„Oh, Mama, ne ganz ehrlich“, beide Kinder strichen sich über die künstlich vorgewölbten Bäuche. „Ich kann jetzt keinen Bissen mehr.“ – „Ich auch nicht!“ – „Kann ich schon nach oben gehen?“ – „Vielleicht esse ich später einen.“
„Aber dann sind sie kalt.“
Da stand ich in der Küche. Wie erschlaffte Flügel hingen meine Arme mit den wattierten Handschuhen an meinem Körper. Ähnlich schlaff die Unterlippe. Ich stopfte mir einen Crêpe in den Mund, setzte mich allein wieder an den Tisch und blätterte mit fettigen Händen in der Zeitung.
Heute morgen ein ähnliches Spiel. Der Tag war noch grau, als ich Brötchen in den Ofen schob, Salat wusch, Eier kochte, Frischkäse und Möhrenstifte bereit stellte. Ich wollte so wunderbare Schulbrote machen, wie ich sie manchmal auf anderen Blogs sehe. Knusprige Vollkornbrötchen, zwischen deren Hälften sich Salatblätter kräuseln und Röllchen von Grillschinken hervorlugen.
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Das Gesicht von Prinzessin (15) hättet ihr sehen sollen, als sie mich mit den Salatblättern hantieren sah, und der Kronprinz posaunte, er sei nach der zweiten Stunde sowieso schon wieder zu Hause und bräuchte keine Schulbrote.
„Aber ich habe mir so eine Mühe gegeben.“ Wieder gab ich die wattierte Ente. Mein Mann erbarmte sich und aß eines der Eier.
Zum Glück bekam ich emotional noch die Kurve. „Ich finde gut, dass du dich von meinen Gefühlen nicht unter Druck setzen lässt“, sagte ich zu Prinzessin. Sie guckte erstaunt. Nach dem Motto ‚Was ist das denn wieder für eine Elterntrainer-Mission?‘, war aber froh, dass ich sie in Ruhe ließ mit meiner Möhrenstift-Beglückung.
Was schließe ich daraus?

  • Es macht mir gelegentlich Freude, etwas Neues in der Küche auszuprobieren. Ich bin aber nicht beleidigt, wenn es keinen Applaus findet. Schließlich hatte mich niemand um diese Beglückung gebeten.
  • Niemand muss etwas aus Höflichkeit loben oder essen. Ich möchte ein wahrhaftiges Miteinander.
  • Ich möchte, dass unsere Kinder in sich hineinhorchen und ein Gefühl dafür entwickeln, wann ihnen welches Essen gut tut und wann nicht.
  • Besonders beim Essen sollte niemand etwas in sich hineinstopfen, nur damit der andere froh ist oder – noch schlimmer – damit es weg kommt.

Deshalb finde ich es – mit etwas Abstand betrachtet – ganz gut, dass die Kinder sich von meiner kleinen Enttäuschung zweimal nicht sonderlich beeindrucken ließen.
Immer fröhlich darauf achten, ob man jemanden mit seinen Gefühlen unter Druck setzt.
Eure Uta

  • Liebe Uta,
    das hast du großartig geschrieben 🙂 Ich kann dich richtig sehen, wie du da in der Küche stehst 🙂
    Besonders schlimm auch: „Ach, komm … noch zwei Löffel … sonst ist Opa ganz traurig, weil du sein Essen nicht magst …“
    Das bekomme ich aus meiner Mama nicht raus, glaub ich.
    Trotzdem fällt es mir auch oft schwer, nicht enttäuscht zu sein, wenn die Lütte zB wegen selbst genähter Sachen keinen Luftsprung macht …
    Liebe Grüße schickt dir Dorthe (die gern ein leckeres Frühstück mitnehmen würde)

  • Oh ja … ich war schon oft enttäuscht. Mehr von meinem Mann als von meinen Kindern.
    Doch seit langer Zeit koche ich ausschließlich für mich! Sprich: wem es nicht schmeckt, der soll sich beim nächsten Mal selber an den Herd stellen (tut er natürlich nicht!)
    Meine große Tochter hingegen freut sich immer sehr, wenn ich neue & vegetarische Sachen ausprobiere!
    Im übrigen habe ich seit der Lektüre Deine Buches eine schöne Glocke auf dem Küchentisch stehen. Sie ist silber, mit einem Stern oben drauf und wirklich laut. An dem Stern halte ich die Glocke dann fest, läute ordentlich damit und alle wissen: Essen ist fertig!
    So ein simpler Trick! Bis dahin stand ich immer „Essen ist fertig“-rufend im Flur. So gefällt es uns allen besser. Vielen Dank für diese großartige Idee.
    Bis bald, liebste Grüße
    Denise

  • Hallo Uta,
    vielen Dank für deinen zum Denken anregenden Post. Ehrlich gesagt, es gelingt mir selten bis nie nicht beleidigt zu sein.
    Danke dir.

  • Ohje Uta, ich habe wirklich schlimmes Mitleid bekommen beim Lesen! Die Enttäuschung kenne ich auch, wenn ich mir extra viel Mühe beim Kochen gemacht habe, und keiner vor Glück durch die Küche springt… *lach*
    Das nächste Mal ruf an, ich komme gern vorbei, um die liebevollen Kreationen zu vertilgen!
    Liebe Grüße,
    Papagena

  • Hui, nach so viel Ablehnung wäre ich bestimmt enttäuscht oder beleidigt gewesen. Aber du hast ja Recht, keiner hat um so viel Mühe gebeten und da darf man auch keinen Dank erzwingen. Danke für die Anregung!

  • Hach, die selbe Situation hatten wir eben beim Mittag … leider habe ich die Kurve nicht so gut gekriegt wie Du.
    Ich wollte einfach mal wieder gerne was Schönes kochen, anstatt dem ständigen „Kinderessen“. Und selbst beim Kinderessen gehen die Geschmäcker hier diametral auseinander.
    Ich wusste es eigentlich schon, dass es schwierig werden könne. Aber hier und da verändern sich die Geschmäcker der Heranwachsenden ein wenig und es lohnt sich doch immer mal was Neues auszuprobieren.
    Aber Du hast Recht, immer locker bleiben. Ich koche jetzt auch wieder mehr für mich selbst!!!
    Viele Grüße, Birgit

  • Ich kann nur wieder nicken.
    Man macht sich soooo viel Mühe und am Ende gibt es dann maximal lange Gesichter.
    Ich koche jetzt meistens Dinge die mir schmecken. Wenn die Kinder sie auch mögen ist es gut. Wenn nicht, bleibt mehr für mich 🙂

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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