Serie: „Die Faber-Mazlish-Methode“, Folge 6 

 01/06/2021

Das ältere Kind nicht dämonisieren

Entschuldigt, dass ich so lange meine Serie über das Buch „Wie Sie sprechen sollten, damit Ihr Kind Sie versteht“ nicht fortgesetzt habe. Zur Erinnerung: es handelt sich um das Werk von Joanna Faber, der Tochter von Adele Faber, und ihrer Freundin Julie King. Beide führen die so wertvolle Arbeit von Faber und Mazlish fort. 

Wir hatten bisher diese Folgen:

1. Folge: Das Problem benennen und zusammen eine Lösung finden

2. Folge: Sich als Team begreifen

3. Folge: Dem Kind helfen, Wiedergutmachung zu leisten

4. Folge: Die Anstrengung würdigen, nicht das Talent

5. Folge: Kein Drama, wenn das Kind mal lügt

Heute geht es um das Thema „Das ältere Kind nicht dämonisieren“.

„Wer verteufelt schon sein eigenes Kind?“, werdet ihr euch fragen. Aber wenn wir ehrlich sind, können wir schnell abqualifizierend werden, sobald zum Beispiel der große Bruder die kleine süße Schwester ärgert. Wie kann er nur so egoistisch und grob sein? Warum begreift er nicht, dass sie noch zu klein ist, um seine Grenzen zu respektieren?

Und schon ist unser Kopf voller Bewertungen und ehe wir uns versehen, feuern wir sie ab. „Wie kannst du nur so egoistisch sein?!“ - „Ich hatte dich für vernünftiger gehalten!“ - „Du benimmst dich wie ein Baby!“ …

Joanna Faber hat mich mit einem Beispiel voll erwischt. Ihr ältester Sohn, fünfeinhalb Jahre alt, bekam ein neues Fahrrad. Den ganzen Tag stand Dan und sein neues glänzendes Gefährt im Mittelpunkt. 

Foto von Jessica Lewis von Pexels

Aber als Sam, sein jüngerer Bruder, das alte Rad von Dan anfasste, wurde Dan wütend. Das sei immer noch sein Fahrrad und er solle die Finger davon lassen. Nun wäre Joanna fast in die Luft gegangen (und ich mit ihr). Da hat der Junge schon das Glück, ein neues Fahrrad zu bekommen und gönnt seinem Bruder nicht einmal das Alte?! Den würde ich aber gehörig zurecht stutzen, dachte ich beim Lesen. Auch Joanna war auf Hundertachzig. Sie dachte, alle würden sich freuen, und nun saß sie zwischen ihren heulenden Jungs. Dan schluchzte, das Fahrrad habe er von Oma und Opa geschenkt bekommen und er wisse noch, wie sie eine Happy-Birthday-Schnur gelegt hätten, damit er die Überraschung fände. Außerdem habe er auf dem Rad gelernt, ohne Stützräder zu fahren. Und Sam weinte, weil der große Bruder weinte und er auch ein Rad haben wollte. 

„Ich habe zwei traurige Jungs“, sagte Joanna zu ihren Söhnen. (Sie traf also eine simple Feststellung und beschrieb nur die Gefühle, die sie umtosten = Reinform der Methode).

Dass Gefühle sein durften, hat gewirkt. Dan versuchte schließlich, den kleinen Bruder wieder aufzumuntern und machte Faxen. Joanna war kurz versucht zu erklären, dass er trotzdem Sam das alte Fahrrad überlassen müsse. Aber sie besann sich und genoss still, dass die Brüder wieder glücklich waren. Schließlich sagte Dan von sich aus zu Sam, dass er das alte Rad nun haben dürfe. Und Joanna schlug ihm vor, ob er nicht die Großeltern anrufen und ihnen von dem neuen Rad erzählen wollte. Er wollte. „Ich bin jetzt für mein Tiger-Rad zu groß und jetzt bekommt Sam das Tiger-Rad“, hörte sie ihn sagen, „ es war schwer, es aufzugeben, wisst ihr? Aber mein neues Fahrrad hat 20 Zoll-Räder …“ (Seite 264)

Am Ende überließ er von sich aus seinem jüngerem Bruder das geliebte Tiger-Rad. Wie anders wäre die Geschichte ausgegangen, wenn Joanna ihn direkt wegen vermeintlicher Missgunst zur Schnecke gemacht hätte?

Ist das nicht rührend!? Wie sehr wir Eltern belohnt werden, wenn wir Folgendes machen:

  • Die Gefühle erst einmal akzeptieren.
  • Ein Raum lassen zwischen dem Ereignis und unserer Reaktion. Wenn wir zu schnell sind, kommen meistens die entwertenden Sätze. 
  • Gefühle beschreiben und damit anerkennen. Meistens legt sich der schlimmste Sturm allein dadurch und die Kinder finden häufig selbst eine Lösung, die unsere Erwartungen übertrifft. 
  • Darauf achten, das ältere und stärkere Kind nicht zu dämonisieren. Leicht passiert es, dass wir es in die „Unsozial-Schublade“ stecken. 

Immer tief durchatmen, Gefühle anerkennen und fröhlich bleiben,

Eure Uta 

  • Liebe Uta,
    was du schreibst, empfinde ich gerade als sehr hilfreich. Bei uns mischen sich nach Ankunft des Kleinen vor 8 Monaten auch alle Familienkarten neu und ich ertappe mich dabei, mit unserem Großen deutlich weniger geduldig zu sein. Auch Sätze wie „Sei doch mal netter zum Kleinen!“ oder „Warum musst du so ein Theater machen?“ sind mir schon rausgerutscht, obwohl ich eigentlich seine Grenzen respektieren möchte und wir auch nicht verlangen, dass er sein Spielzeug automatisch teilt.
    Durchatmen und nicht sofort etwas (Negatives) sagen – wichtiger Tipp!
    Herzlichen Gruß, Sarah

    • Liebe Sarah, ganz herzlichen Dank für deine Rückmeldung! Am besten klappt es, wenn man nicht gestresst ist. Aber das sagt sich so leicht. ?Liebe Grüße, Uta

  • {"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}

    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

    >