Stellschrauben im Kopf 

 13/05/2015

Über die Wechselwirkung zwischen Eltern und Kindern und wie wichtig die innere Haltung ist.

Kinder spüren ja von klein auf, wie es ihren Eltern geht. Damit es denen gut geht, wählen sie entweder die Anpassung (zum Beispiel an die Kita, die sie vielleicht nicht mögen) oder sie wählen die Rebellion und machen irgendwelche Schwierigkeiten, um ihre Eltern darauf hinzuweisen, dass etwas in die falsche Richtung läuft in ihrer aller Leben. Natürlich unbewusst das Ganze.
Eltern wollen ja von Anfang an, dass es ihren Kindern gut geht. Als der Soßenkönig und ich im Krankenhaus mit dem kleinen Kronprinzen entlassen wurden, waren wir fassungslos, dass man uns das Kind einfach so mitgab. Als wären wir von der Stiftung Warentest zerrten wir zur Kontrolle an dem Gurt, der wenige Minuten später keine geringere Aufgabe haben würde, als die Schale mit unserem Kind zu halten, konnten uns kaum einigen, ob die Babydecke bis zum Kinn oder lieber nur bis zu den Achseln reichen sollte, und horchten atemlos, ob der schlafende Säugling den Reflex hat, mit dem man den nächsten Sauerstoff aus der Umgebung zieht. Uff, den hatte er! Mein Mann startete das Auto, rumpelte mit kaum messbarer Geschwindigkeit vom Klinikhof und fuhr so langsam, dass ich gerne das Spucktuch wie eine weiße Fahne aus dem Fenster gehalten hätte.
Eltern wollen, dass es ihren Kindern gut geht. Kinder wollen, dass es ihren Eltern gut geht.
Das müssen wir festhalten.
Vor allem den zweiten Satz. Den vergessen Eltern viel zu schnell. Wenn ein Kind Probleme macht, bringt es die Eltern zum Rotieren. Sie legen sich noch mehr ins Zeug für das Kind, vergessen noch mehr, sich um sich selbst und die Partnerschaft zu kümmern, was wiederum das Kind stresst. Es hatte eigentlich Signal geben wollen, dass die Eltern sich um ihr Glück kümmern sollten. Stattdessen kreisen diese jetzt nur noch ums Kind und brennen völlig aus bei all dem, was das Leben sonst noch von ihnen abverlangt. (Bei Alleinerziehenden stelle man sich den Effekt bitte doppelt so stark vor.)
Vor allem die Mutter beginnt dann zu glauben, sie würde irgend etwas falsch machen. Sie strengt sich noch mehr an, wird noch gestresster. Das Kind merkt den Druck der Mutter, gerät dadurch auch in Stress, wird noch problematischer, was wiederum den Stress der Mutter weiter steigert. Ein Teufelskreis beginnt sich zu drehen. Beide quält das Gefühl der permanenten Vergeblichkeit. Jede Anstrengung erscheint umsonst. Alles wirkt sinnlos,  die ganze Familie landet im Burnout.
Und was steht am Beginn dieser Abwärtsspirale? Die Angst, selber zu versagen, und die Überbesorgtheit, der ängstliche, pessimistische Blick auf das Kind.
In seinem Buch BURN-OUT-KIDS  schreibt der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort: „Kinder, die es gewohnt sind, dass sie sorgenvoll und pessimistisch betrachtet werden, werden sich schneller überfordert fühlen als die Kinder, die einen zutraulichen Blich auf sich gerichtet fühlen – …“ (Seite 123)
Nun gibt es genug Situationen, in denen sich Eltern einfach Sorgen machen und aktiv werden müssen für ihr Kind. Es lässt sich nicht alles weg-schreiben oder davon-coachen.
Was mich aber interessiert, ist die Veränderung, die eintreten kann, wenn es uns gelingt, unsere innere Haltung zu wandeln. Um immer wieder diese „Stellschrauben im Kopf“ zu finden, schreibe ich meine Texte und berate Familien.
Deshalb hat es mich sehr gefreut, auch im Buch von Michael Schulte-Markwort, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Hamburg, von der großen Wirkung eines Haltungswechsels zu lesen:

…(es) bewahrheitet sich die Hypothese von den unausgesprochenen, aber trotzdem wirksamen Beziehungswahrheiten dann, wenn ich einem Elternpaar mit einem schwierigen Kind rate, einen Haltungswechsel dem Kind gegenüber zu vollziehen. Solche Eltern berichten mir dann beim Folgetermin erstaunt, dass sie gar nicht mit ihrem Kind darüber gesprochen und sie sich nur beide intensiv um einen inneren Haltungswechsel bemüht hätten – und sie doch bei ihrem Kind in der Folge eine signifikante Verhaltensänderung wahrgenommen haben. (Michael Schulte-Markwort: BURN-OUT-KIDS. Seite 157)

So ging es mir auch, als ich etwa zur Grundschulzeit der beiden Thronfolger von einem Seminar zurückkehrte. Vorher war ich kurz vor dem Burnout. Die Rückkehr in den Beruf wollte nicht so recht gelingen, in der Partnerschaft knirschte es und der Kronprinz zeigte Verhaltensauffälligkeiten. Also zog ich los, um mir etwas zu gönnen und besuchte ein Persönlichkeitstraining. Zurück kam ich mit einem tiefen Gefühl der Erleichterung und mit den Sätzen:
„Ich bin gut genug.“
„Es muss weder beruflich noch privat irgendetwas über mich bewiesen werden.“
„Leben darf leicht sein.“
Und was soll ich euch sagen? Mein Wandel hat bis heute unsere Familie grundlegend verändert. Die Äuffälligkeiten beim Kronprinzen hörten auf, ohne dass wir ihn zu einer Therapie gebracht hätten, es gab und gibt einfach mehr Freude und Leichtigkeit in unserem Leben. Die Kinder sind seitdem sichtlich entlastet. Es ist schlicht ansteckend, wenn die Eltern plötzlich zu ihren Lieblingssongs durchs Wohnzimmer tanzen.
Natürlich gibt es auch mal Einbrüche oder Momente, wo uns nicht nach Tanzen ist. Aber das Schreiben hilft mir immer wieder, den Kurs zu halten. Und ich hoffe, dass ich euch auch ein bisschen Leichtigkeit rüber schieben kann.
Immer gucken, ob man mit mehr Vertrauen und einem optimistischeren Blick auf das Kind schauen kann, und fröhlich nach den Stellschrauben im Kopf suchen.
Eure Uta

  • Liebe Uta, lesen deinen Blog regelmässig und sehr gerne. Meine Tochter ist zwar erst 16 Monate, aber du gibst mir so oft gute Ideen für später. Beispielsweise die Türschilder… Danke für all deine Inputs. Liebe Grüsse Nicole

  • Wie wahr, wie wahr!
    Es ist so lustig… wenn Du mich sehen könntest, während ich hier Deine Texte lese!
    Entweder nicke ich mit einem „ja, genauso isses“ auf den Lippen wild mit dem Kopf,
    oder ich schlucke spontan an einem Kloß im Hals und verdrücke ein Tränchen,
    oder aber ich liege vor Lachen fast unterm Tisch.
    Kaum ein Text liest sich so unterhaltsam – fast möchte ich behaupten, man verbrennt sogar Kalorien beim Lesen!
    Bestimmt sogar!
    Und am Ende ist man meistens irgendwie immer schön fröhlich.
    DANKE!!
    Papagena

  • Michael Schulte-Markwort ist so ein warmherziger Therapeut, ich bin ganz begeistert von ihm & seiner Haltung den Kindern gegenüber. Habe einmal eine Sendung mit ihm im Radio gehört, da sind mir die Tränen gekommen, als er über die Kinder in all ihrem Bemühen sprach…
    LG
    Astrid

  • Ach Uta … Danke!!!
    Bei dem Zusammenstoß einer Familie mit einem Zug vorgestern kam ein Junger aus unserem KiGa ums Leben. Wir haben es heute im KiGa erfahren … und ich denke jetzt noch viel mehr, wie glücklich ich mit der Lütten sein möchte, wie unendlich froh ich bin, dass es sie gibt…
    Ich freu mich auf nächste Woche!
    Liebe Grüße,
    Dorthe

  • Liebe Uta,
    der Beitrag muntert mich auf, für mich heißt es, dass es noch nicht zu spät ist für mehr Entspanntheit (die Leichtigkeit steht noch im Stau vor dem Elbtunnel).
    Ich habe oft Angst, dass ich durch meine Überforderung, Gestressheit, Genervtheit und Kraftlosigkeit den Herzbuben Glücksmomente geraubt und die frühe Kindheit vermiest habe. Dass ich zu ihren Lasten ging.
    Seit ich an mir mit Unterstützung arbeite, meine Baustellen nach und nach fertig stelle und seit ich weiß, dass der große Herzbube durch seinen Autismus andere Bedürfnisse hat und diese anders äußert, läuft es in einigen Familienbereichen und für mich deutlich besser. Aber noch begleitet durch das Warten auf das Auflösen des Staus, damit uns die Leichtigkeit endlich besuchen kann.
    Vielleicht drucke ich mir deine Worte aus und stecke sie in mein Glücksbuch, ich denke, ich werde sie öfter lesen. Wenn ich dabei tatsächlich noch Kalorien verbrenne, umso besser. Die Vorstellung gefällt mir.
    Liebe Grüße,
    Frieda

  • Liebe Uta,
    ich bin inzwischen so weit, dass ich immer bei mir schaue, wenn unser Kind „auffällig“ ist. Was hat das mit mir und meiner Verhaltensweise zu tun, ist dann die Frage, die ich mir stelle.
    Es gelingt mir noch nicht immer, dann braucht es wieder einen Anstoß von außen, jemanden, der mich z.B. – wie vor zwei Tagen – darauf aufmerksam macht, dass ich nicht den Stress von meinem Kind fernhalten soll sondern zu allererst von mir.
    Im Grunde spiegeln uns Kinder. So können wir wunderbar an ihnen wachsen.
    Birgit

  • Einfach nur DANKE!
    Ich lese deinen Blog so gerne und nehme immer etwas mit und mir dann etwas vor 🙂
    Liebste Grüße,
    Hanna

  • Liebe Uta,
    Es kommt so oft vor, dass ich dich lese und es gerade genau den Nagel auf den Kopf trifft. Im Moment streikt unsere mittlere mal wieder. Aber ich bin z.zt. auch alles andere als ausgeglichen 🙁 darf ich fragen was für ein Seminar du besucht hast?
    Liebe Grüße
    Tanja

  • Liebe Uta,
    noch eine, die ein endloses Danke auf den Lippen hat. Ich habe drei adoptierte Kinder, zwei davon Zwillinge. Bei uns ist oft heftig was los. Wenn ich kurz vor Ultimo bin, schnappe ich mir den Computer und lese mich durch die letzten Blogs. Es hilft IMMER! Das Leben wird leichter.
    Bitte niemals aufhören.
    Charlotte aus Brüssel

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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