Mutter statt Therapeutin sein 

 05/06/2015

In was für unglückselige Situationen man gerät, wenn Eltern ein Kind mit ihren Psychologie-Kenntnissen bearbeiten.

Sarah, 4, die Tochter meiner Freundin, spielt im Kindergarten und auch am Nachmittag am liebsten mit Fiona. „Spielte“ muss man sagen, denn Fionas Mutter möchte das nicht mehr. Fiona, ebenfalls 4, soll am Abendbrottisch gesagt haben: „Ich bin wütend auf Sarah, weil ich es heute nicht geschafft habe, eine Spielidee bei ihr durchzusetzen.“
Nun hat Fionas Mutter auch die KiGa-Erzieherin der Mädchen ins Boot geholt zur gemeinsamen Trauma-Bearbeitung von Fiona. Dieser Tage unterbrach die Erzieherin wiederholt das Spiel der Mädchen, trennte sie und sagte mit bedeutsamer Miene zu Sarah, Fiona habe sie darum gebeten, weil Fiona manchmal vergessen würde, im Spiel an sich zu denken und wenn das passiere, dann bekomme Fiona solche Wutanfälle wie am Mittwoch.
Die Recherchen meiner Freundin ergaben, dass der Wutanfall sich auf der Toilette zutrug, als sich Fionas Mutter mit dem Mädchen und dem Geschwisterbaby in der sehr engen KiGa-Toilette befand und versuchte, eine Hygiene-Idee bei Fiona durchzusetzen. Sarah war gar nicht in der Nähe. Körperlich zumindest. Wir wissen aber nicht, ob die Beteiligten an Transzendenz oder an ein Deja vu im Mittelalter glauben.
Seitdem erleben meine Freundin und ihr Kind wiederholt, dass sich die anderen Mütter beim Abholen am KiGa für den Nachmittag auf Spielplätzen verabreden und sie nicht mehr gefragt werden.
Um meine Freundin müsst ihr euch keine Sorgen machen. Sie ist fröhlich-geerdet und wendet sich mit Sarah nun Kindern zu , die sich nicht vor ihren Spielideen fürchten.
Mehr Sorgen mache ich mir um Fiona. Ich wünsche mir, sie hätte einfach eine Mutter mit all ihren persönlichen Macken, Wutausbrüchen und Liebesschüben, statt einer Frau, die sich beim eigenen Kind als Therapeutin versucht. Solche Psychologisierungen können verheerend sein. Da wird Erwachsenen-Denke einem Kind übergestülpt. Und das Schlimme ist: die Erwachsenen halten sich dann noch für besonders einfühlsam und „bewusst“. Wenn mir jemand sagt, „wir sind ja bewusste Eltern“, kriege ich immer diesen juckenden Hautausschlag am Rücken.
 

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Bitte, sich in Spiel nicht einmischen, wo auch immer man ihm begegnet.

 
Wenn Fiona mit Sarah spielt und dabei unterbrochen wird, gibt man ihr die Botschaft:  „Wir wissen, was besser für dich ist.“ – „Du kannst deinen eigenen Gefühlen nicht trauen.“
Verheerend.
Liebe Fiona, ich finde sehr gesund, dass du Wutausbrüche hast, und ich wünsche dir, dass die Erwachsenen bald kapieren, dass sie damit gemeint sind und niemand anderes.
Wenn ein Kind nicht mit einem anderen Kind spielen will, wird es das unmissverständlich klar machen. Es ist eben noch nicht so verkopft wie wir Erwachsenen.
Es gibt nur wenige Situationen (Atemnot durch Dauergeschrei, Bildung von Blutlachen, fehlende Körperteile), in denen man sich in das Spiel von Kindern einmischen muss. Also immer fröhlich Mutter oder Vater bleiben und dilletierende Therapeutinnen allein zum Spielplatz schicken.
Eure Uta

  • Liebe Uta,
    mal wieder sehr klug zusammengefasst, vielen Dank dafür! Besonders gefällt mir dein Satz „Es gibt nur wenige Situationen (Atemnot durch Dauergeschrei, Bildung von Blutlachen, fehlende Körperteile), in denen man sich in das Spiel von Kindern einmischen muss.“
    Da habe ich vor kurzem ein tolles Buch gelesen, welches ich sehr empfehlen kann, und das auch allgemein den Blick öffnet bei Interaktionen/Konflikten zwischen Kindern, nicht nur im Kindergarten: „Konflikte machen stark – Streitkultur im Kindergarten“ von Mechthild Dörfler und Lothar Klein

  • Diese juckenden Ausschläge habe ich oft. Zum ersten Mal hatte ich sie mit 12 Jahren, als am Morgen auf einmal ein anderes Mädchen auf meinem Platz neben meiner besten Freundin in der Bank saß. Die sagte mir, sie dürfe nicht mehr mit mir befreundet sein, weil ihre Mutter sagte, ich hätte einen schlechten Einfluss auf sie. Ich verstand die Welt nicht mehr. An das folgende Telefongespräch kann ich mich noch gut erinnern, in dem meine Mutter dieser Mutter gegenüber sehr laut wurde. Die sagte, ihre Tochter hätte viel schlechtere Noten, seit sie mit mir befreundet sei, weil ich sie negativ beeinflussen würde. Außerdem wäre sie nachmittags immer dreckig und aufsässig, würde zu spät nach Hause kommen – das würde den schlechten Einfluss begründen. Ich hatte Einser und Zweier, meine Freundin Dreier und Vierer. Schon bei einer Drei weinte sie auf dem Heimweg bitterlich, weil sie sich vor ihrer Mutter fürchtete und Angst hatte, nach Hause zu gehen und war glücklich, wenn sie eine Eins hatte, weil sie dafür 1 Mark bekam. Mir war das Schnuppe, meine Noten interessierten zuhause niemanden. Diese erste Busenfreundschaft endete traumatisch, weil eine dämliche Mutter sich eingemsicht hat. An dieser Sache war für mich weniger dramatisch, dass eine Mutter sich so dämlich aufführte, denn das kannte ich schon von meiner eigenen – der Verrat meiner Freundin, die sich klaglos fügte und ab da nicht mehr mit mir sprach, der war tausend Mal schlimmer.
    Als mein Sohn noch im Kindergarten war, erzählte er mir einmal am Nachmittag, dass sein bester Freund zu ihm gesagt hätte, wenn er nicht das spielen würde, was ER will, dann sei er nicht er mehr sein Freund. Ich habe ihn gefragt, was er daraufhin gemacht hat. Er sagte, er habe die Schultern gezuckt und mit jemand anderem gespielt – da wusste ich, dass er das sehr gut alleine regeln kann und ich mich da nicht einmischen muss. Die beiden sind heute noch befreundet.
    Herzlich, Katja

  • Das hat sich wirklich so abgespielt? Ich dachte, die Mütter von heute hätten so viel zu tun. Woher dann die Zeit, sich in ganz normale kindliche Alltagssituationen einzumischen ( und gar noch die Erzieherin einspannen – dass die das allerdings mitmacht…)? Ehrlich gesagt, die Mutter hat einen in der Klatsche! ( Endlich darf ich das so sagen, da ja außer Dienst ;-))
    Bon week-end!
    Astrid

  • Oh je, ist ja schrecklich, was hatte ich es gut. Wir haben uns als Freundinnen geliebt und gehasst, geherzt und gekloppt, wir haben stundenlang zusammen gequatscht (nein, nicht gechattet – ganz in echt;-) und dann mal Tage nicht miteinander gesprochen, wir haben gelacht und geweint, im Flüsterton Geheimnisse ausgetauscht um uns dann wieder anzuschreien, wir waren halt Zicken von Feinsten…. Aber unsere Eltern blieben trotz allem befreundet und ich bin es mit meiner Freundin auch noch. Eingemischt hat sich keiner, ich glaub, das hätten wir auch total komisch gefunden;-) Schlimm, was heute teilweise abgeht, ich hab es auch schon im Umfeld meiner Tochter erlebt… Während die Kinder sich längst wieder vertragen hatten (es war echt eine Lapalie) tut die Mutter heute noch dumm…. Ich steh da auch voll drüber, die kann einem echt leid tun.
    LG Antje

  • Liebe Uta,
    ich hoffe, das lesen die „Richtigen“!
    Die Besserwisserei der Eltern findet ja überall statt, auch beim Thema Kleidung oder sogar bei Freizeitbeschäftigungen („Soll ich dir mal zeigen, wie man eine Sonne „richtig“ malt?“).
    Allerdings ist es im zwischenmenschlichen Bereich besonders wertvoll, wenn Kinder ihre Probleme alleine lösen oder aussitzen, sofern sie sie überhaupt als Problem empfinden. Oftmals (oder eigentlich immer) suchen sie sich schon die richtigen Spiel- und Streitpartner aus. Nicht um Harmonie um sich zu haben, sondern um daran zu wachsen! Und dazu gehört auch Streit. Und meistens ist es halt so, dass einer der beiden dominanter auftritt, als der andere.
    Du hast da so ein schönes Katzenbild und ich muss sagen, dass ich mit den Streitigkeiten meiner Kinder viel relaxter umgehe, seit unsere Katzendame vor 3 Jahren Junge hatte. Ganz ehrlich, die haben den ganzen Tag auch nichts anderes gemacht, als sich zu provozieren und zu kämpfen. Die Katzenmutter hat da nie eingegriffen, und wenn sich alle müde gestritten hatten, sind sie aneinandergekuschelt eingeschlafen! Es gab kein Blut, keine abgebissenen Ohren (auch wenn’s manchmal so aussah) oder sonst was für Verletzungen! Und genauso wie die Katzenkinder wissen, wie weit sie gehen können, wissen das unsere Kinder auch – vorausgesetzt, sie dürfen von Anfang an ihre eigenen zwischenmenschlichen Erfahrungen sammeln.
    Allerdings wissen wir ja auch, dass es immer mal Situationen gibt, wo uns das Leben nicht so leicht von der Hand geht. Und wir kennen die genauen Umstände, die Fionas Mutter/Familie gerade hat, nicht wirklich. Schon alleine die Tatsache, dass da noch ein kleines Geschwisterchen ist, kann die Familie vor so großen Herausforderungen stellen, dass die Reaktionen der Erwachsenen der Familie aus der Hilflosigkeit heraus nicht immer vorteilhaft für die Kinder sind.
    Denn ganz ehrlich: es gibt auch bei uns Tage, wo ich die Geschwister-Streitigkeiten weniger tolerieren kann, als an anderen Tagen. Und um wenigstens vorübergehend „Ruhe“ reinzubringen, sorge ich dann auch dafür, dass sie sich eine Weile aus dem Weg gehen.
    Liebe Grüße!
    Jenny

  • hihi,
    ich kenne hier so einige Eltern, die mal etwas mehr Entspannung in solchen Sachen haben sollten… allen voran mein Mann^^ aber das weiß er auch…
    da wird gesprungen sobald eines der Kinder meckert- ohne abzuwarten, ob sie es nicht vielleicht alleine regeln können…aber seitdem ihm das bewusst ist, wirds besser ^^
    Ich finde es wichtig, dass Kinder lernen Konflikte miteinander zu regeln-wenn sie einander ebenbürtig sind.
    Meine Große hat eine Freundin, die den Kleinen immer mitspielend haben möchte, weil der so witzig weint, wenn er etwas nicht kann… toll, wenn die Große sich für den Bruder einsetzt und ihrer Freundin das klar macht…an manchen Tagen schließen sich die Damen auch zusammen gegen den Kleinen, dann greifen wir ein und erklären den Damen, wie sie in den Alter waren, meistens reicht das schon 🙂
    Keifen die Damen untereinander sich an, können sie das gut regeln, streitet der Kleine mit Kumpels, kann er das auch gut alleine regeln…
    Wir greifen nur bei ungleichheiten oder gewalt ein, aber unsere Kinder leben ja „auf dem Dorf“ und klettern auch auf Bäume und sind allgemein schön selbstständig- weil wir sie machen lassen.
    Sie bekommen unterstützung wenn sie diese brauchen, aber erstmal versuchen sie es alleine.

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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