… und was es nicht bedeutet

Kennst du das? Du bist gerade gestresst oder wütend und dein Partner sagt zu dir: „Entspann dich!“ 

Könnte man ihm oder ihr dann nicht an die Gurgel gehen?

Man hat gerade nun mal schlechte Gefühle, kommt da nicht raus und zieht sich noch mehr runter, weil man selbst weiß, wie lächerlich das ist. Und dann kommt jemand und sagt: „Entspann dich!“

Grrrrrrrr!

Kinder erleben das andauernd. 

„Du bist traurig, weil der Luftballon geplatzt ist? - Halb so schlimm. Wir fragen Oma, ob sie noch welche hat.“

„Du bist wütend, weil dein kleiner Bruder in deinem Bild herum gekrakelt hat? - Er ist doch noch so klein. Er versteht nicht, dass dir das wichtig war. Willst du ein neues Bild malen?“

„Du hasst Carla? - Das kann nicht sein. Sie ist deine beste Freundin. Sie hat es gestern im Kindi sicher nicht böse gemeint.“

In allen drei Beispielen bieten Erwachsene wie aus der Hüfte geschossen Lösungen oder Erklärungen an und gehen über das schlechte Gefühl des Kindes einfach hinweg.

Warum machen wir das?

Weil wir es so schwer ertragen können, wenn unser Kind unglücklich ist, und weil wir dann selbst schlechte Gefühle bekommen und sie - am besten sofort - aus der Welt schaffen möchten. 

Die bessere Idee wäre, das Gefühl des Kindes anzuerkennen. 

Wir können sagen:

„Du bist traurig, weil dein Luftballon kaputt gegangen ist. Das kann ich gut verstehen. Er hatte eine schöne Farbe.“

„Es ist wirklich eine große Herausforderung für dich, einen so lebhaften kleinen Bruder zu haben. Ich weiß, du hast ihn gern. Das mit dem Strich in deinem Bild ist aber wirklich ein Ärgernis.“

„Im Kindergarten muss etwas Schlimmes passiert sein, wenn du so wütend auf Carla bist.“

Im vorherigen Beitrag habe ich euch das Buch von Joanna Faber und Julie King empfohlen. Joanna schreibt darin, dass es uns widersinnig erscheint, negative Gefühle anzuerkennen, weil wir fürchten, sie dadurch nur zu verstärken. ("Wie Sie sprechen sollten, damit Ihr Kind Sie versteht", Seite 29) Dabei kann es Wunder wirken, wenn ich für einen kurzen Moment die Gefühle meines Kindes einfach so sein lasse, wie sie gerade sind, und ihm kurz zeige, wie gut ich verstehen kann, was es gerade empfindet. 

Dazu kann ich …

  • einfach still sein, zuhören und höchstens ab und zu bestätigend grunzen, oder
  • kurz beschreiben, wie sich das Kind gerade fühlt „Ich sehe, du bist ganz außer dir …“ oder
  • auf einem Blatt Papier eine zackige Wut-Kurve zeichnen und vom Kind fortführen lassen, oder
  • eine Liste erstellen und sich vom Kind diktieren lassen, was alles heute blöd war

Im Buch erzählt eine Mama, dass sie ihrem Sohn versprochen hatte, auf dem Heimweg von einem Verwandtenbesuch an seinem Lieblingsspielplatz zu halten. Der Kleine war aber während der Fahrt im Autositz eingeschlafen. So fuhr sie direkt nach Hause und wollte ihn dort ins Bett packen. Er aber wachte auf und war bitter enttäuscht, den Spielplatz verpasst zu haben. Als sie ihm erklärte, dass er geschlafen hatte und sie ihn nicht wecken wollte, wurde er noch wütender. Schließlich erinnerte sie sich an die Ideen aus dem Workshop und sagte: „Du magst den Spielplatz wirklich gern.“ Sie nahm ein Blatt Papier, ließ sich von ihm sagen, welche Geräte er dort am liebsten mochte und zeichnete die Rutsche, die Schaukel und alles, was ihm sonst noch in den Sinn kam. Zusammen hängten sie das Bild über sein Bett und genossen einen friedlichen Abend. ("Wie Sie sprechen sollten, damit Ihr Kind Sie versteht", Seite 35/36)

Das Schöne an diesen Ideen zur Anerkennung von Gefühlen ist, dass sie so knackig kurz sind. Wir kippen damit nicht ins Psychologisieren, überfordern das Kind nicht und niemand verlangt von uns stundenlange Wutbegleitung. 

Die heutige Elterngeneration steht keinesfalls im Verdacht, die Gefühle ihrer Kinder zu missachten. Eher im Gegenteil. Manche zeigen so viel Mitgefühl für ihr Kind, wenn es traurig oder wütend ist, dass sie gemeinsam in einen Abwärtsstrudel geraten. 

Beispiel:

Ein Kind zeigt nach einem Umzug Eingewöhnungsschwierigkeiten in der neuen Schule. Darauf ist einzugehen. Keine Frage. Seine Mama aber entwickelt mehr und mehr die Überzeugung, dass das Kind durch den Umzug schwer belastet ist und interpretiert jeden Kummer in diese Richtung. „Diese Mama erzählt sich selbst eine Geschichte“, würde Byron Katie sagen, die US-Amerikanerin, die die Methode zur Gedanken-Überprüfung entwickelt hat.

Für das Kind ist Mamas Sorge ansteckend. „Ja, wenn Mama meint, dass ich es gerade schwer habe, dann wird es wohl so sein.“ Die Eltern sind der Leitstern des Kindes. Gerade in der frühen Kindheit. Und wenn diese sorgen- und nicht vertrauensvoll auf das Kind blicken, hat das eine große Wirkung.

Für mich war es inspirierend, parallel zu „Wie Sie sprechen sollten, damit Ihr Kind Sie versteht“ ein Buch von Byron Katie („Eintausend Namen für Freude“) zu lesen. Darin findet sich ein Dialog mit einer Mutter, die sich pausenlos Sorgen um ihre Kinder macht. Dank Katies Fragen erkennt diese Mama schließlich, wie sehr ihr Blick auf die Kinder durch negative Gedanken getrübt ist. Die Sorgen hatten sie handlungsunfähig gemacht und den Kindern ist damit gar nicht geholfen. Im Gegenteil. 

Es funktioniert nicht …

  • in Mitgefühl für das Kind zu versinken
  • dem Kind komplett in seine Wut oder Trauer zu folgen 
  • Sorgen mehr Raum zu geben als Handlungs-Möglichkeiten

Genauso wenig funktioniert ...

  • Gefühle klein zu reden
  • drüber hinweg zu gehen
  • sofort Lösungen anzubieten

Besser funktioniert ...

  • die Gefühle des Kindes anzuerkennen
  • ihm stille Aufmerksamkeit zu geben (ca. 5 Minuten)
  • ev. seine Gefühle in Worte zu fassen ("Ich sehe, dass du ...") oder zu Papier zu bringen

... und dann wieder sorgenfrei voranzuschreiten.

Mögt ihr das mal ausprobieren mit dem knackigen Gefühle-Spiegeln und uns dann in einem Kommentar davon berichten? Das wäre großartig.

Immer fröhlich bleiben,

Eure Uta 

Dieser Beitrag gilt als Werbung wegen Buch-Verlinkung.

Foto: Pexels

  • Super! Danke für diesen tollen Beitrag! Genauso sollte man übrigens auch mit dem Partner umgehen – Gefühle zulassen und bestätigen, nicht gleich kleiner reden oder Lösungen anbieten. Und: wer’s vormacht wird merken, dass Kinder und Partner ebenso reagieren ??

  • Liebe Uta, dankeschön, ich bin gerade wieder Meisterin im Klein- und Schönreden, weil ich Disharmonie und Unglücklichsein total schlecht ertragen kann. Ich werde mir eine 7 Tage Challenge auferlegen, mal erst einmal nichts zu sagen und vor allem nichts klein zu reden. Ich werde berichten, ob ich es einigermaßen schaffen konnte. LG, drückt mir die Daumen

    • Liebe Vanessa, danke für deine Challenge! Ich würde mich sehr freuen, wenn du darüber berichten würdest. Und natürlich drücke ich dir die Daumen. LG Uta

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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