Das Freude-Versprechen 

 27/10/2026

Wie wir die Gartenarbeit einteilen und von einer Nahtod-Erfahrung profitieren

Mit dem neuen Garten hat ein Samstags-Ritual bei uns Einzug gehalten: wir gehen früh auf den Markt in unserem Stadtteil, tragen Obst und Gemüse und die besten Bauernbrötchen nach Hause. Dann ausgiebiges Frühstück und ab zwischen die Stauden und Sträucher! Aber wir arbeiten nie zu viel. Wir haben nicht den Anspruch, dass irgendetwas fertig werden muss. Was ist schon fertig in einem Garten? Das einzige Maß, an dem wir uns orientieren, ist das Zwei-Säcke-Maß. Wir füllen zwei von diesen Säcken für Grünabfall und dann ist Schluss. Der Kettensägenmann schleppt sie zum Auto, verhindert, dass Polly immer noch mal Stöcke daraus klaut, und wuchtet sie in den Kofferraum. Zwei Säcke reichen. Mehr geht auch nicht ins Auto. Aber diese sind voll mit Nadeln, Kleingehäckseltem und Kleingesägtem. Und was mein Mann geschnitten hat, wird immer gleich zum Recyclinghof gefahren. Weg ist weg. 

Wenn er zurück kommt, sehe ich ihn am großen Fenster vorbeilaufen. Falls es - wie in diesen Tagen - stürmisch ist, fährt feuchte Luft in die leeren Säcke und die beiden lassen sich wie zwei unwillige Windvögel von ihm hinter das Gartenhaus bringen. Das ist der letzte Akt. Dann wird Kaffee getrunken und der Blick schweift zu einer neuen kleinen Lichtung oder über ein Stück nadelfreien und frisch gekämmten Rasen. Wir legen die Füße hoch, die vorher noch klamm in Gummistiefeln steckten, essen Franzbrötchen und seufzen vor Wohlbehagen. 

Als wir die Wildnis kauften, haben wir uns gegenseitig versprochen, dass wir darin mit Freude arbeiten wollen. Nicht für den ersten Preis in einer Gartenschau, nicht für Fleißkärtchen aus der Nachbarschaft und nicht bis zum Bandscheibenvorfall, sondern um unser Leben zu bereichern und das von Insekten, Vögeln und Eichhörnchen gleich mit. 

Trotz des Freude-Versprechens packt uns zuweilen die Arbeitswut. Mich vor allem. Dann pflanze ich doch noch schnell das neue Pfeifenputzergras, bürste die leer geräumten Töpfe aus oder kann es nicht lassen, nach dem einzelnen Blatt zu hechten, das auf die frisch geharkte Fläche gesegelt ist. Dieses Verhalten heißt wohl deshalb Arbeitswut, weil man danach wütend auf sich selber ist. Auf die mangelnde Fürsorge der eigenen Person gegenüber, auf den Perfektionsmus und auf das so schwer abzustellende Gefühl, nur wertvoll zu sein, wenn man richtig fleißig war. Allerdings bremsen wir uns gegenseitig. Das hilft. 

Ende der Saison

Die Gartensaison und damit unser Samstags-Ritual neigt sich dem Ende zu. Zwei Aufgaben habe ich vor dem Winter noch auf dem Zettel: die Kübel auf der Terrasse frostsicher einpacken und die Rosen versetzen. Noch nie habe ich auf den November gewartet. Wer freut sich schon auf den November? Höchstens passionierte Laterne-Läufer. Diesmal aber erwarte ich den tristen Monat voller Ungeduld. Denn im November darf ich endlich die James-Galway-Rose und die „Königin von Dänemark“ vom Beet an der Terrasse in das Beet ‚Think pink‘ versetzen. Die Rosen-Expertin aus dem Botanischen Garten schwört auf den November zum Verpflanzen. An ihren Rat will ich mich halten. Sie gab ihn so eindringlich, dass an dieser Weisheit einfach etwas dran sein muss. 

Nach dem Rosen-Umzug kann ich auch die letzten Zwiebeln setzen. Ich habe noch zwei Tütchen Wild-Tulpen. Sie sollen im nächsten Frühjahr die Lücke füllen, die die Rosen hinterlassen haben. Mehr als 200 Zwiebeln habe ich diesmal im Garten verteilt: Narzissen, Schneeglöckchen, Krokusse, Tulpen, Kaiserkronen und Zierlauch. Ihr erinnert euch. Das Motto war „Klotzen statt Kleckern“. 

Tulpenzwiebeln vor dem Einbuddeln

Heute waren in diesem Jahr zum dritten Mal die Gärtner da. Beim ersten Mal haben sie die Sichtschutzwand gesetzt und die Zypressenstümpfe ausgegraben, für die der Kettensägenmann kein Gerät hatte. Beim zweiten Mal haben sie die größten Stümpfe mit einem Bagger ausgegraben, den Boden in der Wildnis gefräst, planiert und Rasen gesät. Heute setzen sie die Sichtschutzwand zum Nachbarn rechts fort und buddeln weitere Stümpfe aus. 

Für die Leute mit der Zwei-Sack-Methode und dem Freude-Versprechen bedeutet so ein Gärtnereinsatz immer einen großen Schub. Im Garten einen großen Schub nach vorne, auf dem Konto einen in die andere Richtung. Aber das passt für uns: Das meiste selbst machen, aber die schweren Arbeiten den Profis und ihren Profi-Geräten überlassen. Wir lieben begleitetes Gärtnern. 

Das Freude-Versprechen geht übrigens zurück auf Anita Moorjani. Jeden Morgen lese ich eine Seite in ihrem Buch über ihre Nahtod-Erfahrung*. Sie schreibt darin, wie sie - schwer an Krebs erkrankt - ein letztes Mal operiert werden soll und während des großen Eingriffs eine Nahtod-Erfahrung macht. Dort auf dem OP-Tisch liegend erscheint der jungen Frau ihr verstorbener Vater und eine ebenfalls verstorbene Freundin. Beide raten ihr: „Kehre zurück und lebe furchtlos dein Leben!“ Und so geschieht es. Anita Moorjani übersteht nicht nur die Operation, sondern besiegt sogar den Krebs, der nach einigen Wochen nicht mehr nachweisbar ist. Diese Heilung wurde von einem medizinischen Gutachten bestätigt, so heißt es in dem Buch.

Ehrfurcht und Staunen

Vielleicht denkt ihr jetzt: Bleib bei deinen Tulpenzwiebeln und auf dem krümeligen Gartenboden der Tatsachen! Nun sind Nahtod-Erfahrungen von Menschen hinreichend dokumentiert und ich glaube der Autorin, auf die ich dank eines Interviews aufmerksam geworden bin. Trotzdem bin ich in einer Welt der Fake-News die letzte, die sagen würde „Spielt doch keine Rolle, ob dieser Bericht stimmt oder nicht!“. Aber sehr viel wichtiger als die Nahtoderfahrung selbst oder die Biopsie-Berichte Wochen später ist mir, wie Anita Moorjani in ihr Leben zurück gekehrt ist. 

„Jeden Morgen nach dem Aufwachen wollte ich die Welt aufs Neue erkunden. … Ich wollte gehen, fahren, etwas erforschen, auf den Hügeln und im Sand sitzen und einfach dieses Leben in mich aufnehmen. … Ich verbrachte Zeit mit dem Erkunden von Märkten, ich genoss die unterschiedlichen Stadtanblicke oder die wunderschöne Skyline der neonbeleuchteten Hochhäuser. Alles erfüllte mich mit Ehrfurcht und Staunen.“ (Seite 148)

Ich wünsche mir keine Nahtoderfahrung. Aber ich leihe mir jeden Morgen in unserem Lesesessel ein wenig von der neuen Lebenslust der Anita Moorjani und von der Frische, mit der sie auf die Welt blickt. Es ist mein fester Vorsatz, nicht erst einen schweren Schicksalsschlag oder eine lebensbedrohliche Krankheit zu brauchen, um jeden Tag zumindest einen Moment zu erleben, in dem ich über diese Welt staune, für etwas dankbar bin, die Nase an die letzten drei Duftwicken halte, dem Kettensägenmann mehr als einen Kuss gebe und ausgiebig den Hund am Bauch kraule. 

Bei uns ist es das Gartenprojekt. Was entfacht bei euch die Lebenslust? Was würdet ihr als erstes angehen, wenn ihr sterbenskrank gewesen wäret und noch einmal eine neue Chance bekommen hättet?

Immer fröhlich diese großen Fragen beantworten,

Eure Uta 

* Anita Moorjani: Heilung im Licht. Wie ich durch eine Nahtoderfahrung den Krebs besiegte und neu geboren wurde. München 2015

  • Liebe Uta! Vielen Dank, dass Du Deine tiefgründigen Gedanken mit uns teilst. Ich mag den Herbst (wie jede andere Jahreszeit auch) wenn die Gartensaison sich dem Ende entgegegen neigt und man darauf hoffen darf, dass die vorbereitenden Arbeiten fürs nächste Jahr erfolgreich waren. Jetzt werde ich es erst einmal frei nach der Autorin Erma Bombeck halten: Nur das Bügelbrett hört mein Seufzen. Aber ich weiß, was ich tun würde, wenn mein Leben nur noch kurz wäre: tanzen, tanzen, tanzen… Immer auch gern mit Dir. Liebe Grüße von Karina

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    Uta


    Ich arbeite als Buchautorin, Journalistin, Bloggerin und Coach. Die Themen, über die ich am liebsten schreibe, sind das Gärtnern, das Familien-Glück und die persönliche Weiterentwicklung.

    „Wie gelingt das Leben?“ Das erforsche ich fröhlich im Selbstversuch und ganz praktisch in unserem neuen Projekt ‚Von der Wildnis zum Traum-Garten‘, von dem ich regelmäßig hier berichte.

    Deine, Uta

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