Dass wir uns nicht gegenseitig erschöpfen 

 23/06/2018

Teil 3 des Interviews mit Familienberaterin Claudia Hillmer

Als Lehrer mehr Nähe zu seinen Schülern, als Eltern mehr Nähe zu seinen Kindern zu erleben – darum ging es im ersten Teil des Interviews. In Folge 2 erfuhren wir, wie Claudia mit den Familien arbeitet und dass besonders die Kinder quasi instinktiv darauf reagieren, wenn sich das Beratungsgespräch dem entscheidenden Punkt nähert. In diesem letzten Teil des Interviews lesen wir, dass nicht das Kind schwierig ist, sondern die Gefühle, die wir zu seinem Verhalten haben und dass sich eine Tür für die ganze Familie öffnet, wenn wir diese Gefühle nicht mehr wegdrücken. Nur manchmal ist es gar nicht so leicht, alle in der Praxis an einen Tisch zu bekommen.

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Wenn zum Beispiel eine Mama ganz viel Juul gelesen hat und eine Beratung möchte, aber ihr Mann sagt: „Mach du das mal. Ich muss da nicht mit hin. Du kannst mir das ja später erzählen.“ Ist das ein Ausschlussgrund?
Nein, ist es nicht. Ich finde das zwar sehr schade. Ich sage dann zu dieser Mutter: „Lade ihn herzlich ein. Mehr kannst du nicht tun.“ Eine Familie ist wie ein Uhrwerk. Wenn ein Zahnrad auf einmal die Richtung verändert oder stehen bleibt, dann hat das Auswirkungen auf die anderen.
Zwar kann ich einen Veränderungsprozess auch mit einem Familienmitglied anstoßen, aber auch da hat es etwas mit Gleichwürdigkeit zu tun, die anderen einzubeziehen.
Ich hatte mal einen Vater im Hintergrund, der seiner Frau gesagt hat: „Erziehung ist dein Job! Wenn du Schwierigkeiten hast, dann hole dir Hilfe. Ich bezahle das, aber lass mich damit in Ruhe.“
Wie ist die Geschichte ausgegangen?
Die Familie ist nicht gekommen. Mit der Mutter habe ich relativ lange telefoniert. Ihr habe ich auch von dem Uhrwerk erzählt und dass wir vielleicht etwas bewirken können. Aber ich bin nicht bereit, das jemand sein Kind bei mir abliefert und ich es mal kurz mit drei Zaubersprüchen dazu zu bewegen soll, dass es tut, was die Eltern  gerne hätten.
Juul geht ja davon aus, dass Kinder kooperieren und dass ihr Verhalten immer mit unserem Verhalten als Eltern zu tun hat. Gibt es aber vielleicht Kinder, die von Geburt an einfach schwierig sind, weil sie die Gene von Opa Friedrich haben oder warum auch immer und ich als Mama oder Papa gar nichts dafür kann?
Nein! Natürlich kommt jedes Kind mit einem bestimmten Temperament auf die Welt. Dann spielt die Geschwisterposition eine gewisse Rolle. Wenn  das erste Kind so ist, dann ist die erste Rolle schon besetzt und das zweite Kind wird nicht genauso sein. Das kennen ja alle Eltern, die mehrere Kinder haben, die sind nicht identisch und man sich fragt: „Wo kommt das denn jetzt her?“ Dass Kinder aber schon immer so waren, finde ich eine zweifelhafte Aussage. Und dass die schon immer schwierig waren, dahinter höre ich als Beraterin „Für mich als Mama oder Papa war es schwierig und ist es schwierig, dieses Kind so anzunehmen, wie es ist. Mir fällt es vielleicht viel leichter, das Geschwisterkind zu lieben.“ Darin steckt ja eine unglaubliche Tragik und auch eine unglaubliche Trauer. Sich dafür zu öffnen, ist nicht leicht. Da fällt es leichter zu sagen: „Das war schon immer so.“ Und das Problem beim Kind zu sehen, statt bei mir zu gucken: Warum fällt es mir so schwer? Sind das Ängste, das Kind könnte in der Gesellschaft so nicht bestehen und ich muss unbedingt noch an dessen Kanten feilen, damit es eine Chance im späteren Leben hat? Oder ist das eine alte Wut, die in mir hoch kommt, dass man so nicht sein darf, weil ich auch nicht so sein durfte. Kinder lösen in uns diese existentiellen Gefühle aus. Hinter der Aussage „Das Kind war schon immer so.“ steckt sehr viel mehr.
So eine Mama hat jetzt erkannt, dass sie traurig darüber ist. Was macht sie dann damit?
Gerade wenn Eltern mit der Überzeugung kommen, dass ihr Kind schon immer schwierig war und sie dann innerhalb einer Beratung erkennen und erleben, was sie mit diesem Verhalten zu tun haben, ist das mehr als ein Erziehungs-Ratschlag. Eine solche Erkenntnis wird von tiefgehenden Gefühlen begleitet und immer wenn es dazu kommt, öffnet sich eine Tür und die Familie bekommt neue Möglichkeiten.
Diese Bewusstwerdung „ja, so ist es für mich“ und das Anerkennen der Gefühle gibt mir als Mutter die Wahl: Mache ich so weiter wie bisher oder ändere ich mich und damit unser Zusammenleben.
Sehr vereinfacht gesagt: Finde ich entweder weiterhin mein Kind schwierig oder finde ich die Gefühle schwierig, die es in mir auslöst? Sobald ich diese Gefühle anerkenne und würdige, können sie sich transformieren und ich kann meine Beziehung zu meinem Kind mit ganz anderen Augen sehen.Und im Alltag? Vielleicht finde ich nicht mein Kind schwierig, aber die ganzen Ansprüche, die es an mich stellt. Was hilft da ganz konkret, wenn ich zum Beispiel nicht gerne tun mag, was das Kind sich wünscht? Wenn das Kind jeden Tag  „Mensch-ärgere-dich-nicht“ spielen will und ich es auch sinnvoll finde, etwas zusammen zu spielen, aber merke: „Mensch-ärger-dich-nicht“ ist absolut nicht meins? 
Ja, darum geht es, dass viele Eltern Dinge tun, die sie eigentlich nicht mögen. Und schließlich werden sie genervt und vielleicht sogar ärgerlich auf ihre Kinder. Wenn ich den ganzen Tag von Dingen abgehalten werde, die ich lieber tun würde, ist das ja auch sehr anstrengend. Dann bin abends total erschöpft und die Kinder müssen schnell ins Bett, dass ich mich endlich um mich kümmern kann.  Wenn ich den ganzen Tag meine Eltern-Rolle eher spiele als lebe, dann will ich irgendwann Feierabend und dann entstehen so Ideen wie „Jetzt ist aber Erwachsenenzeit und jetzt ab ins Bett.“ Das ist etwas anderes als – und ich bin mir bewusst, was ich jetzt sage – „einfach miteinander zu leben“. Da kann ich gucken, wie ist es denn heute? Ist es vielleicht so schön am Essenstisch, dass wir alle gerne sitzenbleiben mögen? Und wie können wir so miteinander sein, dass wir uns nicht erschöpfen, sondern dass wir Energie miteinander tanken, dass wir gerne miteinander sind? Was machen wir wirklich gerne miteinander? Der Vater geht zum Beispiel gerne mit dem Kind früh am Morgen in den Park und genießt die frische Luft, die Mutter quatscht vielleicht lieber mit anderen Müttern auf dem Spielplatz, während die Kinder miteinander spielen, und Oma spielt gerne „Mensch ärgere Dich nicht“.

Regenspaziergänge – vielleicht eine große Leidenschaft der Patentante.

Ein wichtiger Satz von Juul ist, dass Kinder immer kooperieren, ihr Verhalten also immer mit unserem Verhalten als Eltern zu tun hat. Bedeutet das für viele Eltern nicht wieder „Wir sind an allem Schuld?“, speziell für die Mütter, „Wir Mütter sind an allem Schuld?“
Schuld hilft uns nicht weiter. Wenn ich zu dem Beispiel der Mutter zurückkehre, die glaubt, fürsorglich zu sein, und dann feststellt, die Tochter empfindet das nicht als Fürsorge, sondern als Übergriff, dann wäre es sehr schade, wenn die Mutter sagt: „Okay, dann habe ich halt Schuld daran, dass ich mich um dich sorge.“ Dabei bleibt es ja, wenn ich nicht wirklich erlebe, wie sich mein Verhalten für meine Tochter anfühlt. In der Familienberatung führt das Erleben und die Wertschätzung für die Gefühle des einzelnen dazu, dass man ein tiefes Verständnis für den anderen entwickeln kann. Jeder kann dann die Angst der Mutter sehen und vielleicht auch, wo sie herkommt. Auch hier ist Anerkennung der erste Schritt. Ab hier sehe ich, was es für mich bedeutet und welche Wirkung es auf meine Tochter hat.
Und da fängt die Verantwortung an. Verantwortung ist immer in die Zukunft gerichtet. Und das ist ein großer Unterschied zu Schuld. Schuld bezieht sich auf die Vergangenheit, sie macht alles schwer und unbeweglich. Der dahingeseufzte Satz, den wir oft von älteren Frauen aus der eigenen Familie kennen: „Ja, dann ist das eben mal wieder meine Schuld.“ kann eine ganze Familie mit Pech übergießen. Verantwortung macht etwas anderes mit Eltern: „Okay, ich sehe es und jetzt mache ich es anders.“
Diese Frau, die ihre Familie mit Pech übergießt und in dieser Schuld-Idee feststeckt, zahlt mit Schuld dafür, nicht ins Handeln zu kommen.
Ja. Juul sagt, Schuld ist wie ein Schaukelstuhl. Da kann man ein Leben lang drin sitzen und sich vor und zurück wiegen und es geht einem soweit gut.
Ich fühle mich ja so schuldig und geißele mich. Dann habe ich aber abbezahlt und muss nichts ändern.
Meine größte Aufgabe in einer Familienberatung ist, alle zu befähigen, Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Juul unterscheidet zwischen persönlicher und sozialer Verantwortung. Die persönliche Verantwortung heißt, dass ich für mich selber sorge. Wie sehr schaffe ich es, meine Werte, meine Ideen, meine Gefühle, in meinem Leben zu leben? Das liegt in meiner persönlichen Verantwortung. Und wenn ich die nicht übernehme, dann wälzen wir Menschen die Verantwortung in Form von Schuld auf andere ab. Wenn ich als Mutter nicht dafür sorge, dass ich nicht „Mensch-ärgere-dich-nicht“spiele, sondern überlege, was macht mir tatsächlich Spaß, wie möchte ich leben mit meinen Kindern, dann sind die Kinder am Abend Schuld, dass ich meinen Tag als so anstrengend erlebt habe.

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Liebe Claudia, vielen herzlichen Dank für dieses tiefgehende und sehr inspirierende Gespräch! Ich freue mich schon sehr, mit dir zusammen unseren Workshop für Eltern zu entwickeln.
Immer fröhlich sagen „Okay, ich sehe es und jetzt mache ich es anders!“, statt sich mit Schuldgefühlen die Energie zu rauben,
eure Uta

Titelbild von Tatiana Syrikova von Pexels und Beitragsbild von Ben Wicks von Unsplash. Vielen Dank!

  • Liebe Uta,
    bitte kannst Du den wirklich tollen dreiteiler noch einmal mit Uta Worten zusammen fassen und deine grandios hilfreichen Stichpunkte am Ende aufführen. Mein armer müder Mutterkopf will nämlich handeln und verstehen und ich fühle mich in vielen Punkten angesprochen.
    Ja, ich bin oft wütend weil ich immer funktionieren und folgen musste und mein Kind sich dagegen wert. Im Grunde meines Herzens bin ich darüber tot froh und sehr dankbar, aber oft raubt es mir die letzte Kraft und den letzten Nerv. Und mein Kind ist wiederspenstig weil ich genervt und müde und extrem ungeduldig bin und ich weiß es liegt an mir und schaffe trotzdem oft nicht die Kurve zu bekommen zu einem entspannten genußvollem Dasein und somit zu dem liebsten und hilfsbereitesten Kind auf der Welt. (zwei Seelen schlummern in unserer Brust.) Liebe Grüße und Danke für deine wundervollen Texte!

    • Liebe Julia, das mache ich sehr gerne. Bitte etwas Geduld! Wir sind gerade auf Reisen, um Prinzessin (17) heim zu holen. Liebe Grüße, Uta

  • Liebe Julia,
    es ist ja sehr häufig so, dass man das, was man liest im eigenen turbulenten Alltag nicht so einfach umsetzen kann.
    Oft gelingt dies aber an eigenen Beispielen und Situationen aus Deiner Familie.
    Vielleicht magst Du uns eine solches Beispiel aus eurem Familienleben schreiben und wir schauen mal, ob wir Dir ganz lebensecht und live, weiterhelfen können.
    Quasi eine Mini-Familienberatung, die dann bestimmt auch für alle Leserinnen und Leser interessant sein kann.
    Hast Du Lust?
    Herzliche Grüße
    Claudia und Uta

  • Liebe Uta und liebe Claudia,
    ich bin auch so eine Mutter, die Juul und Rogge und weiß Gott wen liest und sich das alles so schön ausdenkt und dann zieht der Partner nicht mit – und die Kinder irgendwie auch nicht. Das ist anstrengend und frustrierend. Ich will vertrauen, mein Mann kontrollieren. Wir bekommen darüber oft Streit.
    Ich habe viele Anregungen aus eurem Gespräch mitgenommen (ich gebe ja nicht auf), aber es geht mir ja doch auch oft wie der Leserin Julia: Eigentlich weiß ich, dass Kinder kooperieren wollen, eigentlich weiß ich, dass ich Selbstfürsorge betreiben muss, eigentlich weiß ich, dass mein Kind nicht schwierig sondern besonders ist und ich mit Humor und Leichtigkeit und mehr guter Laune alles viel besser und für alle schöner hinbekäme. Aber dann nennen sich die Jungs wieder A** und F** , weil der eine dem anderen irgendwas nicht gönnt und schlagen sich die Köppe ein, die Tochter hält sich die Ohren zu und jammert, sie will ausziehen, weil es nur Streit gibt, der Mann kommt genervt nach Hause und nervt dann weiter und erteilt 100 Jahre Handyverbot, weil das Zimmer nicht aufgeräumt ist, der Große ist sauer und läd das wieder beim Kleinen ab und ich soll wieder diejenige sein, die lächelt und alle in den Arm nimmt und die Wogen glättet. Und was mache ich: Ich brülle rum, dass mich alle nerven und ich keine Lust habe auf so was. Juul hin oder her. Es IST anstrengend.
    Aber: Ich gebe nicht auf.
    Beste Grüße
    Die SteffiFee

    • Liebe SteffiFee,
      danke, dass du den Frust in so anschauliche Worte gefasst hast! Ich denke, es geht vielen so.
      Meiner Erfahrung nach gibt es zwei Möglichkeiten, etwas nachhaltig zu verändern: 1. mit dem Partner oder besser noch mit der ganzen Familie eine Möglichkeit finden, wo jeder Raum bekommt, sich zu äußern, ohne dafür abgewertet zu werden.
      2. die Inhaltsebene verlassen und tiefer gucken: welche Grundüberzeugungen steuern mich? Auf welche tiefer liegenden Botschaften reagiert meine Familie und zwar sehr viel mehr als auf das, was ich sage, und sei es noch so klug.
      Wenn wir im Coaching auf dieser Ebene fündig werden, findet ein Wandel ohne Anstrengung statt. Das zu erleben, ist für mich die größte Erfüllung.
      Ich freue mich, zusammen mit Claudia demnächst konkrete Angebote für euch zu entwickeln.
      Herzliche Grüße aus Kanada!
      Uta

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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