Der innere Schiedsrichter 

 19/07/2019

Teil 3, Online-Coaching: Das Selbstvertrauen des Kindes stärken; Austausch mit Laura, die mit ihrem Mann Mark und ihrer Tochter Pippa (8) in Hamburg lebt.

Laura schrieb:
Liebe Uta,
vielen Dank für all deine Fragen … gar nicht so leicht ;–) Hier kommen meine Gedanken dazu …
Frage von Uta: Was macht die Wort-Diät? Gab es in den vergangenen Tagen Situationen, wo du das, was dir auf der Zunge lag, einfach da hast liegen lassen? Wie war die Erfahrung?
Laura: Das hat leider bisher nicht so gut geklappt. Ständig muss ich sie auffordern: zieh dich an, putz dir die Zähne, pack das weg … Und sie fragt mich ja auch ständig Sachen: Ob sie das darf oder das oder das … Es ist mir aber auf jeden Fall aufgefallen. Und dir ging es dabei wahrscheinlich eher darum, nicht alles, was sie sagt oder macht, mit meiner Besserwisserei zu kommentieren oder? Da konnte ich mich tatsächlich etwas bremsen.
Welchen Eindruck hast du von Pippa, wenn du die Herausforderungen (Seepferdchen, Drei-Meter-Brett …) und ihre Reaktion darauf noch einmal in der Übersicht liest?
Laura: So in der Übersicht macht es doch den Anschein, dass Pippa sich einiges an Action zutraut und auch selbst ein Gefühl dafür hat, wann es ihr zu heikel ist … hüstel.
Kannst du es aushalten, wenn Pippa mal tieftraurig oder enttäuscht ist? Wie war das nach dem ersten missglückten Versuch mit dem Seepferdchen? Wie ist Pippa schließlich mit ihrer Enttäuschung umgegangen?
Laura: Pippa ist tatsächlich ziemlich schnell und häufig enttäuscht. Zum Beispiel wenn sie sofort ins Schwimmbad will und wir nicht … oder wenn sie länger mit dem Tablet spielen will … oder mehr Naschies …. Das nervt extrem, aber ihre Enttäuschung darüber können wir aushalten. Das legt sich nach dem heftigen und nervigen Gemecker wieder. Die Enttäuschungen, die wir eher vermeiden wollen, stammen aus dem Bereich „Selbstwert“. Denn wenn ihr eine Sache nicht gelingt, rutscht das bei ihr schnell in diese „nur ich kann das nicht, ich bin zu klein, alle sind besser, …“–Schiene. Und wenn wir uns sicher sind, dass die gewollte Aktion einfach noch zu früh ist oder sie entgegen ihrer Erwartungen nicht die Einzige sein wird, der es gelingt, dann wollen wir sie lieber vor der Enttäuschung schützen.
An ihrem Geburtstag wollte sie ihrer Cousine bei einem Ausflug unbedingt zeigen, was sie kann. Wollte dafür von ihr gefeiert werden, war ja ihr Geburtstag. Doch der Cousine war es ziemlich egal … stattdessen war sie in einigen Dingen mindestens genauso gut wie Pippa. Und Pippa war ganz schrecklich enttäuscht abends. Sie hatte sich das anders vorgestellt.
 

Blaue Flecken, Macken am Knie, Enttäuschung – auch das ist Teil der Kindheit.

 
In was für Situationen hättest du dir mehr Unterstützung von deinen Eltern gewünscht? Erinnerst du dich an eine bestimmte Situation?
Laura: Eine Situation ist mir bis heute in Erinnerung geblieben: ich hatte den allerersten Termin bei einem Frauenarzt und musste dafür in die nächst größere Stadt fahren. Alleine. Beides für sich war schon sehr schwer für mich. In Kombination kaum auszuhalten. Ich hatte meine Mama gebeten, mit mir zu fahren. Sie sagte, dass sie nicht kann, weil sie arbeiten muss. Ich meinte dann, dass sie ja für Papa auch immer freinimmt und mit fährt. Darauf antwortete sie, dass sei was anderes, denn schließlich sei er ja ihr Mann. Tatsächlich habe ich die Fahrt und den Arztbesuch gut hinbekommen, aber die Unterstützung fehlte mir trotzdem…
Und jetzt bin ich gespannt auf deine Gedanken dazu, liebe Uta.
Vielen Dank und liebe Grüße,
Laura
Antwort Uta:
Liebe Laura, du schreibst: „Ständig muss ich sie auffordern: zieh dich an, putz dir die Zähne, pack das weg … Und sie fragt mich ja auch ständig Sachen: Ob sie das darf oder das oder das …“
Bei einem Einzelkind passiert es leicht, dass man in der Familie sehr aufeinander hockt und eine engmaschige Kontrolle entsteht. Vielleicht könnt ihr üben, Pippa mehr Raum zu lassen. Ihr besprecht zum Beispiel einmal (!), was ihr im Urlaub von ihr erwartet. „Liebe Pippa, im Urlaub frühstücken wir entspannt zusammen. Dann erwarte ich, dass du dich anziehst und dir die Zähne putzt, damit wir gemeinsam etwas unternehmen können. Ich mache keine weiteren Ansagen. Du schaffst das alleine.“ Ende Gelände. An den folgenden Morgen brecht ihr dann auf. Ohne Kontrolle und ohne ihr ständig im Nacken zu sitzen. Sie muss merken, dass ihr ihr zutraut, selbst die Verantwortung für ihr Morgenprogramm zu übernehmen. Und wenn dabei mal nicht die Zähne geputzt werden, ist das auch nicht schlimm. Nicht rückfällig werden! Hauptsache die Botschaft „es ist wirklich mein Job, mich selbst darum zu kümmern“ sickert langsam durch. Und Mama und Papa bleiben entspannt bei ihren Angelegenheiten. Das ist keine Vernachlässigung, sondern darin liegt viel Zutrauen. Hättet ihr acht Kinder könntet ihr ja auch nicht jedem die Socken anziehen oder den Milchzahn oben links nachputzen.  
Du schreibst:
„… wenn ihr eine Sache nicht gelingt, rutscht das bei ihr schnell in diese „nur ich kann das nicht, ich bin zu klein, alle sind besser, …“–Schiene. Und wenn wir uns sicher sind, dass die gewollte Aktion einfach noch zu früh ist oder sie entgegen ihrer Erwartungen nicht die Einzige sein wird, der es gelingt, dann wollen wir sie lieber vor der Enttäuschung schützen.“
Als Pippa noch klein war, hatte sie – wie alle kleinen Kinder – noch keinen inneren Schiedsrichter. Sie fuhr Bobbycar aus Freude am Bobbycar-Fahren und fragte sich nicht am Abend, ob sie heute wohl gut genug gefahren, ob ihr Kurvenverhalten optimal sei oder sie am Schwung-Nehmen arbeiten müsse. Kleine Kinder haben noch keine Frage dazu, ob sie gut genug geschaukelt sind oder die Sandburg preis-verdächtig war. Sie haben einfach Spaß. Aber dann kommen wir Erwachsen, loben hier, korrigieren da und bringen Bewertungen in ein Spiel ein, das sich eigentlich selbst genug war. So sind wir alle. So ist unsere Gesellschaft. Ständig denken wir in „besser“ und „schlechter“. Und unsere Kinder saugen das förmlich auf. „Mama, war so begeistert, wie ich die Schaukel in Schwung gebracht habe. Das hat sich gut angefühlt. Ich mache ihr offensichtlich eine Freude, wenn ich das so mache. Also gebe ich mir das nächste Mal noch mehr Mühe.“ Und schon taucht immer häufiger die Frage auf: „Mache ich das auch gut genug?“ Und irgendwann sind wir Erwachsene und merken schon gar nicht mehr, wie sehr unser Alltag durchtränkt ist von der Frage, ob wir denn bloß reichen so, wie wir sind.
Wie können wir das nicht so stark werden lassen?
Da es uns selbst in Fleisch und Blut übergegangen ist, lässt es sich kaum vermeiden, aber wir können:

  • es uns bewusst machen
  • immer häufiger einfach sein
  • immer häufiger einfach zusammen sein
  • das Loben, Kritisieren und Bewerten lassen und dem Kind auf der Schaukel, auf dem Drei-Meter-Brett, auf der Balancier-Mauer nur zuwinken.
  • mit Pippa am Geburtstagsabend die Enttäuschung aushalten; sich das erzählen lassen, eine Schulter zum Ausweinen bieten und dann zum nächsten Thema übergehen, damit sie merkt, Enttäuschungen gehören zum Leben, und damit sie sich nicht zu sehr hineinsteigert in diese vermeintliche Niederlage; und damit auch aus der Geschichte nicht wieder ein „Man darf nicht so enttäuscht sein“-Ding wird und sich zum „Sie-sollte-selbstbewusster-sein“-Projekt ausweitet. Da ist sonst wieder nur neuer Druck: „Ich bin also nicht nur schlecht im Seilspringen, in Mamas und Papas Augen habe ich auch noch zu wenig Selbstvertrauen. Irgendwie bin ich also nicht richtig so, wie ich bin.“

Liebe Laura, kannst du dir vorstellen, Pippa anzunehmen, so wie sie ist und eben auch mit ihrem Ehrgeiz, ihrem Drang, sich zu beweisen, ihrer Enttäuschung, ihrer Angst vor neuen Herausforderungen? Und nicht dagegen zu arbeiten und es damit noch stärker zu machen?
Pippa darf so sein wie du. Sie darf auch ganz anders sein. Und sie darf auch beides in sich tragen. Lass sie und das Leben mal machen, sei einfach an ihrer Seite und freue dich an ihrem Sein.
Carl Rogers, einer der Begründer der Humanistischen Psychologie, hat mal sinngemäß gesagt: Paradoxerweise fangen die Dinge in dem Moment an sich zu verändern, in dem wir uns eingestehen und akzeptieren, dass sie so sind, wie sie sind.

*

Nun noch zu der Situation aus deiner Teenagerzeit. Du schreibst: „Ich hatte den allerersten Termin bei einem Frauenarzt und musste dafür in die nächst größere Stadt fahren. Alleine. Beides für sich war schon sehr schwer für mich. In Kombination kaum auszuhalten. …. Deine Mutter sei auf dein Nachfragen nicht bereit gewesen, dich zu begleiten. „Tatsächlich“, so heißt es weiter in deiner Mail, „habe ich die Fahrt und den Arztbesuch gut hinbekommen, aber die Unterstützung fehlte mir trotzdem…“
Wozu hättest du dir mehr Unterstützung gewünscht?
Was genau hat dir gefehlt?
Was hast du aus diesem Erlebnis für Schlussfolgerungen gezogen?
Was hast du danach über deine Mutter gedacht?
Was hast du über dich gedacht?
Was hast du für Schlussfolgerungen über das Mama-Sein gezogen? (Zum Beispiel: „Wie furchtbar! Ich werde mal eine ganz andere Mama sein.“ oder „Klasse! Es hat mich zwar Überwindung gekostet, aber auch irgendwie stark, dass sie mir das zugetraut hat. Danach war ich deutlich robuster.“ ….)
Ich frage das, weil solche Schlussfolgerungen gerne zu innersten Überzeugungen werden, die heute noch wirken und vielleicht für dich heute mit Pippa nicht funktionieren.
Liebe Laura, soweit meine Antworten und Fragen für heute. Und soweit auch unser öffentliches Coaching. Wir beide haben beschlossen, jetzt wieder außerhalb des Blogs weiter zu machen, weil es jetzt intimer wird.
Ich danke dir, dass ich dieses Stück Coaching auf meinem Blog mit allen Lesern teilen durfte!

*

Immer fröhlich die „Bewerteritis“ und „Vergleicheritis“ lassen,

eure Uta
PS: Und vielen Dank für eure Unterstützung bei meiner Recherche für den Magazin-Artikel über Traueranzeigen! Ich habe nun so viele Zitate zusammen, dass ich den Text schreiben kann.

  • Mir ist spontan in den Sinn gekommen, dass man auch zurück fragen könnte: „Hattest du denn Spaß dabei? Bist du zufrieden mit dem Ergebnis?“
    Worauf kommt es denn an? Wer muss denn letztlich zufrieden mit dem Ergebnis sein? Und so habe ich die Möglichkeit von der Bewertung in der konkreten Situation wegzukommen.
    Wenn ich die Kinder bitte, etwas bestimmtes zu tun, sage ich natürlich, wenn es meinem Anspruch nicht genügt (unter Berücksichtigung dessen, was das Kind leisten kann natürlich).
    Aber wenn es von sich aus etwas macht (hoch schaukeln, ein Bild malen, eine Idee umsetzen), dann sollte doch das Kind erkennen, ob es zufrieden sein kann oder nicht. Oder ob es doch Hilfe braucht. Oder nochmal nacharbeiten will. Oder das Werk in Szene setzen (mach ein Foto!, hänge es auf! Ich will es allen zeigen!). Und dann kann es den Stolz auf sich selbst uneingeschränkt spüren. Und ich kann uneingeschränkt stolz auf mein Kind sein 🙂
    Viele Grüße,
    Marie

    • Liebe Marie, danke für deinen Kommentar! „Zufrieden-sein“ ist für mich allerdings auch eine Bewertung. Selbst wenn es darum geht, ob das Kind selbst mit dem Erschaffenen zufrieden ist oder nicht. Das ist ja das Tolle an kleinen Kindern, dass sie sich am Anfang diese Fragen gar nicht stellen: Ist Mama damit zufrieden? Und schon gar nicht: Kann ich selbst damit zufrieden sein? Sie haben da einfach keine Frage zu, weil es ihnen um den Prozess geht, weniger um das Ergebnis. Erst wir Erwachsenen bringen diese Kategorien ins Spiel. Eine Dreijährige wird sich bei dem selbstgemalten Bild, das sie Mama bringt, und sich darauf mit der Frage konfrontiert sieht, ob sie selbst damit zufrieden sei, sehr ratlos sein. „Wie? Darum ging es doch gar nicht. Ich wollte Mama einen Liebesbeweis bringen und freue mich, wenn sie sich freut und mit mir anschaut, was da alles zu sehen ist.“ Im Schulalter allerdings, wenn die allgegenwärtigen Bewertungen längst Einzug gehalten haben, ist es eine gute Idee zu fragen: „Bist du selbst zufrieden mit dem Ergebnis deiner Arbeit?“
      Äh, habe ich dich jetzt missverstanden? Gerade fällt mir auf, dass wir mit Pippa ja über jemanden sprechen, der im Schulalter ist.
      Nichts für ungut. Herzliche Grüße, Uta

      • Liebe Uta,
        ja, mir ist das zu Pippa eingefallen, also zu Kindern, die eben diese Frage stellen. Als Erste-Hilfe-Maßnahme für uns Erwachsene, aus dieser Bewertungsnummer raus zu kommen.
        Aber ich fand deinen Einwand sehr gut. Du hast Recht. Man muss sich zwischendurch bewusst machen, wie verkopft wir manchmal sind und unser eigenes Bewertungssystem ständig an ist. Und wir können üben, das Sosein anzunehmen.
        Viele Grüße,
        Marie

  • Liebe Uta,
    Liebe Laura, vielen Dank für das teilen des Coachings! Es war sehr interessant und regt zum nachdenken an.
    Alles Liebe weiterhin

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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