Der schlechteste Pubertäts-Tipp aller Zeiten 

 07/05/2019

Wie mag sich ein Teenager fühlen, den die Eltern als hormon-krank ansehen?

Der Elternrat von Prinzessins Gymnasium hat getagt. Es ging um das Thema „Erziehungskonflikte“. Und wir Eltern bekamen das Protokoll der Versammlung zugeschickt. Darin wird die Diskussion zum Thema in folgenden Zeilen wiedergegeben:

„Wie gehe man mit Konflikten mit pubertierenden Kindern um? Antwort: Man müsse ihnen auf Augenhöhe begegnen, jedoch auch konsequent sein. Herr J. (vom Elternrat, Anmerkung der Bloggerin) ergänzt, dass die Pubertät auch wie eine besondere „Krankheit“ betrachtet werden könne. Es gäbe eine Reihe von Symptomen und es würde nur helfen, mit Gelassenheit abzuwarten, bis die „Krankheit“ vorüber sei.“

Interessant.

Lieber Herr J.,  mit ihrem „Erziehungs-Tipp“ beschreiben Sie ein Elternverhalten, das meiner Erfahrung nach der häufigste Grund für destruktive Konflikte zwischen Eltern und Jugendlichen ist.
Ich versuche mal zu formulieren, wie es sich für einen Jugendlichen anfühlen muss, dessen Vater ihn als vorübergehend krank betrachtet.

  • „Ah, in deinen Augen bin ich also krank. Und die Rückmeldung, die ich dir dazu gebe, wie ich mich gerade fühle in der Schule, mit dir in der Familie oder mit der Trennung von meiner Freundin, die ist zu ignorieren wie ein lästiger Schnupfen?“
  • „Und die Konflikte, die wir beide miteinander haben, die haben wohl nur mit mir zu tun und in keiner Weise mit dir! Ich allein bin also Schuld an dem Stress zu Hause!?“
  • „Du, der du chronisch überarbeitet bist, deinen Bierbauch nicht weg bekommst, kaum noch schöne Zeit mit Mama hast … du bist also gesund und ich bin krank. Interessant!“
  • „Ich soll mehr für die Schule tun, damit ich einen Job bekomme wie du, eine Stelle, die du nicht wirklich magst und auf der du schon das eine andere Mal knapp am Burn-Out vorbeigeschlittert bist. Ich soll mehr lernen, damit ich in deine Fußstapfen treten kann? Lass mal deine Vorträge! Ich komme zurecht.“
  • „Erwachsen-Sein und Eltern-Sein ist also statisch. Ihr zieht euren Stiefel durch und hofft, dass ich mir demnächst eure Stiefel anziehe und euer Leben lebe.“
  • „Nein, danke! Das, was ich sehe, reicht mir. So richtig pralle gut geht es euch doch gar nicht. Wenn euch jemand nach eurem Befinden fragt, kommt schnell eure Antwort ‚Muss, ja!‘ oder ‚Könnte schlechter sein!‘ Ganz ehrlich: Das finde ich krank. Und ich kann nicht einmal die Hoffnung haben, dass es bald vorüber ist. Denn an den Hormonen kann es bei dir nicht mehr liegen.“
  • „Willst du mir Pillen verabreichen und vor dem Fernseher abwarten, bis die Symptome verklungen sind, oder bist du bereit, auch dein Verhalten mal zu hinterfragen?“
  • „Wollen wir beide wirklich miteinander sprechen oder säuselst du lieber auf Elternratssitzungen was von ‚Augenhöhe‘? Mir wird schon schlecht, wenn ich das Wort nur höre.“
  • „Deine Antworten auf alle Lebensfragen kenne ich zur Genüge. Wie wäre es mal mit einer wirklich interessierten Frage? Und mit Zuhören ohne Unterbrechung und ohne deinen Bewertungs-Bulldozer?“
  • „Vertraust du mir, Papa“?
  • „Darf ich meine eigenen Fehler machen?“
  • „Darf ich meinen Weg gehen?“
  • „Unterstützt du mich dabei oder willst du die ‚Pubertäts-Krankheit‘ deiner Kinder lieber aussitzen?“

 

Nicht Hongkong, sondern ein Foto aus einem Frankreich-Urlaub.

Immer fröhlich die Teenager-Jahre als Weiterentwicklungs-Chance für die ganze Familie betrachten,
eure Uta

PS: Liebes-Grüße an meinen Mann, der heute in den Flieger steigt, um den Kronprinzen in seinem Auslandssemester in Hongkong zu besuchen.

  • Liebe Uta,
    ich stimme Dir in allen Punkten zu ! Was sich Jugendliche heutzutage zum Thema Pubertät so alles anhören müssen ist mehr als anmaßend. Ich kann mich an keinen einzigen Satz meiner Eltern oder Eltern meiner damaligen Mitschüler*innen erinnern, in dem jemals das Wort Pubertät vor kam. In meiner Jugend wurde zum Glück nicht alles thematisiert und breitgetreten sondern oft als gegeben hingenommen. Natürlich gab es auch Schwierigkeiten, aber diese wurden nicht in Zusammenhang mit der Pubertät gebracht, sondern einzeln betrachtet und „ausgefochten“.
    Ich habe schon mehrere Freundinnen von mir mit folgendem Gedanken zum Nachdenken angeregt, wenn mal wieder alles was nicht so „flutscht“ im Alltag, auf die Pubertät geschoben wird : möchtest Du in den Wechseljahren ständig mit Sätzen konfrontiert werden wie beispielsweise „bist Du mal wieder schlecht gelaunt , tja so sind die Wechseljahre halt“, „mit Dir kann man heute aber auch gar nicht vernünftig reden – tja, so ist das eben in den Wechseljahren … ? Oh ich könnte noch viele Beispiele bringen die 1:1 junge Menschen so tagtäglich zu hören bekommen. Am Schlimmsten sind die Mütter die sich untereinander über die Pubertät „klagend austauschen“ und die eigenen Kinder stehen daneben – grauenvoll !!
    In diesem Sinne immer schön sachlich bleiben und die Pubertät eher als spannende positive Persönlichkeitsentwickung betrachten.
    Ganz herzliche Grüße aus dem Süden in den Norden 😉
    Martina

  • Das ist so wahr. So ist es aber mit allem. Wenn es nicht die Pubertät ist, dann ist eben etwas anderes Schuld. Ich habe so positiv in Erinnerung, wie eine alte Arbeitskollegin trotz normaler Schwierigkeiten in ihrer Familie, die (5) Kinder immer so positiv gesehen hat. Auch in der Pubertät. Sie war immer so dankbar für die Zeit mit ihnen. Zu sehen, wie sich die jungen Menschen entwickeln und sie und ihre Kinder sich gegenseitig positiv beeinflussen. Es waren keine leeren Floskeln, sondern sie hat wirklich eine gute Beziehung zu den pubertierenden Kindern gepflegt, ohne dabei ihre Verantwortung als Mutter und ihre Werte aufzugeben.
    Ich habe die Pubertät meiner Kinder noch vor mir und freu mich auch darauf zu sehen, wie sie sich entwickeln. Auch wenn es in einzelnen Situationen weniger erfreulich sein wird. Aber das wäre auch nicht das erste Mal 😉 Dafür ist es an anderer Stelle wieder schön. Nichtsdestotrotz hilft es zu verstehen, dass das Gehirn sich neu vernetzt und eben viele viele Lernprozesse und vor allem eigene Erfahrungen zur Entwicklung beitragen und die Kinder beschäftigen. Es ist eine Menge los in der Pubertät. Ich hoffe, dass ich dann die nötige Gelassenheit und das nötige Feingefühl habe…
    Sehr schön geschrieben. Danke Uta!

  • Dankeschön Uta,
    dieser Artikel kommt für mich genau zur rechten Zeit, habe ich mich doch in der letzten Zeit ein paar mal bei diesen „ist halt Pupertät“-Sätzen erwischt.
    Ich gelobe mir selbst und meinem Kind Besserung.
    Liebe Grüße
    Emma Keeboo

  • Die Großen sind 25 und 22, die Tochter bald 12. Und wie es die Natur so will, spüre ich nun am eigen Leib, was Hormone mit einem anstellen. Auch wenn das nicht zum ersten mal stattfindet, meine eigene Pubertät hab ich doch sehr viel mehr vergessen als ich dachte. Was ich sagen will : vor 10 Jahren hätte ich Herrn J. Aussagen als herabwürdigend empfunden, heute habe ich über mich und auch meine Tochter schon ähnlich gedacht…. jedoch nicht herabwürdigend sondern einfach nur sehr verständnisvoll. Ich finde die Macht der Hormone rein wissenschaftlich wahnsinnig interessant: Pubertät, 3 Schwangerschaft, unzählige Zyklen und nun das Ausschleichen. Ich bin schon gespannt, ob ich in einigen Jahren eine Andere bin als früher/heute. Lg

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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