Ein Elfmeter für den Sozialkunde-Lehrer 

 05/05/2015

Welche Lösung ich mir für einen Klassenkonflikt wünsche.

In der Schule sind einige Schüler der 8. Klasse während der Pause im Klassenraum geblieben. Einer oder mehrere von ihnen haben ein Buch oben auf den Türrahmen gelegt und haben einigen Lärm verursacht, um die Pausenaufsicht herbeizulocken. Als die Lehrerin die Tür öffnete, fiel ihr das Buch auf den Kopf. Weil sie in Folge dessen Kopfschmerzen hatte, musste sie sich in ärztliche Behandlung begeben.
Vor wenigen Monaten gab es in der Klasse einen ähnlichen Vorfall. Damals konnte die Lehrerin zum Glück ausweichen.
Gestern schrieb die Klassenlehrerin den Eltern eine Mail. Darin heißt es:
„Der Teil der Klasse, der den Vorfall mit Frau xy mitbekommen hat, hat sich inzwischen schriftlich entschuldigt, allerdings ist mir dieses im Angesicht der Tatsache, dass sich so etwas wiederholt ereignet und tatsächlich jemand zu Schaden gekommen ist, keine ausreichende Konsequenz. Um fair und pädagogisch sinnvoll handeln zu können, brauche ich die Namen der Drahtzieher. Eine „Kollektivstrafe“ wäre für mich zunächst keine gangbare Alternative.“
Für Lehrer ist es offensichtlich sehr schwierig, mit einer solchen Situation umzugehen. Sie können es nicht auf sich beruhen lassen, weil es die Werte einer Schulgemeinschaft angreift und weil das, was die Kollegin erlitten hat, eines Ausgleichs bedarf. Gleichzeitig möchte die Lehrerin weder Unschuldige bestrafen noch ihre Schüler zu Denunzianten machen, eine echte Zwickmühle.
Auf der anderen Seite ist das der Klassiker. Jeder, der Lehrer ist, wird im Laufe seines Berufslebens einen oder mehrere solche Fälle zu lösen haben. Werden Pädagogen darauf nicht vorbereitet?
Ich habe Prinzessin (14) gesagt, dass ich das Geschehen verurteile, aber weder wissen möchte, wer es war, noch bereit bin, Namen von „Drahtziehern“ weiterzuleiten. Kurz zuvor hatte Prinzessin mit ihrer Freundin telefoniert und beide hatten sich darauf verständig, sie wollten lieber den oder die Täter ermutigen, sich zu melden, und ihm/ihr/ihnen sagen, dass sie sie dabei unterstützen wollten.
Von Kindern kann man lernen, oder?
Ich mache mir über so etwas gerne Gedanken, weil ich viel wichtiger finde, hier Lösungen zu finden als für quadratische Gleichungen. Kann man die Situation nicht als Elfmeter für den Sozialkunde-Lehrer betrachten?
Mein Vorschlag:

  • Die Lehrerin sagt vor der ganzen Klasse: „Frau XY hatte schlimme Kopfschmerzen nach dem Buch-Attentat. Ich möchte, dass der oder die Täter die Verantwortung dafür übernimmt/übernehmen.“
  • „Ich verteile jetzt einen Zettel mit meiner Email-Adresse. Wer mit der Tat zu tun hat, kann sich bis morgen um 20 Uhr bei mir melden. Wir vereinbaren dann einen Gesprächstermin und überlegen gemeinsam, wie die Verantwortlichen es für Frau XY wieder gut machen können.“
  • „Wer sich zu seinem Tun bekennt, kann damit rechnen, dass ich ihn oder sie dabei unterstützen werde, die Sache aus der Welt zu schaffen.“

Das Ziel muss sein, dass der Schüler sagt:

  1. „Ja, ich habe das gemacht.“
  2. „Es tut mir leid.“
  3. „Wie kann ich es wieder gut machen?“

Die Aufgabe des Lehrers ist, für eine Atmosphäre zu sorgen, in der nicht Strafen drohen, sondern es unterstützt wird, wenn jemand Verantwortung übernimmt.
Das sollte man in der Schule lernen. Ihr wisst, dass mir das viel wichtiger ist, als Possessiv-Pronomen zu kennen oder sämtliche Zuflüsse der Donau.
Immer fröhlich das Bekennertum fördern.
Eure Uta

  • Liebe Uta,
    meine Tochter (1. Klasse) bekommt oft eine Kollektivstrafe (zusätzliche Seiten lesen, Sätze schreiben, etc.), weil ihre Mitschüler zu laut/wild/frech sind. Sie hat heute zu mir gesagt, dass sie ihre Mitschüler dafür hasst und diese noch bis in die 5. Klasse „an der Backe“ hat. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Eltern den Lehrern nicht ins Handwerk pfuschen sollten, aber ich glaube, ich werde nun, mit Deinem Anstoss, das Gespräch mit der Lehrerin suchen.
    Ich lese Deine Blog-Einträge immer sehr gerne. Sie helfen mir ruhig zu bleiben und die Nerven zu bewahren (hier wird die Welt von vier Kindern zwischen einem und acht Jahren durcheiander gewirbelt :-)).

  • Hallo Uta und guten Morgen,
    oooohhh…. die arme Lehrerin… Kopfschmerzen… so so so… und deshalb in ärztliche Behandlung ?!??! Die Arme!!! Also wirklich! Ich weiß, dass es nicht einfach ist, Lehrerin zu sein. Wirklich nicht. Aber es gibt Situationen, in denen man einfach mal Haltung bewahren muss. Das war so eine! Leider hat die Lehrerin diese Chance verstreichen lassen und sich zum „Opfer“ gemacht. Meine Güte! Ja ja ja, ich weiß: „Was hätte nicht alles passieren können.“ Richtig! HÄTTE !!! Ist aber nicht. Leben wir im Konjunktiv? Jetzt mal im Ernst: was ist denn passiert? Die Schüler haben sich einen Scherz erlaubt und ja: es war vielleicht eine Prise zu heftig. Passiert halt mal und wirklich schlimm ist das ja nun nicht. Kopfschmerzen….also wirklich! Muss man da ein Drama draus machen? Was hat die Lehrerin denn jetzt gekonnt, wenn sie sich deshalb in ärztliche Behandlung begibt. Was hat sie den Schülern vorgelebt, wie hat sie ihre Vorbildfunktion erfüllt? Wegen etwas Kopfweh gleich zum Arzt laufen? Die Verantwortlichen ermitteln wollen und bestrafen? Ein Drama machen und alle Eltern involvieren? Die Drahtzieher ermitteln??? Ich finde das einfach nur lächerlich!!! Was hätten die Schüler an der Situation nicht alles lernen können… Haltung bewahren zum Beispiel. Über-sich-selbst-lachen können – das wäre auch wichtig gewesen. Zur „Strafe“ hätte man den Kindern… ähm … Jugendlichen ja mal allen (ja allen – auch wenn es eine Kollektivstrafe ist!) den alten Film „Feuerzangenbowle“ oder „Die Lümmel von der ersten Bank“ oder so zeigen können (bei manchen wäre das tatsächlich eine Strafe so einen Film zu sehen) und sich mit Schulstreichen (gerne auch international) auseinandersetzen können. Eine ganze Projektwoche könnte man damit gestalten (und damit auch gleich die Gefahr vor ganz üblen Abi-Schulstreichen verbannen) oder die unzähligen YouTube Filme die es gibt sich gemeinsam ansehen können und auf „Gefahren“ hinweisen. Was gilt es bei „Scherzen“ zu beachten, damit man den Schaden für andere Personen gering hält? Sind „nachgemachte“ Scherze noch lustig oder was braucht man um einen individuellen und lustigen Scherz zu kreieren? Zum Beispiel könnte man den Schülern ja mal erzählen, wie groß der Schaden ist, wenn man des Lehrers Auto mit einer Flasche Scheuermilch / Scheuerpulver verschönert und es zu regnen beginnt…… Ab wann beginnt Sachbeschädigung und sind „Kopfschmerzen“ schon Körperverletzung (oder einfach schlicht Nebenwirkung der jeweiligen Berufswahl?) oder ab wann spricht das deutsche Gesetz von Körperverletzung? Das könnte man in diesem Zusammenhang auch mal vorbeugend mit Abiturienten durchsprechen. Was ist Schadenfreude und woher kommt das Gefühl? Warum lachen Menschen, wenn andere den „Schaden“ haben? Ab wann wird es fies, ab wann Mobbing, bis wohin ist es noch lustig? Das alles ist noch ausbaufähig – aber ich finde grundsätzlich sollte man die Schüler dafür loben, dass sie sich überhaupt irgend etwas ausgedacht haben, um ein bisschen für Stimmung in der Schule zu sorgen. Ich finde, Scherze und Lachen kommen viel zu kurz und stifte meine Kinder (10 und 13 Jahre) an, sich ihren Alltag lustig zu gestalten (z.B. Plakate an der Schultür mit der Bemerkung: „Ungezieferplage – zuständige Behörde ist informiert – Betreten bis zur offiziellen Freigabe auf eigene Gefahr)“ oder der Klassiker: Frösche und Spinnen sammeln und großzügig in die Schultaschen der Mitschülerinnen / Lehrerinnen verteilen…. etc. So etwas gehört meiner Meinung nach in den Schulalltag – denn was bitte sollen sich die Schüler den später auf den Jahrgangstreffen erzählen, wenn nicht die lustigen Geschichten? Und übrigens: die Drahtzieher (oder gar Täter) jetzt nicht zu ermitteln führt meiner Meinung nach zu etwas Sinnvollerem: Zusammenhalt. Die Gruppendynamik und den Klassenverband stärkt das ungemein. Ich weiß, dass sich einige über diesen Kommentar aufregen – gerade unter dem Aspekt: „Wo fängt es an…?!“ Ich denke, wir sollten die Kirche schön im Dorf lassen und unsere Kinder ermutigen, sich weiter lustige Dinge auszudenken und die Lehrer ermutigen, auch mal „Vorfälle“ in der Schule ohne Eltern zu klären oder zu unkonventionellen „Bestrafungen“ zu greifen. So. Das musste raus. Ich werde jetzt mal meine schwangere Kollegin bitten, mal einen Schwangerschaftstest mit zur Toilette zu nehmen, damit ich den positiven Test heute Abend meinem Freund unter die Nase halten kann. Und das alles nur, um für einen kurzen Augenblick die Panik in seinen Augen zu sehen, und mich hinterher von ihm durch die Wohnung jagen und auskitzeln zu lassen. Ich wünsche euch allen einen gelungenen und fröhlichen Tag. Solltet ihr heute Abend einschlafen, ohne gelacht zu haben, tut ihr mir echt leid! Und Danke an Uta, dass sie das Thema öffentlich gemacht und zur Diskussion gestellt hat!!!

  • Nein, Lehrer lernen es nicht und ich glaube auch nicht, dass das so einfach geht. In der Situation selbst muss man ja schnell reagieren – wenn einem Schmerz zugefügt wird, weis ich nicht wer da noch lacht. Ich finde es vermittelt den Schülern, wenn man lacht, dass es o.k. ist sowas zu tun und stachelt sie an weiter sowas zu machen. So funktioniert menschliches Zusammenleben aber nicht, auch wenn eine Vorrednerin, die scheinbar in Ihrer Schulzeit zu wenig Kind sein durfte hier meint, Kinder noch anstacheln zu müssen. Stuhl wegziehen soll auch ein Witz sein und ist hoch gefährlich. So ein schweres Buch auf die falsche Stelle, mit einer scharfen Ecke ungut getroffen auf den Kopf kann sicher auch Probleme geben. Würde sich das jemand in einem Büro gefallen lassen? Ich denke nicht, dass ein Chef darüber lachen kann. Ich lache gerne mit Kindern, aber ich muss mich nicht zum Kasper machen. Es gibt so viele nette Möglichkeiten, ohne solche Auswüchse. Deine Idee finde ich gut! Was ich nicht verstehe, warum die Kollegen dort nicht im Team festlegen, wie es laufen soll – warum muss die Klasslehrerin das so alleine regeln? Im Team zu agieren finde ich bringt oft sehr gute Lösungen, die einem alleine vielleicht nicht einfallen.
    Liebe Grüße Lolo

  • Dieser Post und so mancher Kommentar dazu zeigt wieder einmal ganz klar auf, dass man zwischen Eltern und Lehrern unterscheiden muss. Die Lehrer machen ihren Job und sollen diesen bitte auch so machen dürfen wie sie meinen und die Eltern machen bitte ihren und erzählen den Lehrern nicht wie sie sich verhalten sollten und wie es ihrer Meinung nach besser wäre. Denn: Sie sind keine Lehrer und in ihren Job redet auch keiner rein und sagt, wie man das ein oder andere besser macht. Da möchte ich sie mal sehen, die Eltern….
    Die Kinder kommen schon damit klar und im Endeffekt müssen sie das ja auch (lernen), schließlich brauchen sie ihre Eltern und deren Meinung ja auch nicht bei dem Schwachsinn, den sie da manchmal anstellen!

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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