Einer der wichtigsten Erziehungstipps: die Reaktions-Pause 

 04/08/2021

Zwei Drittel habe ich von Susanne Mieraus Buch „Frei und unverbogen“ gelesen und merke, dass eine Schwere bei mir einzieht, die ich nicht haben will. So viel ist von Gewalt die Rede, die Eltern als Kind erfahren hätten, körperliche Gewalt und psychische Gewalt. Und wie schwer es sei, das nicht an die eigenen Kinder weiter zu geben. Den ganzen Tag würden Eltern „getriggert“ von den vermeintlichen Erziehungsfehlern ihrer Eltern, von dem Erbe ihrer Kindheit. Wie sollen sie da bloß herausfinden? 

Allerorten seien Kinder verschiedenen Formen von Gewalt ausgesetzt, in der Familie, in der Kita, in der Schule, dazu noch „struktureller Gewalt“ durch Straßenverkehr und zugebauter Landschaft. Und nicht nur Gewalt, sondern auch Rassismus. Als Beispiel wird genannt, dass eine Oma zu ihrer afrikanisch-stämmigen Enkelin sagt „Meine kleine Kraushaarpuppe“, was natürlich gar nicht geht und „derbe rassistisch ist“, wie Prinzessin (20) sagen würde. Wenn Mierau die Leser aber mahnend fragt (Seite 79), ob wir nur den Buntstift als „hautfarben“ bezeichnen, der unserer Hautfarbe entspricht, geht mir das zu weit.

Insgesamt verlegt sich die Autorin aus meiner Sicht zu sehr darauf, Kinder als bedürftig und als Opfer zu sehen: all die Gewalt, die von Generation zu Generation weiter gegeben würde, all das Leid, das Kindheit in vergangenen Jahrhunderten geprägt habe, und all die Situationen, in denen Kinder ein Machtgefälle erleben würden. Hätte ich dieses Buch gelesen, bevor die Thronfolger geboren wurden, hätte ich wohl nicht den Mut gehabt, Kinder in diese grausame Welt zu setzen.

Eltern werden verunsichert

Wie sollen Eltern zu einer liebevollen Führung finden, wenn sie sich ständig fragen müssen, ob sie mit dem Aufstellen einer Regel ihre Macht als Eltern missbrauchen? Wie sollen sie klar und fröhlich bleiben, wenn sie sich von morgens bis abends mit der Frage quälen, ob sie ihr Kind wegen seines Alters diskriminieren oder ob sich in ihrem Handeln Gewalt verstecke (Seite 171: „ - bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir erkennen, dass scheinbar ‚normales‘ Erziehungsverhalten eben nicht so gewaltfrei ist, wie wir dachten“)?

Gut, dass ich nach zwei Dritteln der Lektüre nicht aufgegeben habe, denn jetzt scheine ich, in etwas konstruktivere Gefilde zu kommen. Susanne Mierau empfiehlt auf Seite 178, bei Wutanfällen oder bei Streit, nicht sofort zu reagieren, sondern eine Pause einzulegen. „Das Kind wird nicht gleich zum Tyrannen, bloß weil wir erst mal tief durchatmen.“ (Seite 178/179)

Das ist ein gutes Stichwort. So kann ich elegant zu einem Beitrag überleiten, den ich hier vor längerer Zeit zu dem Thema geschrieben hatte. Er beginnt mit einem Zitat des österreichischen Psychiaters und KZ-Überlebenden Viktor Frankl:

Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.

Viktor Frankl

Es klingt banal, aber ich halte das für einen der besten Tipps überhaupt. Als meine Eltern im Sommer zu Besuch waren, saßen wir auf der Terrasse bei Kaffee und Kuchen. 

Ich holte aus der Küche das Milchkännchen und fand an der Tafel nur noch einen Platz in der prallen Sonne, während seine Durchlaucht, der Kronprinz (damals 15), unter dem großen Schirm im Schatten trohnte.

Unmut regte sich über den Kuchenstreuseln.

Meinen Eltern war anzusehen, dass sie vom Prinzen einen Platztausch erwarteten. Und meine Schwester fing an, ihren Sohn zu bearbeiten, damit er seinen Schattenplatz für die Tante räume.

Meine erste Reaktion war Unwohlsein.

Wenn der eigene Sohn paschamäßig im Schattenwurf des Schirmes sitzt und keine Anzeichen macht, auf den sozialen Druck von allen Seiten der Kaffeetafel zu reagieren, fällt zwar weiterhin viel Sonne auf Mutter, aber kein gutes Licht auf mich als Elterntrainerin.

Zum Glück hielt ich dieses kleine Unwohlsein aus (= Raum).

Der Wunsch, mein Sohn möge sich als höflich erweisen und ich würde als Tochter und Schwester dafür Anerkennung bekommen (=Reiz), wurde von mir ausgesessen (= Raum).

So hatte ich Zeit zu spüren, dass die Sonne mir tatsächlich wohl tat und ich gar nicht mit den halbwüchsigen Schattenmännern tauschen wollte, und bestand schließlich darauf, dass Sohn und Neffe sitzen blieben (= Reaktion).

Berufs- und persönlichkeitsbedingt habe ich noch weiter drüber nachgedacht.

War ich wieder zu nachgiebig?

Hat Kronprinz vielleicht zu wenig Empathie?

Die Fragen beantworteten sich wenig später von selbst.

Als Kronprinz und ich am Abend über seine Pläne für das Wochenende sprachen, meinte er plötzlich: „Ach, da hast du doch den Termin, auf den du dich so freust.“Tage war es her, dass ich den Termin erwähnt hatte, deshalb war ich so beglückt, dass er sich daran erinnerte, meine Gefühle wahr genommen hatte und auf meine Pläne Rücksicht nahm.

Und mir wurde wieder klar,

  • das Entscheidende ist, wie wir mit einander sind (Jesper Juul), diese Stimmung erzieht, nicht die Einzelmaßnahme,
  • dass wir mit unseren Kindern manchmal Dressurnummern vorführen, um als Eltern besser da zu stehen,
  • dass es immer wieder hilft, inne zu halten und einen Raum zu lassen, zwischen dem ersten Reiz und der Reaktion
  • Und dass - wie Susanne Mierau schreibt - unsere Kinder nicht gleich zu Tyrannen werden, wenn wir uns Zeit zum Durchatmen und Nachdenken nehmen

Immer fröhlich den Schattenmännern vertrauen. In ihnen ist so viel Licht!

Eure Uta

PS1: Wenn ich im letzten Drittel noch mehr hilfreiche Ideen bei Susanne Mierau finde, melde ich mich gerne noch einmal zu dem Buch und ergänze es vielleicht mit einem Beispiel von mir mit Fröhlichkeitsgarantie.

PS2: Herzlichen Dank an den Beltz-Verlag für das Rezensionsexemplar! 

PS3: Dieser Beitrag gilt als Werbung, obwohl ich natürlich kein Geld dafür bekam. 

  • „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“
    Das ist ein Zitat von Viktor Frankl – ob Steve Corvey es auch von ihm hat?
    Ich halte dieses Innehalten nicht nur in der Erziehung für sehr wertvoll, muss aber leider oft feststellen, dass es schwer ist, diesen Raum zu lassen, wenn jemand – egal wer es ist – bei mir Knöpfe drückt. Aber ich übe…
    Liebe Grüße von Frau Frosch

    • Oh, danke, jetzt weiß ich endlich, von wem es ursprünglich ist. Die Urfassung gefällt mir noch besser und stammt auch noch von einem anderen meiner Lieblingsautoren. Darüber freue ich mich sehr, liebe Frau Frosch!

  • {"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}

    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

    >