Verändern sich die Eltern, verändert sich das Kind 

 28/07/2021

Neulich stand ein größeres Treffen im Freundeskreis meines Mannes an. Ehrlich gesagt fürchte ich Versammlungen in dieser Runde. Zu den Themen kann ich meistens wenig beitragen, ich komme kaum zu Wort und habe das Gefühl, mich auch in Luft aufzulösen zu können. Anschließend gehe ich niedergeschlagen zu Bett. Nicht nur, weil ich wenig zum Gespräch beisteuern konnte, sondern mich zusätzlich dafür entwerte, seit Jahren nicht darüber zu stehen, dass nicht alle Welt bei Grillwurst und Kartoffelsalat über persönliche Weiterentwicklung sprechen möchte. 

Diesmal habe ich am Morgen vorher meditiert. Nicht dass das immer gleich zur Erleuchtung führen würde. Auch diesmal kaum. Ich hatte weißgoldenes Licht gedanklich in jedes Körperteil geschickt, hatte allen Chakren einen Besuch abgestattet, geatmet wie ein Weltmeister, aber einen riesigen Unterschied spürte ich danach nicht. Dafür beim Zähneputzen. Plötzlich schoß mir der Satz in den Kopf: „Sei du die Veränderung, die du dir für andere wünschst.“ 

Wow! Irgendwie traf mich dieser Satz. Und der Tag verlief anders als befürchtet. Statt mir zu wünschen, dass sich die anderen mehr für mich interessierten, interessierte ich mich mehr für sie. Ich traute mich, Fragen zu stellen, die ich sonst heruntergeschluckt hätte, hakte nach, wo mir etwas unklar geblieben war, war mutiger und zeigte mehr von dem, was mich wirklich ausmacht. Statt zu fragen: „Was bringt denn so ein Treffen?!“, brachte ich mich ein. Und am berühmten Ende des Tages schlüpfte ich mit einem Gefühl der Erfüllung in mein Bett. 

Warum erzähle ich das? 

Weil ich feststelle, dass wir andere gern verändern, aber um die eigene Veränderung einen großen Bogen machen. Das fällt mir in meinen Coachings auf. „Wie kann ich meinem Kind helfen, selbstbewusster, weniger ängstlich, fleißiger, weniger schüchtern, weniger aggressiv und damit letztlich anders zu werden?“ ist das häufigste Frage-Muster, das Eltern verwenden, wenn sie mich um ein Coaching bitten. 

Die Frage besteht aus zwei Teilen. Erstens „Wie kann ich helfen?“. Eltern möchten nicht hilflos zuschauen müssen, wenn es ihrem Kind nicht gut geht. Das ist verständlich. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass in Familien lieber das Kind als auffällig oder gestört erklärt wird, als dass die Erwachsenen sich fragen, was das unerwünschte Verhalten mit ihnen zu tun haben könnte. Meine Kollegin Claudia pflegt zu sagen: 

Kein Kind fällt verhaltensauffällig vom Himmel.

Claudia Hillmer

Familien-Coach

Keine Frage. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man jemandem helfen kann. Allen voran den eigenen Kindern. In meinen Coachings passiert es aber immer wieder, dass die Klientin oder der Klient plötzlich sagt: „Ups, jetzt sind wir ja bei mir gelandet. Ich dachte, wir reden über Leon. Jetzt sehe ich, was das Ganze mit mir zu tun hat.“

In den Gesprächen ist das der Knackpunkt. Ihr kennt sicher diesen Kunststoffhebel, mit dem man den Marmeladenglas-Deckel anhebt, damit das Vakuum entweicht. Es macht „Plöb“ und danach lässt das Glas sich ganz leicht aufdrehen. So läuft es meistens auch im Coaching. Wenn es uns gelingt, gemeinsam den Knackpunkt zu finden, ist es plötzlich leicht, die Situation zu verändern. 

Im ersten Teil der häufigsten Coaching-Frage geht es also darum, dass Mama oder Papa bei etwas helfen möchten. Im zweiten Teil geht es darum, dass das Kind anders sein sollte, als es ist. Es sollte weniger Angst haben, weniger aggressiv sein, weniger häufig ausrasten, mehr für die Schule tun und und und.

Das Kind sollte anders sein. Ist das wahr? 

„Was denkst du wirklich über dein Kind?“ ist deshalb eine wichtige Frage in meinen Coachings. Häufig kommt dann: „Es war schon immer schwierig.“ - „Es ist unser Problemkind.“ - „Es ist unselbstständig.“ - „Mein Sohn ist ein Chaot.“ - „Meine Tochter ist eine faule Socke.“  Zicke, Sensibelchen, Dramaqueen, Träumer, Messie …

„Sei du die Veränderung, die du dir für andere wünscht!“ bedeutet für Eltern:

  • Wenn mein Kind ein problematisches Verhalten zeigt, ergründe ich zuerst, warum es das tut. Welche Ursachen könnten dahinter stecken? Bei Kindern ab etwa fünf Jahren kann ich sie auch direkt danach fragen. "Warum machst du das?"
  • Wenn ich allein nicht weiterkomme, hilft mir ein Coaching und die gemeinsame Untersuchung im Gespräch, um den Knackpunkt zu finden.
  • Um festgefahrene Situationen zu lösen, muss ich bereit sein, mir den ganzen Unmut meines Kindes anzuhören, ohne mich gleich zu rechtfertigen.
  • Ein „Knoten“ kann sich lösen, wenn ich mich bei meinem Kind entschuldige: „Ich sehe, dass du keine Wahl hattest, als wir uns im vergangenen Sommer für den Umzug entschieden haben. Ich sehe, dass es schwer für dich war, neue Freunde zu finden. Das tut mir leid.“ 
  • Ich bin bereit, schonungslos zu überprüfen, was ich über mein Kind denke ( z.B. „fauler Chaot“). Ich untersuche, ob dieses Bild der Wahrheit entspricht, und formuliere für mich im Kopf oder für mein Tagebuch einen positiven Satz über mein Kind. 
  • Mir ist klar, dass nichts mein Kind mehrt stärkt als die Haltung "Du bist richtig genau so, wie du bist!"

Immer fröhlich bereit sein, sich selbst zu wandeln, statt das eigene Kind verändern zu wollen,

Eure Uta

Hier könnt ihr euch unkompliziert für einen Coaching-Termin bei mir eintragen:

https://utas-familiencoaching.de/coaching-buchen-2/

  • Hallo Uta,
    das hast du wieder mal schön geschrieben, vielen Dank dafür….und wie schön für dich, dass du so positiv aus dem Treffen gehen konntest.

    Ich habe auch gerade wieder gelernt…man muss positiver denken und darauf vertrauen dass alles gut wird, dann klappt das auch 😉

    Liebe Grüße aus dem heute sonnigen Nordhessen,
    Christina

    • Liebe Christina, ich finde auch, dass Vertrauen unglaublich wichtig ist und auch, aus dem negativen Gedankenkarussell immer wieder bewusst auszusteigen. Statt „Angst, Mangel, Misstrauen“ funktioniert „Liebe, Fülle, Vertrauen“ viel besser als „Mindset“. Herzliche Grüße aus Hamburg, Uta

  • Hallo Uta, danke für Deine Worte! Ganz ähnliche Gedanken treiben mich auch um. Oft schon habe ich mich nach Treffen im Freundeskreis geärgert, dass sich kaum jemand für mich, meine Interessen oder Aktivitäten interessiert hat und ich irgendwie nur daneben stand. Ich habe auch schon überlegt, mehr aus mir herauszugehen und mal Fragen zu stellen o. ä., aber leider fällt mir oft gar nichts ein, was mich am Anderen interessiert (wenn ich das so schreibe, fühlt sich das so überheblich an – so bin ich eigentlich gar nicht – oder doch?). Mein Kopf fühlt sich dann schlagartig ganz leer an und ich bleibe doch wieder nur stille Zuhörerin…

    • Liebe Anja, vielen Dank, dass du so ehrlich berichtest. Es kann natürlich auch sein, dass die Wellenlänge nicht stimmt. Ein wenig ist es auch so mit der Runde, in die ich meinem Mann zuliebe mitkomme. Dann hilft es mir, gut für mich zu sorgen, vielleicht zu vereinbaren, dass ich später dazu komme oder wir früher gehen. Ansonsten denke ich, dass es nicht unbedingt darum geht, den anderen mit Fragen zu löchern, sondern sich zu zeigen und mutig Position zu beziehen, wenn spannende Themen aufkommen. Ich zeige mich häufig nicht, um andere nicht ins Unrecht zu setzen oder wie eine Rechthaberin dazustehen, merke aber, dass es geht, eine Haltung zu vertreten, ohne besserwisserisch daher zu kommen. Herzliche Grüße, Uta

    • Liebe Uta,
      Danke für den Artikel und das Beispiel mit der Grillparty. Ich finde die Erkenntnis sehr wichtig, dass man selbst die Stimmung um sich herum gestalten sollte statt von anderen zu erwarten, dass sie es einem unausgesprochen Recht machen.

      Nun kennt ja aber fast jeder Personen, die nicht empfänglich sind für gute Stimmung, sondern die nur ihre Themen haben und ohne auf ihre Umgebung einzugehen dieser ihre Agenda reindrücken.
      Manchmal sind das Personen, die man aus verschiedenen Gründen nicht meiden kann.
      Ich habe so jemanden im engeren Familienkreis.
      Sie ist resistent gegen jeden Versuch, sie von ihren Schimpftiraden abzulenken und ob man überhaupt etwas erwidert, ist ihr auch egal. Sie verfolgt einen dafür regelrecht mit ihrem Gespräch und drängt es einem auf.

      Hast du hierzu eine gute Idee? Da das auch ein Thema rund ums entspannte Familienleben ist (wenn auch mal nur zwischen Erwachsenen), wäre ich total gespannt auf deine Gedanken dazu!
      Liebe Grüße!

      • Liebe Jacky, das klingt sehr übergriffig. Ich würde sagen: „Danke! Ich habe deinen Standpunkt gehört und bin voll im Bilde, wie du darüber denkst. Mehr möchte ich dazu nicht hören. Stopp!“ Sollte das nicht reichen, kann man nur gehen und den Kontakt auf das Nötigste beschränken. Danke fürs Schreiben und herzliche Grüße, Uta

  • Thich Nhat Hanh hat so gute Meditationen für Menschen/Eltern mit Kindern/Alle, wie man mit zu starken Emotionen umgeht. Ich glaube nicht, dass so viele Eltern ihre Kinder verändern möchten, sie haben nur keinen Schlüssel zu den Problemen gefunden. Meist sind es doch die Emotionen, mit denen man umgehen lernen muss. Ein Video von Thich Nhat Hanh auf YouTube heißt : „How to deal with strong emotions“.

    • Liebe Susanne, danke für den Hinweis! Ich finde in diesem Zusammenhang auch das Buch „Das Tao te King für Eltern“ von William Martin sehr hilfreich. LG Uta

  • Liebe Uta,
    auch mir spricht dein Artikel aus der Seele. Unser älterer Sohn (5) war mir zum Beispiel nach dem Aufwachen immer „zu wild und zu laut“, ich ertrug das immer eine Weile, bis es nicht mehr ging und schimpfte dann los… Die Veränderung brachte, dass ich vor allem MIR zugestand, dass ich in der ersten Stunde am Morgen einfach noch Ruhe brauche. Jetzt frühstücke ich (gemeinsam mit unserem jüngeren Sohn, der noch nicht spricht) früh morgens allein, während mein Mann und der redegewandte Ältere erst eine Stunde später dazustoßen. Dann kann ich sie auch ehrlich erfreut begrüßen – und, oh Wunder – mein Sohn ist plötzlich fröhlich, kooperativ und selbst viel ruhiger. Es ist also meiner Meinung nach viel Wahres an dem, was du in deinem Beitrag schreibst! Danke und
    Herzlichen Gruß
    Sarah

    • Liebe Sarah, danke vielmals für dieses Beispiel! Es zeigt auch, wie kleine Maßnahmen oft große Veränderungen nach sich ziehen. Herzliche Grüße, Uta

      • Liebe Uta,
        das Thema hat mich noch weiter beschäftigt – und sogar dazu gebracht, aus meinem Kommentar hier einen eigenen Blogbeitrag zu machen. Auf dass die Botschaft sich verbreite: „Sei du die Veränderung, die du dir für andere wünschst!“ 🙂 Herzlichen Dank für deinen – offensichtlich nachhaltigen – Denkanstoß!
        Lg, Sarah

  • Liebe Uta, ich schulde Dir noch eine Antwort: ich habe doch meine Challenge gestartet: wie sag ichs meinem Kind. Ich habe folgende Erkenntnis daraus gewonnen: wenn ich mein Verhalten ändere, ändert sich automatisch nicht nur das meines Kindes, sondern wirkt positiv auf die ganze Familie. Die fröhliche Grundhaltung lässt dann gar kein Gemecker aufkommen. Es funktioniert jedoch gar nicht, wenn es mir nicht gut geht und ich die Kraft für eigene Veränderung nicht aufbringen kann. Dadurch habe ich gelernt, auch besser für mich selbst zu sorgen und Stress zu erkennen, BEVOR er mich übermannt und ich meckere und ungerecht werde. Ich danke Dir herzlich, dass Du mir dabei geholfen hast. Ich bin beruflich durch Corona stark eingespannt und froh, dass ich aus meinem Stresstief herauskommen konnte. Es geht mir und meinen Lieben nun gut, obwohl der Stress und Druck sogar noch zugenommen hat.
    Herzliche Grüße, Vanessa

    • Liebe Vanessa, heute früh habe ich deinen Kommentar entdeckt und freue mich sehr darüber. Es ist so viel Wahres dran an deinem Satz „Die fröhliche Grundhaltung lässt dann gar kein Gemecker aufkommen.“ Und wie du schreibst, geht das nur, wenn man in seiner eigenen Mitte ist. Aus einer leeren Kanne kann man nichts einschenken. Immer neu in seine Mitte zurück zu finden, ist wohl eine lebenslange – und schöne – Aufgabe. Danke für deinen Beitrag! Liebe Grüße, Uta

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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