Gedanken schreddern 

 14/08/2018

Beispiel für die 4-Fragen-Methode und eine Gewinnerin

Die Zeit rast. Die Kanada-Reise? Vorbei. Das Auslandsjahr von Prinzessin? Vorbei. Die Ferien? Fast schon zu Ende. Die Zeit mit den Kindern? Begrenzt. Oft haben sie Termine oder wir. Der Mann ist auch schon wieder in München. Dabei war er gerade erst gekommen. Und Kronprinz startet ins dritte Semester, gehört jetzt zu denen, die Pate werden für die Erstsemester. Prinzessin sehe ich in meiner Erinnerung noch auf dem Laufrad flitzen. Jetzt macht sie den Führerschein. Die Zeit rast. Der kleine Ahorn, den Kronprinz als kleiner Junge gepflanzt hat und dessen drei Blätter sein verkratztes Knie streiften, wenn er durch den Garten tobte, überragt das Haus um eine Manneslänge. Der Apfelbaum verliert Laub wie im Herbst. Den Satz „Die Zeit rast“ wollen wir nicht so oft sagen. Wir fühlen uns mit ihm wie alte Leute. Ich werde ihn vermeiden, wenn ich morgen meine Cousine auf einen Kaffee treffe. Sie ist gerade Oma geworden, dabei sieht sie aus wie gerade mal 50.
Das Leben rast an mir vorbei. Es ist wie einer der Punkte auf meinen To-do-Listen. „Vortrag vorbereiten, Altglas wegbringen, das Katzenklo erneuern, den Staub saugen, das Leben leben.“ Das macht mich traurig, der Gedanke ist belastend, deshalb werde ich ihn nach der 4-Fragen-Methode von Byron Katie untersuchen.

Teetrinken und die Überprüfung nach Byron Katie machen. Uta an einem Bootssteg in Kanada. So ein schöner Moment! Und auch schon wieder vorbei.

 
Belastender Gedanke:
Das Leben rast an mir vorbei. Ich nutze es nicht genug.
Frage Nr. 1: Ist das wahr?
Ja, gerade empfinde ich es so. Ich habe auf etwas hingelebt, Vorbereitungen getroffen, Pläne entwickelt und – schwups – ist es vorbei und wieder sind Blog-Beiträge veraltet, ist Wäsche zu waschen, müssen Hortensien feucht gehalten und Kontakte gepflegt werden. Es hört nie auf.
Frage Nr. 2: Kannst du dir absolut sicher sein, dass das wahr ist?
Nein. Das Leben rast nicht schneller an mir vorbei als vor zehn oder zwanzig Jahren. Das ist subjektiv. Nur ein Empfinden. Der Eindruck entsteht, weil wir innerlich unser Alter in Relation setzen zu der Dauer des erlebten Lebens. Für einen Zehnjährigen erscheint ein Jahr wie eine große und bedeutsame Lebensspanne, weil es ein Zehntel seines Lebens ist, für den Hundertjährigen erscheint ein Jahr wie ein Klacks, weil es nur ein Hundertstel seines Lebens ist.
Wir haben es also zu tun mit etwas Subjektivem, mit einem Empfinden. Und darauf können wir Einfluss nehmen. Eine beliebte Übung ist, sich vorzustellen, man hätte vielleicht nur noch einen Monat zu leben. Und schon ist das Empfinden des einzelnen Tages ein ganz anderes. Plötzlich dehnt er sich, wird kostbar.
„Das Leben rast an mir vorbei.“ Der Satz ist nicht wahr. Zudem trennt er das Leben sprachlich von mir. Wenn es an mir vorbei rasen kann, dann ist es wie ein Zug: Ich stehe am Gleis und es rast an mir vorbei. Das ist Quatsch. Mein Leben und ich sind eins. Ich muss mich keinem Fahrplan beugen, mein Leben kann nicht an mir vorbei rasen, ich kann es nicht verpassen. Der Satz kommt der Wahrheit näher, wenn ich ihn im Aktiv formuliere: Ich führe mein Leben, ich sitze in diesem Zug am Steuer. Wenn es so ist, bestimme ich das Tempo meines Lebens.
Frage Nr. 3: Wer oder wie bin ich mit dem Gedanken „Das Leben rast an mir vorbei.“?
Ich bin deprimiert. Ich fühle mich den Geschehnissen ausgeliefert, machtlos. Mir erscheint bedeutungslos, was ich erlebe, weil es sowieso alles wieder so schnell vorbei geht. Ich habe das Gefühl, es ist egal, wie sehr ich mich einbringe, weil ja dann doch gleich wieder das nächste kommt, das nächste Essen vorzubereiten ist, der nächste Text geschrieben, das nächste Bett überzogen werden muss …
Frage Nr. 4: Wer wäre ich ohne den Gedanken „Das Leben rast an mir vorbei.“?
Ich habe dann keinen Zeitstrahl mehr in meinem Kopf, sondern würde mich auf das konzentrieren, was ich gerade mache. Ich würde mich frei fühlen und wäre empfänglicher für die Freude, die entsteht, wenn ich etwas mit Hingabe tue. Und am Ende schaue ich auf ein Leben zurück, das nicht aus ein paar eingestaubten großen Ereignissen besteht, sondern aus einer langen, bunten Kette intensiv erlebter Tage.
Umkehrung:
Das Leben rast nicht an mir vorbei. (Gedanke verneint)
Ich rase am Leben vorbei. (Subjekt und Objekt vertauscht)
Beide Umkehrungen fühlen sich wahr an, die Zweite noch mehr. Wenn ich den Zettel mit den Erledigungen (was für ein furchtbares Wort!) zu voll mache, rase ich am Leben vorbei und nicht umgekehrt. So entsteht leicht der Einruck, irgendwann wäre es fertig und dann fängt das Leben so richtig an.
Wann soll das bitte sein? Und wie soll das aussehen?
Aus dem Zeitstrahl könnte ich einen Kreis biegen und mich eingebunden fühlen in einen Kreislauf von Werden und Vergehen und wieder neu Werden und es genießen. Jeden einzelnen Tag.
Als die Kinder klein waren, war es schön. Jetzt ist es schön. Und die nächste Phase werde ich auch genießen. Alles hat seine Zeit.
Das fühlt sich sofort besser an. Jetzt fang ich an, diesen Tag zu einer schönen Perle zu machen, die ich an meine Lebenskette knüpfe.
In Byron Katies Buch „Ich brauche deine Liebe – ist das wahr?“ beschreibt eine Frau, wie sie ihre Mutter in den letzten vier Wochen vor ihrem Tod begleitet. Sie übernachtet bei ihr, sie reden viel und schweigen tief, sie weinen und lachen zusammen. Nur wenn Besuch kommt und eine feierlich betroffene Miene aufsetzt wegen des vermeintlichen Leidens, wird auch die Sterbende ganz trübsinnig. Kaum sind aber die voreilig Kondolierenden aus dem Haus, genießen die beiden wieder den Moment, lackieren sich die Fingernägel, zupfen sich die Augenbrauen und gucken die Oprah-Winfrey-Show. Diese vier Wochen vor ihrem Tod, versichert die Frau, waren die besten, die sie seit langer Zeit mit ihrer Mutter hatte.
Wie tröstlich, oder? Selbst ganz am Ende kann man sich eine richtig gute Zeit machen.
Immer fröhlich belastende Gedanken überprüfen,
eure Uta
PS1: Das Minibär-Buch hat Karina gewonnen. Herzlichen Glückwunsch, liebe Karina! Bitte maile mir deine Anschrift.
PS2:  Ich kann euch nur empfehlen, die 4-Fragen-Methode auszuprobieren. Das macht richtig Freude. Hat jemand Lust, einen belastenden Gedanken nach diesem Muster zu überprüfen und mir seine Überprüfung zu schicken? Vielleicht kann ich das veröffentlichen und wir machen eine ganze Serie zum Thema „Wie meine Leser fröhlich ihre Gedanken schreddern!“ Ich freue mich jetzt schon auf eure Zuschriften.

  • Liebe Uta,
    du hast eine meiner Empfindungen getroffen: „Alles hat seine Zeit.“
    Ich erinnere mich noch gut an die kleinen Herzbuben, wenn ich Mütter mit Kleinkindern sehe. Oft denke ich, dass es so schön war, aber auch jetzt ist es schön und ich bin froh, aus der Kita-Zeit raus zu sein. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, Schulkinder zu haben.
    In letzter Zeit habe ich auch oft mit meiner Freundin darüber gesprochen, dass wir das Gefühl haben, die Zeit rast. Wir haben uns gefragt, ob es am Alter liegt. Und tatsächlich scheint das Alter Auswirkungen auf unser Zeitempfinden zu haben: Eine Psychologin erklärte mir, dass wir mit zunehmendem Alter immer häufiger Wiederholungen erleben, wir kennen Vieles schon. Z.B. den Weg zur Arbeit, die Gänge im Supermarkt,
    vielleicht auch den Urlaubsort etc. Wir erleben nicht mehr ständig Neues, rückblickend erscheinen uns Zeiträume länger, weil mehr Neues passierte.
    Wie die Zeit er rast, merke ich auch daran, dass ich dir schon längst wieder geschrieben haben wollte.
    Liebe Grüße,
    Frieda

  • Danke, Uta.
    Dein belastender Gedanke ist auch meiner. Den hast du – zumindest für heute – geschreddert. Wenn er wieder stark werden will, versuche ich mich an diesen Post zu erinnern.
    Inra

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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