Kneifen, Hauen, Beißen 

 02/09/2016

Vera, die mit ihrem Freund in Hessen lebt und einen Sohn und eine Tochter (zweieinhalb und sechs Monate) hat, hat mir folgende Mail geschrieben:

Mein Großer ist jetzt 2,5 Jahre alt und momentan fühle ich mich wie die totale Versagerin. Er kam mit 1 Jahr in die Kita (nur 4 Vormittage), kurz nachdem wir umgezogen waren. Bis er 18 Monate alt war, war er ein Sonnenschein und mega-pflegeleicht. Dann fing er an, in der Kita zu kneifen, hauen, schubsen, und auch bei uns zu Hause. Vor allem wenn er wütend war, was ich noch verstehen kann. Das kam und ging und war irgendwie machbar. Vor 6 Monaten kam seine kleine Schwester zur Welt. Nach etwa zwei Monaten hat er anscheinend realisiert, dass jetzt etwas weniger Mama da ist und er fing an, heftig zu „provozieren“. Er machte nur noch, was er nicht soll.  Beißen, Schubsen … alles kam wieder. Ich sagte mir, okay, es ist eine deutliche Umstellung für ihn und versuchte, so verständnisvoll wie möglich zu sein und wenig zu schimpfen. Das gelingt mir nicht immer, aber ich tue mein Bestes. Wir wollen ihn ja nicht bestrafen oder ständig motzen. Ich versuche, viel mit ihm zu reden (er spricht echt viel und gut und versteht sehr viel), auch spielerisch an die Sache zu gehen etc. Ich lese alles Mögliche, was ich noch tun kann, um uns allen diese Situation zu erleichtern. Denn hinzu kam, dass er die Kita wechseln musste (die haben ihn bestraft, so dass wir fanden, es tut ihm nicht gut). So war er nun drei Monate komplett zu Hause bei mir und dem Baby, mein Freund hatte dazwischen drei Wochen Urlaub und war da und auch seine Mutter war vier Wochen da, was es mir immer sehr schwer macht. Seit einer Woche geht unser Sohn jetzt wieder an drei Vormittagen in die Spielgruppe.

Nun zu meinem eigentlichen Problem: Er ist sehr temperamentvoll (wie ich und mein Freund auch) und explodiert sofort, wenn ihm was nicht passt. Er kreischt und plärrt, wirft Sachen, kneift , haut und beißt, manchmal auch scheinbar grundlos. Für mich am schlimmsten ist aber, wenn er sagt „Nein, will nicht essen“, dann räume ich es weg und schon kreischt er „Doch essen“, stelle es wieder hin und schon kreischt er wieder „Nein!!“. Wirklich, ich weiß nicht mehr weiter. Ich fühle mich als totale Versagerin. Ich bemühe mich so sehr, ruhig zu bleiben, ihm zuzuhören, zu fragen, was los ist, was er möchte, ihn einfach lieb zu haben, zu erklären „Nein, das tut weh, ich möchte das nicht“ usw. Ich weiß einfach nicht mehr, was ich tun soll. Wenn es ganz schlimm wird, werde ich laut und motze, was absolut nichts hilft, das weiß ich, aber ich bin gerade schlichtweg überfordert. Ich liebe meine fantastisches Kind, aber ich brauche dringend Rat. Liegt es daran, dass da gerade viel zu viel Veränderung statt fand und er sich jetzt erst zurecht finden muss? Oder liegt es nur an mir? Und was kann ich tun, um ihn besser zu begleiten? Mein Freund ist leider viel zu wenig da, wenn er da ist, ist es natürlich besser, weil er dann zwei Ansprechpartner hat. Ich hoffe, du hast einen Tipp für mich. Vielen lieben Dank!

Liebe Vera,

ohne euch zu kennen und zu erleben, kann ich nur Vermutungen anstellen und Ideen vorschlagen. Hier sind sie! Guck mal, ob sie zu euch passen.

  • Ich kann kein Versagen erkennen und würde dir raten, sofort damit aufzuhören, dich selbst runter zu machen. Meistens allein zu sein mit zwei Kleinkindern, ist mega-anstrengend. Du solltest anerkennen, was alles gut ist und welchen großen Beitrag du dazu geleistet hast (Dein Sohn spricht super, sehr vital, eigener Wille vorhanden, lässt sich in der Kita nicht einschüchtern ….)
  • Für deinen „Großen“ gab es viele Umstellungen, um ehrlich zu sein, stand für ihn die Welt in seinem kurzen Leben schon mehrmals Kopf (Umzug, Kita-Wechsel, eine neue Nervensäge, mit der man nicht spielen kann, die aber die Mama total absorbiert …) und dann ist da der neue eigene Wille und Entdeckerdrang, Freude und Frust liegen eng beieinander. Da ist der eine oder andere Ausraster normal, aber euer Sohn braucht einen sicheren, verlässlichen Rahmen, um seine Gefühle mehr und mehr in den Griff zu bekommen.
  • Das mit der Spielgruppe ist ja auch noch ganz frisch. Seine Ausraster würde ich deshalb als Anzeichen dafür sehen, dass er gestresst ist und ihr Geduld und Zeit braucht, bis sich alles eingespielt hat. Natürlich ist das anstrengend, aber ich finde es sehr gesund und normal, dass er so reagiert.

 

Illustration von Sabine Frielinghaus aus unserem Kalender "Familien-Planer 2017. Spaß statt Stress".
Illustration von Sabine Frielinghaus aus unserem Kalender „Familien-Planer 2017. Spaß statt Stress“.

 

  • Das „provozieren“ hast du selbst schon in Anführungszeichen gesetzt. Ja, er provoziert euch nicht, sondern sieht keinen anderen Weg, um deutlich zu machen, dass ihn die Situation gerade überfordert. Sein Verhalten ist eine Botschaft, die es zu entschlüsseln gilt. Da würde ich mich mit meinem Partner zusammen setzen und überlegen, wie ihr mehr Ruhe und Zeit in euer Leben bringen könntet. Wer könnte euch entlasten? Kann man im Job kürzer treten, das Studium eine Weile auf Eis legen? Was sind eure Kraftquellen und wie bringt ihr sie wieder zum Sprudeln? (Ganz wichtig: keine gegenseitigen Vorwürfe! Kein „Wenn du nicht so viel arbeiten würdest …!“- Kein „Meine Mutter war doch da, aber du willst ihre Unterstützung ja nicht, dann kann man dir auch nicht helfen ….!“)
  • Sage deinem Sohn klar, was er nicht darf. „Aua, das hat weh getan. Du hörst sofort damit auf.“ Subjekt, Prädikat, Objekt. Fertig. Keine Nebensätze, so wenig Worte wie möglich mit so viel innerer Kraft und Entschiedenheit, wie möglich. Keine Folgen androhen, keine Bewertungen. Dabei bist du klar und fest und ganz in deiner Mitte. Das wird nicht sofort wirken, aber auf längere Sicht. (Vielleicht setzt du dir irgendwo einen Buddha hin und zwinkerst ihm komplizenhaft zu.)
  • Du kannst ihm nicht alle seine Wünsche erfüllen, aber es wichtig, sie ernst nehmen. („Du bist wütend, dass du jetzt nicht mehr spielen kannst. Das verstehe ich, aber wir müssen jetzt aufbrechen.“)
  • Guck mal, Vera, ob du vielleicht einmal in der Woche exklusive Zeit mit deinem Großen reservieren kannst. Vielleicht gibt es einen Babysitter in der Nachbarschaft, der so lange die Kleine durch die Gegend schiebt. Und dann lümmelst du herum mit deinem Großen, reagierst auf seine Impulse, schenkst ihm unverplante Zeit, in der er einfach mal der Bestimmer sein darf. (Kein Freizeitstress, ganz unspektakulär zu Hause auf dem Sofa oder mit ganz viel Entdeckerzeit im Wald.)
  • Lass dich nicht verunsichern! (Stichwort: Versager) Die Kinder merken deine Unsicherheit und es stresst sie. Sie wollen eine glückliche Mama, sie wollen Eltern, die wissen, wo es lang geht. Sonst bürdet man ihnen Verantwortung auf, die sie nicht tragen können. Also hältst du Kurs, vertraust dir, verzeihst dir vermeintliche „Fehler“, entrümpelst deinen Alltag und gibst ihm eine Struktur, die euch Halt gibt.
  • Apropos Struktur: Es gibt Abendbrot, wenn es Abendbrot gibt. Fertig. Wenn dein Sohn dann nichts essen möchte, ist das kein Drama. Akzeptiere es einfach. Und wenn er später noch Hunger bekommt, ist das auch nicht schlimm. Geht uns doch allen so, oder? Dann könnte es eine Dose geben, aus denen er sich Kräcker oder Knäckebrot nehmen darf.  Aber wenn es Abendbrot gibt, gibt es Abendbrot.
  • Schaffe Autonomie-Möglichkeiten, Gelegenheiten zum Klettern, Schaukeln, Toben, Sandkiste, Wasserspiele, Laufrad ….zudem viele Gelegenheit, bei denen er helfen und der große Bruder sein darf.

Liebe Vera, ist etwas für dich dabei?
Immer fröhlich sein Leben entschleunigen! Das ist für das Glück vor allem von kleinen Kindern die halbe Miete.
Eure Uta

  • Liebe Vera,
    Ich war vor reichlich einem Jahr in einer ähnlichen Situation. Heute ist alles besser und rückblickend überläuft mich ein kalter Schauer, wenn ich an die Zeit denke. Mein großes Mädchen war 2,5, der Babybruder 0,5 Jahre alt. Auch ohne Umzug, ohne Krippenwechsel, mit Betreuung von 9:00 bis 15:00 und einem Tag, an dem die Oma von 9:00-18:00 das große Kind nahm, war ICH überlastet. Unsere Probleme lagen weniger im Hauen oder Beißen, es waren die Ausraster meines Mädchens, die manchmal dann auch meine Sicherungen durchbrennen ließen. Wenn nicht beim ersten Ausraster des Tages, dann beim fünften…Wir hatten im tiefen Winter den Schneeanzug und die Schuhe gerade an, als sie mit glasigem Blick und in den höchsten Tönen schreiend alles wieder von sich strampelte. Auf dem Weg in den KiGa wollte sie fahren, nein laufen, nein getragen werden… ich könnte noch viel mehr aufzählen… Ich war körperlich und seelisch todmüde und kurz davor, mich in einer Elternberatungsstelle nach Gewaltpräventionskursen für MÜTTER zu erkundigen, einfach, weil ich nicht garantieren konnte, dass ich nicht selbst ausrasten und sie schütteln oder schlagen würde. Ja, genau. So weit war ich.
    Dein Alltag und die Geschichte, die du beschreibst, kommt mir noch um einiges härter vor, als das, was ich durchgemacht habe. Mein Tipp lautet kurz und knapp: schau, wo DU Aufgaben und Verantwortung abgeben kannst und deine Seele erholen und pflegen kannst. Putzfrau/ Mann putzt am Wochenende / ein freier Vormittag mit Großkind in der Spielgruppe und Baby bei einem Babysitter…
    Deine Entspannung und neu entdeckte Lebensfreude (gell, du weißt schon gar nicht mehr, wie man das buchstabiert…) werden sich positiv auf die ganze Familie auswirken. Auch auf deinen kleinen großen Mann. Nein, nicht unbedingt schon nach deinem ersten freien Vormittag, aber nach einer gewissen Zeit deiner Erholung dann sicherlich schon.
    Im übrigen gelten die Tipps von Uta 😉
    herzlichst,
    Kristin

    • Liebe Kristin, herzlichen Dank, dass du deine Geschichte erzählt hast! Und das hier ist mein Lieblingssatz: „Deine Entspannung und neu entdeckte Lebensfreude (gell, du weißt schon gar nicht mehr, wie man das buchstabiert…) werden sich positiv auf die ganze Familie auswirken.“ Viele Grüße, Uta

  • Oh je Vera, ich kann dich so gut verstehen, das schlaucht echt.
    Zwei Dinge, die mir mit meinem Sohn (2,5 Jahre) helfen, damit es gar nicht erst zum Meltdown kommt, sind
    1. Ihm immer wieder kleine Möglichkeiten zur Autonomie zu geben (Z.B. Sein T-shirt selbst aussuchen oder seinen Essplatz selbst zu decken. Dann isst er seine Nudeln eben aus nem Eisbecher und mit zwei Löffeln XD). Ich habe das Gefühl, dass er dann insgesamt Kompromissbereiter ist und mit dem mitmacht, was ich bestimme.
    2. Ihm ankündigen, was in nächster Zeit ansteht. Wenn ich ihm z.B. sage, dass wir jetzt sofort vom Spielplatz nach Hause gehen, endet es so gut wie immer in Tränen; wenn ich es ihm 5min vorher ankündige (und ihn erinnere, dass es noch 2min und dann noch 1min ist), dreht er nochmal seine Runde an den Spielgeräten, die jetzt ganz wichtig noch bespielt werden müssen und ist dann eher geneigt ohne Murren mitzukommen. Das hilft mir auch beim Thema Essenszeit oder wenn wir aus dem Haus wollen.
    Ich drücke dir die Daumen dass bei euch bald wieder Ruhe einkehrt und die Situation sich entspannt!

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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