Oma in Beton 

 18/02/2018

Wie wertvoll es für Kinder ist, wenn jemand die Kraft hat, aus Liebe hart zu sein.

Auf der Fahrt im Zug von München nach Hamburg saß ich im Großraum-Wagen neben einer Oma und ihrem zehnjährigen Enkel an einem Tisch. Gleich nach dem Einstieg spielte der Junge an einem Tablet. Wir fuhren durch Bayern. Verschneite Dörfer flogen vorbei, Tannenwälder wie von Puderzucker bestäubt, weiße Äcker sanft geschwungen bis zum Himmel. Hinter Ingolstadt sagte der Junge: „Ich habe Kopfschmerzen!“ Das war – aus seiner Sicht – ein Fehler. „Du hast Kopfschmerzen?“ Plötzlich war die Oma hellwach. „Her mit dem Gerät! Du hängst sowieso viel zu viel darüber. Und wenn man Kopfschmerzen hat, braucht man Ruhe.“ Jetzt wurde sie ganz resolut, stopfte ihm seine Jacke in den Rücken und empfahl, die Landschaft zu genießen. „Das ist langweilig. Da sind nur Bäume. So schlimm ist das gar nicht mit den Kopfschmerzen.“ Oma aber ließ sich nicht abbringen von ihrem Therapie-Ansatz. „Er hängt sowieso viel zu viel am Tablet“, raunte sie mir zu, „ich muss dringend mit meiner Tochter darüber sprechen.“ – „Kann ich es jetzt wieder haben?“ -„Nein, kannst du nicht.“ Simon, so hieß der Junge, begann ein Programm zur nervlichen Folterung aller Umsitzenden. Er ließ den Ärmel von Omas Jacke, die über ihm hing, hin und her schwingen. Er sagte alle paar Minuten „Mir ist langweilig!“, er ließ seine Beine über der Lehne in den Gang baumeln. Er wand sich auf den Sitzen, als wären sie eben dazu nicht geeignet. Immer wieder fiel seine Plastikflasche mit einem Rest Apfelschorle um. Und ich verfluchte den Moment, als ich diesen Platz reserviert hatte.
Je länger diese Spielchen dauerten, desto unnachgiebiger wurde die Oma. „Kann ich das Tablet jetzt wieder haben.“ – „Nein, kannst du nicht!“ Sie saß neben mir wie in Beton gegossen und ließ den sozialen Druck, der sich so langsam in Wagen 24 in der Mitte aufbaute, an sich abprallen. Immerhin saßen wir im Ruhe-Bereich. „Sie könnte ihm doch eine Zeit sagen“, dachte ich, „wann sie es ihm wiedergibt.“ Nichts dergleichen. Simon wippte mit den Füßen, Simon schlug den Jackenärmel, Simon fragte ständig „Kann ich jetzt?“, „Kann ich jetzt?“ Inzwischen näherten wir uns Fulda und ich begann, die Stärke dieser Frau zu bewundern.
Hinter Fulda bewegte Oma den Jungen dazu, mit in den Speisewagen zu kommen. Hatte sie Hunger oder wollten sie den Umsitzenden eine Pause gönnen? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall war Simon deutlich ausgeglichener, als die beiden zurückkehrten und über mein Gepäck wieder auf ihre Sitze kletterten. Jetzt lehnten beide auf dem Tisch und schauten zum Fenster raus. Von einem Ausflug zu einer Kapelle war die Rede, den sie gemeinsam unternommen hatten. Um die Kapelle ranken sich wohl Geister-Geschichten. „Glaubst du wirklich“, fragte Simon, „dass uns Tote erscheinen können?“ Oma zuckte die Schulter. „Ich kann es mir schwer vorstellen, aber ausschließen kann ich es nicht.“ Die beiden blickten weiter in die Landschaft, sie legte ihre Hand auf seinen Arm und streichelte ihn.
Der Kampf war ausgestanden. Die Oma in Beton hatte Langeweile, Frust und Genervt-Sein durch Hartnäckigkeit besiegt. Jetzt saßen die beiden Hand in Hand vor dem Fenster, sinnierten über Geister, schmiedeten Pläne, ob sie das nächste Mal campen wollten an der Kapelle. Simon lächelte, war ganz gebannt von dem, was ihm erzählt wurde. Als dann immer noch Zeit war bis zum Aussteigen, bot Oma ihm an, ihm noch für eine halbe Stunde das Tablet zu geben. Aber er winkte ab.
Ihr kennt meine Meinung. Ich finde, dass die ganzen digitalen Medien nicht verteufelt werden sollten. Sie sind heute fester Bestandteil der Welt unserer Kinder und unerlässlich auch für ihren sozialen Austausch. Was ich im Zug erlebt habe, zeigt aber auch, wie wertvoll es ist, wenn Kinder gelenkt werden, sinnvoll damit umzugehen. Zumal wenn ich ein Kind vor mir habe, bei dem ich merke: Mensch, das ist irgendwie nicht in seiner Mitte. Wie wunderbar, wenn so ein Kind jemanden an seiner Seite hat, der aus Liebe zu ihm durch Konflikte durchgeht und Unannehmlichkeiten aushält.
Gerade im Alter zwischen 10 und 15 Jahren ist es wichtig,

  • zu fragen, was machst du da eigentlich genau und warum ist dir das so wichtig?,
  • Regeln für den Medien-Umgang aufzustellen,
  • Zeit-Limits zu verhandeln,
  • Smartphones von gemeinsamen Mahlzeiten fern zu halten,
  • und die Geräte über Nacht an einer zentralen Auflade-Station „schlafen“ zu legen,
  • für Digital-Pausen zu sorgen, in denen man Zeit miteinander verbringt und auch die Erwachsenen die Smartphones außer Reichweite legen
  • und mal so einen Entzug verordnen, wie die Oma im Zug.

So ab 16 oder 17 Jahren allerdings kann ich meinem Kind sein Smartphone nicht mehr wegnehmen. Das finde ich dem Alter nicht angemessen und deshalb übergriffig. Dann kann ich das Gespräch suchen und sagen, dass mir seine exzessive Nutzung Sorgen macht und nach Gründen forschen. Und ich kann sagen: „Ich möchte nicht, dass unsere Unterhaltung von eingehenden WhatsApps unterbrochen wird. Lege es bitte weg, solange wir sprechen!“

Kann kaum auf den Tisch gucken und schon total gefangen von Digital-Welten.

Jetzt, wo Mann und Kinder die meiste Zeit in der Ferne sind, ertappe ich mich dabei, Nachrichten-süchtig geworden zu sein. Dann gucke ich auf das Smartphone und stelle fest, dass ich es erst vor fünf Minuten kontrolliert hatte. Das macht mich ganz wuschig. Um meine innere Ruhe wieder zu finden, schalte ich neuerdings immer häufiger in den Flugmodus und schaue mir erst zwei oder drei Stunden später gesammelt alle Nachrichten und Mails an.
Immer fröhlich an die Oma im Zug denken!
Eure Uta

  • Ein wunderbares Thema. Hast du auch Tipps für die Person, die versucht, wie diese Oma zu sein (in dem Falle die Mama 😉 ), wenn die Oma gefühlt zu allem Ja und Amen sagt und der Sohn es deshalb bei Oma viel toller findet? Bei uns gibt es zeitliche Begrenzungen für den Medienkonsum, bei Oma nicht. Klar, haben Omas das Recht zum Verwöhnen, aber für mich heißt das nicht, dass das Wort Nein nicht mehr existiert. Und für mich als Mama ist es verdammt hart, dass der Sohn daher viel lieber bei Oma ist.

    • Liebe Janine, vielleicht kannst du Oma dafür gewinnen, dass sie auf anderen Gebieten verwöhnt: vorlesen, zusammen etwas spielen, unternehmen, Eis essen gehen … Denn bei unbegrenztem Medienkonsum kriegt sie ja von dem Enkel kaum etwas mit. Ich sehe aber auch, dass es schwierig ist, das rüber zu bringen, ohne dass Oma das als Vorwurf hört und es eure Beziehung belastet. Und wenn du deinem Sohn das Tablet – oder was auch immer – gar nicht mit zu Oma nehmen lässt? Oder ist die alte Dame selbst bestens ausgerüstet? ?
      Liebe Grüße, Uta

      • Oma (und Opa ;-)) sind selbst bestens ausgerüstet. Tablet, Fernseher und Co. – was er da plötzlich für Serien kennt… Mal sehen, was ich erreichen kann.
        Nach meinem Kommentar hier bekam ich meinen Sohn übrigens vorzeitig aus den Winterferien bei Oma und Opa zurück. Nicht wegen des Kommentars. Ihm war langweilig und er hatte so gar keine Lust mehr, etwas zu unternehmen mit Oma und Opa. Er ist dann zu Hause wieder richtig aufgeblüht. So toll Oma und Opa sind, hat ihm dann wohl doch der Trubel mit den nervigen kleinen Schwestern gefehlt. ?
        Kinder brauchen eben auch Kinder und nicht nur Erwachsene um sich.

  • Eine schöne Erfahrung! Spannend wäre ja, was im Speisewagen lief…
    Vielleicht könnte man statt „Hartnäckigkeit“ auch „Beharrlichkeit“ oder „liebevoll konsequent“ sagen – das klingt für meine Ohren zugänglicher.
    Übrigens merke ich, dass sich diese „Beharrlichkeit“ in der Erziehung auch so einsetzen lässt: Wenn unsere Kinder etwas tun sollen (meistens geht es ums Aufräumen einzelner Dinge), dann sage ich:
    „Bitte räum‘ das … jetzt weg.“ Kind spielt weiter etc., hört nicht richtig zu etc.
    Ich sage das so oft in immer der gleichen, freundlichen Tonlage (mit kleinen Pausen dazwischen), bis das Kind so von der Dauerschleife genervt ist, dass es einfach erledigt, worum ich es gebeten habe.

    • Danke, Esther, für dein Beispiel von Beharrlichkeit! Ja, als Eltern den ausgeleierten Kassetten-Rekorder geben, funktioniert durchaus. Die Erfahrung habe ich auch gemacht. Auch wenn die Herausforderung darin liegt, die freundliche Tonlage nicht zu verlassen. LG Uta

  • Ich würde da auch gerne schon sein und bewundere es, gerade in der Öffentlichkeit mit solchen Stresssituationen umgehen zu können. Allerdings wage ich zu behaupten, dass sich eine junge Mutter in genau der gleichen Situation schon den ein oder anderen Kommentar von den Mitreisenden eingefangen hätte. In meiner Erfahrung ist da die Hemmschwelle (verglichen zu Vätern, Großeltern) mit Abstand am niedrigsten. Was es nicht gerade einfacher macht solche Situationen zu meistern und dabei ganz beim Kind zu bleiben.

  • Toller Artikel wieder Uta!:) …letztens habe ich mir verkniffen beim Wald einen Kommentar abzugeben (weil ich ja zuvor schon gewonnen hatte), aber das Thema Wald und das vorgestellte Buch find ich auch wahnsinnig klasse!:)
    Liebe Grüße
    Katrin

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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