Wie Nele und Lea ihre zusammen gewürfelten Familien erlebt haben und was sie Eltern und Stiefeltern raten. Interview Teil 2.

Wir hatten im ersten Teil des Interviews aufgehört mit der Frage:
Uta: Was sind eure Ratschläge an Eltern in Patchwork-Familien? Was funktioniert für die Kinder gut?
und da geht es jetzt weiter:
Lea: Noch ein Ratschlag von mir: Zieht um! Denn es ist wirklich „tough“ für jede Familie, die in einem Zuhause dazu stößt, aber auch für die Familie, die schon in dem Haus gewohnt hat. Als Robin, der Freund meiner Mama, bei uns eingezogen ist, war meine Schwester noch ein halbes Jahr da. Dann ist sie zum Studium nach Wien gegangen. Das hat sie nach einem Jahr abgebrochen. Als sie dann zurück nach Hause kam, wollte sie in ihr Zimmer zurück, aber das ging nicht, weil unsere Stiefschwester Mara das inzwischen mehr oder weniger für sich beansprucht hatte. Das hat auch ein wenig (Lea lacht) für Konfliktstoff gesorgt.

Nele: Hättest du denn gewollt, dass deine Mama sagt: „Wir ziehen jetzt alle in ein neues Haus.“?
Lea: Nein, als Kind wahrscheinlich nicht. Da hätte ich gesagt: „Ich glaube, es hackt!“ Aber im Nachhinein wäre es vielleicht eine Idee gewesen. Auf jeden Fall sollte es so sein, dass die Kinder und die einzelnen Parteien dazu befragt werden.
Nele: Kommunikation!
Lea: Ja, Kommunikation ist das Wichtigste: „Möchtet ihr hier blieben? Würde es euch etwas ausmachen, alle zwei Wochen in das Haus von dem oder dem zu ziehen?“ …  Je nachdem natürlich, wie alt die Kinder sind.
Uta: Wenn ich die 14jährige Tochter frage: „Bist du einverstanden, dass mein neuer Freund hier einzieht?“ sagt dann nicht jedes Kind: „Nein, auf gar keinen Fall!“ Funktioniert es überhaupt, das zu fragen?
Lea: Ich glaube, es geht viel früher los. Es geht darum, den neuen Lebenspartner dem Kind vorzustellen und zu sagen: „Das ist mein neuer Freund.“ Dass die Mutter mit dem Kind in Kontakt bleibt und fragt: „Hey, wie findest du ihn eigentlich? Wie gefällt er dir? Wollt ihr mal zusammen etwas unternehmen?“ Wenn es nach so einer Kennenlernphase heißt: „Könntest du dir vorstellen, dass er hier einzieht, ist das dann etwas anderes, als wenn du diesen Menschen plötzlich immer vor dir sitzen hast. Du kennst ihn kaum und deine Mutter hat keine Ahnung, wie es dir damit geht. Dann ist die Aussage: „Ach, ja, und der zieht hier jetzt ein.“ ein Schock.
Uta: Du hättest dir vorher mehr Austausch darüber gewünscht.
Lea: Genau. Und dann hätte ich mir vorstellen können, dass ich sage: „Wieso eigentlich nicht? Können wir ja mal ausprobieren.“ Solange ich die Möglichkeit habe, nach einiger Zeit auch zu sagen: „Das funktioniert für mich nicht. Können wir eine andere Möglichkeit schaffen?“ Und das es nicht heißt: Das ist jetzt für immer. Sondern: Das ist auf Probe und wir unterhalten uns da alle regelmäßig darüber, wie es läuft und wie wir uns dabei fühlen. So eine Transparenz schaffen, darüber sprechen …Alle Befindlichkeiten und Emotionen wahrnehmen und nicht bewerten und nicht sagen: „Du bist ja nur die kleine Tochter und wir Erwachsene müssen das entscheiden.“, sondern wahrnehmen, wie es dem Kind damit geht.
Uta: Nele, bei dir war ja die Situation ganz anders. Du bist ja mit Carolin, also der neuen Frau deines Vaters, aufgewachsen. Hattest du auch mal den Vorwurf: „Sie ist daran schuld, dass meine Eltern sich getrennt haben?“
Nele: Überhaupt gar nicht. Nein, denn als Carolin meinen Vater kennen lernte, waren meine Eltern schon getrennt und sie waren auch nie verheiratet. Und es wird immer erzählt – ich selbst kann mich nicht daran erinnern -, aber ich muss als kleines Kind wohl gesagt haben, dass alle wieder zusammen ziehen sollen und Carolin soll dann meine große Schwester sein. Ich wollte sie natürlich nicht weg haben.
Lea: Natürlich ist das nicht. Du wolltest sie einfach nicht weg haben.
Nele: Stimmt. Und sonst kann ich mich nicht erinnern, wie das war, als meine Eltern sich getrennt haben. Da war ich ja erst vier Jahre alt. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist, dass meine Eltern sich gestritten haben oder diskutiert und ich in den Raum kam und gefragt habe: „Was ist denn los?“ Und dann hat einer von beiden geantwortet, dass sie sich nicht mehr einig sind, und Mama was anderes will als Papa. Und da habe ich gesagt: „Dann macht doch erst, was Mama will, und dann was Papa will. Ist doch ganz einfach!“ Ich habe mir aber damals keine Gedanken gemacht, wie die Trennung geschehen konnte. Da war ich ja viel zu jung für.


Uta: Hegst du Vorwürfe gegen deine Eltern, Lea?
Lea: Irgendwann merkt man ja, dass Eltern auch nur Menschen sind. Irgendwann stellst du fest, dass Eltern nicht alles richtig machen. Als Trennungskind wahrscheinlich früher als andere Kinder. Du lernst auch, dass zwei zu einer Beziehung gehören und nie nur einer Schuld hat. „Es gehören immer zwei Menschen zum Tango-Tanzen“, sagt meine Mama. Ich würde nicht sagen, dass ich jemandem die Schuld an etwas gebe. Wenn, dann würde ich meinen Eltern in der Beziehung zu mir Vorwürfe machen. Ich sage: „Trennung, eure Geschichte, alles gut!“ Aber wie danach mit den Kindern umgegangen wird, wie mit ihnen gesprochen wird, wie mit ihnen die Beziehung aufrechterhalten wird oder nicht, da erhebe ich auf jeden Fall Vorwürfe.
Uta: Wegen der fehlenden Kommunikation?
Lea: Ja, zum Beispiel. Mein Vater ist relativ schnell in die Schweiz gezogen. Das war für mich der totale „Cut“. So nach dem Motto: „Danke, damit bist du jetzt extrem aus meinem Leben getreten.“ Als Vierzehnjährige habe ich mich auch nicht hingestellt und gesagt: „Dafür bist du jetzt zuständig als Erwachsener.“ sondern ich habe meinen Vater angerufen und festgestellt, er geht nicht dran. Ich habe meinem Vater geschrieben und festgestellt, er hat mir nicht zurückgeschrieben. Er hat mir kurzfristig sein Kommen abgesagt. Ich saß ein paar Jahre später da und dachte: Im Endeffekt war er der Vater, war er der Ältere. Er war derjenige, der an einigen Stellen die Verantwortung in der Hand hatte. Ja, da mache ich Vorwürfe, indem ich sage: Das hätte zu 100 Prozent anders laufen müssen.
Uta. Habt ihr darüber mal gesprochen?
Lea: Nur durch die Blume. Das liegt aber grundsätzlich an der Kommunikation zwischen mir und meinem Vater. Und an unserer Beziehung. Da habe ich nicht das Gefühl, dass ich mit meinen Themen Raum und Platz und ein Ohr finde. Da kann ich mit meiner Mama deutlich besser sprechen als mit meinem Vater.
Uta: Wer ist für dich, Nele, die wichtigste Bezugsperson?
Nele: Das wurde ich oft gefragt so mit 13. Wen magst du lieber, deine Mama oder deine Stiefmama? Das kann man nicht so einfach sagen. Bei jedem Thema spreche ich mit jemand anderem. Es kommt wirklich darauf an, was gerade ansteht. Dann spreche ich mit verschiedenen Personen.
Lea: Da findet man immer jemanden, da hat man eine gute Bandbreite mit so vielen Menschen (beide lachen).
Nele: Dadurch, dass ich mit Carolin aufgewachsen bin, rede ich mit ihr genauso viel wie mit meiner Mama oder mit meinem Papa.
Uta: Wie ist das, Lea, wenn jemand auftaucht wie Robin, der Freund deiner Mutter, und dann plötzlich den Vater gibt und anfängt zu erziehen. So etwas wie: „Müssen deine Sachen jetzt hier rumliegen!“ Denkt man dann: „Du hast mir gar nichts zu sagen?“
Lea: Definitiv! Ich habe ihm sehr schnell signalisiert, dass das für mich keine Option ist. Das lag aber auch daran, dass ich ihn überhaupt nicht da haben wollte. Ich dachte: Du bist der Partner meiner Mutter, und selbst wenn du irgendwann ein Freund von mir sein solltest, damit komme ich noch klar, aber eine Vaterfunktion wirst du für mich nie, niemals, haben. Dadurch dass er vorher Vater bei sich zu Hause war und dann in ein anderes Haus gekommen ist und eine ähnlich alte Tochter durch die Gegend gelaufen ist, hat er das am Anfang so ein bisschen reflexartig immer mal wieder gemacht, bis ich ihm klar gesagt habe: „So funktioniert das nicht!“ Mittlerweile ist die Beziehung aber so gut, dass er auch sagen kann: „Deine Tasche steht seit zwei Tagen da unten, würdest du sie kurz hochräumen?“ Und mittlerweile kann ich das nehmen und sagen: „Klar! Mach ich!“ Das liegt daran, dass ich den Haushalt, den wir da haben, in meinem Kopf eher als WG betrachte. Da hat bei mir ein Umdenken stattgefunden. Wir machen hier nicht auf heile, glückliche Familie, sondern es ist eine zusammengewürfelte Situation in diesem Haus. Natürlich habe ich meine Mutter und mit der habe ich eine Mutter-Tochter-Beziehung. Da ist über die Jahre auch eine gewisse Augenhöhe gewachsen. Und die habe ich auch mit ihm. Ich könnte mich mittlerweile auch dazu entscheiden auszuziehen. Das habe ich noch nicht gemacht, werde ich bald tun. Solange aber entscheide ich mich, noch dazubleiben.
Uta: Hat deine Mutter ihren Partner auch zurückgepfiffen und hat gesagt: „Du brauchst jetzt hier nicht den Vater zu spielen?“
Lea: Da ist Mama auch total an ihre Grenzen gekommen. Einfach weil ich so viele Berührungspunkte mit ihm hatte mit seiner Art, Papa sein zu wollen, Papa sein zu müssen, denn er übernimmt so eine Rolle auch, in dem Moment, in dem er der Mann im Haus und der Mann an Mamas Seite ist. Da stand Mama zwischen zwei Stühlen. Meine Tochter oder mein Freund? Beide kommen gerade überhaupt nicht miteinander klar. Wo lande ich jetzt? Ich hatte andauernd das Gefühl: sie landet immer bei Robin. Und Robin hatte die ganze Zeit das Gefühl, sie landet bei Lea. Leicht war es nicht. Mittlerweile ist es okay. Und wenn mich jemand fragt: Freiwillig nochmal das Ganze? – Niemals!
Und das ist auch so eine Sache, die ich immer mitgeben würde: Lasst dem Ganzen Zeit. Die Parole auszugeben „Wir müssen jetzt eine Patchwork-Familie sein!“, das funktioniert nicht von jetzt auf gleich.
Uta an Nele: Für dich gab es den neuen Partner deiner Mutter, Andreas. Und die beiden haben schließlich auch geheiratet. Hat Andreas auch versucht, die Vaterrolle zu übernehmen?
Nele: Andreas hat das gut hingekriegt, das zu differenzieren. Er hat nie eine Vaterrolle eingenommen. Er hat sich rangetastet, hatte ich das Gefühl. Er hatte auch noch keine eigenen Kinder. Für ihn war das ganz neu. Was für ihn hätte schwierig werden können, war, dass mein Bruder Freddy und ich so ein kleines Team waren. Und uns theoretisch gegen ihn hätten verschwören können. Er ist da so langsam rangeschlichen.
Uta: Kannst du mal ein Beispiel nennen für dieses Rantasten?
Nele: Es machte schon einen Unterschied aus, dass wir in sein Haus gezogen sind. Er ist nicht bei uns eingedrungen. Es hat angefangen mit Wochenendbesuchen, dass Mama, mein Bruder und ich dort Wochenenden verbracht haben. Andreas hat sich nicht so verhalten, als würde das Haus nur ihm gehören. Wir haben dort jeder ein Kinderzimmer bekommen. Ich glaube, ich war acht oder neun, als wir da einzogen sind. Wenn ihn etwas gestört hat, hat er das mit unserer Mama besprochen und nicht mit uns. Sie hat das dann an uns weiter vermittelt. Wenn das von der Mama kommt, kommt das anders rüber als von einem Fremden in Anführungsstrichen. So hat er sich rangetastet. Und irgendwann war es auch okay, wenn er uns direkt Sachen gesagt hat, die ihn stören oder die er gut findet.
2008 haben meine Mama und mein Stiefvater eine Tochter bekommen. Das war auch anders als bei Papa und Carolin, als die Eltern wurden. Bei Mama und Andreas war ich älter und konnte damit besser umgehen. Das ist ja bei Patchwork so ein Ding, wenn die Stiefmama oder der Stiefpapa anfangen, das leibliche Kind zu bevorzugen. Bei Andreas war das nicht mehr so schlimm, wenn er das gemacht hat. Zum einen hat er das kaum getan, zum anderen hat es mir nicht so viel ausgemacht, weil ich eine andere Beziehung zu ihm habe, nicht schlechter, aber anders. Deshalb hat Freddy und mich das bei Carolin, unserer Stiefmama, eher gekränkt als bei Andreas. Bei ihm hat mich das nicht so beschäftigt, weil er einfach später dazu kam und ich auch älter war und gelernt hatte, damit umzugehen.
Uta: Gab es eine Situation mit deinen kleinen Halb-Brüdern oder mit deiner Halbschwester, wo du gedacht hast: „Mist, das tat jetzt weh“?
Nele: Zum Beispiel, wenn es ums Tischabräumen ging, dass Freddy und ich mithelfen mussten und Tom weniger oder gar nicht, weil er einfach jünger war, aber in dem Moment kam das bei mir so an, dass er das nicht machen muss, weil er Carolins leiblicher Sohn ist. Klar war er auch kleiner und konnte das noch nicht. Aber dann kommen Diskussionen auf wie: „In dem Alter musste ich das aber schon machen.“ Im Nachhinein kann ich nicht beurteilen, ob das wirklich ungerecht war oder ob das nur mein Empfinden war.
Lea: Ich erinnere eine Situation, da war ich bei euch. Tom hat klein geschnipselte Gurke bekommen, weil er keinen Blattsalat mochte. Da hat Freddy gesagt, er möchte auch lieber Gurke, aber Carolin hat gesagt: „Ne!“ Und da meintest du direkt: „Tom bekommt das, weil er Tom ist, oder wieso?“, und weil du komplett genervt warst davon.
Nele: In solchen Situationen kommt das hoch. Carolin sagt immer: „Wenn man lange genug das ’nein‘ runtergeschluckt hat, dann platzt es irgendwann aus einem heraus.“
Uta: Du, Nele, hattest ein Zimmer bei deiner Mama auf dem Dorf und ein Zimmer in der Wohnung von Papa und Carolin. Hattest du darin alles doppelt? Die Poster an der Wand, die Kissen, die Kleider ….?
Nele: Ein bisschen war das so. Ich hatte bei meiner Mama auch mein Zimmer, aber es war nicht so vollkommen ausgestattet wie bei meinem Papa in Hamburg. Auch bei Kleidungsstücken war das so. Meine Mama meinte immer: „Lass doch mal ein paar Sachen hier, dass du nicht immer so eine große Tasche mitschleppen musst.“

Als ich am Freitag meine Kleider für München bereit gelegt habe, musste ich an Nele und Lea denken, die Routiniers im Kofferpacken.

Lea: Aber es ist ja auch so: dann kaufst du dir mit deiner Mama ein neues T-Shirt und willst es zwei Tage später bei Papa auch anziehen, also nimmst du es mit.
Nele: Zahnbürste, Unterwäsche, so grundlegende Sachen hast du natürlich da. Meine Mama ist dann mit mir einkaufen gegangen und meinte: „Wir kaufen jetzt für hier ein!“ Ich habe es aber mitgenommen, weil ich es anziehen wollte. Sie wollte immer, dass ich Klamotten da lasse, aber jetzt habe ich dort gar nichts mehr. Das kam daher, weil ich bei Papa in die Schule gegangen bin und auf diesen Schulstandort habe ich mich konzentriert mit Freunden und allem möglichen.
Uta: Auf diese Weise wird man zum Logistiker, oder?
Nele: Ja, du musst schon am Donnerstag darüber nachdenken: „Was will ich Montag in der Schule anziehen? Und muss ich die Deutsch-Hefte auch schon einpacken oder nur die Mathe-Sachen?“
Lea: Irgendwann denkst du nur noch an deine Taschen.
Uta: Ihr sprecht jetzt immer von Stief-Eltern. Neuerdings hört man auch den Begriff „Bonus-Eltern“. Was haltet ihr von diesen Namen? Was nutzt ihr?
Nele: Bei mir hat sich das über die Zeit verändert. Ich habe anfangs „Halb-Mama“ gesagt. Aber zu Andreas habe ich nie „Halb-Papa“ gesagt. Über „Bonus-Mutter“ haben wir auch mal geredet, das habe ich aber nie benutzt. Bei „Halb-Mama“ haben mich aber auch Leute gefragt: „Was ist das?“ Deshalb habe ich Stiefmama verwendet, weil es gegenüber anderen Leuten einfacher ist.
Uta: Und wie redest du sie direkt an?
Nele: Mit ihrem Vornamen und meinen Stiefvater auch.
Uta: Wie hat euch dieses sehr bunte Familienbild geprägt hinsichtlich der eigenen Planung? Bleibt man dann Single sein Leben lang oder „es wird geheiratet und das hält auf Biegen und Brechen“?
Nele: Ich habe mal gelesen, dass Patchwork-Kinder eher dazu neigen, wieder Patchwork-Familien zu haben. (Lea: Ich glaube ungefähr 40 Prozent.) Aber wünschen würde ich mir das nicht, obwohl meine Patchwork-Familie ja nicht schlecht war oder ist. Wenn es passiert, wüsste ich auf jeden Fall, wie ich damit umgehen könnte.
Lea: Vielleicht ist deine Barriere auch niedriger, weil du eine positive Erfahrung damit gemacht hast. Vielleicht würdest du dich durchaus von deinem Mann scheiden lassen, wenn es gar nicht mehr geht, weil du mit einer neu zusammen gesetzten Familie gute Erfahrungen gesammelt hast.
Nele: Ja, vielleicht. Auf jeden Fall weiß ich, dass ich – vielleicht in 10 Jahren – bei meiner Partnerwahl sehr genau sein werde. Ich  werde zehnmal darüber nachdenken und auch lange mit Kindern warten. Das ist – glaube ich – bei Patchwork-Kindern schon so, dass die nicht Hals über Kopf ein Kind kriegen. Das kann ich mir schwer vorstellen.
Lea: Das würde ich unterschreiben. Ich würde lange mit meinem Freund zusammen sein, ehe ich Kinder in die Welt setze. Dann möchte ich, bevor ich Kinder habe, all das, was ich als Kind erlebt habe, aufgearbeitet und verarbeitet haben.
Uta: Du möchtest das für dich aufgearbeitet haben?
Lea: Ja, sonst könnte ich keine Kinder kriegen. Sonst habe ich zuviel in meinem Rucksack mit zu tragen.
Uta: Und wie willst du das machen?
Lea: Vielleicht eine Gesprächstherapie, um all das zu klären, was versteckt oder offen sich abgespeichert hat. (dann ganz leise) Ich möchte heiraten, denke ich. (Nele auch ganz leise) Ich möchte das auch.
Lea: Und Kinder möchte ich auch haben.
Nele: Es ist nicht so, dass wir abgeschreckt sind vom generellen Partnerleben.
Lea: Ich würde auch adoptieren wollen, vielleicht kommt das aus der Patchwork-Erfahrung. Mir ist es auf jeden Fall wichtig, eine heile Familiensituation zu kreieren.
Nele: Ja, mir auch. Da bin ich sehr harmoniebedürftig.

*

Liebe Nele, liebe Lea, ich bedanke mich ganz herzlich für das berührende Gespräch mit euch. Danke, dass ihr es nicht gescheut habt, auch sehr persönliche Gedanken mit uns zu teilen. 
Alle Tipps (Teil 1 und 2) von Lea und Nele von mir zusammengefasst:

  • Sich Zeit nehmen für eine gute Planung. Ruhig auch mit Doodle und anderen Möglichkeiten.
  • Regelmäßig alle an einen Tisch bringen und darüber sprechen, was optimierbar ist.
  • Die Kinder nicht als Vermittler zum Ex-Partner nutzen.
  • Die Kinder behutsam an einen neuen Partner gewöhnen und ihnen eine angemessene Kennen-Lern-Phase ermöglichen.
  • Gerade ältere Kinder zu Wort kommen lassen und ihre Wünsche hören, wenn der neue Partner einziehen soll.
  • Sich Zeit nehmen an Geburtstagen oder zu anderen wichtigen Anlässen, denn – trotz aller Konflikte – lieben sie es doch, wenn alle zusammen kommen und mit ihnen feiern.
  • Nach Möglichkeit sich für den Neustart mit einem neuen Partner eine neue Wohnung suchen. In der alten Umgebung existieren zu viele Gewohnheitsrechte, Erinnerungen und alte Energien.
  • Der neuen Konstellation Zeit lassen und das Patchwork-Gebilde behutsam zusammen wachsen lassen.
  • Als Stiefmama oder -Papa eine gute Beziehung zu den geschenkten Kindern aufbauen, statt von jetzt auf gleich erzieherisch aufzutreten.
  • Die Wahrheit sagen. Das gilt für alle Beteiligten. Wenn ich in mir ein ’nein‘ spüre zum Beispiel zu familiären Verabredungen, es auch sagen. Das ’nein‘ sucht sich sowieso seine Bahn (Verweigerung, schlechte Stimmung, Krankheit …)

Immer fröhlich zusammen wachsen,
eure Uta

Das Titelbild ist von Vlady Karpovich und das erste Beitragsbild von Cottonbro, beide von Pexels. Vielen Dank!

  • Danke, das war eine schöne und interessante Sicht auf die Dinge. Ich bin selber Stiefmama, mein Lebensgefährte hat einen Sohn mitgebracht, der auch die meiste Zeit bei uns lebt.
    Es ist wirklich eine schwierige Konstellation, weil man nie genau weiß, welche Rechte man als Stiefeltern hat, also darf ich hier was sagen oder soll ich es wieder runter schlucken. Nur wenn man zuviel schluckt, platzt man leider auch irgendwann :(.
    Bei mir hat es auch sehr lang gedauert, ihn in mein Herz zu lassen, da sein Vater und ich immer wieder unsere Krisen hatten. Es bestand immer die Gefahr, dass ich ihn wieder hergeben muss. Mittlerweile sind wir (mein Mann und ich) ein echt gutes Team und ich kann meinen großen Bonus-Sohn auch als das annehmen was er ist, mein Sohn.

  • Vielen Dank für dieses Interview – es hat mich auch über mich selbst nachdenken lassen. Vor 30 Jahren sind meine Großeltern nach der Trennung meiner Eltern noch einmal in die Elternrolle geschlüpft (uneheliche Studentenkinder waren im Bayern der 80er nicht vorgesehen). Deswegen war ich bei Mutter und Vater Ferienkind.
    Vorteile: absolut stabile Verhältnisse in Kindheit und Jugend, wenig hin und her
    Nachteile: nur oberflächliche Beziehung zu meinen viel jüngeren, inzwischen 2+3 Halbgeschwistern auf beiden Seiten.
    Überraschung: Ein Vater, der erst in der Versenkung verschwand, schrieb einen Brief an mich als ich schon lesen konnte. Oma+Opa haben ein (für mich) erstes Kennenlernen ermöglicht, es folgten mehr Briefe und Besuche (zum Teil sehr anstrengende, weil die Mentalität der Papa-Familie ganz anders ist als die der Oma-Mama-Familie) – und je älter ich werde, desto besser verstehen wir uns. „Papa“ sage ich tatsächlich erst seit ein oder zwei Jahren.
    Folge für meine Kinder (7 und 4):
    „Oma und Opa“ sind meine seit 40 Jahren verheirateten Schwiegereltern – wenn wir einen Teil meiner Familie besuchen, muss ich ausholen (und wer ist jetzt deine Mama?), schon weil sich die Zeit auf drei Parteien verteilt statt auf eine.
    Zum Thema Patchwork gibt es sicher noch viel mehr zu erzählen. Lea und Nele wünsche ich alles Gute beim Familienfäden-Zusammenhalten!

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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