Trost für schlechte Schüler 

 05/03/2015

Nach den Kommentaren zu „Laura und die schwarzen Steine“ habe ich mir überlegt, was in belastenden Schulsituationen trösten kann.
* An Ingrid denken. Ingrid* ist eine Bekannte von mir. Ihr einziger Sohn tat sich auf der Schule schwer. Besonders in Englisch. Auch Geige-Spielen, Ingrids Kindheitstraum, wollte der Junge nicht. Was hätte Ingrid dafür gegeben, wenn sie als Kind dieses Instrument hätte lernen dürfen. Ihrem Sohn konnte sie es ermöglichen, aber er streikte. Dafür mochte er die Natur. Also gab Ingrid ihn in eine Jugendgruppe des Naturschutzbundes. Volltreffer. Das war sein Ding. Mit der Schule lief es weiter schleppend, kurz vor dem Abitur schmiss er alles hin und ging nach Südamerika in den Dschungel, um einen Tierfilmer zu begleiten. Heute ist Ingrids Sohn selbst ein renommierter Tierfilmer, der schon zahlreiche Preise gewonnen hat. Und Englisch hat er ganz nebenbei auf seinen Reisen gelernt.
Wenn ihr gelegentlich Tierfilme schaut, habt ihr bestimmt schon eine Dokumentation gesehen, die Ingrids Sohn gedreht hat.
* An mich denken. Ich war in der Schule sehr fleißig und gut. Sehr gutes Abitur, sehr gutes Examen. Aber im Laufe der Jahre hatte ich mir angewöhnt, meinen Wert als Mensch zu koppeln an gute Noten und Anerkennung von außen. Außerdem brauchte ich irgendwann einen Ausgleich für die ganzen Anstrengungen und fing an, an den Haaren zu ziehen oder sie sogar auszureißen. Ein typisches auto-agressives Verhalten für den Druckausgleich. Als ich während meiner Ausbildung bei einer Tageszeitung zum ersten Mal meinem neuen Kollegen gegenüber saß, war er mir gleich sehr sympathisch: wenn er Stress hatte, riss er sich die Augenbrauen aus. (Na, noch besser als andere Kollegen, die das Pensum nur mit Flachmann in der Schublade schafften.)
Das mit der Anerkennung von außen geht so lange gut, wie es gut geht. Irgendwann im Leben stellt man erschüttert fest, dass auch das Bewältigen immer größerer Herausforderungen einem nicht den ersehnten inneren Frieden schenkt. Der hat ganz andere Quellen. Leider werden die nicht unbedingt in der Schule erschlossen.
* An beide denken: Wir haben jetzt Ingrids Sohn und wir haben mich. Der eine bricht die Schule ab und findet sein Glück, die andere macht die Schule mit Bravour zu Ende, findet ihr Glück später auf Gebieten, die wenig mit ihren guten Noten von einst zu tun haben (Familie haben, Schreiben, Eltern ermutigen). Daraus folgt:
* Die Schule nicht überbewerten.
Eltern geben der Schule heute so ein Gewicht, dass es deutlich zu viel ist für Kinder-Schultern. Mich erreichen immer wieder Kommentare oder Mails, in denen Mütter sorgenvoll schreiben, wie das wohl werden wird mit der Schule. Es wird. Und wenn nicht, findet man Lösungen.
Wenn Schule die Kinder belastet, ist ein wesentlicher Grund auch der, dass Eltern das Thema auch bei kleinen Kindern so unglaublich hoch hängen. Vor einiger Zeit saß ich im Flur des Bezirksamtes, weil ich einen neuen Reisepass beantragen wollte. Neben mir eine Mutter mit zwei Jungen im Vorschulalter. Anstatt Freude zu haben an den Bilderbüchern, die dort lagen und sie ihnen einfach vorzulesen, zwang sie die beiden, Buchstaben zu benennen, Tiere zu zählen, Wörter zu bilden. Machten die beiden etwas richtig, wurden sie gelobt wie bei der Pudeldressur. Welch armseliges Bild vom Kind, welch armselige Vorstellung vom Lernen.
* Leidenschaften Raum geben.
Jetzt sollte eigentlich ein Satz von Manfred Spitzer, dem Hirnforscher,  kommen, aber ich sitze hier in den Osttiroler Bergen und habe Druckstellen von den Skischuhen an den Waden, aber nicht das Spitzer-Buch zur Hand. Spitzer sagt auf jeden Fall, dass das Gehirn so angelegt ist, dass es uns über Glücksausschüttung bei bestimmten Handlungen den Weg dafür weist, wofür wir geschaffen sind. Ich war so glücklich, als ich damals diese Stelle las, sagt sie uns doch, dass wir uns nicht immer so zwingen müssen, sondern unseren Bedürfnissen folgen dürfen, nein, sogar müssen. Wie Ingrids Sohn, als er endlich im Wald liegen und Tierspuren deuten durfte.
Wenn wir unseren Leidenschaften nachgehen, darf Gott „Hallo“ sagen. Der Satz stammt so ähnlich von Neal Donald Walsch. Ich werde ihn auch nachliefern und unten bei den Zitaten korrekt bringen.
Leidenschaften können ein Ausgleich sein zu schulischen Misserfolgen oder sogar später den Weg in einen Beruf ebnen.
 

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Gestern habe ich diesen kleinen Jungen beim Schneeschaufeln mit einer viel zu großen Schaufel beobachtet. Was für eine Ausdauer! Was für eine Leidenschaft! Und das nur, weil die Erwachsenen ihn einfach gelassen haben.

 
* Den Satz sagen „Die Schule ist dein Job“.
Mir hilft dieser Satz, die Verantwortlichkeiten wirklich da zu lassen, wo sie sind. Ich mache meine Arbeit, die Kinder ihre. Wir unterstützen uns gegenseitig, aber jeder trägt die Verantwortung für seinen Kernbereich. Bei allen Leidenschaften, die wir pflegen wollen, hilft das auch mit den Aufgaben zurecht zu kommen, die wir nicht so mögen.
 
* Über Ziele sprechen.
Die meisten Eltern, die ich kenne, nehmen pauschal an, ihre Kinder würden die Arbeit verweigern oder seien schlicht zu faul. Da kann es wirksam sein, ein gutes Gespräch zu führen. „Was erwartest du selbst von dir in der Schule?“ – „Mit welchen Noten wärest du glücklich?“ – „Wie willst du das erreichen?“ – „Möchtest du, dass ich dir dabei helfe?“
Eltern sollten ihre eigenen Erwartungen formulieren. Zunächst für sich selber. Wann wäre ich eigentlich zufrieden mit den Leistungen meines Kindes? Sind mir eher die Noten wichtig oder ein eigenständiges Lernverhalten? Wann würde ich aufhören zu meckern? Was müsste eintreten?
Wenn man zu einem Ergebnis gekommen ist, sollte man es dem Kind ruhig mitteilen: „Ich bin völlig zufrieden, wenn ich den Eindruck habe, dass du regelmäßig etwas für die Schule tust und selbst darauf achtest, den Anschluss zu halten.“
Immer fröhlich erwarten, dass jeder seinen Job macht, aber nicht zulassen, dass die Schule wie eine schwarze Wolke über dem Leben hängt.
Eure Uta
*Namen geändert

  • Da gebe ich dir vollkommen Recht…. im Prinzip. Denn ich würde auch so gerne sagen: “Ich bin völlig zufrieden, wenn ich den Eindruck habe, dass du regelmäßig etwas für die Schule tust und selbst darauf achtest, den Anschluss zu halten.” Wär ich nämlich voll und ganz.
    Aber was, wenn das Kind das nicht tut, Schule generell für überflüssig hält und leider nicht den Wald und Tierspuren, sondern nur noch Computerspiele im Kopf hat? Der Leidenschaft für Natur und Tierspuren würde ich gerne nachgeben, weil mir da sofort ganz viele Argmente einfallen, warum das positiv sein kann für jetzt und die Zukunft. Aber der Leidenschaft fürs Zocken am Computer? Mach nur Kind, das wird schon, Schule ist völlig überbewertet, wer braucht schon einen Abschluss?
    Ich habe beim drüber Nachdenken eben gemerkt, dass es für mich Unterschiede gibt in der Bewertung der Leidenschaften, die ein Kind verfolgt und der Entspanntheit, mit der ich diese Leidenschaften nicht nur tolerieren kann, sondern auch zu fördern bereit bin….
    Lieber Gruß,
    Katja

    • Ich finde schon, dass man in dem Alter die Dauer des Computer-Spielens zusammen festlegen sollte. Z.B. eine Stunde am Computer nach der Schule zum Entspannen und dann Hausaufgaben machen. Wenn das nicht klappt, neues Gespräch und Computer-Zeit erst nach den Hausaufgaben. Im Gegenzug zur zeitlichen Begrenzung verspricht Mama, die Leidenschaft vom Sohnemann nicht abzuwerten.Total hilfreich finde ich es, die Zeit und Dauer über den Router einstellen zu können. Wohlgemerkt, die gemeinsam vereinbarte Zeit und Dauer. Einfach genial.

  • Liebe Uta,
    Danke!!! Ich hoffe, dass ich irgendwann (spätestens zum Schulstart) das auch alles so entspannt sehen kann.
    Ich war übrigens auch eine gute bis sehr gute Schülerin – besonders Mathe, Chemie, Physik … Hat mit dem Schreiben von Büchern auch nicht so viel zu tun 🙂 aber ich glaube, manchmal merkt man mir an, dass ich dieses „Das plus das macht das“ oder „wenn du möchtest, dass das und das passiert, musst du das und das machen“ sehr lag… Nicht immer einfach…
    Ganz liebe Grüße und einen schönen Urlaub wünscht dir
    Dorthe

  • Liebe Uta,
    der große Herzbube wird diesen Sommer eingeschult. Mit ihm haben wir das Glück, dass falscher Ehrgeiz keinen Platz haben kann. Als Autist handelt er Bedürfnis-orientiert, Leistungsgedanken können da bei uns nicht auftreten. Wir freuen uns über jeden Fortschritt (er macht tolle gerade!) und hoffen, dass wir Glück mit den Menschen in der Schule haben werden. Die ersten Kontakte waren vielversprechend, schon im Vorfeld hat der Herzbube die Möglichkeit, die Schule und Lehrer kennen zu lernen, er bekommt schon vor den Ferien Fotos von Räumen und Lehrern, es werden schon Geräte für ihn gesammelt. Über sein Spezialinterese soll der Zugang zum Lernen geschaffen werden. Das sind Dinge, die in unserem Fall zählen und mich hoffen lassen.
    Ich denke, ich wäre sonst weniger entspannt, ich vergleiche mich leider zu oft mit anderen Müttern.
    Ich war in der Schule und im Studium immer gut und musste mich kaum dafür anstrengen. Meine Eltern haben uns nie kontrolliert und darauf vertraut, dass wir unseren Weg gehen. Das möchte ich auch schaffen. Allerdings möchte ich den Herzbuben vermitteln, dass sich Anstrengung lohnt und sich auch nicht immer vermeiden lässt. Mir hätte es doch gut getan, mich mal für etwas anstrengen zu müssen.
    Liebe Grüße,
    Frieda

  • Liebe Uta,
    wie hast Du das erahnt…? Genau am richtigen Tag zur richtigen Zeit, als ich wieder *Haare Rauf* am Schreibtisch meines „Kleinen“ stand und mich dabei erwischte, wie der Ton – mein Ton lauter, genervter und – völlig nutzlos – anklagend wurde. Das tägliche Drama Hausaufgaben. Wie locker soll/kann ich lassen, wie viel Eigenverantwortung ist einem 12Jährigen zuzuschreiben? Insbesondere, wenn ich beobachte, dass der Einsatz nicht reichen wird? Das MEHR Einsatz gezeigt wird, wenn es darum geht, das Laptop/ den IPOd oder ähnliches elektronisches Spielzeug über die vereinbarte Zeit hinaus zu nutzen (oder danach heimlich irgendwo herzuholen).
    Immer wieder frage ich mich, ob ich einfach mal laufen lasse. Meist frage ich mich das, wenn ich selber total überlastet bin und keine Energie für (sinnvolle) Unterstützung oder Diskussionen habe.
    Ja, Du beschreibst es sehr gut: wenn ich eigenständiges Lernverhalten sehen würde. Danke für den Tipp – dieses Gespräch werde ich mit ihm führen und meine Erwartung formulieren. Hast Du vielleicht Tipps, wie man es schafft, das Vereinbarungen zu Nutzungszeiten (siehe oben) eingehalten werden?
    Herzliche Grüße,
    Susanne

    • Bin bisschen spät dran mit meinem Kommentar, aber trotzdem: Man kann bei unserem Mac, sicher auch bei anderen Computern, beim Benutzer eine Nutzungsdauer einrichten. Beim Benutzer meiner Tochter sind 1h eingerichtet. Danach kann sie sich erst am nächsten Tag wieder einloggen. Der Vorteil am eigenen Benutzer ist auch, dass man dort die Kindersicherung einrichten kann. Und andere Gerät kann man doch einfach einziehen. Eine Stunden und danach kommt das Ding weg. Wenn das dann nicht mit dem Vertrauen klappt und es heimlich geholt wird muss man es halt wegschliessen.

  • Liebe Uta!
    Bei uns ist es wie bei Raumfee. Wir treffen gemeinsame Absprachen zu Medienzeit und dazu, dass zuerst Hausaufgaben werledigt werden – wir Eltern halten uns daran, das Kind (9 J./3. Klasse) nicht.
    Das sitzt 3 Stunden (!) freiwillig aber komplett unkonzentriert über 1 Seite Mathe und rechnet dann viel falsch und schludert alles so hin, dass es kaum lesbar ist. Es nochmal machen? Im Leben nicht! Toben und Wüten. Also hoffen, dass die Lehrerin das klärt. Dabei soll ich gelassen und ruhig bleiben? Naja. Ich probiere es. Aber Sorgen mache ich mir doch. Liebe Grüße
    nach Südtirol 😉 von Steff

  • Für alle zum Mutmachen:
    Mein Kind kassierte auf dem Gymnasium überwiegend Fünfer. Das lässt jeden verzweifeln. Also wechselte es in der Siebten auf die Realschule. Die ersten zwei Noten nach drei Tagen Anwesenheit waren wieder Fünfer. Ich war entsetzt. Kind meinte: „Das wird besser.“ Ich: „Beweise es mir.“ Drei Jahre später machte mein Kind einen guten Abschluss, ging weiter zu Schule und machte sein Fachabitur und studiert heute mit Begeisterung.
    Ach ja, wegen Englisch:
    Während ich das gut kann, stopselte Kind herum. Ich vertraute darauf, dass das Kind irgendwann mal kapierte, wie wichtig diese Fremdsprache ist. Im Abschlussjahr setzte ich mich vor einen Film und wunderte mich. Kind hatte den englischen Originalton laufen. Begründung: „Ist viel besser. Ich erkennen die Feinheiten.“ Seitdem ist sein Englisch besser als meins.

  • Bin bisschen spät dran mit meinem Kommentar, aber trotzdem: Man kann bei unserem Mac, sicher auch bei anderen Computern, beim Benutzer eine Nutzungsdauer einrichten. Beim Benutzer meiner Tochter sind 1h eingerichtet. Danach kann sie sich erst am nächsten Tag wieder einloggen. Der Vorteil am eigenen Benutzer ist auch, dass man dort die Kindersicherung einrichten kann. Und andere Gerät kann man doch einfach einziehen. Eine Stunden und danach kommt das Ding weg. Wenn das dann nicht mit dem Vertrauen klappt und es heimlich geholt wird muss man es halt wegschliessen.

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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