Gefühlsstarke Kinder 

 07/02/2019

Was kannst du mitnehmen aus dem Buch „So viel Freude, so viel Wut“ von Nora Imlau … und was nicht?

Ich habe Nora Imlaus Buch gelesen, weil ich eine Mama mit einem gefühlsstarken Kind im Coaching habe. Vorher habe ich gedacht: Ach, das ist so eine Mode-Erscheinung. Wieder hat man eine Problem-Schublade gefunden, in die man ein Kind stecken kann! „Gefühlsstark“ – ein neuer Stempel mit einem beschönigendem Wort für Nervensäge, aber eben doch ein Stempel.
Nachdem das Buch mich zwischen Sich-Empören und Berührt-Sein hin und her geworfen hat, möchte ich aufschreiben, was ich daraus hilfreich finde und was ich für einen Irrweg halte:

  • Nora Imlau schreibt: „Gefühlsstärke ist keine Eigenschaft, die herbeigeführt oder verhindert werden kann – sondern ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal.“ (Seite 44). Die Behauptung finde ich gewagt. Sie stützt sie auf eine Veröffentlichung des US-amerikanischen Persönlichkeitsforschers Jerome Kagan, der bei der Beobachtung von Babys festgestellt hat, dass etwa 40 Prozent eher ruhig, 40 Prozent eher lebhaft und 20 Prozent vom Temperament her „hoch reaktiv“ seien. Diese Quelle stammt von 1989. Ausführliche aktuelle Forschungen scheint es dazu nicht zu geben, sonst hätte Imlau sie sicher genannt.
  • Auch dass die Amygdala, eine Art Gefahrendetektor im Gehirn, bei diesen Kindern tatsächlich eine stärkere Verbindung zum Stresszentrum in der rechten Gehirnhälfte hat oder nicht, ist – wie sie schreibt (Seite 53) – nur eine Vermutung Kagans. Mit einem Kapitel über und einer Zeichnung vom Gehirn wird aber suggeriert, wir hätten es hier mit einem organischen Merkmal zu tun. Für die weitere Argumentation finde ich das problematisch, weil es für unser Verhalten als Eltern oder Pädagogen eine wichtige Rolle spielt, ob es nun angeboren ist oder nicht und in welchem Maße die Umwelt einen Einfluss darauf hat.
  • Dass Kinder mit unterschiedlichen Temperamenten auf die Welt kommen, ist eine Binsenwahrheit. Dass eine Hypersensiblität mit extremen Ausbrüchen angeboren ist, ist für mich – gerade nach der Lektüre von „So viel Freude, so viel Wut“ – eine These, die weiter geprüft werden müsste.
  • Für mich stellt sich eine weitere Frage: Erleben diese Kinder Gefühle wirklich intensiver oder haben sie vor allem den Drang, sie intensiver auszuleben? Unterstellen wir damit den stillen Kindern nicht, weniger intensive Gefühle zu haben?
  • Diese Gefahr besteht, meiner Ansicht nach. Aber beschäftigen wir uns weiter mit den Kindern, die intensive Gefühle haben und auch ausleben. Stärker als der – etwas dünn ausgefallene –  wissenschaftliche Nachweis fällt für mich ins Gewicht, dass die Autorin selbst ein so temperamentvolles und hoch-sensibles Kind hat und sie glaubhaft schildern kann, wie erleichtert sie war, als sie erstmals in US-amerikanischer Literatur von „spirited children“ gelesen hat. Auch die Mama in meinem Coaching schildert überzeugend ein Kind, das die Familie an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bringt, während die kleine Schwester sich als sehr „pflegeleicht“ zeigt.
  • Es gibt offensichtlich Kinder, die für das Leben ihrer Eltern und Geschwister wie ein aktiver Vulkan mit regelmäßigen Ausbrüchen sind. Imlau schreibt, dass etwa jedes siebte bis zehnte Baby als gefühlsstarkes Kind auf die Welt käme. (Seite 267) Ich habe zwar nicht verstanden, wie sich das ermitteln lässt, aber siehe oben: es gibt diese Kinder, und ihre Familien brauchen Hilfe.
  • Hier eine Beschreibung, die gut zusammenfasst, was typisch zu sein scheint:

Durch ihre rasche Auffassungsgabe, ihre philosophische Ader und ihren immensen Gerechtigkeitssinn wirken sie einerseits oft älter und reifer als Gleichaltrige – ihre emotionalen Ausbrüche und ihre Schwierigkeiten damit, überbordende Gefühle angemessen zu kanalisieren, lassen sie gleichzeitig … jünger und kleinkindhafter wirken. (Seite 254)

  • Imlau vertritt die These, dass es solche Kinder auch früher schon gegen hätte. Ihr Temperament sei nur durch rigide Erziehung früherer Zeiten unterdrückt worden. Und heute würden diese Kinder plötzlich mehr und mehr in Erscheinung treten, weil die Eltern heute verständnisvoller seien und sie nicht mehr deckelten. Das könnte stimmen. Möglich wäre aber auch, dass kleine Menschen durch die unglaubliche Multi-Optionalität heute, durch das Feuerwerk an Reizen, dem sie ausgesetzt sind, und durch fehlenden Halt und Führung durch ihre Eltern völlig „am Rad drehen“. Ich halte beides für möglich. Wie so oft, wird die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegen: zum Glück mehr Freiheit heute und mehr Integrität, manchmal aber auch überfordernd wenig Sicherheit durch Grenzen.
  • Wie auch immer – die Familien mit so einem Vulkan in ihrer Mitte brauchen Unterstützung. Findet ihr die in „So viel Freude, so viel Wut“? – Ich finde ja. Die erste und nicht zu unterschätzende Hilfe wird sein zu lesen, dass ich als Mama und Papa nicht allein bin mit so einem fordernden Kind, dass auch in anderen Wohnungen die Zimmerdecke vibriert, weil der Nachwuchs angesichts der falschen Strumpfhose auf dem Kleiderstuhl einen Tobsuchtsanfall bekommt, dass der Teller mit Rosenkohl quer über den Tisch fliegt, weil der kleine Vulkan die grünen Kugeln auf den Tod nicht riechen kann. Eltern leben heute so vereinzelt. Schnell kommt das Gefühl auf, man sei die unfähigste Mama auf diesem Planeten und alle anderen sind munter unterwegs in ihrem Bausparkassen-Leben. Insofern macht das Buch Mut, sich den heftigen Gefühlen gelassener zu stellen und die Ausbrüche nicht allein auf Erziehungsfehler zu schieben.
  • Wichtig finde ich den Punkt „Re-Framing“: Imlau erklärt, dass es in der Psychotherapie bedeute, etwas neu einzurahmen. „Die Grundidee dabei ist, eine bestimmte, in unserem Denken und Fühlen fest verankerte Sichtweise … aus dem angestammten Rahmen zu nehmen und aus einem anderen Blickwinkel … zu betrachten.“ (Seite 23) Diese Idee ist auch ein Grundelement meines Coachings, davon weg zu kommen, das Kind und sein Verhalten nur als problematisch und schwierig wahrzunehmen, sondern den Blick auf seine Stärken zu richten. Meine wichtigste Frage: „Wofür bin ich diesem Kind dankbar, dass es in unsere Familie gekommen ist?“ Besonders bei sehr temperamentvollen Kindern ist es wichtig, nicht unterzugehen in diesem Strudel von Anstrengungen und Schwierigkeiten. Und da ist ein neues „Mindset“ ein guter Start, um das Familienleben auf eine andere Spur zu bringen. „Ja, ich habe ein temperamentvolles und empfindsames Kind. Das darf und soll im Moment wohl so sein! Und es wird seine guten Gründe haben, dass es genau bei uns gelandet ist und dieses Verhalten zeigt.“
  • In der Situation hilft dem kleinen Vulkan besonders, was allen Kindern gut tut: Rituale, wenig Termine, Zeit für freies Spiel, ein Kinderzimmer mit wenigen Spielsachen, ihre Gefühle ernst nehmen und spiegeln, viel Körperkontakt zu den Eltern, viel Kuscheln, Massage, Streicheln, Rangeln, Raufen, … einen Plan aufstellen und besprechen vor aufregenden Unternehmungen, und durch Vorlesen und Anschauen von Bilderbüchern auf neue Situationen vorbereiten … viel Bewegung, viel draußen sein … Gefühle ausdrücken können durch Schreiben, Malen, Singen, Tanzen, Theater spielen (solche und ähnliche Anregungen finden sich hauptsächlich in Kapitel 4)
Kein Vulkanausbruch in Sicht, aber das einzige Theaterbild auf meinem Rechner, auf dem die Kinder nicht zu erkennen sind.
  • Das ganze Buch durchzieht ein spürbarer Zwiespalt. Nora Imlau will kein neues Label erschaffen, tut es aber natürlich. Da hilft es auch nicht, es alle paar Seiten abzustreiten. Wenn ich eine Besonderheit beschreibe, sogar ihre vermeintliche Grundlage in der Hirn-Struktur benenne, wenn ich Listen mit Erkennungs-Merkmalen für dieses Phänomen veröffentliche, kommt am Ende ein Label dabei heraus. Das räumt sie am Ende auch ein: „Wenn wir Eltern schon nicht vermeiden können, dass andere Menschen unsere Kinder zumindest zeitweise in bestimmte Schubladen zu stecken, sorgen wir also zumindest dafür, dass es die richtige Schublade ist – die, auf der ‚gefühlsstark‘ steht.“ (Seite 245/246)
  • Wir haben also ein neues Label, das Label „gefühlsstarkes Kind“. Warum nicht? Ein Label ist hilfreich. Es verschafft den Eltern Klarheit. Es ist wie die Diagnose für einen Kranken mit unspezifischen Beschwerden. Sie bringt ihm endlich Gewissheit und Hoffnung. So ein Label gibt einem das Signal: Du bist nicht alleine. Andere haben auch so ein Kind. Und: Du bist nicht Schuld daran. Es gibt vermeintlich eine Ursache im Inneren des Kindes. Angeboren. Alles klar! Der Zwiespalt der Autorin mit dem Label rührt aber wahrscheinlich daher, dass sie auch um die negativen Seiten einer solchen Etikettierung weiß. So ein Schild kann das Kind festschreiben auf ein Verhalten, sogar auf eine Persönlichkeit. Sie kann wirken – auch das schreibt Nora Imlau selbst – wie eine „self fulfilling prophecy“, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Im Unterbewusstsein des Kindes kann sich folgende Einsicht breitmachen: „Meine Eltern sehen ihn mir einen empfindsamen Menschen, dem man alle Schwierigkeiten besser aus dem Weg räumt. Dann will ich sie mal nicht enttäuschen und kooperiere mit dieser Erwartung.“
  • Vor diesem Hintergrund fehlt mir ein Aspekt in dem Bestseller über gefühlsstarke Kinder: Wenn mein Kind so empfindsam ist, dass es gestresst ist von dem engen Pullover oder dem Geruch von Blumenkohl, wenn es so sensibel ist, dass es Mamas gut versteckte Traurigkeit oder das Unglück eines anderen Menschen unmittelbarer spürt als andere Kinder, spürt es dann nicht auch in aller Deutlichkeit, welches Bild seine Eltern von ihm haben? Und wird es nicht vielleicht noch stärker auf die Signale seiner wichtigsten Bindungspersonen reagieren als andere Kinder?
  • Das Buch enthält einige Schilderungen von Eltern gefühlsstarker Kinder. Hier kommt das aus meiner Sicht am wenigsten hilfreiche Beispiel: Die sechsjährige Tamara ist zu einem Kindergeburtstag eingeladen. Den Eltern schwant großes Unheil. Ihre empfindsame Tochter wird, da sind sie sich sicher, stark gestresst sein von den Wettspielen, bei denen es kleine Preise zu gewinnen gibt, sie wird neidisch sein auf all die coolen Geschenke, die das Geburtstagskind bekommen wird, und die Überzuckerung von all den Süßigkeiten wird ihr Übriges tun. Bei den letzten Partys mussten sie ihr völlig überreiztes Kind schon vorher abholen, weil all die Aufregung für Tamara nur schwer auszuhalten war. Der Vorschlag für die Familie aus dem Buch: Bei den Eltern des Geburtstagskindes vorher anrufen, erfahren, wie die Feier geplant ist, welche Preise es zu gewinnen gibt, sie über die Sensibilität von Tamara ins Bild setzen, besprechen, dass sie sich bei Bedarf in einen ruhigen Raum zurückziehen darf, die kleinen Preise ebenfalls kaufen, so dass Tamara nicht traurig sein muss, wenn sie nichts gewinnt. Das Kind die Geschenke, auf die es so neidisch ist, aufschreiben oder zeichnen lassen, damit es sie sich bei nächster Gelegenheit schenken lassen kann. … So hilfreich und besonnen ich manchen Tipp von Nora Imlau finde – auf den Seiten 197 bis 200 habe ich mich gefragt, ob sie das ernst meinen kann. Haben diese Eltern so wenig Zutrauen in ihr Kind, dass sie generalstabsmäßig dieses Ausgleichs-Szenario erschaffen müssen? Welche Signale bekommt gerade ein sensibles Kind so überdeutlich mit auf seinen Weg? Wie schwer muss das Leben sein, wenn schon ein Kindergeburtstag meine Eltern so in Alarmbereitschaft versetzt!? Mich erschüttert, für wie schwach diese Eltern ihr Kind halten. Wie anders wäre es für dieses Mädchen, wenn Papa es zu der Feier bringt, voller Zutrauen in seine Tochter, sie zum Abschied in den Arm nimmt und ihr zuflüstert „Ich wünsche dir viel Spaß! Bis nachher.“ Und wenn es doof ist, holt er sie früher ab und sie machen sich einen schönen Rest-Nachmittag. So what! Andere Eltern werden bald weniger aufreibende Kindergeburtstage veranstalten. Wir freuen uns einfach auf den nächsten.
  • Umso hilfreicher finde ich dagegen die Schilderung einer Mama auf den Seiten 286 und 287. Das ist für mich ein funktionierendes Beispiel: „Unser ganzes Familienleben kreiste nur noch um unsere achtjährige Tochter Lilli.“ Aus Angst vor ihren Wutausbrüchen gab es keinen Blumenkohl mehr, weil sie den Geruch nicht ertrug, die Eltern gingen nicht mehr aus, weil Lilli wegen des Babysitters ausrastete, das ganze Leben der Familie wurde nach den Empfindlichkeiten von Lilli ausgerichtet. Schließlich holten sich die völlig entnervten Eltern Hilfe bei einer Beraterin mit einer Ausbildung nach Jesper Juul. Diese half den Eltern, für ihre persönlichen Grenzen einzustehen. Auf gemeinsame Mahlzeiten mit Lilli wurde nun bestanden, genauso darauf, dass Lilli ihre Schulaufgaben nun wieder selbst machte (das hatten wegen der drohenden Wutausbrüche die Eltern übernommen). Die Mutter schreibt: „… wir hatten durch die Familienberatung eine neue Klarheit gefunden, mit der wir unsere Position vertreten konnten, …“ Zunächst wehrte sich Lilli heftig gegen die neuen Regeln, nach drei Wochen aber bemerkte die Familie eine deutliche Veränderung. „Lilli wirkte nicht mehr so gestresst und getrieben, sondern ruhte mehr in sich selbst.“ (Seite 287)
  • Diesen zuletzt beschriebenen Weg finde ich hilfreich: Verständnis haben für das gefühlsstarke Kind und ihm Raum geben und als Eltern klar für seine eigenen Grenzen einstehen. „Ich liebe dich und du bleibst am Tisch setzen, solange du deine Nudeln isst!“
  • Darüber hinaus würde ich mich in einer solchen Situation fragen: Wozu habe ich ein solches Kind? Welche Botschaft liegt für mich darin? Welche Ängste und Einstellungen zum Leben, die ich selber habe, spiegelt mein Kind? Familie wird heute durch fast alle pädagogischen Richtungen hindurch als System betrachtet, eine Sichtweise, die Imlau streckenweise ausblendet. Dass Kinder mit unterschiedlichen Temperamenten auf die Welt kommen – geschenkt! Aber dass Eltern gar nichts mit dem Verhalten ihres Kindes zu tun haben, ist ausgeschlossen. Kinder kooperieren.
  • Bitte! Lest das nicht als Frage von Schuld, sondern als Chance, jetzt und in Zukunft etwas nachhaltig zu verändern! Was kann ich für meine Weiterentwicklung tun? Was kann ich tun, um meinem Kind die Last zu nehmen, mich und unsere Familie durch sein Verhalten auf nötige Veränderungen hinzuweisen? Das geht sehr in die Tiefe. Aber das ist der Weg, um mein Kind nicht sitzen zu lassen in der Schublade mit dem Schild „gefühlsstark“, „anstrengend“ oder „schwierig“.

Kurz und knackig:

  • dass dieses Merkmal angeboren ist, wird zu wenig belegt
  • Buch, in dem Eltern mit einem gefühlsstarken Kind ihren Sohn oder ihre Tochter ausführlich beschrieben finden
  • es hilft, dieses temperamentvolle Sensibelchen leichter anzunehmen, wie es ist
  • zeigt Wege auf, die bei allen Kindern helfen, aber bei diesen besonders
  • Rituale pflegen, Zeit und Raum für Rückzug bieten, wenig Termine, Möglichkeiten zum Ausdruck (schreiben, malen, basteln, tanzen, toben), Körperkontakt, Gefühle ernst nehmen, besondere Ereignisse planen und besprechen
  • meine Bedenken: Label kann Kinder auf eine Rolle festschreiben, gerade die Sensiblen kooperieren besonders mit der Sorge ihrer Eltern, es liegt wenig Zutrauen darin, wenn ich mir als Mama oder Papa eine solche Etikettierung des Kindes zu sehr zu eigen mache
  • Eltern können sich total verausgaben – das schreibt auch Imlau- , wenn sie sich darauf einlassen, auf jede Empfindlichkeit ihres Kindes Rücksicht zu nehmen
  • Bei allem Verständnis für die Besonderheit meines Kindes immer auf die eigenen Grenzen achten und klar für sie einstehen.
  • Das gibt allen Halt.
  • Sich die Frage stellen: Kann mir das Verhalten meines Kindes einen Hinweis geben, wie unsere Familie sich weiterentwickeln kann?

Immer fröhlich bleiben … auch bei so viel Lesestoff!
Eure Uta
PS: Ich danke dem Kösel-Verlag für das Rezensions-Exemplar!
Unbezahlte Werbung.

  • Hallo Uta 🙂
    Das ist ja ein ganz schön tiefes Thema. Kannst du ein Beispiel dafür nennen, dass das Verhalten meines Kindes ein Hinweis darauf ist, etwas in der Familie zu verändern? Vielen Dank für die ausführliche Besprechung !!! Lg, Dana

    • Danke für deine Frage, Dana! Bei uns war es zum Beispiel so, dass der Kronprinz in seiner Grundschulzeit sehr aggressiv mir gegenüber sein konnte und auch den einen oder anderen Tick entwickelte. Weil ich mir daraus keinen Reim machen konnte und auf der oberflächlichen Ebene (Erziehungs-Tipps) nichts half, habe ich ein Coaching-Seminar zu meiner eigenen Weiterentwicklung besucht. So richtig erklären kann ich es dir nicht. Aber einige Wochen nach dem Seminar stellten mein Mann und ich fest, dass sich sein problematisches Verhalten nach und nach ausgeschlichen hatte, offenbar weil er meine Veränderung spürte. LG Uta

  • Liebe Uta,
    ich habe mir vor einiger Zeit, kurz bevor das Buch von Nora Imlau herauskam, den Schinken „Wie anstrengende Kinder zu großartigen Erwachsenen werden“ gekauft.
    Darin werden die Eltern bestärkt, ihren Kindern angemessene Labels zu verpassen (also ihre Stärken zu sehen) und für ihre Grenzen einzustehen und gleichzeitig auf ihre Kinder einzugehen und sie darin zu unterstützen, ihre Gefühle wahrzunehmen und angemessene Verhaltensweisen einzuüben.
    Dabei werden auch die Erwachsenen aufgefordert über ihr eigenes Temperament und ihre eigenen Kraftquellen bewusst zu werden.
    Ich muss zugeben, von den 580 Seiten habe ich gerade mal die Hälfte gelesen. Es stecken viele Beispiele und viele Informationen in dem Buch. Und irgendwann musste ich es weglegen, um das sacken zu lassen :-))
    Wenn es dich als Vergleich oder weitere Informationsquelle fürs Coaching interessiert, leihe ich es dir gerne aus, möchte aber gerne auch noch den zweiten Teil lesen.
    Viele Grüße,
    Marie

    • Liebe Marie, das klingt interessant. Wenn ich Bücher lese, schreibe ich immer ganz viel hinein. Deshalb ist eine Leihgabe niemandem zuzumuten. Ich danke dir aber herzlich für dein großzügiges Angebot. Der Titel kommt sofort auf meine Leseliste. Liebe Grüße, Uta

  • Hallo Marie,
    Hallo Uta,
    auch ich lese den „Schinken“ aktuell quer und werde mir danach Kapitel für Kapitel rausschreiben was ich umsetzen möchte. Super dass du, liebe Uta, dieses Buch auf deine Liste nimmst, deine Meinung dazu würde mich sehr interessieren :))
    Liebe Grüße, Annette

  • Liebe Uta,
    Danke für deine kritische Auseinandersetzung mit diesem Buch. Ich selbst habe es noch nicht gelesen, aber in den Beschreibungen dieser gefühlsstarken Kinder entdecke ich sehr stark meine große Tochter wieder. Auf deine Frage, ob diese Kinder, wenn sie doch so sensibel seien, denn nicht auch mitkriegen würden, dass sie ihren Eltern mit dem „Ausrasten“ eine große Last auferlegen würden („…Und wird es nicht vielleicht noch stärker auf die Signale seiner wichtigsten Bindungspersonen reagieren als andere Kinder?“), möchte ich dir schreiben, wie es bei uns ist.
    Die Räubertochter spürt tatsächlich mit sehr feinen Antennen, wenn jemand anderes in (seelischer) Not ist. Sie ergreift dann energisch Partei für den Schwächeren oder versucht selbst (unter enormem Kraftaufwand und weit über das hinaus, was einem Kind in ihrem Alter abzuverlangen wäre) die Situation zu puffern. Sie übernimmt dann die Rolle eines Erwachsenen.
    Und dann gibt es die Momente, wo sie wegen Dingen wie einer Naht in einer Socke oder dem steifen Gefühl und dem ungewohnten Sitz einer frisch gewaschenen Leggings (Leggings! nichtmal Jeans!) die Fassung verliert. Das passiert nur im Kreis der engsten Vertrauten. Und nein, dann hat sie keine Antennen mehr für das, was sich „draußen“ abspielt und dass es mich manchmal gleich mit an den Rand der Fassung bringt (Apfel und Stamm und so..). Uns und ihr hilft in dieser Situation nichts anderes als auszuhalten, bis der Sturm vorüber ist. Seit sie sechs ist, sind diese Situationen deutlich weniger und die Ausbrüche auch schwächer geworden. Was uns und ihr hilft, ist ihr die Ruhe und Nähe zu geben, die sie braucht. Und sie „machen zu lassen“. Ihr zu vermitteln, dass wir ihre Gefühle verstehen und respektieren. Und ihr zu ermöglichen, so gut es geht, ihren Bedürfnissen nachzukommen. Und wenn sie dann immer die gleichen beiden Leggings im Wechsel trägt und Socken nur aller 3 Tage wechselt, dann ist es eben so. Manchmal braucht sie es, dann darf sie das so machen. Immer öfter braucht sie es nicht mehr und dann weiß sie auch von selbst, wie es „eigentlich richtig“ wäre, macht es von sich aus so und zeigt es uns stolz.

  • Liebe Kristin, danke für deinen Erfahrungsbericht! Wie schön, dass ihr einen Weg gefunden habt, mit dieser Empfindsamkeit umzugehen.
    Du schreibst, ich hätte gefragt: „…wenn diese Kinder doch so sensibel seien, ob sie denn nicht auch mitkriegen würden, dass sie ihren Eltern mit dem „Ausrasten“ eine große Last auferlegen würden…“ Ich meine weniger, dass sie die Belastung mitkriegen, als dass sie spüren, wie sehr sich ihre Eltern vielleicht eingerichtet haben in dieser Haltung und Erwartung, dass alles immer schwierig ist mit diesem Kind, dass sie mit dieser Erwartung kooperieren und sich das Verhalten noch verstärkt. Re-Framing – wie Imlau – schreibt und Coaching ist eine Chance, aus solchen nicht-funktionierenden Mustern herauszukommen.
    Danke fürs Schreiben!
    Herzliche Grüße, Uta

  • Hallo Uta!
    Vielen Dank für diesen fundierten und spannenden Artikel!
    Auch ich habe das Buch noch nicht gelesen, erkenne aber in den Beschreibungen meine Tochter (7 Jahre) sehr gut wieder. Auch bei uns Zusammenbrüche wegen Krümel im Socken, komischem Geruch an der Zahnbürste und schon als Baby Verzweiflung ob der vielen Blätter, die ein Baum hat… Aber auch das super Empathische (viele Bücher gehen nicht zum Vorlesen, weil sie zu „schade“ sind) und das Poetische („Mama der Mond ist mein Freund“). Oft habe ich das Gefühl sie kann meine Gedanken hören…
    Mittlerweile habe ich verstanden wie sehr sie spiegelt und zu Weiterentwicklung anregt.
    Ich bin ihr sehr dankbar, dass ich durch sie so viel über mich lernen kann. Ich hoffe ich werde es schaffen ihr durch meine eigene innere Weiterentwicklung einen Teil der „Last“ des Spiegeln abzunehmen und sie so freier sein zu lassen. Ich stecke da irgendwie im Erkenntnis Prozess und danke auch dir für die Anstöße durch Artikel und Literatur Empfehlungen (The Work, Auf der Suche nach dem verlorenen Glück).
    LG JuSt

    • „(Viele Bücher gehen nicht zum Vorlesen, weil sie zu „schade“ sind)“ -das ist ja berührend. Hat sie Sorge, man könne sie leerlesen? Oder geht es um die schönen glatten Seiten, wie sie noch leicht aneinander kleben und nach Druckerei duften? Du merkst, ich kann es nachvollziehen. Danke für deine Zeilen! LG Uta

      • Liebe Uta,
        Ja so könnt ich es auch nachvollziehen.
        Aber ihr geht es darum, dass Inhalte berührend sind, so sehr ans Herz gehen, dass sie es nicht aushält (z. B. Kleines Tierkind verliert seine Mama… Oder Lotta zieht um, sie verlässt ja ihre Familie, das ist zu „schade“).
        Ich kann das emotional sehr gut nachempfinden wenn einem etwas so nahe geht.

  • Ich schätze Ihre Artikel auf dem Blog sehr, aber hier muss ich mal „protestieren“.
    Ich habe das Buch nicht gelesen (sondern bin über dem „Wie anstrengende Kinder zu großartigen Erwachsenen werden“), ABER erkenne meinen großen Sohn auch sehr darin wieder.
    Ich finde es sehr schwierig, „schon wieder“ zu lesen, dass man ja im Wesentlichen als Eltern daran Schuld ist (so kommt es mir in Ihrem Artikel leider rüber), wenn das Kind SO ist.
    Aber für mich war es eine Offenbarung, dass es solche „speziellen“ Kinder eben gibt. Sicher kann man manches als Eltern noch (unbewusst) verstärken und da möchte ich mich nicht ausnehmen, insbesondere da der Große das erste von drei Kindern ist und er natürlich unser „Versuchskarnickel“ ist.
    Und trotzdem ist er gefühlsstark, wahrscheinlich hochsensibel und eben „spirited“. Sein kleiner Bruder ist sooo anders, dass mir da erst einmal die Augen aufgegangen sind.
    Also bitte bitte nicht dieses Thema so abwerten und letztendlich das Verhalten der Eltern als einzigen Schlüssel suchen und finden, wenn man „SO ein Kind“ nicht selbst hatte. Denn dann kann man einfach nicht „mitreden“
    Danke!

  • Liebe Uta,
    ich sehe es ähnlich wie Samoe. Auch ich habe beim Lesen des Artikels den Eindruck bekommen, dass Imlaus Buch aus deiner Sicht den „betroffenen“ Familien eine gewisse Hilfestellung leisten kann, insgesamt aber zu viele Schwachstellen aufweist. Als Bildungswissenschaftlerin und Physiotherapeutin, die langjährig in den Fachbereichen Neurologie und Pädiatrie gearbeitet hat, schätze ich kritische Betrachtungen wie deine. Mit einigen dieser Betrachtungen habe ich jedoch Schwierigkeiten.
    „Dass Kinder mit unterschiedlichen Temperamenten auf die Welt kommen, ist eine Binsenwahrheit.“ Womit belegst du diese Aussage? Kagan hat in Langzeitstudien ausgiebige Forschungen zum Temperament von Menschen (von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter) durchgeführt und ja, diese Forschungen liegen schon einige Jahre zurück. Solange sie nicht falsifiziert wurden, gelten sie dennoch als belegt und meiner Meinung nach nicht als Binsenwahrheit.
    „Möglich wäre aber auch, dass kleine Menschen durch die unglaubliche Multi-Optionalität heute, durch das Feuerwerk an Reizen, dem sie ausgesetzt sind, und durch fehlenden Halt und Führung durch ihre Eltern völlig „am Rad drehen“. Natürlich wäre dies möglich. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass gute Führung der Eltern einen der Schlüssel zu einem funktionierenden Familienalltag darstellt, doch bin ich selbst Mutter eines Kindes, das durchaus anders ist und in die Schublade „gefühlsstark“ gesteckt werden könnte. Als Pädagogin und Therapeutin sind uns Führung, Ruhe (viel Wald und Bücher, weniger Medien und AG’s), Reflexion, gewaltfreie Kommunikation etc. in unserer Familie wichtig. Und dennoch war und ist unser Kind überaus herausfordernd im Vergleich zu ihren Kitafreunden.
    Ich glaube, dass diese „Gefühlsstärke“ nur nachvollziehbar ist, wenn man selbst ein gefühlsstarkes (oder wie auch immer man es nennen möchte) Kind hat. Mich erinnert das an Bill Sears, den Begründer des „Attachment Parenting“. Man mag davon halten, was man möchte. Interessant finde ich jedoch, dass er acht Kinder hat und bis zum vierten Kind der Meinung war wie du – also überspitzt gesagt „kann schon sein, dass Kinder unterschiedlich sind, aber wenn es nicht funktioniert, liegt es meistens an den Eltern und der fehlenden Spur, die sie vorgeben“. Dann kam sein fünftes Kind und brachte mit voller Wucht alles ins Wanken. Sein Familienleben sowie sein Denken über diese – er nennt es „High Need Babys“. Eltern dieser Kinder sind wahnsinnig erschöpft. Und das nicht, weil sie der elterlichen Führung nicht mächtig sind und „am Rad drehen“ (eine unschöne Bezeichnung von dir, wie ich finde).
    Ich finde deinen Artikel wertvoll, kritisch und größtenteils gelungen. Ich gehe nur nicht bei allem mit.
    Alles Gute dir!

  • Vollste Zustimmung an den letzten 2 Kommentaren:
    Nämlich genau wie Samoe schreibt
    > …wenn man „SO ein Kind“ nicht selbst hatte. Denn dann kann man einfach nicht „mitreden“
    Es ist wirklich eine ganz andere Klasse – und man stößt schnell auf Unverständnis bei Eltern, Berater, Pädagogen die eben nicht so ein Kind haben oder hatten. Man merkt selber auch schnell den Unterschied – schon als Baby… wie soll man denn da bereits mit Erziehung großartig Einfluss gehabt haben … mit fehlender Führung etwa?
    Und auf eine voraussichtlich überfordernde Situation das Kind vorzubereiten, wie im Beispiel des Kindergeburtstages, finde ich dennoch sinnvoll. Wo die Grenze ist (Krankenhaus, Arzt, Geburtstag etc), muss wohl jeder für sich und sein Kind rausfinden. Aber es ist oft unglaublich hilfreich für das Kind! Deswegen das Kind als schwach bezeichnen finde ich falsch. Für das Kind sind manche Situationen einfach leider extrem… auch wenn es für Außenstehende oft auf den ersten Blick unerklärlich erscheint.
    Dazu kommt natürlich der ständige Schlafmangel den diese Kinder natürlich so mitbringen ;)… der immer wieder Erholungsphasen und eine Balance im Alltag erfordert.
    Führung – ja natürlich – aber die Grenze von zu viel und zu wenig zu finden ist enorm schwierig meiner Meinung nach.

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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