Marie-Kondo-Jüngerin im glücklichen Chaos 

 24/08/2022

Wie Polly unser Leben auf den Kopf stellt

Wir haben einen Hund. Jetzt ist es raus. Erst wollte ich nicht darüber schreiben, weil ich nicht in Versuchung kommen wollte, die Arbeit mit einem Welpen mit Kinder-Erziehung zu vergleichen. Wahrscheinlich müsste ich mich dann mit bösen Kommentaren herumschlagen. Ihr habt aber so lange nichts von mir gehört, dass ihr wissen sollt, woran es liegt.

Es liegt daran, dass ich jede Stunde einen Welpen hinter unseren Rhododendron-Busch im Garten trage. Polly kaut dabei wahlweise an meinem Ohr, am Bügel meiner Brille oder rollt sich über meine Schulter, als wollte sie von oben mit einer doppelten Schraube in den Rindenmulch springen. 

Wenn sie tatsächlich auf dem vorgesehenen Platz ihr Geschäft verrichtet, hören Nachbarn eine Frau mittleren Alters, wie sie im Busch hockend in Begeisterungsstürme ausbricht. „Das hast du fein gemacht, Polly!“ Dann Tüten-Geknister, Lecker-Belohnung, nochmal „Fein Polly!“ und die erleichterte Raserei eines rot-weißen-Fellbündels, das vor lauter Freude sich weitere Male erleichtert. Nur diesmal leider auf dem Rasen. 

Wenn Polly sich freut, kennt sie kein Halten. Sie sperrt das Maul weit auf und beißt in meine Gertrude-Jekyll-Rose, schmeißt sich in die kleine Buchsbaumhecke, attackiert die Gießkanne, während ich mich in die andere Richtung bewege (Nachfolgewillen aktivieren), um sie von der völligen Zerstörung meiner Klein-Sanssouci-Ecke abzuhalten. Das klappt meistens. Mit fliegenden Ohren stöbert sie mich hinter dem Kompost-Haufen auf, schmeißt mich vor Freude in den Laubhaufen und zeigt mir ihre Liebe durch beherztes Beißen in meine Knöchel. 

Putzlappen gefaltet

Seit die Kinder aus dem Haus sind, wohnen wir in einem wohl geordneten Haushalt. Ich bin Marie-Kondo-Jüngerin der ersten Stunde. Selbst Putzlappen werden bei mir gefaltet und stehen aufrecht in Boxen. Und wenn mein Mann meinen schönen gedeckten Tisch mit einer Plastik-Flasche entehrt, kann ich schwer an mich halten. 

Mit Polly ist das schlagartig vorbei. Wenn sie schläft, lümmeln sich Herrchen und Frauchen an den Tisch. Hauptsache Nahrungsaufnahme. In den Taschen der alten Jeans, die ich im Wechsel mit meiner Schlafhose trage, finden sich Leckerli und Putenfleischstücke. Alles, was der Hund nicht haben darf, schmeißen wir auf den Wohnzimmerschrank: Gartenschuhe, Bücher, Aufladekabel … Obwohl ich täglich dusche, riechen meine Arme säuerlich nach Hundespucke. Wenn wir uns abwechseln und ich mal wieder zum Einkaufen das Haus verlassen kann, entdecke ich erst an der Käsetheke, dass mir die Hundepfeife noch um den Hals baumelt und mir Rindenmulch-Stückchen am T-Shirt kleben. 

Der Text scheint sich auf einen Satz wie „Aber wir sind so glücklich!“ hin zu bewegen. Ehe er das tut, muss ich noch diese Momente morgens um drei erwähnen, wenn ich Nacht-Dienst habe, mir die Stirnlampe auf den Kopf schnalle und Klein-Polly in die Büsche trage. Ich stiere vor Müdigkeit in das Schwarz der Nacht, während der Hund das für eine lustige Nachtwanderung hält und spielen will. Breche ich die Rhododendron-Safari ab, kann es passieren, dass sie zurück im Wohnzimmer Pippi auf dem Teppich macht und ich im Halbdunkel den Spaniel grinsen sehe.

Aber in zwei von drei Fällen klappt es schon. Wir lernen Fehlerfreundlichkeit auch in diesem neuen Kapitel unseres Lebens. Und die aufrecht stehenden Putzlappen sind mir grad völlig egal. 

Immer fröhlich sich vorstellen, wie die Eltern der Katzenklo-Familie abends selig den weichen, rosafarbenen Bauch von Polly streicheln.

Eure Uta 

PS: Wer sich fragt, was das für eine Rasse ist: ein Welsh Springer Spaniel

  • Oh wie schön … du hast euer Welpen-Eltern-Leben herrlich anschaulich beschrieben … ich sehe dich mit der Stirnlampe buchstäblich vor mir 😜🤣

  • Was für ein süßes Tierchen! (Und ich fand eigentlich schon immer, dass Hunde- und Kindererziehung garnicht so weit voneinander entfernt sind. 🙂 Schon allein wie Du eure schnelle Nahrungsaufnahme beschreibst, die Taschen voller Kram fürs Kleinchen usw. Erinnert MICH zumindest sehr an die Kleinkindzeit unserer KInder.)
    Ich freu mich, wieder von Dir zu lesen, liebe Uta und ich wünsche euch noch viele wunderschöne Zeiten mit eurer Polly!
    Liebe Grüße
    Dana

  • Zum Glück geht das Erwachsenwerden bei Hunden schneller als beim Menschen. Und es ist auch gesellschaftlich anerkannt, dass man sie mit der Leine wo anbinden kann, sehr praktisch. Ansonsten kann man die Erziehung beider Spezies vergleichen, Switchen usw. Nur dass der Hund besser nicht selbstständig wird. Und dann gibt es da noch das Buch von Karen Pryor, „Positiv bestärken-sanft erziehen“ die verblüffende Methode nicht nur für Hunde. Als ich es seinerzeit geschenkt bekam, hatte ich noch keine Hunde, aber drei Kinder. Ich nahm es mit Humor und fand dann auch, ja, es gibt Parallelen. zum Beispiel die innere Haltung, den eigenen Raum einnehmen. Das ist auch bei Hunden sehr sinnvoll.

    • Hallo Susanne, ich musste breit grinsen über deinen Satz „Und es ist auch gesellschaftlich anerkannt, dass man sie mit der Leine wo anbinden kann, sehr praktisch“. Danke für den Buch-Tipp! Ich gehe ja alles gerne durch Lektüre an. Vielleicht besorge ich mir das Buch. Und der Humor-Hinweis ist wichtig. Erschreckend, wie schnell man bei Herausforderungen verkniffen wird. VG Uta

  • Liebe Uta,
    schön wieder etwas von dir zu lesen und Polly ist ja zuckersüß, kein Wunder dass du keine Zeit mehr für etwas Anderes hast 😉
    Unser Jüngster hätte auch gern wieder einen Hund, den Hund des Opas, mit dem er aufgewachsen ist, mussten wir vor 3 Jahren einschläfern lassen. Aber er ist nun in der Ausbildung und 12 Stunden am Tag weg, das ist zuwenig Zeit für einen Hund und ich bin mit Arbeit, Haushalt, Garten und dementem Vater genug ausgelastet und kann mir im Moment nicht auch noch einen Hund vorstellen. Aber ich vermute, wenn der Jüngste wieder mehr Zeit hat, wird er sich sicher auch einen zulegen und dann werd ich Hundeoma, das erscheint mir auch erstrebenswert. Ab und zu mal Aufpassen und wenn es zu anstrengend wird, wieder abgeben :)))
    Ganz liebe Grüße und weiterhin viel Spaß mit Polly,
    Christina

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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