Nachruf auf ein Pferd 

 19/09/2016

Lieber Amon,
am Samstagmorgen hat Prinzessin (15) dich noch geritten und dich am Mittag auf die Weide gebracht, dir das Halfter abgenommen und dir wahrscheinlich einen Klaps auf die Hinterflanke gegeben. Die Sonne schien, das Gras war grün. Unterwegs glänzten frische Kastanien auf dem Feldweg.
Am Abend dann die WhatsApp. Du seist schwer verletzt auf der Weide gefunden worden, hieß es dort. Wahrscheinlich war es eine Keilerei zwischen euch Hengsten. Du wurdest unglücklich getroffen, konntest nicht mehr aufstehen und der Tierarzt sah keine andere Möglichkeit, als dich zu erlösen.
Du warst ihr Pflegepferd und ihr Freund. Ein schönes Jahr hattet ihr zusammen. Anfangs hast du sie mehrfach runter geworfen, vom Buckeln war die Rede. Ich dachte, das ist hier doch kein Rodeo, und begegnete dir mit Skepsis. Schreckhaft warst du, auf der Koppel ein Macker, aber wenn in der Halle ein Heuballen umfiel, hast du gleich die Flucht ergriffen.
 
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Wenn ich Prinzessin zum Stall brachte und sie den Sattel holte, hielt ich Zwiesprache mit dir. Auf sie aufpassen solltest du und keine Mätzchen machen. „Haben wir uns verstanden?“ Haben wir. Sie ist immer heil vom Reiten nach Hause gekommen. Dafür möchte ich dir danken.
Frech warst du, protestiertest manchmal, wenn sie dich von der Weide holen wollte, spieltest Fangen mit ihr, liefst einmal rechts um den Wassertrog, dann wieder links. Ich lehnte am Auto und mir war, als sähe ich dich grinsen.
Aber du hast auch erkannt, was für einen Menschen du da durch die Gegend getragen hast, jemand, der lange mit dem Fahrrad fuhr, nur um mit dir spazieren zu gehen und dein Vertrauen zu gewinnen, jemand, der sich nicht so leicht beeindrucken ließ von deinem Dickkopf, eine Prinzessin, die sich den Staub von den Kleidern klopft und gleich wieder aufsitzt. In den letzten Wochen klappte es immer besser mit euch beiden. Ihr zuliebe gabst du das Dressurpferd.
Ich möchte dir danken für die Lektionen, die du ihr erteilt hast. Du hast sie gelehrt, sich durchzusetzen gegen ein Kaliber wie dich. Du hast sie gelehrt, dass Vertrauen langsam wächst und man Geduld haben muss. Danke für die Ausritte über die Felder und den Wald, danke für deine Umsicht, wenn es über Stöcke und Steine ging, danke für den schönen Sommer, den ihr zusammen hattet.
 
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Zum Gedenken an dich lässt der Besitzer deine Box noch ein Weilchen leer stehen. An der Boxentür hängt ein Foto von dir zusammen mit Prinzessin. Sie trauert um dich, aber – du kennst sie ja – sie ist nicht untröstlich. Du aber galoppierst jetzt über eine andere Weide. Du bist abgetreten, um Platz zu machen für etwas Neues, für neue Lektionen mit einem anderen Pferd. Auch dafür danke ich dir und werde dich und deine Mätzchen in fröhlicher Erinnerung halten.
Uta
 

  • Da können wir Prinzessin gut verstehen. Die Reitbeteiligung meiner Tochter hatte sich im letzten Sommer auf der Koppel das Bein gebrochen und musste eingeschläfert werden. Dann durfte sie das Pferd der Reitlehrerin reiten – doch ein halbes Jahr später hat es trotz OP eine Kolik nicht überlebt. Das sind schwere Zeiten und als Mutti leidet man mit…
    liebe Grüße von Petra

  • Seufzt, Erinnerungen kommen hoch: ich war 15 als mein allerliebstes Pflegepferd Janosch starb! Das ist jetzt schon 22 Jahre her, aber die Trauer deiner Prinzessin kann ich immer noch nachfühlen! Herzliches Beileid!

  • Oh, das tut mir leid für die Prinzessin.
    Ich hatte auch ein Pferd, 30 Jahre lang. Als ich ihn bekommen hab, war ich 14, er 4.
    30 Jahre haben wir zusammen erlebt, und ich hab immer gesagt, auf 4 Beinen verlässt er unseren Hof nicht. Wenn es nach den Tierärzten gegangen wäre, hätte ich ihn schon 10 Jahre früher einschläfern lassen. Aber er hat sich berappelt und noch 10 tolle Jahre gehabt. Auf einer Wiese mit Offenstall und 1 Hektar Fläche. Zusammen mit Schafen, Enten, Hühnern, einer Katze, einem Hund und vielen Menschen.
    Vor zwei Jahren konnte er plötzlich morgens nicht mehr aufstehen, ich holte den Tierarzt und dann hab ich ihn einschläfern lassen, an einem Freitag den 13. In meinen Armen, und es war viel schrecklicher als ich dachte. Eigentlich war es ganz friedlich, und ich wusste ja das dieser Tag kommen würde, aber als es dann tatsächlich so war, hat es mich doch viel mehr aus der Bahn geworfen als ich dachte.
    Aber was haben wir viel zusammen erlebt in diesem Leben.
    Ein neues Pferd hab ich nicht, und ich weiß auch nicht ob ich jemals nochmal eins bekomme. Aber Alex hat einen großen Platz in unseren Herzen, und hier neben dem Schreibtisch hängt ein großes Bild von ihm, das meine Freundin zu meinem 40. Geburtstag hat malen lassen.
    Pferde sind einfach toll,
    Ich wünsche deiner Prinzessin das sie sich bald trösten kann, und wünsche ihr alles Liebe und Gute,
    ganz liebe Grüße
    Christina

  • Jetzt habe ich tatsächlich ein paar kleine Tränchen im Auge. Ich kann das so gut nachvollziehen. Ich musste mich auch schon von meinem Reitbeteiligungspferd verabschieden. Das fällt schwer aber deine Worte sind so schön und so tröstlich. Ich wünsche der Prinzessin alles Gute und einen tollen Nachfolger, der ihr genauso viel Freude bereiten wird.
    Liebe Grüße, Dani

    • Ich danke allen, die geschrieben haben! Eben habe ich eure Kommentare ausgedruckt und sie Prinzessin auf das Bett gelegt. Es tut ihr so wohl. Vielen Dank! Eure Uta

  • Wunderschön geschrieben! Ich wünsche deiner Tochter, dass sie all die schönen Erlebnisse zur Hilfe nimmt, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihr Kumpel auf einer anderen Weide galoppiert.
    Alles Liebe vom Deich
    Claudia

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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