Warum uns sogar Gespräche mit Fremden glücklicher machen 

 06/06/2023

Von meiner kurzen Klinik-Erfahrung und der Harvard-Glücks-Studie

Wir waren im Urlaub. Mein Mann, unser Hund und ich. Wandern in Südtirol. Sehr schön. Kurz vor dem Urlaub war ich für zwei Tage und eine Nacht in der Uniklinik, weil etwas „Raumforderndes“ in meinem Hals abgeklärt werden musste. Sehr unschön.

Aber es ist gut ausgegangen. Nachdem mein Smartphone und ich nicht wagten, das Hotel zu verlassen - „Hilfe, schon auf dem Parkplatz hatte ich nur noch einen Balken Empfang!“ - erreichte mich nach einer Woche der erlösende Anruf. Man hat nichts Bösartiges gefunden. 

Jetzt bin ich zurück und feiere meinen Alltag: Polly, die uns jeden Morgen begrüßt, als hätten wir uns Jahre nicht gesehen, das Sonnenlicht im Bad, das die Jalousie in feine Streifen schneidet, Erdbeeren im Müsli und keine Wundschmerzen mehr im Hals. Alle Vorsätze aus der Klinik, mein Leben umzukrempeln, sollte ich ohne heftige Diagnose davonkommen, machen jetzt einen bemühten Eindruck auf mich. Denn ich führe ein gutes Leben.

80 Jahre dauernde Studie

Vielleicht hat es ein bisschen damit zu tun, dass mich seit Jahrzehnten die Frage leitet: „Was ist ein gutes Leben?“ - „Wie kann ich leben, so dass ich am Ende dankbar und glücklich darauf zurückblicke?“ Deshalb habe ich begierig das Buch „The good life and how to live it“ von Robert Waldinger und Marc Schulz gelesen. Die beiden leiten aktuell die Harvard-Glücks-Studie, die längste Studie, die je zum dem Thema geführt wurde. Dafür werden seit mehr als 80 Jahren Menschen nach ihren Lebensumständen befragt. Manche füllten ihren ersten Fragebogen aus, als sie gerade 20 Jahre alt waren, wurden dann alle fünf oder zehn Jahre von Mitarbeitern der Studie erneut befragt und einige sind mit über 80 Jahren immer noch Teilnehmer des Forschungsprojekts. Wie interessant, auf solch gut dokumentierte Leben zurückblicken zu können! Wie spannend zu lesen, wie unterschiedlich sie auf Ereignisse in ihrem Leben reagiert haben! Wie haben sich ihre Werte verändert? Und was sagen gerade die ältesten Teilnehmer der Studie, was ein glückliches Leben ausmacht?

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen. Hier seht ihr den Titel der deutschen Ausgabe, die am 30. August erscheinen soll.

Eine Erkenntnis aus dem Buch habe ich direkt angewandt, als ich im Krankenhaus war. Die Erkenntnis lautet: Menschen, die sich zum Beispiel auf Zugreisen nicht hinter ihrem Buch verschanzen oder sich nicht die AirPods ins Ohr stopfen, sondern auf ihrer Fahrt den sozialen Kontakt suchen, erleben die Reise deutlich kurzweiliger als die Gesprächsvermeider. Das zeigt eine Studie der Universität von Chicago. Dafür wurde eine Gruppe Teilnehmer aufgefordert, sich im Zug zu verhalten wie immer. Eine andere Gruppe hatte den Auftrag, den Kontakt zu Mitreisenden zu suchen, auch wenn die Männer und Frauen lieber gelesen oder einen Podcast gehört hätten. Die sozial aktiven Teilnehmer waren überrascht, wie viel schöner ihre Reise war. (Waldinger, Schulz: The good life, Seite 36/37).

Nach dem kleinen Eingriff in der Klink wurde ich in ein Zwei-Bett-Zimmer geschoben. Zu einer Frau, die ich mir für einen Kontakt nicht ausgesucht hätte. Ihre Sachen im Bad waren schmuddelig, ihr Gesichtsausdruck abweisend. Ich habe die Uni-Klinik bei den Voruntersuchungen und bei meinem Aufenthalt als Ort erlebt, an dem das soziale Miteinander total unter die Räder des Systems kommt. Das liegt nicht an den Krankenpflegern und Ärztinnen, die durchgängig freundlich waren, sondern an dem riesigen Betrieb. Jedes Mal sprach ein anderer Arzt mit mir, jedes Mal guckte der neue Mediziner, von dem ich nach stundenlangem Warten aufgerufen wurde, mehr auf den Bildschirm und in meine Akte, als dass er sich mir zuwandte. Das Gespräch war knapp. Man macht MRTs, aber keinen Mut. Starr vor Angst stellte ich allerdings auch kaum eine Frage. 

Feiner Gesprächsstoff

Zurück zu meiner Bettnachbarin in der Klinik. Als ich nach der Operation im Zimmer lag, fiel mir die Zug-Studie ein und ich sprach meine Bettnachbarin an. Ihr Dialekt ließ darauf schließen, dass sie aus Österreich kam, was einigen Gesprächsstoff bot. Sie reise jedes Jahr in ihr Heimatland, aber „heuer“ könne sie nicht fahren wegen der Tiere. 

Tiere? Strahlend berichtete sie von ihren beiden Hunden und Katzen. Und keine Minute verging, bis ich das Smartphone gezückt und Bilder von unseren verstorbenen Katzen und von Polly gezeigt hatte. 

Ich will unser Gespräch nicht überhöhen. Aus dem kleinen Austausch über Haustiere ist keine lebenslange Freundschaft entstanden. Aber ich glaube, dass unsere kleine soziale Interaktion der schwerkranken Frau die Zeit in der Klinik etwas leichter gemacht hat. Für mich war es auf jeden Fall so.

Immer fröhlich das Gespräch suchen. Das macht wirklich einen Unterschied,

Eure Uta 

Dieser Beitrag kann als Werbung verstanden werden. Ich habe aber kein Geld dafür bekommen und auch das Buch selbst gekauft. 

  • Erst einmal schön, dass es nur Raumfordernd, aber nicht böse ist.

    Ich muss schmunzeln…
    Ohne das Buch gelesen zu haben, habe ich eine ganz ähnliche Erfahrung gemacht.

    Nach der Geburt… Zwei- statt d gewünschten Einbettzimmer.
    Die Bettnachbarin die mitten in der Nacht kam, so völlig anders als ich. Das kann ja heiter werden… oder richtig gut. Und so hatten wir eine wunderbare Krankenhaus-WG inkl. Lob aus dem Schwesternzimmer… sich so unterstützend… Das würde man selten erleben.

    • Was für eine schöne Erfahrung! Danke fürs Teilen! Ich habe eine Freundin, die ihre beste Freundin kennengelernt hat, als sie nach der Geburt ihres ersten Kindes gemeinsam in einem Zimmer lagen. Diese Freundschaft hält seit gut 25 Jahren. VG Uta

  • Liebe Uta, schön, dass du nach so einer aufregenden Zeit jetzt Urlaub hast. Ich freue mich sehr, dass es dir den Umständen entsprechend gut geht. Danke für den Buchtipp. Ich habe auch schon einige Bücher zu dem Thema oder so ähnlich gelesen und sie haben mir immer positive Einsichten gebracht. Weiter ganz viel Vergnügen beim achtsam die süßen Kleinigkeiten entdecken. Liebe Grüße aus einem, dank dir meist harmonischen zu Hause!

    • Ja, „achtsam die süßen Kleinigkeiten entdecken“! Schön, von dir zu lesen, liebe Domi, und herzliche Grüße! Uta

  • Liebe Uta, wie schön, dass du eine gute Diagnose und Prognose erhalten hast!
    Zum Thema Gespräch mit Fremden würden dir aber sehr viele introvertierte Menschen widersprechen. Für mich bspw. bedeuten solche Gespräche und Treffen viel Stress, wovon ich mich anschliessend erholen muss. Das Glück liegt bei mir und anderen introvertierten eher in der Ruhe und im Schweigen. So sind wir alle unterschiedlich, was auch ein Glück ist!
    Herzliche Grüsse, L.

    • Liebe L., das ist ein interessanter Einwand. Ich würde mich auch als eher introvertiert bezeichnen. Trotzdem empfinde ich es so, dass die Lebensqualität sinkt, wenn Umgang mit Menschen stattfindet, dieser aber unpersönlich ist. Die wichtigste Erkenntnis der Harvard-Studie lautet, dass glückliches Leben am meisten zu tun hat mit gelungenen sozialen Beziehungen. Das muss ja nicht die große Party sein, aber auch nicht der einsame Wolf. Wie siehst du das vor diesem Hintergrund? Danke für deinen Beitrag! VG Uta

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    Uta


    Ich arbeite als Eltern-Coach, Buchautorin und Journalistin, bin Ehefrau und Mama (ein Sohn, eine Tochter) und kann es nicht lassen, dem Familien-Glück auf die Spur zu kommen. Ich forsche in Büchern, spreche mit Experten und teste alle Erkenntnisse in der Praxis. Nur was mich überzeugt, weil es das Leben mit Kindern wirklich erfüllender macht, schafft es auf diese Seite.

    Deine, Uta

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